Den Hut kannst du fast überall aufbehalten, nicht nur in der Synagoge, sondern auch in der Lobby des Hotels; aber im Elevator mußt du ihn stramm herunterziehen, sobald eine weibliche Person über vierzehn Jahre hereintritt. Im übrigen wirst du durch dein teutonisches Hutabreißen und beflissenes Vorstellen nur lächerlich. Mache es dir zum Grundsatz, von deinen Mitmenschen, solange sie dir nicht durch einen Dritten offiziell vorgestellt sind, keinerlei Notiz durch höfliche Formalitäten zu nehmen. Wenn du einem Bekannten oder Freunde gar auf der Straße begegnest, so hast du es auch nicht nötig, deinen Deckel herunterzureißen und deinen Skalp der Unbill der Witterung auszusetzen, du winkst mit der Hand und rufst lächelnd: „Hallo, Bobby, how do you do!“, worauf er gleichfalls winkt und ruft: „Hallo, Fritze, how do you do!“ Das ist praktisch und macht einen guten Eindruck; denn vermutlich habt ihr alle beide keine Zeit, und ist euch auch beiden gänzlich gleichgültig, zu erfahren, wie es euch geht. Auch vor Hochgestellten brauchst du keineswegs in Wurmgestalt zu kriechen; dafür verlangt man aber auch von dir, daß du die sozial untergeordnete Menschheit nicht hochmütig von oben herunter behandelst. [pg 248]Der Schatz der amerikanischen Umgangssprache ist reich an massiven Deutlichkeiten, und wenn du dir herausnimmst, einen Bediensteten anzuschnauzen, so kann es dir leicht passieren, daß du mit einer reichlichen Blumenlese aus diesem Wortschatz beschenkt wirst. Die Quintessenz der amerikanischen Höflichkeit besteht darin, daß man sich gegenseitig nicht im Wege ist, daß man seinem Nebenmenschen nicht seine kostbare Zeit stiehlt, dagegen in Verlegenheiten sich hilfreich beisteht. Ich habe gesehen, wie blinde und andere hilflose Personen sogar auf der Untergrundbahn allein fuhren. Sie können eben sicher sein, immer jemanden zu finden, der ihnen beim Ein- und Aussteigen behilflich ist und sie vor Gefahr bewahrt. Man bekommt auch fast immer klare und knappe Auskunft, wenn man sich an den ersten besten Unbekannten wendet, und wenn man ein sympathisches, vertrauenerweckendes Äußere hat, läßt sogar ein eiliger stark beschäftigter Großstädter seine Arbeit liegen und begleitet einen bis an die nächste Ecke. In den kleinen Dingen der täglichen Notdurft des Verkehrs darf man auch ruhig auf die Ehrlichkeit seiner Mitmenschen vertrauen; handelt es sich dagegen um größere Summen, so reiße deine Augen weit auf und halte deine Ohren steif wie ein Schießhund.

Hemdärmeligkeit.

Willst du in Amerika ein Geschäft eröffnen, so miete dir irgendwo im neunten oder neunundzwanzigsten Stockwerk ein Zimmerchen mit Telephon und Schaukelstuhl und engagiere dir eine Typewriterin. Sie sind fast alle ungemein gewandt und vielfach auch sehr hübsch. Alsdann ziehe deinen Rock aus – denn das tut jeder Amerikaner, sobald er sein Office betritt, sei es Winter oder Sommer –, zünde dir eine Importierte an, verbreite deine Beine anmutig über Tisch und Stühle und beginne zu telephonieren. [pg 249]Telephonieren und Briefe diktieren füllt die amerikanischen Geschäftsstunden von 10–5 Uhr vollkommen aus. Da die Amerikaner meistens gute Geschäfte machen, muß das Verfahren wohl das richtige sein. Vielleicht liegt es auch an der Hemdärmeligkeit. Oberster Grundsatz deines Verhaltens aber sei und bleibe in allen Lebenslagen, solange du drüben weilst: Nicht mit dem Hut, wohl aber mit dem Scheckbuch in der Hand, kommt man durch das ganze Land.


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Was können wir von Amerika lernen?

Das Land der absoluten Gegenwart ist für alle Kulturvölker ein Spiegel, in dem sie deutlich ihre Zukunft sehen können. Der Fortschrittsgedanke marschiert drüben in Siebenmeilenstiefeln und hat eine glatte Bahn vor sich, während unsere Schrittmacher der Entwicklung immer noch auf Hindernisse stoßen, die die Vergangenheit aufgerichtet hat, Berge von Vorurteilen, Abgründe von Dummheit, die nicht immer leicht zu überklettern oder zu überspringen sind. Wenn wir aber angesichts der drohenden Überflügelung durch die Neue Welt in allen Fragen der technischen Zivilisation daran gehen wollten, unsere Abgründe auszufüllen und unsere Berge abzutragen – was würden wir damit gewinnen? Eine trostlose Verflachung unserer Kultur. Ein wirklich gebildeter Mensch mit historisch und philosophisch geschultem Denken, mit ästhetischem Bewußtsein und einer idealistischen Weltanschauung ausgerüstet, wird, mit offenen Augen in jenen Spiegel hineinschauend, nur sagen können: Gott bewahre uns vor dieser Zukunft! Er wird einsehen lernen, daß wir unseren wertvollsten Besitz, nämlich unsere geistige Kultur, nicht den materiellen Errungenschaften der Gegenwart, sondern der fernen und fernsten Vergangenheit verdanken, und daß es gerade jene Hemmungen des Fortschrittstempos gewesen sind, die den Untergrund für unser gegenwärtiges Empfinden, Wissen und Können so überaus solid aufgemauert haben.

