Der Sinn für Romantik in der Liebe geht jedoch den Amerikanern keineswegs gänzlich ab, was man daraus [pg 88]erkennen kann, daß abenteuerliche Entführungen viel mehr an der Tagesordnung sind, als vermutlich irgendwo sonst. Aber freilich, was will eine Entführung in dem Lande der Freiheit groß bedeuten! Die Eltern lassen ja ihren erwachsenen Kindern fast durchweg freie Wahl; ihrer Erlaubnis zur Heirat bedürfen die Töchter in den meisten Staaten nur in ganz jugendlichem Alter, und auch dann ist es sehr leicht, einen gesetzlichen Dispens zu erwirken. Ich glaube, viele sehr junge Mädchen heiraten bloß, weil ihnen das Entführtwerden so viel Spaß macht. Es kann ja auch in allen Ehren geschehen, da man mittags durchbrennen und sich abends schon als Ehepaar den erstaunten Eltern präsentieren kann. Man braucht bekanntlich drüben nicht drei Wochen zu hängen oder in der Kirche aufgeboten zu werden, sondern man holt sich einfach von der zuständigen Magistratsperson einen Heiratsschein, den man anstandslos bekommt, sobald man beschwört, daß keine gesetzlichen Hinderungsgründe vorliegen. Mit diesem Schein geht man zum nächsten besten Pastor und läßt sich auf der Stelle trauen, bezw. von dem Zivilstandsbeamten zusammen geben. Glücklicherweise kann man fast ebenso leicht wieder auseinander kommen. Zwar sind in betreff der Scheidung die Gesetze in den einzelnen Staaten sehr viel verschiedener als in bezug auf das Heiraten, aber wer in seinem Staate auf Schwierigkeiten stößt, der verfügt sich eben in einen weitherzigeren und bequemeren Staat und riskiert höchstens, daß er sich dort einige Zeit aufhalten muß, bevor er die Wohltat seiner Spezialgesetze genießen darf. Es könnte wunder nehmen, daß dieselben Yankees, die vielfach noch sehr puritanisch streng über die Ehe denken, die Scheidung so überaus erleichtern; der praktische Erfolg hat aber gelehrt, daß hier, wie so [pg 89]oft, ihr gesunder Menschenverstand ihnen den rechten Weg gewiesen hat. Religion, Gesellschaftsmoral und die besonderen Verhältnisse des jungen Landes begünstigen das frühe Heiraten; da nun aber ein despotisches Eingreifen des elterlichen Willens durch die demokratischen Grundsätze ausgeschlossen erscheint, so kommen die Ehen fast allein durch die Leidenschaft mehr oder minder unreifer Menschen zustande, welche durchaus noch nicht fähig sind, sich über ihre eigenen sittlichen Kräfte, noch über die Kämpfe und Hemmungen, denen sie in ihren besonderen Lebensverhältnissen entgegengehen, ein Urteil zu bilden. Es werden sich folglich sehr viele dieser jugendlichen Wahlen als verfehlt erweisen. Wäre nun diesen unglücklich Gepaarten ein Loskommen voneinander unmöglich gemacht oder auch nur beträchtlich erschwert, so würde bald das ganze Land überschwemmt sein von verärgerten, zähneknirschenden, entmutigten Menschen, welche ebenso viele fanatische Prediger gegen die Ehe bedeuten würden. So aber weiß jeder beim Eingehen seiner Ehe: Habe ich mich gröblich getäuscht, nun dann ist’s auch weiter nicht schlimm; eine Scheidung kostet nicht den Kopf, und das nächste Mal kann ich es ja besser treffen. Selbstverständlich wird die leichte Scheidungsmöglichkeit aus bloßer Veränderungssucht viel mißbraucht werden, aber sicherlich nicht so viel, wie ängstliche Gemüter sich vorstellen mögen, denn die liebe Gewohnheit vermag auch den brutalsten Sinnenmenschen zu bändigen. Das Anstands- und Gerechtigkeitsgefühl des Mannes, besonders bei einer allgemein ritterlich veranlagten Rasse, und die Liebe zu den Kindern