Nicht vorstellen! Great reception.
Die große reception, dieser Schrecken aller Schrecken für berühmte Mauernweiler, diese echt amerikanische „Hetz“, pflegt nach dem Vortrag des zu feiernden Gastes in einem möglichst großen Saale stattzufinden. Der Amerikaner stellt sich bekanntlich nie selber vor. Man kann stundenlang im Eisenbahnwagen miteinander fahren und sich angeregt unterhalten, man kann sogar wochenlang auf einem Dampfer Tisch- und Kabinennachbar eines scharmanten Menschen sein, ohne daß es ihm einfallen wird, sich selber vorzustellen. Und wenn der wackere Deutsche in seiner angeborenen Höflichkeit sich bemüßigt [pg 13]fühlt, einer solch angenehmen Reise- oder Table d’hote-Bekanntschaft gegenüber die Hacken zusammenzuschlagen und mit kommentmäßig heruntergeklapptem Haupte zu schnarren: „Sie gestatten, mein Name ist Müller,“ so riskiert er, daß der Angeredete, ohne sich von seinem Sitz zu erheben, ihn von unten herauf gelangweilt anschaut und mit gequetschtem Nasentone die impertinent zweifelnde Frage zurückgibt: „Aoh, is that so?“ Der Amerikaner hat stets den Ehrgeiz, mit prominenten Leuten bekannt zu werden. Ausländische Berühmtheiten interessieren ihn brennend, und für Leute mit schönen Titeln und langen Namen aus Europa hat er eine besondere Schwäche, aber niemals würde er sich einfallen lassen, eine formlose Vorstellung zu provozieren. Man kann in der guten Gesellschaft nur miteinander bekannt werden, indem man von dem Gastgeber, bei dem man sich trifft, offiziell einander vorgestellt wird. Diesen Zweck erfüllen unter anderen Veranstaltungen auch die berüchtigten receptions. Jeder, der nur irgendwelche Berührungspunkte mit der gesellschaftlichen Sphäre oder mit dem Beruf des prominenten Gastes hat, bemüht sich, eine Einladung zu solcher reception zu bekommen. Der Vorgang bei dieser hochnotpeinlichen Prozedur, wie ich sie im Staate Wisconsin in musterhafter Form erlebt habe, ist folgender: Man stellte mich an eine Säule an der Schmalseite des großen Saales und meine Frau an eine andere Säule wenige Schritte davon entfernt. Mir zur Seite trat ein Gentleman-Usher und an die Seite meiner Frau eine Lady-Usher (Usher = Einführer). Von diesen wird vorausgesetzt, daß sie wie ein Hofmarschall alle eingeladenen Herrschaften nach Namen, Rang und Stand kennen. In langer Reihe, einzeln oder paarweise hintereinander nahen sich nun die Scharen derer, die unsere Bekanntschaft zu machen [pg 14]wünschen, und der Usher waltet seines Amtes. „Erlauben Sie mir, Ihnen Mister und Missis John Dubbleju Weber (sprich: Uebbäh) vorzustellen. Einer der prominentesten Bürger unserer Stadt, man kann sagen einer ihrer Begründer, denn er hat vor vierzig Jahren hier in dem Indianerdorf, das damals auf dieser Stelle stand, den ersten Laden für baumwollene Taschentücher, Whisky, Kautabak und Schießpulver eröffnet.“
„How do you do, Mister Uolsogen?“ gurgelt Mister John Dubbleju Uebbäh aus seiner respektablen Speckwampe heraus und beginnt mit meinem Arme wie mit einem Pumpenschwengel zu hantieren. „Komme Se mal zu mir, da wer’ ich Se mal was Scheenes ßeigen; und bringen Se auch de Frau Uolsogen mit, wenn se Äntiquitis gleicht.“ (Antiquitäten gern hat).
Und Missis Uebbäh, eine umfangreiche Dame mit kolossalen Brillantboutons in den Ohrlappen, grinst mich mütterlich bewegt an und versichert, entzückt zu sein, mich zu treffen. Der Mann gibt meine Hand an sie weiter, und sie pumpt die Behauptung aus mir heraus, daß ich glücklich sei, Persönlichkeiten vor mir zu sehen, welche die ganze Geschichte dieser berühmten Stadt nicht nur mit erlebt, sondern sozusagen selber gemacht hätten.
