Die Landschaft.

Sommerfrischen.

Schließlich sieht es doch nicht überall in den Vereinigten Staaten aus wie in der Gegend zwischen Kattowitz und Beuthen, wenn auch freilich der Charakter der reizlos platten Ackerbaugegend und des Schönheit mordenden Industriegeländes in den Mittelstaaten von den großen Seen bis zum Missouri vorherrschend ist. Man braucht durchaus nicht etwa Tage und Nächte lang durch Kohlen- und Petroleumhöllen, endlose Steppe und Wüste bis zum Felsengebirge im fernen Westen hinüberzufahren, um auf landschaftliche Schönheiten zu stoßen. Schon die Manhattan-Insel, auf der die Fünfmillionenstadt New York auf dem solidesten Untergrund der Welt erbaut ist, liegt malerisch genug in der weiten Meeresbucht zwischen den grünen Zungen Long-Island und Staaten-Island. Auf der Fahrt am Ostufer, von New York nach Providence, glaubt man sich im südlichen Schweden zu befinden; die liebliche Wald- und Hügelszenerie mit ihren dunklen Tälern und klaren Bächen, welche zwischen Boston und Albany sich erstreckt, könnte ganz gut einem deutschen Mittelgebirge entnommen sein; die Reize ostpreußischer oder märkischer Seenlandschaften finden wir wieder auf der Bahnfahrt von Philadelphia nach Washington; in den Alleghanies und vollends im Adirondak-Gebiete mit seinem Lake George, sowie in dem nordwestlichen Seengebiet des Staates New York, am Lake Seneca, Lake Cayuga und wie sie alle heißen; in den Tälern des Delaware, des Susquehanna, des Chesapeake und gar des Hudson ist so viel landschaftliche Schönheit herben und zarten, [pg 208]heroischen und idyllischen Stiles vorhanden, wie ein frommer Anbeter der Natur sie nur irgend wünschen kann, Schönheit genug, um Millionen abgehetzter Kopf- und Handarbeiter Ruhe und Erholung zu schaffen. Aber der europäische Naturfreund wird nirgends dieser Schönheit froh. Ich wenigstens habe alle diese Herrlichkeiten nur mit Seufzen und Fluchen an mir vorbeifliegen sehen, denn – es fehlt überall an der kulturellen Inszenesetzung. „O lieber Herrgott, wie gut hast du’s gemeint! Pfui Teufel, o Menschheit, wie übel hast du die Absichten der Natur verstanden!“ Das ist das Stoßgebet, das sich überall in den Vereinigten Staaten dem schwergekränkten ästhetischen Bewußtsein entringt. Nirgends hat die Landschaft einen eigenartigen Stil der Wohnhäuser, die Feld- und Waldwirtschaft einen der Landschaft angepaßten, von Gau zu Gau wechselnden Charakter angenommen; überall dasselbe tödliche Einerlei plattester Zweckmäßigkeit. Wohl finden wir im Osten den schwedischen Granit in mächtigen Brocken, die tiefeingeschnittenen Meeresbuchten und hie und da sogar ein Stückchen Wald, das der erbarmungslosen Axt der ersten Ansiedler entgangen ist; aber wo sind die reizenden, buntbemalten Holzhäuser, in lustigen Blumengärten sauber aufgestellt, darinnen derbe, blonde Dirnen in roten Röcken und grünen Schürzen hantieren? Wo ist die blühende Heide, der rauschende Hochwald? Wo bleibt in den Kiefernwald- und Seengegenden das so herrlich dazu passende niederdeutsche Bauernhaus mit seinem riesigen, fast bis zum Boden hinab reichenden Giebeldach? Wo ist in den anmutigen Flußtälern auch nur eine einzige Ansiedlung an den Ufern zu finden, die den Eindruck machte, als ob sie dort wirklich zu Hause wäre? Wo sind in den Glanzstücken der Gebirgslandschaft die romantischen [pg 209]Wege für Fußwanderer, die