und zur Häuslichkeit bei der Frau richten unter allen Umständen einen starken Schutzwall wider den rücksichtslosen Leichtsinn auf. Übrigens ist die Gefahr der unglücklichen Ehen [pg 90]auch schon dadurch herabgemindert, daß die ganze Yankeerasse nüchterner denkt als wir und sich daher über Liebe und Ehe auch weniger Illusionen macht. Das Denken ist überhaupt dieses Volkes Sache nicht, es wird daher um so stärker von der Tradition beherrscht, ist auch von den Einflüssen der Erziehung, der Schule abhängiger und darum in seiner Masse viel gleichartiger an Charakter und Gemüt als wir. Durch diese Gleichartigkeit fällt von vornherein der bei uns häufigste Grund der Ehestörung fort. Hyperästhetische, dekadente Männer oder verzwickte Ibsensche Frauennaturen, wie sie bei uns als schreckhafte Beispiele schwierigster Ehegesponse herumlaufen, dürfte man drüben nur sehr selten antreffen. Ganz ohne Zweifel ist aber der amerikanische Ehemann für die Frau bequemer als der deutsche. Er fühlt sich durch ihre nach unseren Begriffen oft unverschämten Ansprüche nicht weiter gekränkt, weil ihm die Verehrung für das zartere Geschlecht noch fest im Blute sitzt. Es dünkt ihm ganz in der Ordnung, daß einer für das Vergnügen, mit einer hübschen und eleganten Frau prahlen zu dürfen, einen gehörigen Preis zahlen, d. h. bis an sein Lebensende sich mächtig anstrengen muß. Wie der Mann das viele Geld verdient, ist der teuren Gattin ziemlich gleichgültig, denn für ihr gesellschaftliches Ansehen macht es wenig aus, ob er mit Schuhwichse oder mit Juwelen handelt, ob er ein wilder Spekulant oder ein solider Industriekapitän, Beamter, Anwalt, Arzt oder Künstler ist. Der gesellschaftliche Rang des Gatten hängt vielmehr davon ab, ob er einer mehr oder minder alten Familie angehört, die schon lange Wohlstand und Ansehen genießt, oder ob er ein Emporkömmling ist, von dem man in der guten Gesellschaft noch nichts Genaues weiß. Eine gescheite und reizvolle Frau kann die gesellschaftliche [pg 91]Stellung ihres Mannes wesentlich verbessern, indem sie mit Kreisen in Fühlung kommt, die über denen stehen, aus denen der Mann hervorgegangen ist. Sie hält es darum auch für ihre vornehmste Pflicht, sich ihre Schönheit zu erhalten, ein elegantes Haus zu machen und feinere Leute in ihren Verkehr zu ziehen. Wenn solche gesellschaftlich geschickten Frauen gemütlos und geistig beschränkt sind, dann können sie natürlich auch den geduldigsten Mann durch ihre törichten Ansprüche zur Verzweiflung bringen; meistens sind sie aber doch klug genug, sich gerade dann, wenn sie die ärgsten Zumutungen an seinen Geldbeutel und seine Geduld stellen, die größte Mühe zu geben, ihn bei guter Laune zu erhalten. Die kleinlich eifersüchtige, keifende, den Hausschlüssel verweigernde deutsche Philisterfrau aus den „Fliegenden Blättern“ wird man drüben nicht oft finden; dagegen ist die putzsüchtige, mit dem Scheckbuch des Gatten täglich die Warenhäuser heimsuchende und ihre Zeit in nichtigen Vergnügungen und spielerischer Vereinstätigkeit verzettelnde Hausfrau sicher noch häufiger zu finden als bei uns. Es wäre aber doch wohl ungerecht, deswegen der Amerikanerin im allgemeinen die Fähigkeit zu entsagender Hingabe an strengere Pflichten abzusprechen. Man hört sogar nicht selten von jungen Mädchen aus wohlhabenden Familien, die mit ihrem Erwählten in die halbe oder ganze Wildnis ziehen und sich unter rauhen Lebensbedingungen tapfer mit durchschlagen. Auch versteht es die Amerikanerin in beschränkten Verhältnissen beinahe