Menschliche Niedertracht.
Vielleicht, mein Herr, oder Sie, meine schöne Leserin, werden Sie mir entgegnen wollen, daß die Unschuld der Kreatur von Armour & Co. nur schändlich mißbraucht werde, indem der Leithammel sicherlich nicht wisse, daß seine von ihm verführten Artgenossen dem Tode verfallen seien. – Ich kann das leider nicht glauben; denn ich bin fest überzeugt, daß auch dem geistig mindestbegabten Tier der Blutgeruch, der die Chicagoer Schlachthöfe umwittert, eine Ahnung seines Schicksals aufzwingen muß, sobald es nur den Eisenbahnwagen verläßt. Und da ein Leithammel doch jedenfalls die Blüte der Intelligenz der Hammelschaft darstellt, so ist es doch schwer glaublich, daß gerade ihm der Umstand nicht zu denken geben sollte, daß alle die von ihm angeführten Herden auf Nimmerwiedersehen in dem Abgrund verschwinden, dem jener heiße Blutgeruch entströmt, und daß es immer wieder neue Bataillone von Schafen, Regimenter von [pg 225]Hammeln sind, an deren Spitze er anfeuernd dem schwarzen Loche zu galoppiert. Fraglich könnte es nur erscheinen, ob der Mensch, der sich solcher abgrundtiefen Gewissenlosigkeit einer gemeinen Hammelseele zu seinen Zwecken bedient, nicht noch eine größere Kanaille sei, als der Hammel selbst. Es ist ein beliebter Trick des menschlichen Genius, die garstig anrüchigen Handlungen, die im Interesse seiner höheren Zwecke verrichtet werden müssen, nicht selbst zu verrichten, sondern sich dafür scheinbar harmloser Umwege zu bedienen. So hat die edle weiße Haut der roten Haut ihre Spezialkrankheiten anvertraut und sie dadurch, unter freundlicher Nachhilfe des edlen Feuerwassers, langsam aber sicher vernichtet. Ja, man hat es sogar schon verstanden, eine Religion, die heiligste Ausstrahlung eines großen Herzens voller Liebe und eines tiefen, weltumfassenden Geistes, in zweckentsprechender Umgestaltung als wirksamstes Mittel zur Unterjochung und Vernichtung kraftvoller Völker zu verwenden. Solchen imposanten Großtaten menschlicher Niedertracht gegenüber will es moralisch nicht viel bedeuten, wenn die Herren Armour & Co. die Bestechlichkeit einer infamen Hammelseele benutzen, um ohne Tierquälerei und unliebsames Aufsehen ihren menschenfreundlichen Zweck zu erreichen. Und Menschenfreunde muß man doch diese genialen Unternehmer nennen, welche ganz Nordamerika tagtäglich mit leckeren Braten und die ganze bewohnte Erde mit ihren sauber in Blech verpackten, gepökelten und geräucherten Fleischwaren versehen. Wer an einem glänzenden Beispiel lernen will, wie der Menschengeist es fertig bringt, durch blutigen Mord und schnöden Verrat hindurch mit Einsatz aller seiner Erfindungskraft und körperlichen Geschicklichkeit schließlich dazu gelangen kann, die Vollendung des Zweck[pg 226]mäßigen sogar bis zum künstlerisch Erbaulichen zu steigern, der sehe sich das Verfahren in den Chicagoer Stockyards an.
Durch Upton Sinclaires berühmten Roman „The Jungle“ (der Sumpf) sind ja die Augen der ganzen Welt auf Armour & Co.’s Packing Company gerichtet worden. Ganz Europa ist es nach diesem Roman übel geworden. Es hat monatelang kein corned beef mehr gekauft, in der Meinung, daß in den hübschen, sauberen Blechbüchsen mehr Rattenschwänze, abgehackte Menschenfinger und andere leckere Zutaten vorhanden wären, als solides Ochsen- und Schweinefleisch. Wer aber selber in jüngster Zeit, wie ich, die Schlachthäuser und Packräume Armours aufmerksam durchwandert hat, der wird doch sagen müssen, daß entweder Mister Sinclaire ein arger Schwarzseher und Schwarzmaler sein, oder daß die Gesellschaft sich sein Buch inzwischen zu Herzen genommen und durchgreifende Verbesserungen gemacht haben müsse. Denn so wie das Unternehmen sich heute präsentiert, bedeutet es einfach einen bisher unerreichten Gipfel in bezug auf sinnreichste Ausnutzung der Maschine und der menschlichen Arbeitskraft, auf Reinlichkeit, strengste Disziplin und restlose Ausnutzung des verarbeiteten Materials.