einsamen alten Wirtshäuser an der Landstraße, die verräucherten alten Räubernester italienischer Bergdörfer, oder gar die lustigen Sennhütten unserer Alpenländer zu finden? Nichts, nichts von alledem. Wo man nicht mit dem Automobil hinfahren kann, da ist überhaupt schwer hinzugelangen. Aber überall, wo so viel zu sehen ist, daß der Baedeker einen Stern dabei machen würde, spreizen sich die lieblosen großen Hotelbauten, die den Mann mit dem kleinen Geldbeutel in gebührender Entfernung halten. Für die reichen Sommergäste ist selbstverständlich gesorgt mit Polo-, Golf- und Tennisplätzen, mit Motorbooten und allen neuesten Mustern von Ruder- und Segelfahrzeugen, mit eleganten Restaurants zu Weltstadtpreisen, mit Icecream und Candy, und bei all diesen Futterplätzen konzertieren selbstverständlich kleine Musikkapellen, die die beliebtesten Operettenmelodien der vergangenen Wintersaison zum besten geben und den auf die Grammophonplatte gebannten Caruso begleiten.

Kostspielige Ausrüstung des Touristen.

Der Amerikaner allerdings scheint es nicht besser zu wollen. Das Bedürfnis nach Einsamkeit und Ruhe, nach einfachen Lebensfreuden, nach intimer Zwiesprache mit der Natur kennt er wohl schwerlich, denn auch bei uns sehen wir ihn ausschließlich die großen Hotels, die geräuschvollen internationalen Vergnügungsorte bevölkern, wo er von der Eigenart einer Gegend und ihrer Menschen niemals eine Ahnung bekommen kann. In unseren Gebirgen, an unseren Flüssen und Seen erscheint er mit seiner fashionablen Ausrüstung von modernsten Sportanzügen und neuesten patentierten Sportgerätschaften. Vom jüngsten Bübchen bis zum ältesten Greise widmet er sich unter jeglichem Himmelstrich seinen nationalen Spielen, und es freut ihn offenbar viel mehr, kleine dumme Bällchen in [pg 210]Gesellschaft hübscher Misses mit Knütteln zu bearbeiten, als mit dem Rucksack auf dem Buckel schwer zugänglicher Schönheit nachzusteigen. Jeder Boy und jedes Girl muß seinen Kodak umhängen haben, um die Eingeborenen im Nationalkostüm oder das mitgenommene süße Baby in allen Lebenslagen knipsen zu können. Allerdings, die Hochtouristik findet auch unter den Amerikanern begeisterte Verehrer, aber wohl nur, weil sie aufregend und gefährlich ist und ihrer Raserei für das Rekordbrechen entgegenkommt. Die wein- und sangesfrohe Wanderlust, die sich mit einem Käsebrot und einer Streu vergnügt bescheidet, den gründlichen Wissensdrang, der am liebsten die stillen Winkel durchstöbert, die fromme innige Naturschwärmerei, die den großen Menschenansammlungen und laut gepriesenen Sensationen aus dem Wege geht, die kennt er nicht. Dem richtigen Durchschnittsamerikaner gilt für schön, was ihm durch Dimension oder Quantität imponiert und – was viel gekostet hat. Niemals habe ich einen Amerikaner sich über die gräßlichen Reklameschildereien ereifern hören, die gerade an den landschaftlich bevorzugten Bahnstrecken sich breit machen und einem im Laufe einer Fahrt von einigen Stunden, die recht genußreich für das Auge sein könnte, etliche hundert Mal in der Gestalt eines überlebensgroßen rotbunten Ochsen entgegenschreit, daß Durham Bull der beste Rauch-, Kau- und Schnupftabak sei, oder sonst irgendeine mächtig interessante Feststellung. Hält man ihm die Poesielosigkeit der großen Hotelbauten in seinen berühmten Ausflugsorten vor, so entgegnet er: Wem die nicht