so gut wie die Französin, ihr Haus stets nett und freundlich zu halten, sich gut anzuziehen und ihren Körper trotz der Arbeitslast frisch zu erhalten. Die Frau, die nur unter furchtbarem Getöse die Haushaltungsmaschine in Gang zu halten [pg 92]versteht, immer seufzt und stöhnt, nie angezogen ist, und, sobald sie den Mann sicher eingefangen hat, ihr Äußeres, ihre kleinen Talente und ihren Bildungstrieb vernachlässigt, die soll drüben angeblich nicht existieren – auch nicht unter den Bauern; denn die Gattin des Farmers ist eine Lady, der niemals der Mann schwere Feldarbeit zumuten würde, und ihre Töchter spielen Klavier und besuchen die höheren Schulen. Die arbeitende Frau des Mittelstandes mag zwar nüchtern und uninteressant sein, aber sie teilt doch meistens die glücklichste Eigenschaft ihrer Rasse, nämlich die leichte Anpassungsfähigkeit an die verschiedenen Glücksumstände. Es wird nicht oft vorkommen, daß eine Frau ihren Mann, wenn er plötzlich zu großem Reichtum gelangt, in einer vornehmeren Gesellschaftsschicht durch schlechte Manieren, schlechte Sprache und geschmacklosen Anzug blamieren sollte. Das Talent zur Lady scheint wirklich der Weiblichkeit der ganzen Rasse eigen zu sein, und es macht sich selbst bei jenen armen Geschöpfen noch angenehm bemerkbar, welche die Gesellschaft deklassiert und zu Freiwild für die illegitimen Begierden der Männer bestimmt hat. Einige gefällige Amerikaner veranstalteten zum Vergnügen des Gefolges unseres Prinzen Heinrich seinerzeit in New York eine kleine, ganz intime Abendgesellschaft – für jeden der Herren war ein gefälliges Chorusgirl eingeladen worden. Und das Benehmen dieser leichten Mädchen war so anmutig, der Ton der Unterhaltung so gesittet, daß die Herren glaubten, einer Einladung in ein feines Töchterpensionat gefolgt zu sein und gar nicht genug Rühmens von dieser liebenswürdig kaschierten Frivolität machen konnten.
Heiratslust ein Gesundheitszeugnis.
Man mag diese unzweifelhaften Vorzüge als Äußerlichkeiten gering einschätzen und ihnen gegenüber die [pg 93]Gemütstiefe, die Pflichttreue, die enthusiastische Opferfreudigkeit und edle Mütterlichkeit der deutschen Frau als das Größere und Ausschlaggebende hinstellen, man mag sogar die Liebesfähigkeit des Yankees in Zweifel ziehen, aber man darf nicht leugnen, daß durch Gesetz, Sitte und Herkommen für den heiligen Ehestand drüben besser gesorgt ist. Und ich glaube, es kann schwerlich einem Zweifel unterliegen, daß die allgemeine Heiratslust der Jugend einem Volke das sicherste Gesundheitszeugnis ausstellt.
Die Dienstbotenfrage.
Der schwarze Fensterputzer.
Straßendemonstrationen.
Es war in Philadelphia. Mir gegenüber im zweiten Stockwerk eines netten, epheuumrankten Familienhauses war ein junger Nigger mit Fensterputzen beschäftigt. Bekanntlich gibt es in Amerika keine Flügelfenster, sondern ausschließlich jene greulichen englischen Schiebefenster, welche ein behagliches Hinausschauen, ein geschwindes Kopfherausstrecken nach einer rasch vorüber brausenden Straßensensation fast unmöglich machen. Denn die Fenster sind fast durchweg so niedrig über dem Fußboden angebracht, daß die bewegliche untere Hälfte einem ausgewachsenen Menschen kaum bis zur Brusthöhe reicht. Wenn man also hinausschauen will, so muß man, um nicht etwa das Übergewicht zu verlieren und kopfüber hinauszupurzeln, schon auf den Boden hinknien und seinen Hals, auf die Gefahr hin, bei etwaigem schlechten Funktionieren der Sperrfedern geköpft zu werden, unter die gläserne Guillotine