Das Rekordfieber.

Wir Europäer haben von Amerika schon mehr gelernt, als wir wissen und als uns gut ist. Seit nämlich die raum- [pg 251]und zeitverkürzenden Erfindungen sich zu überstürzen begannen, also seit drei Jahrzehnten ungefähr, ist von Amerika her der Rekordwahnsinn in die Welt gekommen. Fast alle die großen Erfindungen, vermöge deren wir jetzt Wasser, Erde und Luft beherrschen, sind in der Alten Welt gemacht und hätten unter allen Umständen die Wirkung gehabt, das allgemeine Tempo des Lebens zu steigern; in Amerika aber haben diese Erfindungen, der ungeheuren Entfernungen wegen, doch die rascheste und vielseitigste Anwendung gefunden und dadurch auch stärker als bei uns auf den Charakter der Menschen eingewirkt. Der Ehrgeiz, alles Neueste sich zu eigen zu machen und auf allen neuen Gebieten das Vollkommenste zu leisten, fand durch sie reichste Nahrung, und der amerikanische Snobismus, der ja wenig Gelegenheit hat, sich auf dem Felde der Literatur und der Kunst auszutoben, stürzte sich mit Begeisterung auf den Kultus der Schnelligkeit und machte den Wetteifer im Rekordbrechen zum vornehmsten Sport. Da dieser Sport sehr teuer und sehr gefährlich ist, so sagt er dem Amerikaner, der ja bessere Nerven besitzt und aufregende Vergnügungen in viel größeren Quantitäten vertilgen kann, ganz besonders zu. Er blieb aber mit seinen verrückten Schnellzugs-, Automobil-, Wasser- und Luftwettfahrten nicht im eignen Lande, sondern begann an allen internationalen Wettbewerben teilzunehmen. Sein Sensationsbedürfnis und seine unverbrauchte Kraft haben das Rekordfieber in der großen Welt gewaltig geschürt. Die enorm gesteigerte Schnelligkeit, der großartige geschmackvolle Luxus der transatlantischen Dampfschiffe haben die Yankees in immer größeren Scharen zu uns hinübergelockt, und wo immer sie in größerer Menge auftraten, zwangen sie durch ihren Reichtum die betreffenden [pg 252]Orte, sich ihren Ansprüchen anzubequemen. Genau so, wie ehemals die Reiselust der Engländer und ihr starres Festhalten an ihren nationalen Gewohnheiten, ihre Unlust und Unfähigkeit, Sprachen zu erlernen und sich fremden Sitten anzubequemen, auf die ganze Reise- und Fremdenindustrie einen starken Einfluß ausübte, so geschieht dies jetzt noch in höherem Maße durch die größere Kapitalskraft ihrer amerikanischen Vettern. Während die amerikanischen Hotels sich allmählich den europäischen Stil aneignen, bemühen sich jetzt unsere Hotels, sich zu amerikanisieren. Die Engländer kamen früher sehr häufig auf den Kontinent, um zu sparen, zeigten sich also hier geizig; die Amerikaner dagegen sind viel großartiger und leichtsinniger, als Emporkömmlinge auch protzenhafter. Das Geldausstreuen an sich macht ihnen das größte Vergnügen; aber sie verderben nicht nur die Preise, sondern auch den Stil bodenständiger Kultur, den guten Geschmack, weil sie überall die Sensation, das Äußerste, das Unerhörte verlangen. Da sie bereit sind, es gut zu bezahlen, so sucht man es ihnen zu bieten. Und so kommt es, daß auch bei uns immer mehr das Schönste und das Bedeutendste, was unsere Natur und unsere Kunst aufzuweisen haben, sich dem amerikanischen Snobismus anzupassen, und was das Schlimmste ist, zu einem Vorrecht des Reichtums zu werden beginnt. Ich erinnere nur an Bayreuth, Oberammergau, die Münchener Musikfeste, die großen Bilder- und Antiquitätenauktionen, die bekanntesten Schweizer Sport- und Kurorte. Nun will sich aber der europäische Reichtum nicht gern ausstechen lassen. Er strengt sich darum aufs äußerste an, es dem amerikanischen gleich zu tun, und so entsteht ein gefährlicher Wettbewerb in verschwenderischem Luxus. Da ferner die tiefste Bildung und der feinste Geschmack [pg 253]durchaus nicht immer an den Reichtum geknüpft sind, so machen sich Dilettantismus und Oberflächlichkeit immer mehr breit, und der Unbemittelte findet es immer schwerer, sein Bedürfnis nach Kunst- und Naturgenuß zu befriedigen. Wohl dürfen wir Völker Europas uns einbilden, daß anspruchsvoller Geschmack und tiefere Bildung bei uns verhältnismäßig verbreiteter seien, als in der Neuen Welt; immerhin sind doch aber auch bei uns die Ungebildeten in der Überzahl, und diese Überzahl wird leicht verführt durch die glänzende Außenseite, die amerikanischer Luxus auch den untergeordnetsten Betätigungen seiner Vergnügungssucht zu geben vermag. In den Niederungen der dramatischen Kunst, z. B. in der Operette, im Vaudeville, im Variété, im Zirkus dringt der amerikanische Geschmack selbst in Deutschland immer mehr durch. Das Vergnügen an den Sentimentalitäten, Hintertreppensensationen und Clownspäßen der Lichtbildtheater, an mechanischen Musikwerken, oder gar an den scheußlichen sechs Tage-Rennen der Radfahrer, mutet schon durchaus amerikanisch an.

Ansteckungsgefahr des Snobismus.