gefielen, der könnte sich ja ein Hausboot auf einem der Seen zulegen, oder mit Zelt und Canoe ausgerüstet in die Wildnis ziehen. O gewiß, das würde auch unserem Geschmack poetisch vorkommen, dieses neuerdings unter [pg 211]den jungen Amerikanern beiderlei Geschlechts sehr beliebte „camping out“. Aber auch dieses Vergnügen des Biwakierens ist mit Kosten verknüpft, die sich nur wohlhabende Leute leisten können, denn es versteht sich von selbst, daß man solchen abenteuerlichen Auszug ins wilde Hinterland nicht antritt, ohne in bezug auf die Transportmittel, auf Kleidung, Schlafgelegenheit, Kochgeschirr, Angel- und Jagdgerät usw. auf das vollkommenste mit den allerneuesten Erzeugnissen auf diesem Gebiete ausgerüstet zu sein. In den Vereinigten Staaten freilich gibt es kaum Leute, die so wenig Geld hätten, daß sie sich nicht einmal so etwas leisten könnten, oder wenigstens kennt man in besseren Kreisen solche betrübliche Armseligkeit nicht. Andererseits würde wieder das geistige Gepäck, das unsere kultiviertesten Naturfreunde auf ihren Wanderungen mitzunehmen pflegen, drüben für ein außerordentlicher Luxus gelten: Sprach- und Dialektkenntnis, geographische und ethnographische, naturwissenschaftliche und kunstgeschichtliche gründliche Vorbereitung. Da im eigenen Lande so wenig vorhanden ist, was dem historischen Sinn Nahrung geben könnte, so vermißt der Amerikaner die edle Patina des Alters durchaus nicht, sondern findet selbstverständlich alles Frischgestrichene, Neulackierte erfreulicher denn alles alte Gerümpel.

Die Niagarafälle.

Es ist ein wahres Wunder zu nennen, daß die guten Kinder ihre Niagarafälle verhältnismäßig so unverschandelt gelassen haben. Bei der kolossalen Kraft, die dort umsonst zu haben ist, wäre es doch eine Kleinigkeit, zum Beispiel über dem Horseshoe-Fall des Nachts ein riesiges Stern- und Streifenbanner aus elektrischen Glühkörpern flattern zu lassen! (Sie machen solche bewegten elektrischen Lichtreklamen famos). Und wie würden sich die Canadier giften, wenn sie jede Nacht auf dem amerikanischen [pg 212]Ufer Onkel Sams Fahne flammen sehen müßten! Sie würden vermutlich nicht lange zögern, auf ihrer Seite einen wenn möglich noch größeren, elektrisch bewegten Union Jack zu hissen. Und damit wäre sozusagen das Eis gebrochen: in wenigen Wochen würde der strahlende Ochse Durham das Lob des besten Rauch-, Kau- und Schnupftabaks feuerspeiend in die Nacht hinaus brüllen; über, unter, zwischen und hinter den Fällen selbst würden in genial ersonnenen Lichtspielen die köstlichen Whiskys, die beliebtesten Biere, die anerkanntesten Leberpillen und sichersten Abführmittel sich dem staunenden Naturfreund empfehlen. Und es ist, wie gesagt, nicht zu begreifen, daß nicht wenigstens die Fabrikanten von Babywäsche diese glänzende Reklamegelegenheit ergriffen haben, da doch sämtliche amerikanischen Brautpaare ihre Hochzeitsreise nach den Niagarafällen zu unternehmen pflegen. Ich vermute, daß da irgend welche schlechten Demokraten die Freiheit durch volksfeindliche Gesetze schändlich unterbunden haben müssen; anders ist dieser geradezu barbarische und schamlose Zustand gar nicht zu erklären, daß man hier die Natur so nackt und bloß wirken lassen konnte, ohne jede zivilisierte Bekleidung durch den menschlichen Geschäfts- und Erfindungsgeist! Nur der dekadente Europäer kann so etwas schön finden!

