Also sündige lieber nicht usw.

In einem anderen Liede wird den armen Sündern angeraten, sich ja rechtzeitig einen guten Platz in dem Autobus nach dem Himmel zu belegen, denn der Andrang sei gerade in diesen Tagen enorm.

Es wäre aber ein großer Irrtum, anzunehmen, daß die groteske Form dieser religiösen Gesänge nur der Lust der Nigger an kindischer Spaßmacherei zuzuschreiben sei; sie sind im Gegenteil durchaus ernst gemeint und werden von den weniger kultivierten Schwarzen auch heutigestags noch nicht als komisch empfunden. Die meisten und eigenartigsten dieser Lieder stammen ja aus der Zeit der Sklaverei; es sind Naturlaute verängstigter Seelen in armen gequälten Leibern. Und die religiöse Inbrunst, die aus ihnen spricht, ist mindestens ebenso echt wie diejenige der Heilsarmeepoesie. Übrigens stellen diese alten Plantagenlieder so ziemlich das einzige dar, was die Vereinigten Staaten an wirklicher Volkspoesie hervorgebracht haben, sowie auch die Negermusik die [pg 193]einzige originelle musikalische Neubildung auf amerikanischem Boden bedeutet.

Die Heilsarmee.

Das weiße Gegenstück zu der halbwilden Gottestrunkenheit der Schwarzen ist die Heilsarmee, die Kirche der Allerärmsten und Untersten. Zeichnen sich ihre Kultformen schon in Europa nicht gerade durch guten Geschmack aus, so erreicht diese Geschmacklosigkeit in Amerika schon geradezu kannibalische Dimensionen. Die Nigger sind wenigstens durchweg musikalisch und verfügen oft sogar über sehr gute Singstimmen und geschickte Instrumentalisten. Außerdem paßt der rasche Rhythmus ihrer geistlichen Gesänge, die Vorliebe für die alttestamentarische Legende und die phantastische Ausmalung von Himmel und Hölle vortrefflich zu ihren schwarzen, wüsten Gesichtern mit den sanften schwärmerischen Augen. Wenn aber weiße Menschen unter einem nördlichen Himmelsstrich ihre religiösen Gefühle in der Form einer mehr als barbarischen Musikübung mit grauenhaftem Gesang und mißtönender Pauken- und Trompetenbegleitung auf offener Straße ausüben und sich in ihren Predigten wie ihren Gesängen eines Jargons bedienen, der weder für den hohen Schwung der alttestamentlichen Sprache noch für die schlichte Tiefe der evangelischen Darstellung das geringste Verständnis besitzt, so muß einen Kulturmenschen wirklich das Grausen anwandeln. Kein sozial fühlender Mensch wird dem idealen Zweck der Heilsarmee seine Hochachtung versagen; sie allein von allen religiösen Gemeinschaften hat es vermocht, den natürlichen Ekel jedes gesitteten Menschen vor der schmutzigen Verkommenheit, dem stinkenden Laster und dem jämmerlichsten Elend zu überwinden; sie allein wagt sich mutig unter den Auswurf der Menschheit und ringt sozusagen Brust an Brust um die Seelen der Verworfensten; [pg 194]sie speist ihre Geretteten nicht nur mit trostreichen Worten ab, sondern sie gibt ihnen Brot und Arbeit und verhilft so manchem schon gänzlich Verzweifelten, von der Gesellschaft völlig aufgegebenen doch noch zu einem menschenwürdigen Dasein. Der große Erfolg, den sie auf der ganzen christlichen Erde aufzuweisen hat, beweist, daß sie sich auf die Psychologie jener alleruntersten Schichten, auf die sie es abgesehen hat, versteht, und daß die sinnfälligen Gewaltmittel, die sie bei ihrer Propaganda anwendet, die richtigen sind.

Gerade diese Erkenntnis ist es aber, die dem kultivierten Menschenfreund so grausam ins Herz schneidet. So weit haben wir es also mit unserer gepriesenen Zivilisation, mit unserer Religion der Liebe, mit unserer Aufklärung durch die Schule und unserer bewundernswürdigen sozialen Hilfsarbeit gebracht, daß in unseren prunkenden Weltstädten überall noch Tausende und aber Tausende von Mitmenschen vorhanden sind, denen nur mit fratzenhaftem Teufelsspuk und mehr als kindlichen Seeligkeitsvorstellungen beizukommen ist! In den Vereinigten Staaten leistet zudem die organisierte Wohltätigkeit vielleicht mehr als in irgendeinem Lande der alten Welt. Die Legal Aid Society zum Beispiel gewährt den Ärmsten und Unwissendsten unentgeltlichen Rechtsbeistand; die Bemühungen um die Besserung erblich belasteter Verbrechernaturen, um den Schutz entlassener Strafgefangener gegen das Zurückgleiten in ihr früheres Leben haben großartige Erfolge aufzuweisen und zeugen von tiefer Menschenkenntnis und echter Menschenliebe – und dennoch, dennoch findet die Heilsarmee mit ihrer scheußlichen Bum-Bum-Reklame gerade dort noch so viel zu tun!