stecken. Mein Nigger hatte es sich im Reitsitz auf dem Fensterbrett gemütlich gemacht; das eine Bein hing auf die Straße hinaus, obwohl es empfindlich kalt an diesem sonnigen Januartage war. Während er sein Handwerkszeug, Schwamm, Trockentuch und Lederlappen, bedächtig auf dem Fensterbrett zurecht legte, pfiff er sich eins, blickte die schmale Seitenstraße hinunter und die breite Avenue hinauf (denn es war ein Eckhaus). Da doch vorläufig nichts Besonderes zu sehen war, so stellte er sein Pfeifen ein und schaute mit sorgenvoll gerunzelter Stirn aufwärts. Er dachte offenbar angestrengt über das [pg 95]Problem nach, wie er wohl, ohne sein kostbares Leben zu gefährden, d. h. auf dem Fensterbrett stehend, mit dem Oberkörper rückwärts hinausgelehnt und nur mit einer Hand am Fensterrahmen in der Mitte sich festklammernd, die obere Scheibe von außen reinigen könnte. Da er zu diesem waghalsigen Turnerstückchen sich nicht aufgelegt fühlte, so schüttelte er seinen dicken Wollkopf und versuchte, wie weit er mit ausgestreckter Hand über sich emporreichen könnte. Die Fingerspitzen langten nur gerade ein weniges über die mittlere Rahmenleiste hinaus; das genügte ihm aber vorläufig. Er ergriff seinen Lappen und wischte am äußeren unteren Rande der Mittelleiste ein wenig Staub hinweg. Darauf erhob er sich und befummelte im Stehen die innere Seite des hinaufgeschobenen Fensters. Er ließ sich sehr reichlich Zeit hierzu, ohne deswegen jedoch die Sache gar zu ernst zu nehmen. Als die innere obere Scheibe seiner Meinung nach genügend sauber war, nahm er wieder auf dem Fensterbrett Platz und ließ sein linkes Bein, dessen zierliches Plattfüßchen mit einem riesigen Footballstiefel bekleidet war, wieder ins Freie baumeln. Nachdem er eine ganze Weile untätig vor sich hingeträumt hatte, unternahm er den Versuch, die innere Fensterhälfte herunterzuziehen, um nunmehr das Glas von außen zu bearbeiten. Es dauerte sehr lange, bis es ihm gelang, das Fenster aus seiner Ruhelage zu bringen, und als er es endlich glücklich los hatte und nun versuchte, die schwere Glasscheibe auf seinem rechten Knie so zu stützen, daß ein genügend großer Spalt offen blieb, um ihm das Hantieren im Sitzen zu gestatten, fand er alsbald, daß er sich dadurch in eine höchst unbequeme Lage begeben und besonders seinem zarten Kniechen zu viel zugemutet habe. Er schob also stöhnend und schnaufend die Scheibe wieder hinauf, wischte sich [pg 96]mit dem Ärmel über den Schädel und fletschte zornig sein anmutiges „G’frieß“ gegen die Scheibe hinauf – gerade wie es die Kinder machen, wenn sie mit der Kommode böse sind, an der sie sich gestoßen haben. Plötzlich verklärte sich seine intelligente Schimpansenphysiognomie. In der Ferne ließ sich Militärmusik vernehmen. Bum, bum, tschindara! Master Kinkywoolly wurde ganz Ohr und ganz Seligkeit. Er beugte sich so weit hinaus wie möglich und spähte die breite Hauptstraße hinunter. Etwas ganz besonders Herzerhebendes mußte da los sein, denn mein Nigger klatschte begeistert in die Hände und zeigte, seine zierliche Fresse weit aufreißend, die lachenden Zähne im Leckermaul. Ich schob nun gleichfalls mein Fenster hoch, kniete auf den Boden nieder und reckte den Hals hinaus, um mir den seltenen Anblick eines militärischen Aufzuges nicht entgehen zu lassen. Aber es war ganz etwas anderes, was ich zu sehen bekam, etwas ganz spezifisch Amerikanisches. Gassenbuben und Strolche vorweg, dann eine uniformierte Kapelle und dann in Rotten zu vieren ein schlotteriger