Höchst merkwürdig ist die Art, wie der Yankee öffentliche Fragen löst, die anderwärts der Polizei die allergrößten Schwierigkeiten machen und über die sich Juristen, Verwaltungsbeamte, Geistliche und Laien vergeblich die Köpfe zerbrechen. Solche Schwierigkeiten beseitigt der Yankee nämlich einfach dadurch, daß er erklärt, sie existierten gar nicht. Der Prostitution z. B. ist im Gesetze überhaupt nicht Erwähnung getan, und in den Zeitungen wird nie davon gesprochen. Unter ernsten Männern nennt man die Prostitution verschämt „das soziale Übel“ (the social evel), aber in der Öffentlichkeit erwähnt man diesen unsittlichen Gegenstand niemals, weil die jungen Mädchen nichts von seiner Existenz erfahren sollen, und weil man annimmt, daß der Amerikaner überhaupt viel zu anständig sei, um irgendwelcher heimlicher Notbehelfe für die Forderungen seines Trieblebens zu bedürfen. Dessenungeachtet weiß selbstverständlich jeder erwachsene Mensch, daß die Zahl der Prostituierten, der freien wie der kasernierten, auch in den Vereinigten Staaten ungeheuer groß ist. Die Polizei hat dafür zu sorgen, daß die Öffentlichkeit von diesen Damen nichts merkt; sie hat also nicht nur die öffentlichen Häuser, sondern auch jede einzeln flanierende Dirne wachsam im Auge zu behalten. Wenn die öffentlichen Gerichtshöfe sich sehr viel mit der Bestrafung von Prostituierten beschäftigen müßten, so könnte es nicht ausbleiben, daß das Publikum auf diese Dinge aufmerksam würde, selbst wenn die Zeitungen ihrem Grundsatze des Totschweigens unverbrüchlich treu blieben. Folglich duldet es die Behörde wissentlich, daß die Polizeiorgane sich von den Übeltäterinnen dafür bezahlen lassen, [pg 73]daß sie sie nicht vor den Kadi schleppen, und daß die Bordellwirtinnen hohe Steuern an die politischen Bosse dafür entrichten, daß sie sie vor Konflikten mit Behörden bewahren. Selbstverständlich erhalten solche Häuser keine polizeilichen Konzessionen, noch gibt es irgendwelche offizielle Kontrolle der freien Prostitution. In den Adreßbüchern figurieren jene Damen als Ladnerinnen, Näherinnen, Masseusen und dergleichen, und die zahlreichen Freudenhäuser werden von den erfindungsreichen Bossen mit fingierten Personen bevölkert, und zwar vornehmlich mit – wahlfähigen Männern! Man bedient sich zu diesem Zweck der Namen längst verzogener oder gar verstorbener Persönlichkeiten. Durch dieses schlaue Manöver wächst bei den Wahlen dem Boß für jede Gefangene einer solchen Lasterstätte ein Wahlzettel für seine Partei zu. Eine Folge dieser unerhörten Heuchelei ist auch die, daß die Bestrebungen des internationalen Vereins gegen den Mädchenhandel in den Vereinigten Staaten wirkungslos bleiben. Dieses schmachvollste aller Geschäfte, der weiße Sklavenhandel, blüht im Gegenteil in den nordamerikanischen großen Hafenplätzen wo möglich noch üppiger als in denen Südamerikas. Die dunkeln Ehrenmänner, die sich mit diesem schmutzigen Geschäft befassen, ausschließlich galizische, ungarische und rumänische Juden, führen der Parteikasse der Bosse, die ihnen durch die Finger sehen, ansehnliche Summen zu.
