Der Landschaftsregisseur. Aufgaben für deutsche Künstler.

So müßte ich also meinen Antrag, Landschaftsregisseure für die Vereinigten Staaten zu ernennen, hoffnungslos fallen lassen? Vielleicht doch nicht ganz. Im weiten Süden, im äußersten Norden und im fernen Westen ist noch Platz genug für Hunderte, ja Tausende von neuen Ansiedlungen. Wenn die gesetzgebenden Körperschaften der betreffenden Bundesstaaten es zur Bedingung für neue Gründungen machten, daß die Pläne nicht ohne Hinzuziehung bewährter Künstler entworfen und ausgeführt werden dürften, so wäre von diesen neuen Städten und Dörfern des 20. Jahrhunderts doch wohl ein bißchen mehr Stil zu erhoffen. Ich kenne das neue San Franzisko nicht; ich weiß nicht, ob man bei dieser kostbaren Gelegenheit schon daran gedacht hat, die künstlerische Regie in ihre Rechte einzusetzen. Die Amerikaner behaupten ja, daß ihr neues Frisko, ihre neue Handelsmetropole Seattle und andere nordwestliche Gründungen von hervorragender Schönheit seien. Nun, dann würde zum erstenmal in der Weltgeschichte das Licht von Westen kommen. Im ganzen Osten der Union sieht es bisher noch aus wie in einer Kinderstube, in der unartige Buben alles durcheinander geworfen und vor dem Schlafengehen nicht fortgeräumt haben. Von dem großen Völkerumzug sind noch überall die ausgeräumten Kisten, die Stroh- und Papierhüllen, die ausgerissenen [pg 219]Nägel und zerschnittenen Stricke liegen geblieben. Wenn erst der Osten sich vor dem Westen zu schämen beginnt, dann findet er vielleicht auch Zeit, endlich einmal gründlich aufzuräumen. Und in der aufgeräumten Landschaft, dem gesäuberten Stadtbilde werden wenigstens die gröbsten Scheußlichkeiten so unliebsam auffallen, daß man sich um so mehr beeilt, sie gänzlich wegzutilgen und durch Schöneres zu ersetzen. Dann wird es eine starke Nachfrage geben nach solchen Regisseuren, wie ich mir sie denke, und wir Deutschen, die wir der Neuen Welt durch unsere Missionäre den Geschmack an edler Musik beigebracht haben, werden dann auch vielleicht berufen sein, als kostbarsten Importartikel Künstler hinüber zu senden, die nicht nur Architekten, sondern stilistische Universalgenies sind, so gut wie unsere modernen Orchesterbeherrscher und Theaterregisseure. Vielleicht erlebe ich es noch, vor einer neuen amerikanischen Stadt eine schöne Tafel zu erblicken, auf der unter ihrem Namen an Stelle des bei uns üblichen Hinweises auf Regierungsbezirk, Kreis und Landwehr-Bataillon zu lesen wäre: „Gestiftet von Carnegie, in Szene gesetzt von Johann Nepomuk Huber aus München-Pasing.“


[pg 220]

Dollaricas infamster Schurke.

Der Leithammel.