„Move on, please!“ sagt der Usher und schiebt das imposante Ehepaar sanft weiter, worauf er mich mit Mister und Missis Isaak O. Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) bekannt macht. Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) ist mit sieben Cents in der Tasche vor fünfundzwanzig Jahren hier eingewandert und hat etwa ein Dutzend Mal seinen Beruf gewechselt, bis er sich auf Rattengift geworfen hat. Seit einigen Jahren steht er an der Spitze des Patent-Ungeziefervertilgungsmitteltrusts und ist elf Millionen Dollar wert. [pg 15]Seine Frau ist tief ausgeschnitten und bedeckt ihre wogende Blöße mit Brillanten für etliche Hunderttausende. Sie ist so schrecklich betrübt (so awfully sorry!), daß ihre Tochter mich nicht kennen lernen kann, denn die ist vergangenes Jahr in Deutschland gewesen und so eingenommen von der deutschen Literatur. Sie habe viele von meinen Büchern gelesen, darunter natürlich auch meinen entzückenden „Herrgottsschnitzer von Oberammergau“ und meinen reizenden „Hüttenbesitzer“ und überhaupt beinahe alles. Leider habe das Mädchen die Mumps.
Beschämt und tief gerührt bekenne ich, daß diese genaue Kenntnis meines dichterischen Schaffens mich zum ersten Mal das Hochgefühl einer wahren Popularität auf zwei Hemisphären voll empfinden lasse.
Mister Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) quetscht mir bewegt die Hand, und Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) hat noch eine Frage auf den üppigen Lippen, als mein Usher mir bereits einen ehrwürdigen Greis in weißem Lockenschmucke, das glattrasierte Antlitz scharf und geistvoll geschnitten, als den berühmten Professor der Ethik, Dr. James Cadwalleder B. Mapletree vorstellt. Der berühmte Gelehrte ist so steinalt, daß ich ihm aufs Wort geglaubt hätte, wenn er mir versichert hätte, daß bereits George Washington, Benjamin Franklin und Henry Clay (welch letzterer übrigens keineswegs Zigarrenfabrikant in Havanna, sondern ein 1852 verstorbener bedeutender Staatsmann ist) bei ihm Colleg gehört hätten. „Froh, Sie zu treffen, Baron“, beginnt der große Gelehrte, mir kräftig die Hand drückend, und wissend, daß ihm nicht viel Zeit gegeben ist, knüpft er gleich eine Frage über den Stand der Ethik in Deutschland als wissenschaftliche Disziplin sowie als bewußte Ausdrucksform der Volks[pg 16]seele an. Ich erinnere mich zum Glück, daß ich jahrelang eifriges Mitglied des Ethischen Klubs im Kellerlokal des Hofbräu-Ausschankes in der Französischen Straße in Berlin gewesen bin und erkläre ihm, daß wir in der Ethik durchaus obenauf, up to date wären und überhaupt...
„Move on, please!“ ruft der unerbittliche Usher, und der große Gelehrte bezähmt lächelnd seinen Wissensdurst und läßt sich ohne Murren weiter schieben.
Es kommen deutsche Mitglieder der Fakultät an die Reihe, mit denen ich im Fluge gemeinsame Beziehungen in der Heimat entdecke, es kommen Yankees, die wirklich im deutschen Geistesleben zu Hause sind und auch tatsächlich den „Kraft-Mayr“ gelesen haben, es kommt die Vorsteherin einer Mädchenschule, die just meine „Gloriahose“ in ihrer Klasse übersetzen läßt – lauter Menschen, mit denen man sich gern zum Warmwerden in ein Eckchen zurückziehen möchte – es hilft nichts: „Move on, please!“ kommandiert die sanfte Stimme meines Ushers. Folgsam und wohlanständig schieben sich die Hunderte von Menschen, alte und junge, Zierden der Alma mater und feste Säulen der Bürgerschaft, prominente und unerhebliche Leute, Männlein und Weiblein langsam weiter, und alle, die mir mit größerer oder geringerer Ausgiebigkeit die Hand geschüttelt und versichert hatten, daß sie so glücklich seien, mich zu treffen, fragen zwei Minuten später an der nächsten Säule meine Frau, wie es ihr gehe, und sind alle ausnahmslos so glücklich, sie zu treffen. Zuletzt kommt das junge Volk an die Reihe: lustige Studentinnen, die mit einem vergnügten Knall in die Hand einschlagen und die Affäre mit dem stereotypen „How d’ye do?“ möglichst rasch erledigen, oder aber kichernd ihre deutschen Brocken anzubringen versuchen. Unter den letzten ist ein lang aufgeschossener Student [pg 17]mit sehr großen roten und kalten Händen, der mir sein deutsches Literaturgeschichtsbuch mit der Bitte überreicht, ihm da etwas hineinzuschreiben.
„Stehe ich drin in diesem Leitfaden?“ frage ich den glatten Jüngling.