Die Kirche der Gesundbeter.
Der „American Encyclopedie Dictionary“ definiert die Grundlage dieser Wissenschaft folgendermaßen: „Die Christian Science lehrt die Wirklichkeit und Allgegenwart Gottes und die Unwirklichkeit und Nichtigkeit der Materie, die geistige Beschaffenheit des Menschen und des Weltalls, die Allmacht des Guten und die Unmacht des Übels. Christian Science will die Wahrheit der ursprünglichen Lehre Christi wiederherstellen. In der Wahrheit erblickt sie das einzige Heilmittel gegen den Irrtum; Krankheit ist auch ein solcher Irrtum, eine Folge der Sünde. Bekämpfe also Sünde und Irrtum, so bekämpfst du Krankheit und Tod.“ – Christlich kann man diese Ideen allerdings nennen, neu sind sie nicht, und ihre philosophische Begründung ist keineswegs auf Misses Eddys eigenem Geistesboden gewachsen. Das Neue und für die große Masse der heilsuchenden Menschheit Bestehende an dieser Lehre besteht darin, daß sie Christus zum Magier macht und die magischen Kräfte seiner Gläubigen durch inbrünstige Gebetsübungen dermaßen stärken zu können vorgibt, daß auch die Wunder zu wirken imstande sind, vornehmlich Heilung von Krankheiten. Der praktische Nutzen der neuen Religion ist also der, daß sie an die Stelle von Doktor und Apotheker die Autosuggestion als billigsten und probatesten Heilfaktor setzt. Die Welt ist erfüllt von Übeln und Schrecknissen aller Art, von Sorgen, Kummer, Not und Tod; der Gläubige aber behauptet, alle diese Dinge existierten nur in der Einbildung der noch nicht Erweckten. Sie aber vollziehen an sich durch seelische Dressur einfach eine Art Selbstblendung; sie zwingen ihren Willen, nicht mehr sehen zu wollen. Und wenn sie es glücklich zur vollendeten Blindheit gebracht haben, dann existieren allerdings weder Schmerzen noch Tod mehr. Man begreift, daß eine solche Lehre in [pg 198]Amerika, wo es so wenig philosophisch geschulte Köpfe gibt, ihr Glück machen mußte. Derselbe Optimismus des jugendlichen Volkes, der alles von ihm Hervorgebrachte für vortrefflich hält, derselbe glückliche Leichtsinn, der die schwierigsten Fragen dadurch löst, daß er einfach behauptet, sie existierten nicht (wie wir es zum Beispiel bei der Frage der Prostitution gesehen haben), dieselbe Leichtgläubigkeit, die Geheimmittelfabrikanten, Somnambulen und Horoskopsteller so rasch reich macht, haben auch der Misses Eddy Millionen in die Kasse und Hunderttausende von Gläubigen in ihre Kirche gezaubert. Das eigentliche Genie dieser merkwürdigen Frau liegt viel mehr in der praktischen als in der philosophischen Richtung. Dem Amerikaner imponiert aber nichts so sehr, als der praktische Erfolg. Wer in kurzer Frist seinen Mitmenschen so ungeheure Geldsummen aus der Tasche zu locken und mit ihrer Hilfe eine festgefügte Organisation zu schaffen versteht, der muß ein erwähltes Werkzeug Gottes sein.
Der Tod der Päpstin.
Es will uns Europäern schier unfaßlich dünken, daß im zwanzigsten Jahrhundert unter dem angeblich nüchternsten aller Völker eine Frau zur Gründerin einer neuen mächtigen Kirche und von ihren Gläubigen für heilig, unfehlbar, ja selbst unsterblich erklärt werden konnte! Misses Baker Eddy war bekanntlich schon zu ihren Lebzeiten zur sagenhaften Persönlichkeit geworden. Man wollte wissen, daß sie schon seit Jahren tot sei, und daß in ihrem Wagen eine Wachspuppe spazieren gefahren werde, um ihre Anhänger nicht in ihrem Glauben an die physische Unsterblichkeit ihrer Päpstin irre werden zu lassen. Und nun ist sie zu Ende des Jahres 1910 dennoch ganz wirklich gestorben und begraben worden, und die Ärzte wußten ganz genau den Charakter ihrer Krankheit und die unmittelbare Todesursache anzugeben. Man [pg 199]hätte nun meinen sollen, daß mit diesem unzweifelhaften leiblichen Tode der magische Nymbus zerstört worden sei, der die Person der Päpstin außerhalb der Menschheit in die Reihe der Götter stellte. Aber das war keineswegs der Fall; denn alsbald nach ihrem Begräbnis verkündete eine ihrer vertrautesten Jüngerinnen, sie könne den Gläubigen mit Bestimmtheit versichern, daß nur eine verbrauchte materielle Erscheinungsform der Misses Baker Eddy begraben worden sei, sie selbst werde in erneuter Leiblichkeit, vermutlich verjüngt, vielleicht schon in vierzehn Tagen wieder auf Erden wandeln. Vorsichtigerweise setzte die Dame allerdings hinzu, es könnte eventuell auch länger dauern, vielleicht Jahre, viele, viele Jahre lang.
