Das Hotel spielt im amerikanischen Stadtleben eine ganz andere Rolle wie bei uns. Es ist ein gesellschaftlicher und geschäftlicher Treffpunkt, und die Lobby, d. h. die Vorhalle im Erdgeschoß mit ihren massenhaften Schaukelstühlen, Klubsesseln, Zeitungs-, Zigarren- und sonstigen Verkaufsständen, spielt dieselbe Rolle, wie der [pg 237]Barbierladen im antiken Athen und Rom und wie das Caféhaus in Österreich. In der Lobby befinden sich auch Sekretariat und Kasse des Hotels sowie Auskunftei und Ausgabestelle für die Post. Die größeren Häuser haben sogar eine eigene Telephonzentrale für die Vermittlung des riesigen Gesprächsverkehrs innerhalb des Hauses wie mit der näheren und ferneren Außenwelt, und was man dir nicht mündlich durch den Draht ausrichten kann, das wird dir auf elektrochemischem Wege schriftlich gegeben. Selbst in den mittleren Städten haben die guten Hotels selten unter zehn Stockwerken. Eine ganze Anzahl von Lifts flitzen Tag und Nacht herauf und herunter vom Keller, wo der Barbier, die Manikure, der Wichsier dich bearbeitet, bis hinauf zum Dachgarten, wo du in schönen warmen Sommernächten bei Musik und feenhafter Beleuchtung dein Nachtmahl einnehmen kannst. In der Lobby aber und in den angrenzenden Restaurationsräumen laufen fortwährend kleine niedliche Pagen mit Zerevismützchen auf den Kinderschädeln herum und quarren die Namen der Leute aus, für die ein Besuch oder eine Depesche da ist, oder die am Telephon verlangt werden usw. usw. Da sich in der Lobby jedermann aufhalten kann, auch wenn er nicht im Hause wohnt, so kann man ruhig bei bösem Wetter dort hineinflüchten, sich eine Zeitung und eine Zigarre kaufen und in einem Schaukelstuhl Platz nehmen, bis es sich ausgeregnet oder gar ein Blizzard sich ausgetobt hat. Man trifft sich dort morgens mit seinen Geschäftsfreunden und abends mit seinem Liebchen. Bauernfänger, Detektivs und Reporter wimmeln in Scharen dort herum. Die letzteren holen sich drei Viertel ihres Stoffes in der Lobby. Sie liegen auf der Lauer bei dem Clerk, der das Fremdenbuch führt, in das jeder neu ankommende Gast sich einschreiben muß, und stürzen [pg 238]sich auf ihn, sofern er nur irgendwie prominenzverdächtig oder weit hergereist ist oder sich durch einen europäischen Titel auffällig gemacht hat. Sie haben Augen und Ohren überall, stenographieren in ihr Taschenbuch, was sie an Gesprächen der Politiker, der Spekulanten, der Weltreisenden und der Klatschbasen erlauschen können, beschreiben die Toilette und das Gepäck reisender Künstlerinnen und konstruieren sich ganze Romane aus dem bloßen Mienenspiel aufgeregt flüsternder Leute.
Jeder, der es irgend afforden kann, kehrt in den großen Hotels ein, selbst Menschen, die man bei uns zu den kleinen Leuten rechnen würde, und reiche Leute, die auf dem Lande oder in den Kleinstädten wohnen, aber oft in der Hauptstadt zu tun haben, lassen sich sogar jahrein, jahraus ein Zimmer für sich reservieren. Folglich sind die Hotels immer voll und amüsant für jeden, der kein Menschenfeind ist. An Bequemlichkeiten und Luxus wird dir für deine europäischen Begriffe Fabelhaftes geboten. Bad und Telephon in jedem Zimmer sind selbstverständlich; ein Transparent leuchtet auf und zeigt dir an, daß Briefe für dich in der Office sind, und was das Allererstaunlichste ist – jeden Abend wird dein Bett frisch bezogen, als ob du ein Milliardär oder ein Erzschweinepelz wärst! Nur deine Kleider mußt du dir selber reinigen, wenn du nicht M 2 extra dem Hausschneider dafür bezahlen willst, und die Stiefel mußt du dir im Keller oder auf der Straße putzen lassen. Was aber das Schönste ist: du kannst ruhig abreisen ohne durch ein Spalier von Trinkgeld heischenden Bediensteten Spießruten laufen zu müssen. Dem Hausdiener, der deine Koffer dir aufs Zimmer schleppt, gibst du eine Kleinigkeit auf frischer Tat, und wenn du ein Menschenfreund bist, erfreust du gelegentlich den Liftboy mit einem Tip. Selbstverständlich kannst du [pg 239]auch im Office dein Bahnbillett und dein Gepäck besorgen lassen, und wenn du als Neuling Schwierigkeiten mit dem Zurechtfinden oder mit den Behörden hast, so wird dir ein sehr feiner Gentleman zur Verfügung gestellt, der dich sicher geleitet und für dich redet, wo du etwa mit deinem Englisch nicht auskommst. Der Gentleman behandelt dich und du ihn wie seinesgleichen, und du brauchst ihm nichts in die Hand zu drücken – er steht nachher auf deiner Rechnung. Alles, was du im Hause verzehrst, bezahlst du bar, und es steht dir vollkommen frei, deine Mahlzeiten einzunehmen, wo du willst.