Bankrott des Materialismus.

Wenn man die Verbreitung und die laute Betätigung der Heilsarmee als Maßstab für die Gesittung eines Volkes [pg 195]annimmt, so müßte in dieser Beziehung das Volk der Vereinigten Staaten am tiefsten von allen Völkern stehen. Ich meine aber, daß dieser Maßstab doch vielleicht zu einem ungerechten Urteil verführt: nicht im Volkscharakter als solchem liegt wohl die größere sittliche Verkommenheit, sondern diese ist nur eine Folgeerscheinung des unerhört raschen Emporschießens einer rein technischen Zivilisation und des dadurch geförderten unnatürlichen raschen Wachstums der Städte. In der kleinen Landgemeinde findet einer am andern Halt, und die unmittelbare Berührung mit der erhabenen Natur, mit der zu Nachdenken und Andacht stimmenden Einsamkeit bietet auch dem Ärmsten edle Freuden – Seelenfrieden wenigstens –, während in der Großstadt alle diese idealen Güter nur für die Besitzenden vorhanden sind. Der Arme dagegen verliert in der Hetzjagd des Daseinskampfes jene innere Ruhe und wird so fast unausweichlich in einen krassen Materialismus hineingetrieben. Je mehr sich Riesenvermögen in den Händen weniger zusammenfinden, je mehr eine glänzende Luxuskultur sich in der Öffentlichkeit breit macht, desto sicherer verfällt der Besitzlose und dabei geistig Unkultivierte der Verrohung. Es ist das eine Tatsache, die ein vernichtendes Urteil über den Kulturwert des technischen Fortschrittes in sich schließt. Die Arbeiter, die in steter Berührung mit den erstaunlichsten Erfindungen des Menschengeistes sind, die ihnen die Bändigung der Naturkräfte durch unseren Verstand und die subtilsten Nachahmungen eines lebendigen Organismus durch einen wunderbaren Mechanismus tagtäglich vor Augen führen, gewinnen von diesem Umgang weder für ihre Verstandesbildung noch für die Bereicherung ihres sittlichen Empfindens. Das einzige, was allenfalls dabei herausspringen kann, wäre für gut veranlagte Köpfe [pg 196]der Anreiz zu erfinderischer Eigenbetätigung. Ebensowenig wird der Herr der Maschine, der Arbeitgeber, dem sie Reichtum und folglich auch Macht, Behagen und Luxus schafft, von allen diesen schönen Dingen eine seelische Bereicherung erfahren, wenn es ihm an innerer Kultur, das heißt also an Idealismus, an einem zeitig geweckten ästhetischen und ethischen Gewissen fehlt.

Der vertierte, arbeitsscheue Trunkenbold, der sich durch die Radauversammlungen der Heilsarmee zur Bußbank locken läßt, legt also im Grunde ebenso beredtes Zeugnis wider die Ohnmacht der technischen Zivilisation ab, wie der angeblich gebildete, manierliche und reputierliche Mensch der Oberschicht, der sich von dem religiös drapierten Hokuspokus raffinierter Spekulanten und Agitatoren einfangen läßt.

Von der öffentlichen Katzenmusik der mit der großen Trommel begleiteten Bußpredigten, von dem rotgestrichenen Betteltopf am eisernen Dreifuß, vor dem die wetterharten Wachposten der Heilsarmee ihre Schelle unablässig in Bewegung setzen, bis zu den gewaltigen Marmorkathedralen mit vergoldeten Kuppeln, welche die Christian Science in Boston, Providence und vielen anderen Großstädten des Ostens errichtet hat, scheint es ein weiter Weg – und ist doch nur ein Katzensprung! Wir Europäer sehen die durch Misses Mary Baker G. Eddy hervorgerufene religiöse Bewegung als eine geistige Epidemie an, welcher religiös veranlagte, aber denkunfähige Geister deshalb so leicht verfallen, weil sie darin eine Wiederherstellung urchristlicher Inbrunst mit magischer Wirkung erblicken. Wir zucken gleichmütig die Achseln über diese sogenannte christliche Wissenschaft und verweisen sie unter die abstrusen Erscheinungsformen moderner Hysterie.