Es ist jüngst ein Roman über diese Zustände erschienen: „The House of Bondage, by Reginald Wright Kaufmann“. Es dürfte wohl das erstemal sein, daß in dem Lande der puritanischen Heuchelei ein solches Thema von der Dichtung erörtert wird. Freilich kann sich der Roman, was seine literarische Qualität anbetrifft, nicht entfernt mit Else [pg 74]Jerusalems „Der heilige Scarabäus“ messen, und es ist bezeichnend, daß der mutige Verfasser selbst mit dem größten Eifer betont, er habe in diesem Werke nichts weniger als dichten, sondern nur nackte traurige Wahrheit berichten wollen. Im Anhang des Buches sind all die behördlichen Aktenstücke abgedruckt, welche die Grundlage zu den Behauptungen des Verfassers gegeben haben. Ich habe bis jetzt nicht gehört, ob die Zeitungen angesichts der furchtbaren Anklagen dieses Buches aus ihrer traditionellen heuchlerischen Reserve herausgegangen sind, oder ob sich gar die Behörden zu einem energischen Eingreifen entschlossen haben. Da die Bosse und die niederen Polizeiorgane dadurch eine empfindliche Einbuße an ihren Einkünften erleiden würden, so ist das auch kaum anzunehmen. Aber einen schönen Erfolg hat der Verfasser trotzdem dadurch erreicht, daß der junge Herr Rockefeller sein Werk in alle unter den nordamerikanischen Einwanderern vertretenen Sprachen übersetzen und in vielen Tausenden von Exemplaren unter den unteren Volksschichten, deren Töchter ja hauptsächlich gefährdet sind, verteilen ließ. So kann wenigstens nicht mehr Ahnungslosigkeit der Eltern und der Mädchen dafür verantwortlich gemacht werden, wenn sie in die Schlingen der gewissenlosen Vogelsteller geraten.
Öffentliche und private Moral. Sexuelle Heuchelei und Reinlichkeit. Beurteilung des freien Liebesverhältnisses.
Für uns Europäer ist es schwer begreiflich, daß in demselben Lande, in welchem jeder gesellschaftliche Skandal, jede pikante Scheidungsgeschichte in den Zeitungen breitgetreten wird, in dem kaum das Schlafzimmer vor den Reportern sicher ist, aus Anstandsrücksichten in der gesamten Tagespresse kein Wort über ein so unendlich wichtiges Ereignis wie die Entdeckung des berühmten Heilmittels von Ehrlich-Hata geschrieben werden darf. Wir haben hier den für uns überaus seltsamen [pg 75]Fall, daß selbst der indiskreteste und von Amts wegen quasi zur Plauderhaftigkeit verpflichtete Stand der Journalisten aus Patriotismus eine verblüffende Selbstverleugnung übt. Die verehrten Pilgerväter schon haben das Dogma aufgestellt, daß in den Vereinigten Staaten die Sicherheit der weiblichen Ehre absolut garantiert sei. Und diesem Dogma aus den Zeiten des fanatischen Puritanertums zuliebe wird noch heute der Yankee als ein untadelhafter Gentleman hingestellt, der mit einer jungen Dame zusammen baden, nachts in einem Zelt schlafen oder auf einer einsamen Insel wohnen könne, ohne menschliche Begierden zu verspüren. Der Yankee steckt es lachend ein, wenn man ihm ins Gesicht sagt, daß seine smarten Geschäftsleute die größten Gauner der Welt seien; aber selbst seine eigenen bedeutendsten Schriftsteller dürfen es nicht wagen, einen Yankee als Verführer der Unschuld hinzustellen. Die schärfsten Sozialkritiker, die realistischen Romanschriftsteller, müssen dieses nationale Dogma respektieren, wenn sie sich nicht in ihrem Heimatlande unmöglich machen wollen. Eine segensreiche Wirkung dieses starr festgehaltenen Vorurteils ist unzweifelhaft die, daß es im Yankeelande eine pornographische Literatur überhaupt nicht gibt, daß die schlüpfrigen französischen Schwänke der Bühne ferngehalten und der Import von pikanter