Der ausschlaggebende Einfluß des Reichtums in Bezirken, wo eigentlich nur die Autorität des Wissens und des Geschmacks bestimmen sollte, bringt das Kulturniveau in Gefahr. Die stete Aufstachelung zu Leistungen, die alles bisher Dagewesene rasch überbieten sollen, hindert die gesunde Stetigkeit der Entwicklung und drängt den Tüchtigen überall zugunsten des Fixen zurück. Als Vertreter der Neuen Welt lernen wir bei uns eine glänzende Auslese von flott und sicher auftretenden geschäfts- und sportgewandten Männern kennen, in Begleitung reizender, eleganter, siegessicherer Frauen. Das erweckt in uns die Meinung, daß diese beneidenswerten Neuweltler, die es in einer kurzen Spanne Zeit augenscheinlich so viel weiter [pg 254]gebracht haben als wir, doch wohl in allen Dingen auf dem richtigen Wege sein müßten, und wir beginnen folglich uns unserer Langsamkeit, unserer bedächtigen Gründlichkeit, Sparsamkeit und Bescheidenheit zu schämen. Wir vergessen dabei, daß gerade das Zusammenwirken dieser Eigenschaften es ist, was uns heute immer noch über die glänzende Scheinkultur der Neuen Welt ein beträchtliches Übergewicht gibt. Wenn wir uns auf den atemlosen Wettbewerb mit dem Riesenkontinent über dem Ozean einlassen, so werden wir sicher den Kürzeren ziehen. Die Quellen unseres nationalen Wohlstandes sind nicht so unerschöpflich wie die drüben, und wenn unsere Industrie, unsere Kunst, unser Handwerk ihr Hauptstreben darauf richten wollten, das unerprobte Neue, das Unfertige also, nur möglichst schnell an die Stelle des Alten zu setzen, um anderen Ländern zuvor zu kommen, so würden unsere Erzeugnisse auf dem Weltmarkt bald nicht mehr die wichtige Rolle spielen wie heute. Der Grund, weshalb die Vereinigten Staaten trotz ihrer kolossalen industriellen Entwicklung immer noch so viele Dinge von uns zu beziehen genötigt sind, liegt hauptsächlich darin, daß drüben jenes Erbinventar von Talent, Geschicklichkeit und Geschmack, durch Handwerksstolz und Berufstreue von Generation zu Generation bewahrt und verstärkt, kaum vorhanden ist. Alle diese wertvollen Vorzüge würden uns aber verloren gehen, wenn wir uns von dem amerikanischen Snobismus noch weiter anstecken ließen.

Volkstümliche Bildungsbestrebungen.

Ich habe schon bei der Schilderung des amerikanischen Zeitungswesens darauf hingewiesen, daß auch unsere Presse hie und da bereits recht bedenkliche Anläufe gemacht hat, es in skrupelloser Fixigkeit, wüster Sensationsgier und Nachgiebigkeit gegen die schlechten Instinkte [pg 255]der minderwertigsten Leserschaft sogar der gelben Presse gleichzutun. Auch bei uns beweist die Erfahrung, daß auf dem Gebiete des geistigen Schaffens die Schleuderware, wenn sie nur recht billig und einem ordinären Geschmack entsprechend aufgeputzt ist, durch den Massenabsatz erheblich mehr einbringt, als das gute, aber teurere Erzeugnis. Die Massenproduktion von Zeitungen, welche nicht zusammengeschrieben, sondern einfach zusammengeklebt, d. h. gestohlen werden, beweist dies ebenso wie der Massenabsatz von billiger und vielfach recht minderwertiger Reiselektüre. Wir haben uns neuerdings in Deutschland erfreulicherweise dazu aufgerafft, gegen diese Verflachung der Bildung, gegen diese Herabwürdigung zumal der literarischen Arbeit zum bloßen Zeitvertreib dadurch anzukämpfen, daß wir überall, bis in die kleinsten Nester hinein, eine überaus lebhafte Vereinstätigkeit entwickelt haben, deren Ziel es ist, jedermann aus dem Volke für ganz billiges Geld wertvolle Anregung, Belehrung und gute künstlerische Unterhaltung zu bieten, indem man hervorragende Fachgelehrte und Künstler zu Vorträgen gewinnt. Außerdem blühen überall die Volksbibliotheken in erfreulicher Weise auf, und wirklich wertvolle gemeinnützige Unternehmungen, wie Reclams Universalbibliothek, stehen schon nicht mehr vereinzelt da. Durch all diese Unternehmungen wird der Drang nach Belehrung, nach künstlerischer Erbauung auch in weite Schichten unseres Volkes getragen, für die früher die Quellen des Wissens und der Schönheit unerreichbar waren. Auch auf diesem Gebiete sind wir naturgemäß erheblich weiter als das Volk in den Vereinigten Staaten, obwohl auch dort, namentlich durch Gründung von musterhaft eingerichteten öffentlichen Bibliotheken und Museen, durch die University Extension und Ge[pg 256]winnung von tüchtigen Wanderrednern neuerdings sehr viel in dieser Richtung getan wird. Es ist also wahrscheinlich, daß uns in nicht allzu ferner Zeit Amerika auch auf diesem Gebiete eingeholt haben wird. Wollen wir uns nicht überflügeln lassen, so wird der Richtspruch unserer Volksbildner ebenso wie der unserer Fabrikanten heißen müssen: „Qualität, nicht Quantität; nicht vom Neuen das Neuste, sondern vom Guten das Beste; nicht das Auffallendste, sondern das Originalste, das Persönlichste, das Deutscheste bieten.“

