Herr G. A. Mann kennt seine Pappenheimer. Für das Postfach 1106 in Rochester liefen aus allen Teilen der Welt die Briefe zu Hunderten und Tausenden ein, und die Heilsuchenden, natürlich lauter arme, verzweifelte, schmerzensreiche, meist von den Ärzten aufgegebene Menschen, erhielten ein gedrucktes Schreiben, welches ihnen irgendeine Krankheit nannte und sie aufforderte, 10 Dollar, also 41,80 Mk. (!) portofrei einzusenden, wofür ihnen die wunderwirkenden radiopathischen Tabletten, natürlich eine völlig wertlose Droge, zugehen würden. Die hochwichtige Broschüre voll angeblich wissenschaftlichen Kauderwelschs wurde ihnen allerdings gratis beigepackt. Und siehe da, Tausende und aber Tausende ließen sich den letzten Hoffnungsstrahl 10 Dollar kosten und machten Herrn G. A. Mann zu einem schwerreichen Mann. Selbstverständlich ist er in Wirklichkeit weder Dr. med. noch Professor, sondern einfach ein geriebener amerikanischer Schwindler mit den eigenartigen Ehrbegriffen dieser interessanten Menschensorte. Um seinen guten Freunden auch einen Spaß zu machen, ließ er zuweilen besonders pikante Zuschriften aus seinem Kundenkreis photochemisch vervielfältigen. Und durch denselben wackeren Deutschen, der diesem niederträchtigen Schwindler in Amerika das Handwerk legte, wurden mir zwei solcher Faksimiles anvertraut, in denen eine preußische Prinzessin und ein hoher Offizier der Potsdamer Garnison dem Herrn Professor der Radiopathie in Rochester Geständnisse ablegen, wie man sie selbst seinem Hausarzt und seinem Beichtiger wohl nur im Zustande höchster Verzweiflung ablegen dürfte.
Aberglaube, Kirchenwahl.
Herr A. G. Mann aber machte sich, wie gesagt, einen Spaß daraus, diese traurigen Intimitäten seinen guten Freunden zu verraten! Angeblich soll dieser gemein[pg 203]gefährliche Schwindler übrigens sein Unwesen heute noch von Paris aus fröhlich weiter betreiben. Charakteristisch ist es nun, daß die erwähnten, sozial so hoch stehenden Briefschreiber alle beide Herrn Mann gestehen, sie hätten es unter anderem auch schon mit der Christian Science versucht! Lernen wir Bescheidenheit aus diesem Beispiel. Auch wir Europäer sind noch längst nicht über den Berg des Aberglaubens hinweg; der religiöse wie der medizinische Schwindel kommen auf beiden Seiten des Ozeans noch auf ihre Kosten, und wenn sie vereint marschieren, finden sie ihre Opfer in allen Zonen bei den Angehörigen aller Bekenntnisse, aller Gesellschafts- und Bildungsstufen. Wie weit sind wir nun im Grunde abgerückt von dem Glauben der Wilden an die Zauberkraft der Beschwörungstänze ihrer Medizinmänner? Dunkle Erdteile gibt es nicht mehr, aber in den finsteren Höhlen der Menschenseele kann der unerschrockene Entdecker noch genug Fossilien aus dunkelster Vorzeit finden.
Bei der völligen Gewissensfreiheit, welche die Verfassung der Vereinigten Staaten gewährleistet, und der großen Anzahl der Bekenntnisse, die der heilsuchenden Seele zur Verfügung stehen, braucht die Wahl der Religionsgemeinschaft, der ein erwachsener Mensch sich anschließen will, von keinen anderen als rein idealen Erwägungen geleitet zu werden; begreiflicherweise spielen aber dennoch Nützlichkeitsgründe, allerlei komische oder betrübliche Menschlichkeiten, just bei dieser Wahl eine bedeutende Rolle. Alle Leute, die nicht selbständig denken gelernt haben, und deren Zahl ist in Amerika besonders groß, sowie alle Leute, die nicht von einer besonderen religiösen Inbrunst erfaßt sind, werden entweder einfach dem Bekenntnisse ihrer Eltern folgen oder aber sich einer Gemeinde anschließen, durch die sie wertvolle geschäftliche [pg 204]und gesellschaftliche Verbindungen zu erwarten haben. Da es in dem demokratischen Staat offiziell keine Rangeinteilung, keine Klassen- und Kastenunterschiede gibt, der Mensch aber doch von Natur so geartet ist, daß sich immer gleich zu gleich gesellt, und sich alsbald bestrebt, Schranken zwischen sich und der Außenwelt zu errichten, so kommen die Religionsgesellschaften der natürlichen Neigung entgegen. Sie stellen einfach geschlossene Vereine dar, die ihre Mitglieder aus ganz bestimmten Gesellschafts- und Bildungsschichten rekrutieren; also ein Seitenstück zu den Klubs, die aber nur den Wohlhabenden zugänglich sind und die Familie ausschließen. Der selbständige junge Mensch wird sich also unter den etlichen hundert verschiedenen Denominationen, die ihm zur Verfügung stehen, diejenigen aussuchen, in der er ausschließlich seinesgleichen in bezug auf Bildung, gesellschaftliche Stellung, Lebenshaltung und allgemeine Interessen findet.