Lektüre, Bildern und dergleichen höchstens auf ganz versteckten Schleichwegen stattfindet. Es muß auch unbedingt zugegeben werden, daß der zwanglose Verkehr der Geschlechter und die allgemeine starke körperliche Betätigung im Sport, verbunden mit dem Fehlen ungesunder Reizungen durch schlechte Lektüre dem jungen Mann, zumal der gebildeten Oberschicht, eine Reinheit der Gesinnung in erotischen Dingen bewahrt, die in Europa kaum irgendwo in gleichem Maße [pg 76]vorhanden sein dürfte. Es ist richtig, daß kein Yankee sich durch gewandtes Erzählen von Mikoschwitzen gesellschaftlichen Ruhm erwerben kann, und daß man selbst in intimer Herrengesellschaft und unter dem Einfluß des Alkohols schwerlich jemals die Sauglocke läuten hört. Es ist auch richtig, daß ein junger Mann von guter Familie, der ein junges Mädchen aus seinem Gesellschaftskreise kompromittiert und sitzen läßt, der Ächtung seiner Standesgenossen verfällt – aber dennoch kann man nicht aus ehrlicher Überzeugung das Verhalten des Amerikaners der Erotik gegenüber unbedingt zur Nachahmung empfehlen; denn es ist nur zu geeignet, eine Art von Heuchelei zu fördern, die den weniger vom Glück begünstigten Mitmenschen teuer zu stehen kommt, und außerdem die Poesie der Liebe schwer schädigt. Wie in allen gesellschaftlichen Fragen, so wird nämlich auch in bezug auf die Erotik das demokratische Prinzip nur allzu gern vergessen. Der starke Schutzwall der weiblichen Ehre wird im Grunde genommen doch nur um die Angehörigen der eignen Kaste errichtet. Derselbe wohlerzogene begüterte junge Mann, der die größte Freiheit im unbeaufsichtigten Verkehr mit jungen Damen seines Kreises auch bei stärkster Versuchung nicht mißbrauchen würde, macht sich doch schwerlich ein Gewissen daraus, sich ein Chorusgirl, eine fesche Maniküre, Typewriterin oder sonst eine hübsche Angestellte aus dem Geschäft des Herrn Papa als Geliebte auszuhalten, und das wird ihm in seinem Kreise auch keineswegs übelgenommen, wenn er nur von seiner Liebschaft kein großes Gerede macht und nicht versucht, etwa gar so ein Mädchen unter falscher Flagge in seine Gesellschaftskreise einzuschmuggeln. Es herrscht also im Grunde in derjenigen Gesellschaft, die sich die beste zu nennen beliebt, [pg 77]dieselbe niederträchtige Doppelmoral wie in der alten Welt, wo die chevaleresken Brüder mit geschliffenen Säbeln und gespannten Pistolen vor der Ehre ihrer Schwestern Wache halten, aber vielleicht selber auf das schmachvollste mit dem Glück und der Ehre anderer Mädchen umspringen. Der Unterschied zugunsten der Yankeeanschauung ist vielleicht nur der, daß drüben der Ruf des verfluchten Schwerenöters dem Manne nicht so wie bei uns zum Vorteil gereicht, und daß ein Mädchen aus den unteren Kreisen, sobald es von einem Mann aus den höheren geheiratet wird, es nicht so schwer hat, von der höheren Gesellschaft aufgenommen zu werden, falls es sich nur ladylike zu benehmen versteht; dagegen fällt der Vergleich zu ungunsten des Yankee aus, wenn man die Gefühlsroheit in Anschlag bringt, die in der Beurteilung des freien Liebesverhältnisses drüben herrscht. Der Yankee hat für die illegitime Freudenspenderin nur die rohesten Worte seiner Sprache übrig. Selbst der Ausdruck Sweetheart hat einen verächtlichen Nebenklang bekommen. Die amerikanische Moral bekreuzt sich entrüstet vor dem „Verhältnis“ des Deutschen oder vor der „Collage“ des französischen Studenten. Die amerikanische junge Dame würde die selbstlose Hingabe des leidenschaftlich liebenden deutschen „Gretchens“ oder der französischen Grisette nicht nur für