Zähigkeit der Rassen.

Wir haben es ja so viel leichter, persönlich, original, volkstümlich zu sein, denn wir sind ein Volk, als Rasse zwar auch gemischt, aber in dieser Mischung doch schon seit Jahrtausenden konsolidiert. Was das alte Europa für den feinsinnigen Betrachter so unerschöpflich interessant macht, das ist die unendliche Abwechslung und Differenzierung im Charakter seiner Völker. Wie die Mundart schon in verhältnismäßig kleinen Bezirken wechselt, um innerhalb eines Gebietes, das kaum so groß ist wie der eine Unionsstaat Texas, so verschiedene Gebilde, wie etwa das Plattdeutsche und das Oberbayrische zu erzeugen, so wechselt auch von Gau zu Gau der Charakter der Bewohner und die Art, wie sich dieser Charakter in der Bauart, den Sitten und Gebräuchen widerspiegelt. Eine nordamerikanische Rasse gibt es aber vorläufig noch lange nicht, und die Behauptung vereinzelter amerikanischer Gelehrten, daß die Menschheit drüben sich deutlich dem Indianertypus zu nähern beginne, dürfte wohl als ein wunderliches Hirngespinst zu betrachten sein. Die Menschen, die sich in der Neuen Welt zusammengefunden haben, werden wohl noch auf unabsehbare Zeit hinaus Engländer, Iren, Schotten, Deutsche, Italiener, Russen, Juden, Neger usw. usw. bleiben. Ebenso deutlich [pg 257]wie z. B. die Neger in den Vereinigten Staaten noch nach ein- bis zweihundert Jahre langem Aufenthalt alle Schattierungen der Farbe vom Milchkaffee bis zur Schuhwichse aufweisen und dadurch immer noch deutlich den afrikanischen Landstrich verraten, dem ihre Vorväter entstammten, so wird man auch den Nachkommen der weißen Einwanderer noch auf Jahrhunderte hinaus ihr ursprüngliches Vaterland ansehen, vorausgesetzt, daß sie nicht durch fortwährende Mischehen absichtlich darauf ausgehen, ihre Rassenmerkmale zu verwischen. Es sind nur die neuen Lebensbedingungen und allenfalls die klimatischen Verhältnisse, welche drüben innerhalb der verschiedenen Rassen einen eigenartigen neuen Typus erzeugen. Wenn ein Deutscher ein oder zwei Jahrzehnte lang in Argentinien oder in Südwestafrika Farmer gewesen ist, so vermag er sich auch in seinem Wesen und in seinem äußeren Gebaren so stark zu verändern, daß seine Familienangehörigen, wenn sie ihn nach so langer Zeit wiedersehen, aus dem Verwundern nicht herauskommen. Aber er ist doch nur ein anderer Typus von einem Deutschen und beileibe kein Buschmann oder Pampas-Indianer geworden! In den Vereinigten Staaten ist überdies noch die Möglichkeit, sich den Ureinwohnern zu assimilieren, dadurch ausgeschlossen, daß diese Ureinwohner bis auf klägliche Überreste vernichtet sind. Der Deutsche kann drüben dem Engländer, der Jude dem Japaner, der Neger dem Italiener dies und jenes abgucken oder unwillkürlich in fremde Anschauungen sich hineinfühlen, fremde Gebräuche übernehmen, aber aus seiner Haut kann er deswegen noch lange nicht hinaus. Es wohnt also drüben ein Völkermischmasch ohne eigne Sprache und ohne eine gemeinsame Tradition, der eben erst angefangen hat, aus den neuen Lebensbedingungen heraus gemeinsame Kultur[pg 258]ideale zu suchen. Von einem amerikanischen Volke wird man erst sprechen können, wenn die ungeheuren Ländergebiete drüben so gleichmäßig bis zur Sättigung bevölkert sind, daß die Regierung auf die Aufnahme weiterer Einwanderer dankend verzichten kann. Aber auch bei verschlossenen Türen wird der Prozeß der Durchrührung des so verschiedenartigen Geblütes viele Jahrhunderte in Anspruch nehmen. Vielleicht wird es im Jahre 3000 eine nordamerikanische Rasse geben – denkbar aber auch, daß bei der sich immer steigernden Leichtigkeit des internationalen Verkehrs und der Interessenassimilation der großen Kulturwelt überhaupt eine Rassenbildung nicht mehr möglich ist, und die ganze Änderung darin bestehen wird, daß die alten Rassen ihre charakteristischen Eigenschaften verlieren und höchstens noch, als pikante Erinnerung an die einstige schöne Verschiedenartigkeit, Farbennuancen übrig bleiben. Sollte dieser Zustand in ein- bis zweitausend Jahren wirklich schon eingetreten sein, dann könnte man davon sprechen, daß Amerika uns verschlungen habe, insofern als das Wesen des heutigen Amerikas bereits allerlei Wirkungen jener Rassen zerstörenden Tendenz bemerken läßt. Die Gewissensfrage ist für jeden einzelnen: soll ich dazu beitragen, die Entwicklung zum rassenlosen Weltbürgertum zu beschleunigen, oder soll ich mich mit all meinen Kräften dagegen sträuben?

