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Baedekereien für Amerikafahrer.

Tragikomödien des Grünhorns.

Während meines Aufenthaltes in New York geschah es, daß ein aufgeweckter Marschbauer, irgend so ein deftiger Klaas Petersen, oder wie er nun heißen mochte, mit der ganz gescheiten Absicht herüber kam, sich für die etlichen 30 oder 40000 Mark, die er aus dem ererbten Bauerngut herausgewirtschaftet hatte, im fernen Kansas, Oklahama oder sonst einem der neuen Staaten, wo das Land noch spottbillig ist, eine große Farm zuzulegen. Der Mann war in der Vollkraft seiner Jahre, verließ sich auf seine derbe Faust, seinen klaren Dickkopf und seinen deutschen Fleiß und hatte guten Grund, anzunehmen, daß er schon in ein paar Jahren Frau und Kinder würde nachkommen und aus dem vollen an dem stolzen Herrenleben eines Großgrundbesitzers im Lande der Freiheit teilnehmen lassen können. Der Mann hatte in seiner biederen Offenheit auf dem Schiffe aller Welt erzählt, wieviel er bei Heller und Pfennig wert sei, und der Kapitän, der es gut mit ihm meinte, hatte ihm für seinen Einzug in die Fünfmillionenstadt einen sicheren Begleiter in Gestalt eines seiner Offiziere mitgegeben. Der nahm Klaas Petersen freundschaftlich unter den Arm und führte ihn zunächst einmal die Kellertreppe zur Subway, der Untergrundbahn hinunter, welche unter dem Bette des Hudson hindurch Brooklyn mit New York verbindet und dann in zwei Ästen die ganze Manhattaninsel bis in die ferne Vorstadt Bronx durchzieht. Als aber Klaas Petersen über das Treppengewirr und durch das Menschengewimmel hindurch in einen der Riesenwagen hineinbugsiert war [pg 233]und nun in drangvoll fürchterlicher Enge, eingekeilt zwischen hinter riesigen Zeitungen verschanzten Negern, Chinesen, Italienern, Russen und glattrasierten Yankees stand, als der elektrische Zug donnernd in die schwarze Felsenhöhle hineintauchte und dort mit unheimlicher Schnelligkeit um die Kurven schlingerte, da fing Klaas Petersen aus Dithmarsen bitterlich zu weinen an und schluchzte: „Ick will nah Huus! dor speel ick nich mit. –“ Und dabei blieb’s; er wollte keine Vernunft annehmen. Mit dem nächsten Schiffe kehrte er tatsächlich wieder heim.

Noch übler erging es einem anderen Grünhorn, das sich auf seinen eigenen Witz verließ und bei Brooklyn-Bridge einen Trambahnwagen bestieg, um über die berühmte Brücke nach Brooklyn zu fahren, wo er einen Landsmann aufsuchen wollte. Und er kam auch über die Brücke, aber er verstand nicht, was der Schaffner ausrief, und traute sich nicht aufs Geratewohl auszusteigen; und ehe er sich’s versah, war er wieder auf der Brücke, denn die Trambahnlinie bildet eine geschlossene Schleife. Da er ein Gemütsmensch war, gedachte er in Ergebung hinzunehmen, was der Herr in seinem unerforschlichen Ratschluß über ihn beschlossen hätte. Er fuhr also auf der großen Schleife hin und her, Tag und Nacht, drei Tage lang. Schließlich mußte man ihn aus Mitleid erschießen, da er sonst verhungert wäre.