Es ist klar, daß der religiösen Heuchelei, dem Drucker- und Muckertum durch diese Wahlfreiheit kein Vorschub geleistet wird. Wenn auch die Respektablität es erfordert, daß man einer christlichen Gemeinschaft angehöre, so erleidet sie doch keineswegs einen Schaden, wenn etwa eines frommen Quäkers Sohn zu den Methodisten übertritt oder die Tochter des Presbyterianers sich den Baptisten anschließt. Religiöse Überzeugung wird unter allen Umständen geachtet, auch wenn sie äußerlich wunderliche Formen annimmt. Und so fährt schließlich das echte religiöse Bedürfnis bei dieser Zersplitterung doch noch am besten. Und die Geistlichen gar dürften in keinem Lande der Welt so viel Freude an ihren Gemeinden erleben, wie in den Vereinigten Staaten, weil ja bei der völligen Freiheit der Meinungsäußerung jeder Geistliche in seiner Person gewissermaßen eine eigene Kirche dar[pg 205]stellt, deren unfehlbarer Papst er ist. Verweigert ihm seine Gemeinde die Gefolgschaft, so ist er deswegen noch lange nicht deklassiert und infamiert. Ist er ein begabter Seelenfänger, so mietet er sich eben einfach anderswo ein Lokal und versucht neue Menschen hineinzupredigen. Hat er deren ein Häuflein beisammen, so ist seine Ich-Kirche wieder lebendig. Der unfähige Geistliche, dessen Persönlichkeit der suggestiven Kraft ermangelt, wird dagegen mit Recht unter das Proletariat derjenigen unbrauchbaren Menschen hinabgleiten, die da brotlose Künste treiben.
Eine konfessionelle Christenkirche.
Ich will diese Betrachtung mit einem herzerquickenden Lichtbilde schließen. Auf dem Campus der Cornell-University in Ithaka im Staate New York erhebt sich ein schlichter Kirchenbau, der von Andrew D. White, dem feinsinnigen Gelehrten und allverehrten früheren amerikanischen Botschafter in Berlin, gestiftet wurde. Das Innere zeigt eine wundervolle Holzarchitektur in Anlehnung an norwegische Muster, eine weichgedämpfte Farbenharmonie faßt die weitgeschwungene bunte Decke mit dem dunkelbraunen Holzton des Gestühls mild zusammen, und die farbigen Fenster dämpfen das Licht, ohne jedoch die frohe Heimlichkeit des Raumes in mystischer Dämmerung zu ersticken. Kein Altar, keine blutigen Kruzifixe oder Marterdarstellungen, überhaupt keine biblischen Schildereien finden sich in diesem, ich möchte sagen, lieblich erhabenen Gotteshause, nur eine einfache Rednerkanzel und eine wundervolle Orgel. In einer Seitenkapelle, die dem Charlottenburger Mausoleum einigermaßen ähnlich ist, ruhen in herrlichen Marmorsarkophagen die Gebeine des trefflichen Holzhändlers Cornell, der seinen Namen durch die Gründung dieser, zu den allervornehmsten zählenden Universitäten un[pg 206]sterblich machte. Hier ruht auch die erste Gemahlin Dr. Whites, und hier wird er selber seine Ruhestätte finden. Seine Kirche aber ist keinem Bekenntnisse gewidmet, sondern nur dem christlichen Gedanken, und ihre Kanzel steht jedem berufenen Redner offen, dessen Denken und religiöses Fühlen sich irgendwie unter dem Einfluß christlicher Ideen zu befinden glaubt. Es predigen also hier allsonntäglich abwechselnd eingeladene Vertreter aller erdenklichen Bekenntnisse, sowie auch außerhalb alles Kirchentums stehende bedeutende Denker und Redner.
Ist es nicht bezeichnend, daß die bisher einzige Absage, die Dr. Andrew D. White auf seine Einladungsschreiben erhielt, von katholischer Seite kam? Allerdings hätten sich wohl einzelne hervorragende katholische Prediger gefunden, die gern in diesem freien Gotteshause zu einer freien, Wahrheit suchenden Gemeinde geredet hätten – Rom aber sprach: „Quod non!“