Heimat.

Wenn man aus den Vereinigten Staaten nach Europa zurückkehrt, so nimmt zunächst das Auge mit wonnigem Behagen den Eindruck der Ordnung, der Fertigkeit, der stilsicheren Harmonie zwischen Natur und Menschenwerk in sich auf. Sei es eine englische Hügellandschaft mit ihrem üppigen Wiesengrün und ihren anmutigen Heckenzäunen, sei es ein französischer alter Herrensitz mit wundervollem Schloß, umgeben von Weinbergen, [pg 259]Blumen und Obstgärten, sei es selbst nur eine arme deutsche Flachlandschaft mit ihren peinlich nach der Schnur bestellten Feldern, ihrem trauten Dörflein, so behaglich im Schatten alter Baumgruppen versteckt, sei es eine moderne Großstadt mit imposanten geraden Straßenfluchten, voll prunkender öffentlicher Gebäude, oder sei es endlich gar eine uralte, winklige, hochgieblige, vieltürmige Kleinstadt, noch durch alte Ringmauern und Wachttürmchen gegen einen längst nicht mehr existierenden Feind geschützt. Alles das sind Dinge, die wir jenseits des Ozeans schmerzlich vermißt haben und die man uns auch drüben nicht nachahmen kann. Das ist Tradition einer alten Kultur, das sind Instinktleistungen einer tief verankerten Disziplin, ästhetische Werte, die nicht nur die Sinne des anspruchsvollen höheren Menschen erfreuen, sondern auch ethisch überaus fruchtbar sind, weil in allen diesen Dingen die besten Kräfte der Rasse äußerlich sichtbar werden. Diese ethisch ästhetischen Werte sind es, die den Begriff der Heimat schaffen, und nur innerhalb solcher Heimat gibt es ein wirkliches Lebensglück. Wer gedankenlos nur der Gegenwart lebt, der kann leicht dazu kommen, die Heimat zu unterschätzen, weil er meint, daß das Glück da wohnen müßte, wo die Mittel zu einem üppigeren Dasein leichter zu erreichen sind, und wo es weniger schwer als daheim sei, in weiteren Bezirken eine erheblichere Rolle zu spielen. Für solche Leute ist es wohl angebracht, nach Amerika zu gehen; denn durch den Vergleich mit dem trostlosen Einerlei der Menschheit und der Menschenwerke da drüben werden sie erst den Wert der Heimat schätzen lernen – es sei denn, daß sie zu den blinden Seelen gehören, welche im rein materiellen Genuß ihr Genügen finden. Die Amerikaner, deren geistige Ansprüche eine vertiefte Bildung gesteigert hat, kommen ja [pg 260]jetzt mit ihrem großen Hunger nach echter Kultur zu uns nach Europa, um bei uns zu lernen, wie man zu jener herz- und sinnerfreuenden Stilharmonie gelangen könne, die ihre vorläufig noch fast ausschließlich technische Kultur ihnen nicht zu bieten vermag. Sie bekommen alle eine ehrliche Hochachtung vor unserer Wissenschaft, vor unserer Kunst, vor der Solidität unseres Handels und unserer Industrie, vor der Geschicklichkeit unserer Handwerker, vor der wohldisziplinierten Ordnung unserer Lebensverhältnisse; viele von ihnen bringen auch als Reisegewinn eine liebenswürdig verschämte heimliche Liebe zu unserer Romantik mit heim – nachahmen aber können sie auch beim besten Willen diese unsere Vorzüge schwerlich, und es bleibt ihnen weiter nichts übrig, als in Geduld abzuwarten, bis sie selbst ein einheitliches Volk mit eigner Tradition geworden sind.