Das Astorhotel.
Wenn du ein Deutscher bist, so wirst du wahrscheinlich bei der Ankunft in New York deine Schritte zunächst ins Astorhotel lenken, und du wirst gut daran tun, sintemal du bei dieser Gelegenheit gleich erfahren kannst, wie herrlich weit aus kleinsten Anfängen heraus es ein intelligenter, tatkräftiger Deutscher drüben bringen kann. In dem Hotel der Gebrüder Muschenheim, aus dem hessischen Dörfchen gleichen Namens, findest du nicht nur all den hier geschilderten Luxus und Komfort, sondern auch für dein ästhetisches Bedürfnis in dem großen Festsaal eine der schönsten Orgeln der Welt, die täglich von Künstlern ersten Ranges gespielt wird, und im Grillroom etwas für deinen historischen Sinn, nämlich ein geschmackvoll zusammengestelltes Museum, das dir über Leben und Treiben der Indianer in Vergangenheit und Gegenwart einen höchst lebendigen Anschauungsunterricht erteilt. – Kommst du aber weiter ins Land hinein, in die mittleren und kleineren Städte, so erkundige dich ja, bevor du dich in das Fremdenbuch einträgst, ob das Haus in europäischem oder amerikanischem Stil geführt wird; andernfalls kann es dir so ergehen wie mir in einer kleinen Stadt Wisconsins. Ich [pg 240]wurde mit meiner Frau in einem der besten Zimmer eines neuen Anbaues zu dem angeblich ersten Hotel der Stadt untergebracht. Außer dem großen Bett stand kein Möbel in diesem Zimmer fest auf seinen vier Beinen, das vierte war nur angelehnt, wenn überhaupt vorhanden. Auf der frisch gekalkten Wand prangten als einziger Schmuck zwei interessant umrissene Flecke, der eine vom Wasser, der andere vom Rauch herrührend; ein Bad gehörte selbstverständlich auch zu diesem Staatszimmer, es war aber mehr ein Badloch zu nennen, und die Wanne darin war, (ich habe sie ausgemessen), 47 cm lang. Wenn man seine Knie bis ans Kinn hinaufzuziehen imstande war, konnte man allenfalls sitzend darin Platz finden. Da wir während unseres Aufenthaltes zu allen Mahlzeiten eingeladen waren, so verzehrten wir nichts außer dem Frühstück am anderen Morgen, d. h. wir hätten dieses Frühstück verzehren können, wenn man es uns noch verabreicht hätte, was aber nicht der Fall war, da wir erst nach neun Uhr im Restaurant erschienen. Wir mußten also in die Stadt gehen und in einer Konditorei frühstücken. Die Rechnung betrug 7 Dollar, also nahezu M 30.– für ein Bett, einen Tisch mit drei Beinen, zwei Flecken und ein Quetschbad! Ich konnte nicht umhin, meinem Erstaunen Worte zu leihen. Da entgegnete mir der Clerk im Office seelenruhig: „Ja, warum haben Sie denn nichts verzehrt hier? Das ist Ihr Pech. Sie hätten für die 7 Dollar essen können, soviel Sie wollten, von morgens bis abends. Wir haben nämlich amerikanischen Plan hier.“ Und die ganze Menschheit in der Lobby quietschte vor Vergnügen über die lange Nase, mit der ich abziehen mußte. Jetzt also, lieber Leser, weißt du, was american plan ist.
Kundenfang der Eisenbahnen.