shocking, sondern besonders für entsetzlich dumm halten; denn sie ist gewohnt, möglichst viel zu fordern und möglichst wenig dafür zu gewähren. In einem amerikanischen Roman oder Theaterstück ist folglich die poetische Verklärung eines freien Liebesverhältnisses völlig unmöglich. Ein Autor, der dergleichen wagen würde, und sei er selbst ein Mann von anerkannter Bedeutung, würde nicht nur den Absatz seines Buches schwer schädigen, sondern sich auch gesellschaftlich un[pg 78]möglich machen. Ob bei dieser Anschauung die Heiligkeit der Ehe viel gewinnt, wage ich nicht zu entscheiden, sicher nur dünkt es mich, daß die Heiligkeit der Liebe viel dabei verliert. Manche Äußerungen dieser einseitigen christlich-pfäffischen Moralauffassung erscheinen uns Europäern ja geradezu komisch. So kann z. B. ein Bankdefraudant, wenn er Glück hat, sein geraubtes Schäfchen ganz gut drüben ins Trockene bringen und unter Umständen sogar sich wieder zu allen bürgerlichen Ehren emporarbeiten; landet er aber gleichzeitig sein Liebchen in Hoboken, so muß er gewärtig sein, daß er sofort vor die Wahl gestellt wird, entweder umgehend zu heiraten, oder umgehend nach Europa zurückzukehren. Auf jedem Ozeandampfer wachen scharfe Yankeeaugen über dem Benehmen der paarweise Reisenden, und wer da nicht einen unzweifelhaft verheirateten Eindruck macht, der kann sicher sein, bei der Landung um Vorlage seiner Ehebescheinigung ersucht zu werden. Sollte es der Yankeerasse gelingen, die puritanischen Unmenschlichkeiten aus ihren Moralbegriffen auszumerzen und sich trotzdem die Reinlichkeit des Empfindens den geschlechtlichen Dingen gegenüber zu bewahren, die den größten Teil ihrer Jugend jetzt schon als Begleiterscheinung der körperlichen Reinlichkeit und der vernünftigen Erziehung auszeichnet, so dürfte sie vielleicht wirklich einmal den Rassen der alten Welt als moralisches Vorbild gelten. Bis dahin aber müssen wir uns doch erlauben, diese gern betonte moralische Überlegenheit mit einem großen Fragezeichen zu versehen.
Liebe und Ehe.
Spekulationsheiraten.
Rückzahlung der Erziehungskosten.
Unverbindliche Kurmacherei.
Die Liebe in der Öffentlichkeit.
So viele Kabel auch zwischen Alt-Europa und der neuen Welt gelegt sind, so viele Geschäfts- und Familienbeziehungen die Völker diesseits und jenseits des Ozeans miteinander verbinden, so herrschen gerade über manche wichtige grundlegende Verhältnisse die gröbsten Mißverständnisse. Was wissen wir Deutsche z. B. vom Familienleben, von Liebe und Ehe der Yankees? Wir lesen in unseren Zeitungen alle Augenblicke von sensationellen Heiraten zwischen Milliardärstöchtern und europäischen Aristokraten, von Millionenerbinnen oder Gattinnen von Industriekönigen, die mit Chauffeuren, Friseuren oder Klavierlehrern durchgehen; wir lesen mit moralischen Schauder die ungeheuerlich hohen Ziffern, welche die Statistik über die Scheidungen in den Vereinigten Staaten nennt, und wir glauben, aus allen diesen Erscheinungen schließen zu dürfen, daß die Yankees über die Heiligkeit der Ehe äußerst frivol denken und ihre Töchter nur als Ware, als Tauschobjekt für gute gesellschaftliche und geschäftliche Beziehungen betrachten müßten. Zum mindesten kommt wohl jeder gute Deutsche mit einem starken Vorurteil gegen die koketten, herzlosen und anspruchsvollen Yankeemädchen nach Dollarica; wem es aber gestattet ist, unvoreingenommen und aus nächster Nähe die Frage der Liebe und der Ehe im Yankeelande zu studieren, der dürfte doch bald zu einer anderen Meinung gelangen. Vor allen Dingen wird ein guter Beobachter sehr bald