Ich bin niemals ein Pessimist gewesen. Ich habe den zahlreichen Leuten gegenüber, welche mir dringend anrieten, mich vor schmerzlichen Enttäuschungen dadurch zu schützen, daß ich meine Mitmenschen von vornherein jeder Bosheit und Niedertracht für fähig halten möge, stets mit Ernst und Eifer die Meinung verfochten, daß alle Kreatur von Mutterleibe an zur Ehrlichkeit und Biederkeit veranlagt sei, und daß nur widrige Umstände, zumeist gänzlich unverschuldeter Art, wie üble Herkunft, leibliche Not und ungestillte Sehnsüchte der Seele die bösen Triebe gewaltsam einzuimpfen vermöchten. Seitdem ich aber in Chicago (Illinois) Dollaricas infamsten Schurken kennen gelernt habe, muß ich gestehen, daß meine Meinung von der Unschuld der Kreatur um so heftiger erschüttert wurde, als dieser infamste aller Schurken nicht einmal ein Mensch, sondern sogar ein Vierfüßler war, jenem sanften, geduldigen, wolletragenden Geschlecht entsprossen, das der Mensch sich zum Symbol demütiger Ergebung und verehrungswürdiger Dummheit erkoren hat. Der infamste Schurke der ganzen Vereinigten Staaten ist nämlich, gerade herausgesagt – ein Hammel, und zwar der Leithammel in Armour & Co.’s Packing Company in den Chicagoer Schlachthöfen. Wenn ich der pessimistische Menschenverachter wäre, der ich, wie gesagt, nicht bin, so würde ich diesen Hammel eine eingemenschte Bestie titulieren. Denn wer hätte es je für möglich gehalten, daß ein Schafskopf so viel Niederträchtigkeit beherbergen könne?! Nichts in dem vertrauen[pg 221]erweckenden Äußeren dieses Hammels deutet auf die Schändlichkeit seines Berufes hin. Sein stets vergnügtes Schafsgesicht verklärt das satte Lächeln eines gutmütigen Pfäffleins auf fetter Pfründe, und sein Gebaren und Gehaben ist ganz dasjenige eines beleibten, aber noch rüstigen alten Herren, der unter Umständen wohl noch zu lockeren Streichen aufgelegt ist. Offenbar hat ihm diese so geschickt getragene Maske der Bonhomie zu der einträglichen Stellung bei Armour & Co. verholfen.

Dieser ehrenwerte Beamte erfüllt nämlich die Aufgabe, während der Schlachtperiode Hunderte und Aberhunderte, Tausende und Abertausende seiner unschuldigen, nichts ahnenden Familienangehörigen und Standesgenossen der Menschheit ans Messer zu liefern. In langen Eisenbahnzügen treffen sie aus allen Teilen der Union in den Stockyards von Chicago zusammen. Die Wagentüren öffnen sich, und froh, der langen grausamen Haft entrinnen zu können, drängen sich die Scharen munterer Hammel von Ohio, Indiana, Illinois, ja selbst von Alabama, Jowa, Kentucky, von Texas selbst und Arizona auf die bequemen schiefen Ebenen, und ihren bedrängten Busen entringt sich das hoffnungsfreudige „Mäh“ der Erlösung von langer Qual. Weite Hürden nehmen sie auf, die krauswolligen, weißen und schwarzen Brüder und Schwestern, Vettern und Basen aus sämtlichen Staaten und Territorien der Union. Von vollen Raufen lockt das duftige Heu, in langen Rinnen der kräftig gemischte Trank. Und doch, die rechte Freudigkeit kann nicht aufkommen, denn alle diese Schafsseelen sind noch erfüllt von seliger Erinnerung an blauen Himmel, grüne Weide, kristallklare Bäche und muntere Spiele unter der freundlichen Aufsicht treu besorgter Hunde und frommer Schäfer; hier aber engen himmelhohe rotbraune Mauern sie ein, [pg 222]statt lustiger weißer Lämmerwölkchen wälzen schwere, schwarze Rauchschwaden sich ihnen zu Häupten daher, und statt des feierlichen Schweigens der Natur umtost das dumpfe Maschinengebrüll rastlos gieriger Menschenarbeit ihre erschrockenen Ohren. Traurig lassen sie die Schwänzlein und die Köpfe hängen, lassen sie die Trankrinne und die Futterraufe unberührt.