Wenn du nur einigermaßen prominent bist oder durch sonst welche auffälligen Eigenschaften die Aufmerk[pg 241]samkeit der Reporter auf dich gelenkt hast, so kannst du die Freude erleben, am Tage nach deinem Einzug ins Hotel in den Morgenblättern eine schmeichelhafte Beschreibung deines Exterieurs, eine Würdigung der Vorzüglichkeit deines eventuellen Schmieröls und außerdem deine Ansicht über Amerika zu lesen. Unter anderen Folgen solcher frisch gebackenen Popularität wird sich auch ein Gentleman in tadellosem Anzug mit liebenswürdigen Manieren befinden, der dir seinen Besuch macht und sich erbietet, dir gänzlich kostenlos deine ganze Reiseroute auszuarbeiten und die nötigen Fahrkarten nebst den Beikarten für Pullmanwagen und Bett zu besorgen. Du bist natürlich baß erstaunt über diese fabelhafte Zuvorkommenheit, beschaust dich im Spiegel und begreifst, wie Gretchen im Faust, nicht, was man an dir findet. Da läßt sich ein zweiter, ebenso eleganter und liebenswürdiger Gentleman melden, erkundigt sich ebenfalls, wohin deine Reise gehen soll und macht dich lächelnd darauf aufmerksam, daß der Herr, der vorher da war, dir eine sehr unvorteilhafte Route vorgeschlagen habe; mit seiner Gesellschaft würdest du schneller, komfortabler und sicherer reisen. Da hast du des Rätsels Lösung. Da zwischen den bedeutenden Plätzen der Union fast überall mehrere Eisenbahnlinien bestehen, so suchen sich die verschiedenen Gesellschaften ihre Kunden persönlich einzufangen, obwohl man nicht nur in allen großen Hotels, sondern auch in den verschiedensten Stadtgegenden in den eleganten Offices der verschiedenen Gesellschaften seine Billette vorausbestellen kann. Diese starke Konkurrenz hat für den Reisenden das Angenehme, daß sich jede Linie die größte Mühe gibt, ihm so viele Bequemlichkeiten und Vorteile zu bieten, wie irgend möglich. Wenn du also zum Beispiel geborener Berliner bist und als solcher [pg 242]Wert darauf legst, deiner koddrigen Schnauze Bewegung zu machen, so kannst du während deiner Reise alles bemäkeln, und wenn du dich irgendwie zurückgesetzt fühlst, den erschrockenen Oberkontrolleur anfahren: „Wissen Sie, alter Freund, mit Ihrer verdammten Linie fahre ich nie wieder, verstehen Sie mich!“ Gegen Langeweile oder Magendrücken ist eine solche Erleichterung der Galle recht nützlich. Übrigens ist es immer sehr angenehm, einen reisegewöhnten Amerikaner zum Beistand zu haben, denn die Kursbücher sind für den Uneingeweihten sehr schwer verständlich; außerdem gibt es auch keine. Die einzelnen Gesellschaften legen ihre Fahrpläne in möglichst farbenfreudiger Ausstattung in den Hotels auf, und wenn man eine Reise vor hat, die einen über ein Dutzend verschiedener Linien führt, so stopft man sich also zwölf solcher schönen bunten Büchelchen in die Tasche; man wird aber, wie gesagt, schwer klug daraus, obwohl sonst alles, was das Verkehrswesen betrifft, von den Amerikanern überaus praktisch angepackt wird. Wie prächtig glatt und rasch geht z. B. die Gepäckaufgabe vonstatten! Durch einen Handgriff deines Koffers wird ein Lederriemchen oder ein Spagat gezogen, an dem eine Papp- oder Blechmarke befestigt ist, welche eine Nummer und den Namen des Bestimmungsortes trägt, das Duplikat dieser Marke wird dir ausgehändigt. Fertig! Und kostet nichts, außer wenn du über einen Zentner mit dir schleppst. An der letzten Station vor deinem Ziel geht ein Mann durch den Zug und ruft: „Gepäck für Chicago!“, oder was es nun sein mag. Du gibst ihm deine Marke und nennst ihm dein Absteigequartier. Fertig! Gibst du zerbrechliche Gegenstände oder schlecht verpackte Kolli auf, so mußt du einen Revers unterschreiben, daß du die Bahnverwaltung nicht für etwaigen Schaden verantwortlich [pg 243]machen willst. Willst du das nicht, so nimmt man dein Gepäck nicht mit, oder du mußt es besonders versichern. Das ist alles sehr vernünftig und nicht zeitraubend.
Im Pullmanwagen. Die Morgentoilette des Tätowierten.