lernen, zwischen den Sitten und Gewohnheiten der paar Hundert Multimillio[pg 80]näre und denen der überwältigenden Mehrheit des übrigen Volkes zu unterscheiden. Es brauchte nicht erst der gute und kluge Carnegie zu kommen, um uns die Weisheit zu offenbaren, daß Frauen desto unglücklicher, unzufriedener und zu törichten Streichen geneigter sind, je reicher sie werden; das ist eine uralte Weisheit, die wir bei uns zu Lande ebenso oft bestätigt finden können, wie irgendwo sonst auf der Erde. Die Frau des Multimillionärs, die ganz in gesellschaftlichen Interessen aufgeht, ihre Nerven in einer sinnlosen Hetze von Vergnügen zu Vergnügen, von Gesellschaft zu Gesellschaft, von bloß spielerischer bis zu wirklich angreifender Tätigkeit aufreibt, dabei drei- bis viermal täglich die Toilette wechselt, unsinnigen Moden zuliebe ihre Gesundheit aufs Spiel setzt und jede ihrer Launen rücksichtslos befriedigen kann, die muß natürlich, falls sie nicht einen unverwüstlich guten Kern besitzt, ihre Nervenüberreizung irgendwie büßen. Die tollen Streiche ihrer Laune, ihre frivolen Geschmacksverirrungen sind dann nur Folgeerscheinungen eines seelischen Schadens, der aus der zerrütteten körperlichen Grundlage erwuchs wie der Schwamm aus einem faulen Balken. Ebenso begreiflich ist es, daß die Männer jenes Kreises, sobald der aufgehäufte Dollarberg ihnen bis über die Nase steigt und sie zu ersticken droht, bedenkliche Kongestionen nach dem Kopfe bekommen, die zunächst dazu zu führen pflegen, daß sie ihre anerzogenen demokratischen Grundsätze vergessen und mit ihrem Überfluß das einzige zu erreichen trachten, was drüben für kein Geld zu haben ist, nämlich einen Abglanz feudaler Herrlichkeit. Da sie nun bei sich zu Hause nicht mit Fürsten- und Grafenkronen auf dem Kopfe herumlaufen können, ohne sich lächerlich zu machen, so kaufen sie diese schönen Dinge [pg 81]ihren ehrgeizigen Töchtern und füttern ihre Eitelkeit mit dem Bewußtsein, mit dem ältesten Adel Europas wenigstens verschwägert zu sein und als Großpapas Prinzlein und Komteßlein auf ihren Knien schaukeln zu dürfen. Und dennoch ist gerade für die Vereinigten Staaten nichts weniger kennzeichnend als der Mädchenschacher. Man darf getrost behaupten, daß in keinem Lande der Welt den Töchtern eine größere Freiheit der Wahl gelassen werde, als gerade in den Vereinigten Staaten, und daß auch nirgends das Spekulieren der jungen Männer mit einer fetten Mitgift weniger im Schwang sei. Es ist nämlich durchaus nicht Sitte, den Töchtern eine Mitgift zu geben; nur die ganz reichen Leute machen hiervon eine Ausnahme. In der überwältigenden Mehrzahl der Yankeefamilien, von den untersten bis zu den obersten Gesellschaftsschichten, denkt der Erwerber ebensowenig daran, sich selber als Rentier zur Ruhe zu setzen, so lange er noch imstande ist, einen Brief zu diktieren und ein Telephon zur Hand zu nehmen, als dem Erwählten seiner Tochter in den Jahren seiner besten Kraft in Gestalt eines Kapitals eine faule Haut zu unterbreiten, auf der Schwiegersohn und Tochter sich behaglich räkeln dürften. Die jungen Leute mögen sich im stillen auf die fette Erbschaft freuen, so viel sie wollen, inzwischen aber sich gefälligst selber regen und sich den Zuschnitt ihres Lebens nach ihrem eignen Verdienst gestalten. Dieser höchst vernünftige und gesunde Grundsatz führt zu der selbstverständlichen Folge, daß drüben viel mehr aus Liebe geheiratet wird, als bei uns. Außerdem wird aber auch viel früher geheiratet, weil schon die Kindererziehung darauf ausgeht, eine frühe Selbständigkeit der Charaktere zu