Die Christian-Science-Kirche ist nicht mit ihrer Gründerin gestorben; sie hat sogar, bisher wenigstens, den starken Erschütterungen ihres Ansehens standgehalten, denen sie durch den höchst unerquicklichen Zank der Auserwähltesten unter ihren Getreuen um die Besetzung ihres verwaisten päpstlichen Stuhles und die Aufteilung ihrer Millionenerbschaft ausgesetzt war. Für uns Europäer kann die Geschichte dieser Gesundbeterkirche nur eine entsetzliche Blamage der modernen Menschheit bedeuten. In den Vereinigten Staaten jedoch ist es geradezu gefährlich, über diesen Gegenstand, selbst in gut gesiebter Gesellschaft, eine ehrliche Meinung zu äußern. In der gebildetsten Stadt Amerikas, in Boston, in einer Gesellschaft, die nur aus Professoren, hohen Staatsbeamten und sonstigen geistig hervorragenden Herren bestand, war ich auf dem besten Wege, mich für ewige Zeiten unmöglich zu machen, indem ich das Thema von der Christian Science anschlug. Durch Augenwinken und bedeutungsvolles Räuspern brachten mich glücklicherweise einige [pg 200]wohlmeinende Mitmenschen zum rechtzeitigen Schweigen. Und hinterher erfuhr ich, daß mein Nachbar zur Linken und der bedeutende Herr vis-a-vis überzeugte Anhänger der Misses Eddy seien.
Wie außerordentlich verhängnisvoll dieser sonderbare Fanatismus auch für die privaten menschlichen Beziehungen sein kann, dafür wurde mir ein Beispiel aus dem Bekanntenkreise eines Freundes erzählt. Ein gescheiter und tüchtiger Geschäftsmann hatte eine recht wohlhabende Frau geheiratet und führte eine durchaus glückliche Ehe mit ihr, bis er in die Netze der Gesundbeter geriet. Von da an ließ er das Arbeiten bleiben und beschäftigte sich nur noch mit Beten und Predigen in der eigenen Familie. Es gelang ihm jedoch nicht, seine Frau zu sich herüberzuziehen. Die Nichtexistenz der Materie mit ihren Sorgen und die Allmacht Gottes legte er sich so aus, daß nunmehr auch der Herr für die Bezahlung der laufenden Rechnungen zu sorgen habe. Da dies nun trotz eifrig betriebener Gebetsübungen merkwürdigerweise nicht der Fall war, so mußte seine Gattin immer mehr und mehr von ihrem Kapital flüssig machen, bis sie eines Tages die Geduld verlor und dem frommen Eheherrn die Existenz der Materie dadurch klar machte, daß sie ihm ein Scheidungsurteil vorlegte und mit Sack und Pack sein Haus verließ.
Christian Science in Europa.
Wir würden den Yankees schwer unrecht tun mit der Annahme, daß nur in ihrem Lande heutzutage noch ein günstiger Boden für ausgiebigen Gimpelfang auf religiösem Gebiet zu finden wäre. Christian Science zum Beispiel hat auch in Deutschland zahlreiche Anhänger, und zwar vornehmlich in jenen erlauchten Kreisen, die auf die „Kreuzzeitung“ abonniert zu sein pflegen. In meinen Händen befinden sich zwei traurige Beweisstücke für die [pg 201]engen Beziehungen zwischen amerikanisch organisiertem Schwindel und deutscher Strammgläubigkeit. Annoncierte da in den gelesensten Blättern der ganzen Welt ein Mister G. A. Mann, Rochester, New York, U. S. A., Postdepotnummer 1106: „Woher stammt diese wunderbare Gewalt! Das ganze Land ist erstaunt über die wunderbaren Taten, die Herr Mann vollbringt!
Den Unheilbaren wird wieder Vertrauen eingeflößt. Ärzte und Prediger erzählen staunend von der Einfachheit, mit der dieser moderne Wundertäter Blinde und Lahme mit Erfolg behandelt und zahlreiche Kranke den Klauen des Todes entreißt. Seine Ratschläge sind unentgeltlich für alle. Dieser Herr entbietet sich, seine Ratschläge unentgeltlich zu geben. Ärzte suchen seine außerordentliche Kraft zu ergründen ...“
Und in diesem scheußlichen Reklamestil geht es zwei Spalten lang fort. Zahlreiche Heilerfolge werden mit Namensnennung angegeben, und zum Schlusse stellt sich Herr G. A. Mann als Dr. med. und Professor der von ihm erfundenen Radiopathie vor. „Die Radiopathie hilft nicht nur bei gewissen Arten von Krankheiten, sondern sie nützt gegen alle Krankheiten, wenn die verschiedenen, magnetisch zubereiteten Tabletten, nach unserer Formel präpariert, rechtzeitig vom Patienten benutzt werden. Wenn Sie krank sind, es ist einerlei, an welcher Krankheit Sie leiden, schreiben Sie Herrn Mann, beschreiben Sie ihm die Symptome, geben Sie an, wie lange Sie krank sind, und er wird sich ein Vergnügen daraus machen, Ihnen die Krankheit zu nennen, an der Sie leiden und Ihnen ein Verfahren zu beschreiben, das Ihnen nützen wird. Dieses kostet Sie absolut nichts, und Herr Mann wird Ihnen dazu ein Exemplar des wunderbaren Buches: ‚Wie man sich selbst und anderen helfen kann‘ mitschicken usw.“