Der Todessprung

Siehe, da naht sich ihnen als Bote aus dieser beängstigend fremden Welt mit freundlicher, onkelhafter Vertraulichkeit ein fetter Hammel in den besten Jahren: „Munter, meine lieben Kinder, munter!“ beginnt er in humoristisch gefärbtem Bockston, und alsbald umdrängt ihn ein dichter Kreis von Zuhörern. „Ihr habt nicht die geringste Ursache, Ohren und Schwänze mutlos hängen zu lassen; oder ist es vielleicht nicht eine große Ehre für euch ungebildete Prairieschafe, in die große Millionenstadt Chicago zu Besuch zu kommen? Meint ihr vielleicht, ihr wäret die einzigen Schafsköpfe hier am Orte, mähähähä!? Hier geht es hoch her, das könnt ihr mir glauben auf mein ehrliches Gesicht, und die Zeit wird euch hier nicht lang werden, auf Eh – hähähähä – re! Ich habe es zwar nicht nötig, mich für euch aufzuopfern, denn ich befinde mich Gott sei Dank in einer auskömmlichen und gesellschaftlich angesehenen Position, aber ich will mich dennoch eurer hilflosen Ländlichkeit annehmen, weil doch nun einmal der Korpsgeist in unserer Familie so stark entwickelt ist. Auf, mir nach, ich führe euch zu einem lustigen Spielplatz, wo kein Hund und kein Hirte uns geniert.“ – Und leichtfüßig tänzelt der feiste Onkel voran einen glatt gedielten Steg hinauf, der so schmal ist, daß nur zwei knapp nebeneinander gehen können, aber sicher eingeplankt, so daß keines an den Seiten herauspurzeln kann. Schon dieser Anfang des Vergnügens ist vielver[pg 223]sprechend. Wie auf einer Berg- und Talbahn oder einer russischen Rutschpartie geht’s auf diesen engen Bretterwegen hinauf, hinab und kreuz und quer, und die Tausende von leichten Hammelbeinchen trippeln und trappeln fein langsam hinauf und im lustigen Hui herunter, daß es klingt, wie wenn in schwülen Frühlingstagen St. Peter Erbsen siebt. Ein Auf- und Abschwellen wie Hagelrauschen in launischen Böen, ein dumpfes Wirbeln wie von gedämpften Trommeln, – als sollten durch solchen Trauermarsch den unschuldig Verurteilten die militärischen letzten Ehren erwiesen werden. Der muntere Leithammel immer an der Spitze, tapp tapp tapp, hinauf, und hurrdiburr hinunter, und zuletzt auf ein schmales Türchen in der rotbraunen Mauer zu. Gar im Galopp mit einem lustigen Bocksprung setzt er in die Seligkeit hinein. In einem Sprungtuch wird er aufgefangen und mit einem Ruck in ein gemütliches Seitenkabinett in Sicherheit gebracht, während seine Stammgenossen unaufhaltsam, einer nach dem anderen, zu Dutzenden, zu Hunderten, zu Tausenden ihm nachspringen in die finstere Todesnacht. Ein eiserner Haken erwischt sie an einem Hinterschenkel, an einer Kette fliegen sie mit dem Kopf nach unten aufwärts, ein gewaltiges Rad empfängt sie, hebt sie in weitem Bogen hoch und läßt sie auf der andern Seite rasch abwärts schweben der Stelle zu, wo der Mörder mit seinem blutigen Messer steht. Ein sicherer Stoß – und lautlos haben sie ausgelitten. Derweile läßt sich’s der erprobte Beamte von Armour & Co. in seinem Privatkabinett bei frischem Maisschrot und duftigen Lupinen wohl sein, bis man ihn abruft, um auf geheimem Gange sich abermals zu den neu Angekommenen in die Hürden hinunter zu begeben und seinen niederträchtigen Trick aufs neue auszuführen. Wenn er ein Mensch wäre, so [pg 224]würde er sicher auf seine alten Tage fromm werden, das Gebetbuch auswendig lernen, fleißig in geistlichen Kreisen verkehren und sein Vermögen wohltätigen Stiftungen vermachen; da er nur ein Hammel ist, hat er aber nicht einmal das Bedürfnis, sein Gewissen zu betäuben. Er bedarf nicht des Alkohols, um seinen Mut zur Infamie täglich neu zu entflammen, sondern sein eigentümlich hammelhafter Ehrbegriff läßt ihn vielmehr seinen Stolz drein setzen, jahrein, jahraus mit der gleichen heiteren Selbstverständlichkeit seine verräterische, gemeine Mordarbeit zu verrichten, bis er in Pension geht oder bis Herzverfettung oder versetzte Blähungen ihm unversehens den Garaus machen. – Habe ich nicht recht, diesen Oberaga der weißen Eunuchen von Chicago für den infamsten Schurken der ganzen Vereinigten Staaten zu erklären?