erzielen, und weil die Lebensverhältnisse heute wenigstens noch so sind, daß ein junger Mensch, der etwas [pg 82]gelernt hat, sei es Mann oder Weib, viel früher als bei uns zu einem leidlich anständigen Einkommen gelangen kann. Ein junger Mann am Anfange der Zwanziger, der von seinem Berufseinkommen noch keine Frau ernähren kann, braucht deshalb noch nicht auf die Freuden der Ehe und der Häuslichkeit zu verzichten, denn er kann sich ja ein Mädchen suchen, das auch in einem praktischen Beruf tätig ist und ein selbständiges Einkommen daraus bezieht. Wer in der teuren Großstadt noch nicht imstande wäre, von seinem Einkommen eine dürftige Etagenwohnung zu bestreiten, der findet weit draußen in den weniger besiedelten Staaten doch vielleicht einen Platz, wo er mit demselben Einkommen ein ganzes Haus nebst Dienerschaft sich leisten kann. Die vernünftige Erziehung, bei der die beiden Geschlechter stets auf dem Fuße der Gleichberechtigung und der guten Kameradschaft miteinander verkehren, und auch wohl ein wenig Vererbung aus den Zeiten puritanischer Sittenstrenge erhalten den jungen Mann gesund und keusch in seinen Anschauungen und lassen ihn die Ehe als das normale und schönste Ziel seiner Sehnsucht erscheinen in einem Alter, in dem der junge Europäer sich auf seine frivole Weiberverachtung besonders viel einzubilden pflegt. Es kommt auch wohl noch dazu, daß, wie gesagt, ein sehr großer Teil aller jungen Leute in gottverlassenen Gegenden seine Existenz zu begründen beginnt, wo er keinen menschenwürdigen Ersatz für die eheliche Gemeinschaft zu finden hoffen darf. Und schließlich gibt es in Amerika noch eine ganz besonders gute Vorbereitung auf den heiligen Ehestand durch eine bei uns kaum in den untersten Volksschichten allgemein eingeführte Sitte. Es gilt nämlich in der Yankeefamilie als ganz selbstverständlich, daß der Sohn sowohl wie die Tochter, sobald sie selb[pg 83]ständig zu verdienen beginnen, zu den Kosten des elterlichen Hausstandes beitragen. Da man bei den Yankees so vernünftig ist, die geschäftliche Behandlung praktischer Fragen auch in den intimsten Beziehungen zwischen Eltern und Kindern, zwischen Mann und Frau nicht für gefühlsroh zu halten, so erwägt man im Familienrate in aller Gemütsruhe, wie viel jedes einzelne Kind im Verhältnis zu den Aufwendungen, die für seine Erziehung gemacht wurden, von seinem Einkommen billigerweise den Eltern zurück zu erstatten habe. Man hört selten davon, daß sich ein übel geratenes Kind dieser Zahlungspflicht gegen die Eltern entzieht, noch viel weniger davon, daß die Herzlichkeit der Beziehungen zwischen Eltern und erwachsenen Kindern unter solcher Geschäftspraxis leide. Die Eltern spannen vielmehr ihre Kräfte aufs äußerste an, um ihren Kindern eine möglichst gute Ausbildung zu geben, weil sie wissen, daß sich das aufgewendete Kapital nicht nur ideal verzinsen wird. Und die Kinder werden durch diese geheiligte Sitte von früh an in ihrem Pflichtbewußtsein und in ihrer selbstlosen Schätzung des Familienlebens gestärkt. Während also unsere Sitten den jungen Mann zu einem heillos eingebildeten Selbstsüchtling erziehen, der sich kein Gewissen daraus macht, den Eltern noch Jahre auf der Tasche zu liegen, und der seine edle Freiheit nur um den Preis einer stattlichen Mitgift und auch erst dann nur zu verkaufen geneigt ist, wenn ihn der Suff und die Weiber an Leib und Seele schon bedenklich mürbe gemacht haben, kann sich die amerikanische Sitte und Erziehungskunst etwas darauf einbilden, das denkbar beste Männermaterial für den heiligen Ehestand stets frisch und