Von den Bequemlichkeiten des Pullmanwagens hast du sicher schon so viel gehört, daß ich dir darüber schwerlich etwas Neues erzählen kann. Verwunderlich ist es nur, daß in diesem Lande der höchst entwickelten technischen Kultur doch noch schlechte Gewohnheiten sich erhalten können, die so fest sitzen wie ein chinesischer Zopf. So sind beispielsweise auch die schönsten Pullmanwagen fast immer entsetzlich überheizt und während des ganzen Winters sind die Doppelfenster hermetisch verschlossen. Die einzige frische Luft, die hereinkommt, ist der Zug, der auf der Station durch das Öffnen der Außentüren entsteht. Bevor du an deinem Bestimmungsort ankommst, nimmt dich der aufwartende Neger in Behandlung, klopft deinen Überzieher aus und bürstet dich von oben bis unten sorgfältig ab. Das ist nun sehr hübsch von ihm, und du gibst ihm gern seine 20 Cent dafür, aber – die Zurückbleibenden müssen deinen Staub schlucken! Man kann sich die Atmosphäre am Ende einer langen Reise vorstellen! In der Nacht ist die Staub- und Hitzplage natürlich noch viel ärger, weil da die Türen seltener aufgemacht werden. Ich begreife überhaupt nicht, wie europäische Reisende die Schlafeinrichtung der Pullmanwagen bewundern können. Man liegt nämlich nicht, wie bei uns, quer, sondern längs in zwei Reihen übereinander, und zwar ohne Unterschied des Standes, Alters oder Geschlechts. Für die Ruhe soll es freilich vorteilhafter sein, die Stöße des Wagens in der Längslage abzufangen, und die Betten sind auch breiter als bei uns; aber man wird ganz und gar hinter dicke, natürlich mehr oder minder staubige Vorhänge versteckt, deren Schlitz man, wenn man glück[pg 244]lich in sein Bett geturnt ist, von oben bis unten zuknöpfen muß. Ich fühlte mich einmal dem Ersticken nahe und konnte vor Atemnot kaum noch nach dem Neger schreien. Als ich den um Himmels willen bat, doch wenigstens die Ventilationsklappe zu öffnen, erklärte er achselzuckend, es sei eine Dame mit einem verschnupften Kind im Wagen, die habe sich die Ventilation strengstens verbeten. Gegen S. M. „das Kind“ gibt es keinen Appell in Amerika. Wenn das Kind verschnupft ist mögen die Großen ersticken und verrecken. Sehr zu empfehlen ist es, wenn du dir einen Schlafanzug anschaffst, weil sonst mehr Geschicklichkeit dazu gehört, das Bedürfnis nach Ausgezogenheit mit der Genierlichkeit in Einklang zu bringen, als der Anfänger zu besitzen pflegt. Allerdings befinden sich an beiden Enden der riesengroßen Wagen sehr geräumige Toiletten, in denen vier bis sechs Menschen gleichzeitig sich aus- oder ankleiden können; aber wenn man nicht praktisch im american style ausgerüstet ist, so weiß man doch nicht, wohin mit seinen Sachen, und wie man im Nachtzustande über eine Dame weg in seine luftleere Angstkammer kriechen soll, ohne den Anstand zu verletzen. Die Damen haben das leichter, die ziehen sich bis auf die Combinations im Toilettenraum aus und werfen einen Schlafrock drüber. Früher pflegten sie die Strümpfe anzubehalten und ihr Geld darin zu verwahren. Die schlauen Niggers wußten das und verstanden mit leichter Hand unter die Bettdecken zu fahren und tiefschlafenden Damen die Strümpfe zu erleichtern. Neuerdings rentiert sich aber dies Geschäft nicht mehr, ebensowenig wie das Ausrauben der Passagiere mit vorgehaltenem Schießeisen, weil kein Mensch mehr Geld bei sich trägt als er gerade für die Reise nötig hat. Heutzutage hat jeder Mensch sein Scheckbuch bei sich und damit kann der Räuber nichts anfangen. (Wenn du [pg 245]also nach den Vereinigten Staaten kommst, so sei dein erster Gang zu einem gut empfohlenen Bankhaus, wo du dein Geld deponierst und dir ein Scheckkonto eröffnen läßt.) Nebenbei kannst du im Pullmanwagen lernen, was amerikanische Reinlichkeit ist. Ich werde nie die umständliche Morgentoilette eines herkulischen Gentleman nach einer Nachtfahrt vergessen. Der Mann war sicherlich