Und dennoch muß ich gestehen, daß ich dekadenter Europäer auch angesichts der Niagarafälle die feinere Regie vermißte. Ich mußte an unsern lieben Rheinfall bei Schaffhausen denken. Wie ist da das herrliche Naturschauspiel vorbereitet, wie ist da geschickt Stimmung gemacht durch eine idyllisch romantische Landschaft, durch das uralt heimliche Schaffhausen mit seiner gewaltigen Zitadelle, seiner begrünten Stadtmauer, seinen trauten, krummen Gassen und behaglichen alten Wirts[pg 213]häusern! Wie sind auf dem Wege nach Laufen die Kraftwerke und Aluminiumfabriken – denn auch hier ist der Mensch nicht so dumm, die üppigen Schätze der Natur aus reiner Sentimentalität ungehoben zu lassen –, wie sind sie so geschickt unter dichtem Grün versteckt! Dagegen dehnt sich drüben von der furchtbar garstigen Großstadt Buffalo bis zu dem fast ebenso scheußlichen Nest Niagara-Falls-City die trostloseste Einöde am Gestade des Eriesees entlang. Das Klima ist windig und regnerisch, der Boden wenig fruchtbar, und infolgedessen sieht man überall verlassene Ansiedlungen, Trümmerhaufen, Ödland. Dazwischen massenhafte Fabrikanlagen mit ihrem schmutzigem Abfall, Schlackenbergen und mißfarbigen Rinnsalen. Lange, trübe Straßenzüge mit garstigen Arbeiterhäusern durcheilt die elektrische Bahn nach den Fällen, an wüsten Schnapskneipen und Tanzsalons mit klirrenden Drehklavieren und kreischenden Grammophons muß man vorüber, bevor man den nett gehaltenen Park erreicht, den man um die beiden Hauptfälle angelegt hat. Dann gelangt man zunächst an den kleineren dritten Fall, den die Industrie ganz und gar für sich in Beschlag genommen hat. Dicht am Rande des senkrechten Felsabsturzes ragen die Mauern und Schlote der Fabriken empor, und die gebändigten Wassermassen quellen aus einer Menge von eisernen Röhren hervor, jedoch nicht mehr im kristallenen Naturzustand, sondern gar lieblich koloriert. Es müssen wohl Farbwerke sein, denen ihre Kraft dienstbar geworden ist, denn im Winter, als ich sie sah, waren alle diese Abflüsse zu Eiszapfen gefroren, die einen pittoresken Behang über dem ganzen Abgrund bildeten und abwechselnd schön chromgelb, vitriolblau und krapprot gefärbt waren. Die großen Fälle selbst gehören ja ohne Zweifel zu den ge[pg 214]waltigsten Naturschauspielen der Welt, besonders im Winter, wenn die Bäume im weiten Umkreis in wunderbar funkelnde Kristallkandelaber verwandelt sind und wilde phantastische Schneewachten und Eisgebilde die ungeheuren donnernden und dampfenden Wasserschleier einrahmen. Leider aber fehlt es dem gewaltigen Schaustück gänzlich an Hintergrund. Der Niagarafluß verbindet eben zwei an sich wenig reizvolle große Wasserflächen, und wenn nicht zufällig der Eriesee etliche 60 Meter höher als der Ontariosee gelegen wäre, so würde es überhaupt nicht zustande gekommen sein. Wenn unser Herrgott, sagen wir mal: die biedere Warthe in irgendeinem preußischen Kartoffelacker einen solchen Bocksprung von 40 bis 50 Meter ausführen ließe, so würde das einigen Hunderttausenden Deutschen genügenden Anlaß bieten, um entrüstet aus der Landeskirche auszutreten; in Amerika aber darf sogar der Weltbaumeister geschmacklos sein, ohne sich Unannehmlichkeiten zuzuziehen.