Arbeit und persönliche Würde.

Umgekehrt sendet Europa jahraus, jahrein eine gar buntscheckige Gesellschaft von Lebensstudenten in die Neue Welt hinüber: alle die überzähligen Esser kinderreicher Familien, unzufriedene, verärgerte, aufsässige und abenteuerliche Naturen, verkrachte Existenzen, Durchbrenner aus allen Ständen, und diese schwierige Gesellschaft lernt tatsächlich da drüben mehr, als sie irgendwo in der Alten Welt lernen könnte. Der entschlußunfähige Dummkopf, der gewohnt ist, darauf zu warten, bis eine liebevolle Obrigkeit ihn dahin stupft, wo man seine Muskeln gebrauchen kann, der langsame, ängstliche Philister, der faule Träumer, der vornehme Müßiggänger, der hochmütige Geld- oder Wissensprotz – sie alle werden zunächst einmal durch die gröblichen Fauststöße der harten Not darauf aufmerksam gemacht, daß die Parole in der Neuen Welt laute: Augen auf! nicht abwarten, sondern zugreifen! Nicht genieren! Wer essen will, muß arbeiten, [pg 261]und der persönlichen Würde tut es keinen Eintrag, ob du von Kartoffeln oder von Filetbeefsteaks satt wirst. Wer weder ein Betriebskapital mitbringt, um sofort ein selbständiges Geschäft anzufangen, noch ein Handwerk, eine Kunst, eine Wissenschaft so praktisch zu verwerten weiß, daß er in seinem Fach ohne weiteres Unterkunft und Nahrung findet, der muß sich eben ohne Zögern auf dem großen Arbeitsmarkt für jede beliebige Tätigkeit zur Verfügung stellen, die bezahlt wird. Ich habe drüben Trambahnschaffner getroffen, die erst wenige Wochen im Lande waren und bei uns maturiert hatten, adlige Offiziere in Mengen als Kellner, Reitknechte, Kutscher und Chauffeure. Hat jemand kaufmännische Veranlagung, so bringt er es unschwer dazu, Agent für irgendeine Warenspezialität zu werden; zeigt er sich hierin gewandt, so ist der Schritt zum selbständigen Geschäftsmann nicht mehr schwer. Das Gute bei dieser Härte ist, daß sich der Amerikaner durch Anmaßung, hinter der keine offensichtliche Kraft steckt, nicht imponieren läßt. Der Yankee macht sich freilich oft lächerlich durch sein übereifriges Herandrängen an unsere Höfe, an unseren Adel, und der echte Republikaner drüben ist mit Recht empört über das Bestreben seiner Emporkömmlinge, die schwere Mitgift der Töchter gegen europäische Titel und Stammbäume einzutauschen; aber man merkt bei näherem Zusehen doch bald, daß es nicht der Titel an sich ist, welcher diese faszinierende Wirkung übt, sondern vielmehr die mit altem Adel verbundene vornehme Sicherheit des Auftretens, die unnachahmliche Grandseigneur-Manier. Wo diese fehlt, wie bei den meisten drüben ihr Brot suchenden, heruntergekommenen Adligen, da versagt der Zauber völlig. Eine Persönlichkeit, die sich nicht kraft ihrer ungewöhnlichen geistigen oder physischen [pg 262]Begabung durchzusetzen versteht, muß unerbittlich in die Hackmaschine hinein und geht in der großen Gleichheitswurst auf. Aber auch mit philiströser Bedenklichkeit kennt das amerikanische Leben kein Erbarmen. Wer in der kecken Fixigkeit des Lebens den Atem verliert, der kommt elend am Wege um. Will einer das rasende Gefährt des Fortschritts unterwegs verlassen, so muß er schon sehr geschickt in der Fahrtrichtung abzuspringen verstehen – nach rückwärts aussteigen heißt unter die Räder kommen.

Juristen und Menschenkenner.