weder ein Gesandtschaftsattaché, noch sonst ein Kulturgigerl, sondern, seinen reich tätowierten Armen und Händen nach zu schließen, eher ein Metzger oder Viehhändler. Der Kerl wusch sich vom Kopf bis zu den Füßen, rasierte und frisierte sich, putzte Zähne, Ohren, Nägel, daß es wirklich eine Freude war, ihm zuzuschauen. Er nahm sich eine ganze Stunde Zeit dazu und behandelte seinen ungeschlachten Leib mit der Liebe und Sorgfalt eines Künstlers, der die letzte Feile an sein Werk legt. Ich vermute, bei uns gibt es Durchlauchten, die von der Akkuratesse dieses Viehtreibers profitieren könnten. – Übrigens geht so eine amerikanische Nachtfahrt auch dadurch arg auf die Nerven für jeden, der kein geborenes Murmeltier ist, daß die Glocken und Pfeifen der Lokomotiven fortgesetzt einen greulich aufgeregten Lärm vollführen, bei dem einem angst und bange werden kann. Sie müssen nämlich alle Augenblicke Warnungssignale geben, weil es fast nirgends Schranken gibt; Fahrstraßen sowohl wie andere Eisenbahnlinien kreuzen sich auf freier Strecke ohne Unter- oder Überführung. Da wird der nervöse Europäer schwer den Gedanken los, daß ihm plötzlich ein anderer Expreßzug rechtwinklig durch seinen werten Unterleib fahren könnte. Nein, alles was recht ist, aber Nachtfahrten sind nur in Rußland, Schweden und Norwegen wirklich komfortabel.
Vom Küssen und von der Höflichkeit.
Am bequemsten, sichersten und billigsten reist du [pg 246]in den Vereinigten Staaten, wenn du den Vorzug hast, weiblichen Geschlechts zu sein. Niemand dürfte es da drüben wagen, einer Dame zu nahe zu treten. Jedermann ist auf einen Wink ihr zu jedem Dienst erbötig, und wenn sie einen Kavalier bei sich hat, so ist es seine verfluchte Pflicht und Schuldigkeit, alles für sie zu zahlen. Ich habe ein einziges Mal in Amerika einen wilden Wortwechsel erlebt, der in Tätlichkeiten auszuarten drohte; das war in einem überfüllten Straßenbahnwagen in New York. Eine gut angezogene, nette Negerin des besseren Mittelstandes versuchte durch die dicht gedrängt stehenden Menschen den Ausgang zu gewinnen. Da rief eine Männerstimme: „Let the ladys get out first!“ – und eine andere Stimme höhnte dagegen: „Let the Niggers get out first.“ Und nun platzten über die Doktorfrage, ob eine Negerin auch zu den Damen zu rechnen sei, die Leidenschaften wild aufeinander! – Merke dir auch, mein Freund, daß du Damen deiner Bekanntschaft auf der Straße nicht zuerst grüßen darfst, das würde für eine Anmaßung angesehen werden; du mußt abwarten, ob sie die Gnade haben wollen, dich noch zu kennen. Du darfst auch ein Weib nicht bewundernd anstarren, und sei es noch so schön. Hast du aber die Bekanntschaft einer Dame in Gesellschaft oder im Familienkreise gemacht, und würdigt sie dich ihres freundlichen Interesses, so brauchst du dich auch nicht so zimperlich mit ihr anzustellen, wie bei uns. Handküsse sind nicht üblich, wohl aber ein ungeniertes festes Anpacken. Wird dir z. B. die Aufgabe zuteil, eine Dame durch gefährliches Straßengewühl zu geleiten, so packst du sie fest am Oberarm und schiebst sie wie einen Karren vor dir her; das ist sicher und für beide Teile angenehm. Hast du dir gar Freundinnen in den besseren Kreisen erworben, so kannst du sie ungeniert zum Theater [pg 247]oder zum Soupieren oder zu einem Ausflug und dergleichen einladen, ohne eine Mutter oder eine Tante als Begleitung befürchten zu müssen. Wenn du von deinen Freundinnen wohlgelitten bist, kannst du dir alle möglichen Vertraulichkeiten herausnehmen, ohne daß sie selbst oder die Familie deswegen auf deinen Antrag lauert. Nur mit dem Küssen sei vorsichtig; denn das Gesetz mancher Staaten betrachtet den Kuß als Heiratsversprechen, als tätliche Beleidigung oder Körperverletzung und brummt dir pro Stück eine beträchtliche Geldstrafe auf. Natürlich gibt es aber auch nette Amerikanerinnen, die gern und gratis küssen.