Der Hudsonstil.

Die Zeiten, wo man die absolute Geschmacklosigkeit keinem Amerikaner verübeln durfte, weil er eben zunächst für das Allernotwendigste zu sorgen, Neuland urbar zu machen und Weib, Kind, Ochs, Esel und alles, was sein war, vor wilden Tieren und roten Skalpjägern zu verteidigen hatte, die sind doch jetzt vorbei, zum mindesten für den hochkultivierten Osten, und die Zahl derer, die sich nach Schönheit zu sehnen beginnen, wächst von Jahr zu Jahr. Warum, ihr lieben Yankees, entnehmt ihr nicht eurer neuesten Schatzkammer Alaska ein paar lumpige Milliarden und stellt Landschaftsregisseure mit unbeschränktem Kredit an? Herrgott Saxendi, was ließe sich beispielsweise aus eurem Hudson machen! Ich weiß mir keinen schöneren Strom in der Welt. In seinem langen, gewundenen Lauf von New York bis Albany schlägt [pg 215]er leicht die gloriose Rheinstrecke von Bingen bis Bonn und kann es selbst mit der Donau zwischen Krems und Melk und sogar mit der Elbe zwischen Königstein und Schandau aufnehmen vermöge seiner herrlich geformten Uferberge und des imposanten Hintergrundes, den ihm die Catskillberge und noch weiter oben die Adirondaks geben. Wenn trotzdem der Hudson nicht entfernt so stark wirkt wie jene deutschen Ströme, so liegt das eben einfach daran, daß ihm die Rebenhänge mit den berühmten Weinmarken, die lieben alten Städtchen und ganz besonders die malerischen Burgruinen fehlen. Der Regisseur des Hudsons hätte also die Aufgabe, das ganze städtische und dörfliche charakterlose Gerümpel, das die Ufer des Flusses verschimpfiert, niederzureißen und durch Neubauten im Stil des Hudsontales und der Hudsonbewohner zu ersetzen. Das wäre mit viel Geld zu machen, wenn sich nicht von vornherein die Frage aufdrängte: Ja, welches ist denn der Stil der Hudsonbewohner, der Hudsonlandschaft? Das weiß eben kein Mensch! Die Hudsonleute haben eben keinen anderen Stil als die Susquehannaleute oder die Michiganleute. Es war mehr oder weniger Zufall, ob die ersten Kolonisten sich da oder dort niederließen, und jeder von ihnen hat sich an seinem Orte eingerichtet, wie sein Nutzen es erforderte und seine Mittel es erlaubten. Gewiß haben sich an unserem Rhein die Menschen ursprünglich auch nicht aus Bewunderung für die schöne Gegend niedergelassen, noch haben sie ihre Burgen auf die Höhen gebaut, um späteren Geschlechtern eine Sehenswürdigkeit durch deren Ruinen zu liefern. Nie und nirgends ist eine Landschaft späteren Dichtern und Malern zuliebe stilisiert worden, sondern das Notwendige und Zweckmäßige ist immer am Anfang der Entwicklung gestanden, in der Alten [pg 216]gerade so wie in der Neuen Welt. Erst der Edelrost der Jahrhunderte und Jahrtausende hat die Schönheit dazu getan. Aber diese Schönheit ist keineswegs ganz wild gewachsen aus der vollen Freiheit des Individuums heraus. Ein einheitlicher Stil konnte sich nur dadurch entwickeln, daß der Wille einzelner Überragender sich den Herdenmenschen aufzwang, daß die künstlerisch fruchtbaren Talente von den Herrschenden und Besitzenden erkannt und mit großen Aufgaben betraut wurden. So konnten sie die Muster schaffen, welche die Gedankenlosen alsdann aus Gewohnheit immer wieder nachmachten. Die Zünfte mußten ihren Zwang auf die Handwerker ausüben, die Stadtväter mußten Bau- und Kleiderordnungen erlassen, und