An einem schönen klaren Wintertage brachte unser Chicagoer Gastfreund mich und meine Frau zu Armours und ersuchte einen ihm bekannten Beamten der Firma, uns herumzuführen. Es war zufällig derselbe Herr, der auch unseren Prinzen Heinrich geführt hatte. In der stolzen Haltung des freien Bürgers der größten Republik der Welt, d. h. die Hände in den Hosentaschen, eine ungeheure Havannanudel aus dem Mundwinkel herauslakelnd, machte uns dieser Herr zunächst einmal [pg 227]das Kompliment, daß unser kaiserlicher Prinz ein feiner Kerl – a fine fellow – sei. Man habe ihn vorher instruiert gehabt, den hohen Herrn mit „Your Royal Highness“ anzureden; aber daran habe er sich nicht gewöhnen können, und es habe offenbar dem Prinzen ganz gut gefallen, einmal einfach wie irgendein anderer besserer Herr von anständiger Familie behandelt zu werden. Wir wurden darauf sofort in den Mittelpunkt der Hölle geleitet. Sehr vernünftiges amerikanisches Prinzip: denn wer dieses Schrecknis, ohne einen Nervenchok zu kriegen oder wenigstens in Ohnmacht zu fallen, aushält, dem kann überhaupt auf dieser Wanderung nichts Schlimmes mehr passieren.
Der Mittelpunkt der Hölle.
Eine schwere schmale Tür wird aufgestoßen; eine heiße Welle von süßlichem Blutdunst schlägt über unseren Köpfen zusammen, und das furchtbare, wahnsinnig verzweifelte Todesgekreisch der Schweine betäubt uns die Ohren, zerreißt uns das Herz. Wir stehen auf einer hohen schmalen Holzgalerie, die dick mit Sägespänen bestreut ist, und schauen zwei Stockwerke tief hinunter. Dicht an der Mauer im ersten Stockwerk unter uns dreht sich langsam eine riesige, metallene Scheibe, über die eine schwere, eiserne Kette läuft. Aus einem dunkeln Raum unter der Galerie, den wir nicht übersehen können, werden die Schweine von riesenstarken Fäusten eines nach dem anderen gepackt und ein an der Kette schwebender Haken um einen ihrer Hinterschenkel befestigt. Im nächsten Augenblick wird das Tier emporgehoben und mit dem Kopf nach unten, aus Leibeskräften strampelnd und schreiend, über die große Scheibe weggeführt. Auf der anderen Seite dieser Scheibe steht der Metzger. In dem Augenblick, wo die unendliche, sich langsam fortbewegende Kette das Tier an seinen Standort bringt, führt er den Todesstoß in den Hals aus. Ein dicker Blutstrom schießt [pg 228]heraus. Der Mann ist über und über mit Blut bespritzt; er hat hohe Stiefel an und steht bis an die Knöchel in einem Bluttümpel. Ein zweiter Mann in seiner Nähe hat die Aufgabe, mit einem großen Besen das Blut in ein Loch im Estrich hineinzufegen; in einem unterirdischen Bassin wird es zur weiteren Verwertung aufgefangen. Alle paar Sekunden passiert ein Schwein den Schlächter, so daß er in den wenigen Stunden, die seine Arbeitszeit dauert, Hunderten den Garaus macht. Der Mann ist der höchstbezahlte Arbeiter des Unternehmens, ein Meister in seinem gräßlichen Fache; aber unfehlbar ist seine Hand natürlich doch nicht, und manche der gestochenen Tiere zappeln und schreien noch eine ganze Weile weiter. Lange währt ihre Qual jedoch auf keinen Fall, denn die Kette führt sie in die untere Etage hinunter, und da werden sie abgeladen in ein gewaltiges Bassin voll kochenden Wassers. Darin sieht man von oben die weißen Schweineleichen in dichtem Gedränge durcheinanderquirlen, und wenn sie an der Kette wieder nach oben schweben, so sind sie bereits so sauber abgebrüht, wie man sie in unseren Metzgerläden in der Auslage hängen sieht. Kein Unterschied mehr zwischen schwarzen, gelben, grauen und gescheckten Schweinen. Blaßrosig, starr und schwach dampfend kommen sie in Abständen von etwa 2 Meter wieder in die obere Etage heraufgeschwebt. Wir verlassen die Schreckenskammer und schreiten auf unserer erhöhten Schaugalerie in einen großen, lichten Saal hinein. Da stehen auf einem schmalen Podium an der Fensterseite die Arbeiter mit ihren scharfen Messern, Äxten, Knochensägen und Lötlampen auf ihren Posten, und während die Kette in langsamer Vorwärtsbewegung das Schwein an ihm vorbeiführt, verrichtet jeder mit sicherer Hand immer dieselbe ihm zugewiesene Arbeit. Der erste [pg 229]führt einen Bauchschnitt der ganzen Länge des Körpers nach aus, der zweite rafft mit einem Griff die Gedärme heraus, der dritte schneidet den Kopf durch bis auf den Knochen, der vierte sägt den Halswirbel durch, ein anderer sengt mit der Lötlampe die etwa noch übriggebliebenen Borsten weg – und so fort. Am Ende des Saales beschreibt die Kette einen Bogen, um ihn dann in entgegengesetzter Bewegung noch einmal zu durchlaufen, und am Ende dieses ganzen Weges ist das Schwein sauber zerlegt, die Speckseiten herausgelöst, die Schinken, die Hacksen zur besonderen Verwendung beiseite gepackt.