Parademarsch, inszeniert von einem politischen Boß und ausgeführt von einer Elitetruppe seiner Parteifreunde. Lauter freie Republikaner gesetzten Alters, wohl genährt, sauber und glatt rasiert, alle mit den gleichen gelben Gamaschen, denselben Schlipsen, denselben Hüten und denselben Bambusstöcken mit vernickelten Griffen, die sie wie die Gewehre aufrecht an die Schulter gedrückt trugen, wie ehemals unser Militär bei dem Griff „faßt das Gewehr an“. Ein gerade zu Besuch anwesender Eingeborener erklärte mir, daß die Parteikasse die Ausrüstung an Gamaschen, Schlipsen, Hüten und Spazierstöcken stelle und diese öffentlichen Umzüge ansehnlicher, sichtbarlich satter und zufriedener Mitbürger von Zeit zu Zeit ver[pg 97]anstalte, um dem Publikum zu beweisen, wie gut es sich unter den Fittichen ihrer Partei leben lasse. Ein unerhört fetter schwarzer Schutzmann, der an der Straßenkreuzung postiert war, führte vor Vergnügen über diesen gelungenen Aufzug einen veritablen Cakewalk nach dem munteren Rhythmus der Musik aus, und mein Fenster putzendes Niggerlein jauchzte vor Vergnügen über solchen grotesken Anblick und bewegte sich im Takte der Musik, als ob er ein tanzendes Zirkuspferd zwischen den Schenkeln hätte. Offenbar gehörten der cancanierende Schutzmann und der reitende Fensterputzer gleichfalls der Partei der Demonstranten an und fühlten sich durch den erhebenden Parademarsch ihrer Vertrauensmänner in ihren patriotischen Gefühlen angenehm gekitzelt. – Bis der letzte Hauch der Blechmusik verklungen war, dachte selbstverständlich der farbige Jüngling gegenüber nicht daran, sein Fenster wieder vorzunehmen. Dann aber griff er tief aufseufzend wieder zum Wischtuch und hielt es nachdenklich in der Hand, während seine schwarzen Sammetaugen sich bekümmert an den dummen Fensterrahmen hefteten, der so gar keine Miene machte, von selber zu ihm herunter zu kommen. Plötzlich kam wieder Leben in die schier erstarrte Gestalt. Master Kinkywoolly drehte den Kopf über die Schulter und äugte höchst gespannt die Avenue hinauf. – Wahrhaftig, noch eine Parade! Mehrere Dutzend Geistliche der Stadt, paarweise nebeneinander in schwarzen Talaren. Und statt der Bambusrohre mit Nickelknöpfen schulterten sie ihre Regenschirme. Die schwarzen Herren waren auf dem Wege zum Oberbürgermeister, um feierlich bei ihm vorstellig zu werden, daß er die fromme Quäkerstadt beschützen möge vor dem Satansgreuel der Salome von Richard Strauß, deren Aufführung in Philadelphia eine [pg 98]fremde Operntruppe angekündigt hatte. Es wäre eigentlich passend gewesen, daß der fette schwarze Schutzmann an der Straßenkreuzung bei dieser Gelegenheit den Tanz der sieben Schleier aufgeführt hätte. Aber er schien zu Richard Strauß und seiner Kunst noch nicht Stellung genommen zu haben, denn er ließ die Parade ohne sichtliche Gemütsbewegung vorüberziehen und sorgte nur dafür, den Wagenverkehr derweil zu bändigen. – Mein Fensterputzer stierte blöd der schwarzen Prozession nach, bis sie um die Ecke verschwunden war; dann führte er mit seinem kalt gewordenen Spielbein einige Freiübungen aus und war eben dabei, tatsächlich seinen Schwamm ins Wasserbecken zu tauchen, um vielleicht doch den Versuch einer flüchtigen Wäsche von außen zu wagen, als es vom nächsten Kirchturm zwölf schlug. Der Schwamm flog ins Becken, das Bein über das Fensterbrett und der schwarze Jüngling davon zum schwer verdienten Lunch. Ich vermute, daß er am nächsten Ersten um eine Lohnerhöhung eingekommen ist.
Pflichten und Rechte des Dienstpersonals.