Wenn du mir diese traurige Geschichte nicht glauben magst, lieber Leser, so laß es bleiben. Deswegen bleibt es doch als unumstößliche Wahrheit bestehen, daß du in Amerika unmöglich bist, sofern der Himmel dich zu einem Junker Träuminsblau geschaffen oder deine Eltern dich mit der Zipfelmütze bis über die Nase und einem schönen Brett vorm Kopf in die Welt entlassen haben. Bist du [pg 234]aber kein Muttersöhnchen, das in der Bangbüx bebbert, sondern ein gesunder Frechdachs mit offenen Sinnen und nicht zu viel Vertrauensseligkeit, so kannst du dich dreist in das Abenteuer stürzen. Bist du ein armer Teufel, der drüben sein Glück machen will, so wappne dich mit Humor und Wurstigkeit, schäme dich keiner Arbeit und laß die Ohren nicht hängen, wenn es dir in einem Fach mißlingt. „Let us try another chance“ sagt der Amerikaner in diesem Falle, und das sag du auch und pfeif drauf. Willst du aber zu deinem Vergnügen und zu deiner Belehrung dich drüben umschauen, so tue Geld in deinen Beutel, viel Geld – noch viel mehr Geld! Denn wisse, daß für den nicht seßhaften Menschen drüben die meisten Dinge doppelt und viele viermal so viel kosten wie bei uns. Für ein Seidel Würzburger Hofbräubier oder Pilsner, das nur 4/10 Liter hält, mußt du einen Quarter hinlegen, das ist M 1.–, und du wirst bald dahin gelangen, diesem Quarter nicht mehr wehmütig nachzutrauern; denn das amerikanische Bier enthält zwar Wasser, Malz und Hopfen und sieht schön braun oder goldgelb aus, hat auch wohl eine verlockende schneeweiße Rahmhaube auf und der erste Schluck geht dir lieblich ein, aber bald merkst du, daß es doch kein Bier ist. Und dann wirst du auch bald finden, daß es sehr viel leichter ist, die schmalen, schmutzigen, zerknitterten Papierlappen auf den Tisch zu werfen, als bei uns daheim ein schönes blankes Zwanzigmarkstück anzureißen; du mußt nämlich schon sehr weit westlich fahren, bevor du überhaupt Gold zu sehen bekommst. Mache dir nur ja nicht etwa die Illusion, als ob du an irgendeiner Stelle wieder hereinsparen könntest, was du an anderer Stelle großzügig verschwendet hast. Abgesehen davon, daß der Knicker und Pfennigfuchser in dem Lande der Milliardäre höchst verächtlich über die Achsel angesehen wird, kommst [pg 235]du auch schon aus dem Grunde nicht zum Sparen, weil die guten Dinge, die zum täglichen Bedürfnis des Gentleman gehören, durch die ganze Union ziemlich denselben Preis haben. Du kannst zum Beispiel nicht in einem Hotel zweiten Ranges wohnen und in einem Restaurant ersten Ranges speisen, weil es einfach kein Hotel zweiten Ranges gibt. In den großen Städten wenigstens sind alle Hotels, denen sich ein besserer Zeitgenosse überhaupt anvertrauen kann, nach unseren Begriffen erster Klasse, und was danach kommt, ist nach unseren Begriffen gleich vierter Klasse. Du kannst auch nicht im Hotel erster Klasse wohnen und dann anderswo billig essen gehen, d. h. du kannst es wohl, aber du wirst bald davon zurückkommen. Denn das billige Essen ist auf die Dauer unmöglich, und zwischen den Preisen der Speisekarte in einem guten Hotel und einem anständigen Restaurant gibt es kaum einen Unterschied. Versuche um Gottes willen auch nicht mit Trinkgeldern zu knausern, das würde dir übel bekommen; nicht nur in der Welt der Kellner, sondern in der breitesten Öffentlichkeit würde es deinem Renommee schaden. Ein werter Freund und Kollege von mir hatte sich von Eingeborenen sagen lassen, daß der übliche Satz für den Kellnertip, wie bei uns, bei kleineren Rechnungen zehn Prozent betrage. Seine erste Konsumation im Hotel bestand in einem belegten Brötchen mit einem Schnitt Bier, wofür er 70 Cent = M 2,80 bezahlen mußte. Gewissenhaft wie er war, suchte er 7 Cent zusammen und schob sie reinen Herzens dem waiter zu. Der starrte erst mit verdächtigem Grinsen auf das Sümmchen hin, dann lief er zum Oberkellner, beriet sich längere Zeit mit ihm und kehrte endlich zurück, um die 7 Cent zwar ohne Dank, aber mit den sichtbaren Zeichen einer unangemessenen Fröhlichkeit einzustreichen. Am andern Morgen [pg 236]stand es in sämtlichen New Yorker Blättern, daß der beliebte deutsche Dichter 7 Cent Trinkgeld gegeben habe. Und wo immer unser lieber Landsmann erkannt wurde, lachten ihm die Kellner frech ins Gesicht. Merke dir also, lieber Landsmann, besonders wenn du aus München kommen solltest, wo die Kati schon für drei Pfennige danke schön sagt, daß man unter zehn Cent überhaupt keiner Hilfskraft in der Ernährungsbranche anbieten darf, und daß man das Trinkgeld immer nach oben bis zur nächsten durch zehn teilbaren Ziffer abrunden muß.

Unangebrachte Sparsamkeit.

Du darfst ruhig Piefke heißen und in Schmierölen machen und brauchst dich doch keinen Moment zu besinnen, in den vornehmsten Hotels einzukehren. Wenn du halbwegs wie ein besserer Zeitgenosse aussiehst und weder die Sauce mit dem Messer aufschleckst, noch den Kompotteller ableckst, so wirst du auch in der allerprominentesten Gesellschaft geduldet werden. Für fünf Dollar bekommst du überall ein anständiges Zimmer mit Bad, und wenn du dich mit deiner Frau Gemahlin gerade gut stehst, kannst du für denselben Preis sie auch mit hinein nehmen, denn die Betten sind immer reichlich zweischläfrig. Nur wenn du vielleicht so weit gehen wolltest, auch deine Kleinen noch mit querzulegen, so würde man das vielleicht als einen Mißbrauch der Gastfreundschaft betrachten und dir einige Dollars extra tschardschen. Aber wer reist überhaupt mit Kindern nach Amerika?!

In der Lobby.