Der Regierungsrath trat zwischen die beiden Kleinen, nahm den Jungen an der rechten, das Mädchen an der linken Hand, so zu Dreien verließen sie das Zimmer.
Ich schaute ihnen nach. Wie sie neben ihm einhertrippelten, die kleinen Geschöpfe, immer noch befangen, kaum im Klaren darüber, was sich eigentlich mit ihnen begeben hatte, und doch vertrauensvoll, weil er wie ein Schutzgeist zwischen ihnen ging, der sie vor dem Zorn ihres Vaters bewahren würde! »Der alte, böse Mann« ihr Schutzgeist! Ich hatte Zeit, dem Gedanken nachzuhängen, denn ich blieb eine Weile allein. Wie merkwürdig das Alles! Gestern noch war er mir als eine Spukgestalt erschienen und heute so nahe und so lebendig. Und indem ich dieses Mannes gedachte, dieses sonderbaren, scheinbar aus Widersprüchen zusammengesetzten, erlebte ich, was man erlebt, wenn man zum ersten Male in die Atmosphäre eines ungewöhnlichen Menschen tritt: man bekommt ein unbestimmtes, aber starkes Allgemeingefühl von seiner Persönlichkeit. Ich fühlte, indem ich seiner gedachte, eine Wärme, beinahe eine Gluth; nicht anders, als wenn ein Ofen vor mir stände, in dem unausgesetzt ein mächtiges Feuer brannte. Alles, was mir die stummen, heißen Augen angedeutet hatten, wenn ich auf dem Spaziergang an ihm vorüber schritt, bestätigte sich: ein Mensch, der über seinem Innern stand wie über einem brodelnden Kessel; darin herumwühlend in unablässigem Sinnen; Erinnerungen heraus fischend, Gedanken daraus schöpfend. Und das alles stumm, in stummer, verschlossener Brust. Bis daß eine Stunde kam, da ein Mensch ihm erschien, der ihm Vertrauen einflößte. Und da wuchs der dunkle Strom, der sein Inneres durchwogte, wuchs und schlug an die Wände der Brust, als wenn er sie sprengen und durchbrechen wollte. Wie ein dumpfer Ruf erhob es sich aus dem dunklen Strom, wie ein Hülfeschrei: »Höre mich an!«
Sollte ich ihn nicht anhören? Ja – ich sollte, ich sollte.
Durch eine andere Thür, als durch die wir eingetreten waren, durch das Schlafzimmer, das an den Vorderraum anstieß, kam er zurück. Ein Kopfnicken begrüßte mich, als er mich rauchend am Tische sah. Dann, seiner Gewohnheit folgend, durchmaß er ein paarmal schweigend das Zimmer.
»Einmal vor Jahren,« hob er an, »als der Oberpräsident der Provinz Brandenburg eine Inspectionsreise machte und sich seine Beamten vorstellen ließ, hat er mir die Hand gegeben. Eine kolossale Ehre, nicht wahr?« Er war stehen geblieben und sah mit höhnisch zwinkernden Augen zu mir herüber. »Und vorhin, sehen Sie, als der Junge seine kleine Pfote aufhob und nach meiner Hand langte, ist mir zu Muthe gewesen, als wenn mir eine zehnmal größere Ehre angethan würde als damals, wo der Herr Oberpräsident mir seine kalte, schwammige Hand zu drücken erlaubte. Mangel an Standes- und Beamtenbewußtsein – das haben sie mir in die Conduitenliste geschrieben, ich weiß es. Sehen Sie, die haben mich erkannt. Es ist wahr; in Preußen, wenn der Mensch Geheimrath wird, wird er bekanntlich klug. Schade, daß ich's nicht geworden bin; hätte vielleicht noch was aus mir werden können.« Unter innerlichem Lachen nahm er seine Wanderung durch die Stube wieder auf.
»Die Menschen,« begann er von Neuem, »da schreiben sie dicke Bücher, haspeln sich die Seele aus dem Leibe in parlamentarischem Geschwätz, ganze Zeitungen schreiben sie voll, wie die Noth abgeschafft und der Menschheit geholfen werden kann. Ihr Dummköpfe und flachen Herzen! Steht's nicht geschrieben auf dem Gesicht Eures Mitmenschen? Könnt Ihr's nicht lesen, was da steht, das einzige Mittel, das helfen kann und helfen würde, das Jeder brauchen könnte, wenn Ihr's nur brauchen wolltet: Fülle Deines Nebenmenschen Herz mit Glück!«
Er hatte das so laut gesagt – »gebrüllt« würde der Weinhändler Kurzer gesagt haben –, daß ich mich unwillkürlich im Stuhle aufreckte. Mitten im Zimmer stand er, die glühenden Augen ins Leere gerichtet, den rechten Arm in unbewußter Bewegung emporgestreckt, wie ein Bußprediger der alten Zeit, mächtig, feierlich, ergreifend.
In schweigendem Staunen blickte ich auf den alten, wundersamen Mann. Langsam ließ er den Arm sinken, langsam kamen seine Augen aus der Ferne zurück, zu mir herüber.
»Langweilt Sie das Alles?« fragte er mit schwerem Ton.
»Nein,« erwiderte ich rasch, »durchaus nicht.«