Das Beispiel dieses schwarzen Fensterputzers dürfte einigermaßen typisch sein für den Eifer, mit dem häusliche Dienstleistungen in den Vereinigten Staaten verrichtet werden. Gewiß arbeitet ein frisch von Europa eingewandertes Hausmädchen fleißiger und gründlicher, dafür ist es aber auch sehr viel anmaßender und sehr viel schwieriger zu behandeln als der Niggerboy, der doch wenigstens freundlich grinst und danke sagt, wenn er ein Trinkgeld kriegt. Ja, die Dienstbotennot ist wirklich die Frage aller Fragen, nicht nur für die Hausfrau des amerikanischen Mittelstandes. Die ganz reichen Leute freilich leisten sich einen englischen Butler (Haushofmeister), einen französischen Valet de chambre, einen italienischen Koch, einige griechische Lakaien von klassi[pg 99]scher Gesichtsbildung und unbezahlbarer Frechheit und etliche appetitliche irische Mädchen. Für Geld, d. h. für sehr viel Geld ist natürlich auch eine aristokratisch luxuriöse, gut gedrillte Dienerschaft in den Vereinigten Staaten zu haben; aber die Leute von mittlerem und kleinem Vermögen, also von einem Einkommen, wie es hier unsere armen Schlucker von Regierungspräsidenten, Generalmajoren, Oberpostdirektoren und beliebten Schriftsteller besitzen, können sich eine perfekte Köchin und noch ein tüchtiges Stubenmädchen dabei schwerlich leisten. Denn eine Köchin, die etwas Eßbares zu kochen imstande ist, dürfte unter 100 Mk. Monatslohn nicht zu haben sein, und 10 Dollars muß man sogar für einen frisch importierten, unerprobten Besen schon anlegen. Sind diese Damen bereits ein paar Monate im Lande, so daß sie sowohl von der Sprache wie von dem Wesen ihrer staatsbürgerlichen Rechte einigen Begriff haben, so machen sie mit ihrer Herrschaft einen Vertrag mit zahlreichen Paragraphen, welche genau ihre Pflichten und Rechte festlegen. Darin ist bestimmt, daß sie außer dem Sonntag, an welchem sie nur morgens die Schlafzimmer aufzuräumen haben, noch an einem Wochentag ausgehen, ferner das Parlor (Wohnzimmer) bei Besuchen ihrer Freunde und Verwandte mitbenutzen und selbstverständlich ohne Kündigung abziehen dürfen, sobald es ihnen beliebt. Irgendwelche schwere oder schmutzige Arbeit verrichten diese Damen grundsätzlich nicht, dazu müssen extra Nigger, Chinesen, Polacken oder dergleichen Kroppzeug gehalten werden. Verlangt die Hausfrau irgendwelchen Dienst von ihnen, der nicht kontraktlich stipuliert oder landesüblich einbegriffen ist, so entgegnet ihr das Fräulein achselzuckend: „That’s not my business, Ma’m“ – und fertig. Ein Mädchen, das für die Küche [pg 100]angestellt ist, wird beispielsweise um keinen Preis dem Hausherrn einen Knopf annähen; und ein Hausmädchen wird sich auch im Falle der höchsten Not schwerlich herbei lassen, ein Kind aufs Töpfchen zu setzen. Einer geborenen Amerikanerin zumuten zu wollen, die Stiefel zu putzen, wäre ungefähr gleichbedeutend mit schwerer körperlicher Mißhandlung. Eine junge deutsche Dame, die einen amerikanischen Landsmann geheiratet hatte, erzählte mir, daß sie, um den Schwierigkeiten der Dienstbotenwirtschaft zu entgehen, sich eine alte, treu anhängliche Dienerin mitgebracht habe, die schon 14 Jahre in der Familie gewesen war. Nach drei Wochen bereits habe sie ihr die Stiefelbürste vor die Füße geworfen und erklärt, daß sie sofort heimreisen werde, wenn ihr solche entwürdigende Zumutung noch länger gestellt würde. An einer Frauenuniversität, an der ich eine Vorlesung gehalten hatte, wurde mir das einzige für männliche Gäste reservierte Zimmer zum Übernachten angewiesen, in welchem der Herr Bischof untergebracht zu werden pflegte, wenn er zur Kirchenvisitation kam. Ich entdeckte im Badezimmer ein schön poliertes Mahagonikästchen, und als ich es neugierig öffnete, fand ich darin ein komplettes Wichszeug vor. Der Herr Bischof mußte sich also auch höchst eigenhändig seine Stiefel putzen, da es im Gebiete der Damenuniversität natürlich keinen öffentlichen Wichsier gab. Daß gerade gegen die ehrenhafte Betätigung des Stiefelputzens ein solches Vorurteil besteht, ist um so merkwürdiger, als der freie Amerikaner niederen Standes es sonst durchaus nicht für unter seiner Würde hält, seine Karriere als Inhaber eines Straßenwichsstandes zu beginnen und als nicht wenige der heutigen Multimillionäre in diesem Geschäft den Grundstock ihres Vermögens legten!