in reichlicher Quantität auf Lager zu haben. Von nicht zu unterschätzender Bedeutung dünkt mich auch der [pg 84]Umstand, daß die englische Sprache keinen Unterschied von Du und Sie kennt, indem nämlich das Fürwort thou, also das eigentliche du, nur noch in der Poesie und im Gebet angewendet wird, während you – gleich Ihr – schon seit Jahrhunderten ausschließlich als Anrede bei Hoch und Niedrig in den intimsten wie in den fremdesten Beziehungen verwandt wird. Es fällt also auch im Verkehr der Geschlechter die Scheidewand fort, welche das förmliche Sie bei uns errichtet, und der Übergang zwischen einer bloßen guten Bekanntschaft in höflichen Formen zur Freundschaft oder Liebe markiert sich äußerlich gar nicht. Die jungen Männer und Mädchen, die durch gemeinsamen Schulbesuch oder durch den gesellschaftlichen Verkehr der Eltern schon in der Kindheit auf kameradschaftlichen Fuß gekommen sind, behalten übrigens auch die Gewohnheit, sich beim Vornamen zu nennen, bis ins heiratsfähige Alter bei. Ein junger Mann kann mit Dutzenden von jungen Mädchen seines Kreises auf diesem kameradschaftlichen Fuße stehen; ein junges Mädchen kann sich heute von ihrem Freunde Jack ins Theater, morgen von ihrem Freunde Jimmy zu einer Bootfahrt, übermorgen von ihrem Freunde Tom zum Baden abholen lassen, ohne daß die ganze Freundschaft, Verwandtschaft und Nachbarschaft, wie bei uns, darüber die Köpfe zusammensteckt und ein eifriges Getuschel beginnt. Die Verkehrsformen zwischen den jungen Leuten sind allerdings nach den Begriffen einer ehrsamen deutschen Tantenschaft sehr frei, und selbst der nicht allzu leicht moralinsauer reagierende Beobachter wird von der besonderen Art, wie die junge Amerikanerin ihre Lieblingsbeschäftigung, den Flirt, ausübt, wenig erbaut sein. Deutsche junge Mädchen, die schon als Erwachsene hinüber kommen, finden auch meist diesen Ton und diese [pg 85]Verhältnisse wenig nach ihrem Geschmack. Selbst wenn sie Talent zur Koketterie haben und darin rasche Fortschritte machen, so ärgert es sie doch, daß sie nie wissen, wie sie mit den amerikanischen jungen Männern eigentlich daran sind, weil sich der Unterschied zwischen einem frivolen Kurmacher und einem Anbeter mit ernsten Absichten viel weniger leicht bemerkbar macht, als bei uns. Der junge Amerikaner der höheren Schichten kann jahrelang ohne irgendwelche Konsequenzen Freundschaften mit Töchtern seines Kreises unterhalten, und dennoch steht es ihm frei, seine Gattin ganz überraschend irgendwo anders her zu holen. Er wird sich auch nicht groß darüber wundern, wenn eine seiner Freundinnen seiner Bedenklichkeit zuvorkommt und ihn urplötzlich mit der Frage überrascht: „Was meinst du, Jim, wir könnten doch eigentlich Verlobungskarten herumschicken?“ Der jungen Amerikanerin geht auch ganz die heimliche Angst deutscher junger Mädchen ab, als ob der freie Verkehr mit jungen Männern zu einer Überrumpelung in einer schwülen Stunde führen könnte, denn sie weiß ganz genau, daß der junge Mann, der einen solchen Vertrauensbruch begehen würde, der lebenslangen Ächtung in seinem Kreise verfallen würde. Sie weiß ebenso genau, daß ihr Freund, falls sein Temperament ihm keine Ruhe läßt, außereheliche Freuden bei den leichten Mädchen geringeren Standes sucht, und wird ihm das wohl meistens auch nicht besonders übel nehmen. Aus solchen Anschauungen und Gewohnheiten erklärt es sich, daß in den Vereinigten Staaten der Typus Don Juan, der kecke Herzensbrecher, gefährliche Schwerenöter und verfluchte Kerl, durchaus kein romantisches Ideal von Männlichkeit darstellt, weder