Schlachtverfahren beim Rindvieh.
Ganz ähnlich ist der Hergang in dem Riesenraum, in welchem die Rinder bearbeitet werden. Aus einer Falltür werden sie von unten heraufgehoben und durch einen Schlag mit einem Hammer auf den Kopf betäubt. Nach dem Grausen der Schweineschlächterei wirkt diese Art des Massenmords geradezu zart gedämpft, man möchte fast sagen, liebenswürdig diskret, denn das Rind schreit nicht, es ist betäubt, bewegungslos noch bevor es ihm zum Bewußtsein kommt, daß es in den Tod zu gehen bestimmt ist. Gewaltige Maschinenkraft hebt das schwere, bewußtlose Tier an den Hinterfüßen in die Höhe, und an der dicken Ankerkette bewegt es sich langsam durch den großen Arbeitssaal. Am Kopfe hängt jedem Tier ein Eimer, in dem das Blut beim Schlachten aufgefangen wird, und so geschickt verrichten die Schlächtergesellen ihre Arbeit, daß man in diesem Saale, mit den Augen wenigstens, fast kein Blut gewahr wird. Da in dem mächtigen Rindskadaver die Arbeit nicht so geschwind von statten geht, wie bei dem Kleinvieh, so hängen die Rinder in großen Abständen an der Kette, und jeder Arbeiter geht dem ihm zugewiesenen Stück so lange nach, bis sein Anteil an dem Werk des Abhäutens, Zersägens [pg 230]und Zerteilens verrichtet ist. Der Grundsatz der Arbeitsteilung ist strikte durchgeführt. Ein Arbeiter hat nie etwas anderes zu tun, als das Rückgrat von oben bis unten durchzusägen, ein anderer nur das Abhäuten zu besorgen – und wehe dem, wenn er das wertvolle Fell durch einen ungeschickten Messerstich verletzt; sofortige Entlassung ist seine Strafe.
Der Zweck heiligt die Mittel.
Von den Schlachträumen gelangen wir tiefaufatmend in die frische Luft. Über hölzerne Brücken und Viadukte, auf denen Schmalspurbahnen laufen, die die verarbeiteten Fleischteile von einem Raum zum andern befördern, gehen wir in die Packhäuser hinüber, wo das gekochte, geräucherte und eingepökelte Fleisch in die bekannten Blechdosen verpackt wird. Maschinen von fabelhafter Präzision verfertigen vor unseren Augen die Tausende und Abertausende von Blechgefäßen, und die einzige Menschenarbeit, die hierbei in Anspruch genommen wird, ist das letzte Verlöten des Deckels und das Bekleben der Dosen mit den schönen, buntgedruckten Papieretiketten. Das Schlußstück in der seltsam aufregenden und dennoch bezaubernden Schau ist der Saal, in welchem nette junge Mädchen in weißen, steif gestärkten Häubchen und blendenden Kleiderschürzen an langen Tischen sitzen, mit feinen weißen Händen die dünnen Fleischscheiben, die die lautlos arbeitende Maschine vor jedem einzelnen Arbeitsplatz im unfehlbaren Rhythmus hinstreut, in die Blechbüchsen verpacken. Die tadellose Sauberkeit dieser Mädchenhände wird dadurch sinnfällig gemacht, daß nicht nur reichliche Wascheinrichtungen dem Beschauer sofort ins Auge fallen, sondern daß in einer Ecke des Saales auf einer erhöhten Tribüne eine artige Maniküre fortwährend an der Arbeit ist, um die Fingernägel zu säubern und streng vorschriftsmäßig im Verschnitt zu halten. Diese Maniküre [pg 231]und jener infamste Schurke Dollaricas, nämlich der Leit – hammel, stehen also als symbolische Gestalten am Eingang und am Ausgang einer der gewaltigsten industriellen Unternehmungen der Erde: brutalste Rücksichtslosigkeit und raffinierteste Delikatesse reichen sich die Hand zur Vollendung eines notwendigen Menschenwerkes. Der Zweck, nämlich die Versorgung der Menschheit mit tadellos zubereiteter Fleischspeise, heiligt die Mittel, und die Mittel heiligen wiederum auch den Zweck; denn um mir die gutgepökelte Zunge in sauberer, luftdicht verschlossener Büchse auf den Tisch zu setzen, haben Menschenwitz und Menschenfleiß ihr Letztes hergegeben und durch geniale Ausnützung des Materials und Hinaufsteigerung aller Energien zu äußersten Leistungen das blutige Chaos in vollendete und darum ästhetisch wirkende Harmonie verwandelt.