durch die Engigkeit der Verhältnisse mußte ein konservatives Philisterium gezüchtet werden, damit kein individualistischer Zickzack die Gradlinigkeit der Entwicklung störte. Die Frage ist nur, ob man das alles heutzutage noch in einer großen demokratischen Republik nachahmen könnte. Gewiß, ein genialer Architekt, nennen wir ihn Meyer, könnte mit den zur Verfügung gestellten Millionen den ganzen Hudson in einem original meyerischen Stil bebauen, und das könnte vielleicht etwas sehr Schönes geben, aber dann müßten auch drakonische Gesetze erlassen werden, die die Anwohner des Hudsons zwängen, ihre notwendigen Neubauten immer wieder im meyerischen Stile zu errichten und sich überhaupt in allen Lebenslagen streng meyerisch zu benehmen. Würden sich die freien Bürger des Staates New York das gefallen lassen? Schwerlich. Sie würden jedoch nichts dawider haben, wenn spekulative Unternehmer darauf verfallen sollten, auf den schön geschwungenen Uferbergen des Hudson künstliche Burgruinen zu errichten, zu denen Zahnradbahnen oder Elevators hinaufführten. Es wäre weiterhin nur [pg 217]vernünftig, wenn in diesen Ruinen spekulative Wirte sich niederließen, die auf den Plattformen der Türme Flugschiffstationen und auf den Turnierplätzen Hangars für Äroplane einrichteten. Gewiß würden es die Hudsonleute auch gern sehen, wenn hie und da eine besonders garstige Fabrik hübschere Formen annähme und an Stelle manchen häßlichen Gerümpels reiche Mitbürger ihre Sommervillen in allen möglichen bizarren europäischen und asiatischen Stilen anlegen würden. Vermutlich wird man schon in naher Zukunft Seite an Seite mit imitierten Stolzenfelsen und Drachenburgen, japanische Teehäuser, russische Datschen und Darmstädter Eigenheime bewundern können, aber ein origineller Hudsonstil wird sich von selber auch in fernen Jahrhunderten schwerlich entwickeln. Wir sehen es ja bei uns, wie schwer es die Vereine für Denkmal- und Heimatschutz haben, unsere schönsten alten Städtebilder vor Verschandelung zu behüten, und wie auch die strengste Baupolizei höchstens unter Mitwirkung wirklich feinfühliger Künstler einigermaßen dem Eindringen der Stillosigkeit zu wehren vermag; denn die instinktive Stilsicherheit unserer Vorväter ist uns Modernen durch den Mangel an Seßhaftigkeit der großen Masse, die durch unsere Verkehrsverhältnisse erzeugt wurde, schon sehr abhanden gekommen. Drüben in der neuen Welt aber hat solche instinktive Stilsicherheit natürlich niemals bestanden; der Künstler, den man zum Landschaftsregisseur ernennen wollte, hätte es also mit Kindern und Barbaren zu tun, denen man wohl neue Moden importieren und schmackhaft machen, aber keinen Stil aufzwingen könnte. Die Yankees mit ihrem wundervollen Optimismus sind natürlich überzeugt davon, daß die Schönheit und der Stil in ihrem Lande ganz von selber sich entwickeln müßten als eine Frucht der fortschreitenden [pg 218]Geschmackskultur ihrer reichen und müßigen Leute. Ich vermag diese Zuversicht nicht zu teilen, sondern glaube vielmehr, daß sich auch im Laufe vieler Jahrhunderte der große Unterschied zwischen der alten Welt als einem Antiquitätenmuseum und der neuen als einem Novitätenbazar nur wenig verwischen wird. Jahrtausende allmählicher Kulturentwicklung sind selbst im heutigen Fortschrittstempo nicht einzuholen.