dem Geschmack der Männer, noch dem der Frauen nach, sondern daß dieses Ideal viel[pg 86]mehr gefunden wird in dem ritterlichen Beschützer weiblicher Tugend, in dem getreulich ausharrenden, alle Launen seiner Schönen lächelnd erduldenden und stets dienstbeflissenen Liebhaber. Von der Poesie der Liebe, wie wir sie aufzufassen gewohnt sind, fällt durch solche Anschauungen allerdings sehr viel weg. Die Lieblingsgestalt der deutschen Dichtung, das unbedenklich dem Zuge seines Herzens folgende, bedingungslos sich hingebende und schwärmerisch sich aufopfernde junge Mädchen würde nach amerikanischer Auffassung nur eine leichtsinnige Person oder eine dumme Gans sein. Und dem männischen Mann, dem rücksichtslosen Eroberer, dem Schrecken und der süßen Sehnsucht deutscher Frauenherzen, würde einfach der Charakter als Gentleman abgesprochen werden. Bezeichnenderweise kommen diese Typen in der amerikanischen Literatur auch gar nicht vor. „Das süße Mädel“, wie Schnitzler und ich es novellistisch verherrlicht haben, findet auch durch die Hintertür der Übersetzung keinen Einlaß in die amerikanische Poesie. Von meinem Roman „Das dritte Geschlecht“ liegt seit Jahren eine ausgezeichnete amerikanische Übersetzung vor; sie findet aber keinen Verleger, weil die darin gepredigte Philosophie der Liebe shocking ist. Überaus lehrreich war für mich die Bekanntschaft mit einem modernen Thesendrama „The easiest way“ (der leichteste Weg) von einem sehr talentvollen jungen Dramatiker Walter, der drüben als ein kühner Pfadfinder gilt. Das freie Verhältnis eines reichen Geschäftsmannes mit einer kleinen Choristin steht im Mittelpunkt der Handlung. Das Mädchen hat eine tiefe Sehnsucht nach der bürgerlichen Anständigkeit und dem behördlich approbierten heiligen Ehestand. Der Verfasser jedoch scheint es als selbstverständlich anzusehen, daß [pg 87]solche gefallenen Mädchen niemals die Kraft finden können, einem faulen, eiteln Genußleben zu entsagen. Er läßt ihren Aushälter mit seiner trotz aller Großmut doch etwas brutalen Vernunft recht behalten und das Mädchen im Sumpf zu Grunde gehen. Für amerikanische Begriffe war es, wie gesagt, schon eine ungeheure Kühnheit, solch ein illegitimes Verhältnis überhaupt auf die Bühne zu bringen. Erträglich wurde diese Kühnheit für das Theaterpublikum drüben nur durch den moralischen Standpunkt, den der Verfasser einnahm. Sein grausamer Schluß entsetzte freilich die zarten Gemüter nicht wenig; aber lieber solche Grausamkeit, lieber auch die verlogene Sentimentalität einer Kameliendame, als der aus Mitleid und tiefem Verständnis für alles Menschliche geborene ehrliche Realismus der modernen europäischen Dichtung. Wie im Theater und in der Literatur, so spähen wir Deutsche auch in der Öffentlichkeit vergebens nach den uns vertrauten Äußerungen der Verliebtheit. Liebespärchen, welche in dunkeln Ecken von Biergärten Hand in Hand sitzen, sich anschmachten, aus einem Glase trinken, von einem Butterbrot abbeißen, oder etwa gar im Eisenbahncoupé wie angeleimt dicht nebeneinander hocken und sich fortwährend zärtlich tätscheln und heimlich drücken, dürften wohl drüben zu den Unmöglichkeiten gehören. Kaum daß man einmal auf den Bahnhöfen Abschied nehmende Ehe- oder Brautpaare sich küssen sieht. Ob deswegen die Amerikanerin weniger zärtlich oder gar feurig sei, als europäische Frauen, wage ich nicht zu entscheiden, denn ich war weder mit einer Amerikanerin verheiratet, noch habe ich bedauerlicherweise jemals ein Verhältnis mit einer solchen gehabt.
Die Scheidung.
Die Hausfrau und die Dame der Gesellschaft.