„Ich bin betrübt, nein zu sagen,“ lächelte er verlegen, und ich attestiere es ihm schriftlich in sein Buch hinein, daß das eine ganz miserable Literaturgeschichte sei.
Ausgestanden!
Gott sei Dank, endlich ausgestanden! 170 Menschen sollen es gewesen sein. Man darf sich endlich setzen und bekommt ein Sandwich oder so etwas ähnliches und selbstverständlich das entsetzliche Eiswasser oder den unvermeidlichen Icecream angeboten. Man nimmt sich einige der Herrschaften beiseite und fragt sie auf Ehre und Gewissen, ob sie etwa durch diese „reception“ glücklich geworden seien. Die sind mit uns völlig einig darüber, das solche Veranstaltungen der größte Blödsinn von der Welt seien, so ungeeignet wie möglich, den angeblichen Zweck des gegenseitigen Kennenlernens zu erfüllen. Aber trotzdem: wenn das nächste Mal zur Besichtigung eines importierten Dichters oder eines sonstigen seltenen Tieres eingeladen wird, so sind sie doch alle wieder da. Missis Waddlepaddledaddle (oder so was ähnliches) mit ihren sämtlichen Brillanten und mit der Tochter, die inzwischen vielleicht die Mumps überstanden haben wird, Mister und Missis John Dubbleju Uebbäh, der eigentliche Gründer des jetzt so blühenden Gemeinwesens, und die sämtlichen anderen Prominenten der Stadt, die Professoren mit ihren Damen, und auch der achtzigjährige James Cadwalleder B. Mapletree wird sich wieder geduldig in die Reihe stellen und wieder seine Frage nach dem Stand der Ethik in Europa nicht beantwortet kriegen. Es ist nun einmal eine Genugtuung für den richtigen Amerikaner, sagen zu [pg 18]dürfen: „Da und da traf ich den berühmten X. und schüttelte Hände mit ihm.“ Der Präsident der Vereinigten Staaten hat das Vergnügen, alljährlich bei der großen Neujahrsreception Tausenden von Menschen die Hände zu schütteln und jedem einzeln zu versichern, daß er so froh sei, ihn zu treffen. Unser Prinz Heinrich soll sich nach Beendigung seiner Amerikatour in seine Kabine eingeschlossen und 48 Stunden hintereinander geschlafen haben. Ich glaub’s gerne, daß er das nötig hatte, denn der mußte täglich Bankette und Receptions mitmachen, bei denen noch x-mal so viel Hände zu schütteln und Trinksprüche zu beantworten waren, abgesehen davon, daß er im Laufe des Tages auch noch sämtliche Kriegerdenkmäler, Bibliotheken, bedeutende Fabrikbetriebe, Preisbullen und Deckhengste besichtigen mußte. Auch mir, dem bescheidenen Dichter, wurde der berühmte arabische Deckhengst von Columbus mit seinen hochmütig starren Monokelaugen vorgeführt, auch vor mir tänzelte der kokette Racker, die x-fach preisgekrönte Jerseykuh, auch mir zu Ehren wurden Hekatomben von Schweinen in den Stockyards abgestochen; aber für mich gab es doch immerhin Ruhepausen, stille Tage in befreundeten Familien, zeitweises Untertauchen in Hausrock und Pantoffeln. Für unseren unglücklichen Repräsentationsprinzen gab es das alles nicht, er war von früh bis in die späte Nacht tagtäglich im Geschirr. Seine Nervenleistung war so enorm, daß sie schließlich sogar den Amerikanern imponiert hat.
Die erste Frage jedes Eingeborenen der Vereinigten Staaten an den Fremdling, und wäre er auch eben erst in Hoboken gelandet, ist: „Wie gefällt Ihnen Amerika?“ Sie sollten eigentlich fragen: „Wie halten Sie Amerika aus?“ Denn das ist, wenigstens für den offiziell herum[pg 19]gezeigten Mauernweiler, wirklich die Kardinalfrage da drüben. Mein Gott, es ist eben ein ganz junges Volk, und sie sind so ungeheuer stolz auf die riesigen Proportionen ihres Landes, auf die erstaunliche Größe, Neuheit, Kühnheit aller ihrer Unternehmungen, daß jeder Amerikaner den Kitzel in sich verspürt, jeden Fremden, der auf der Straße irgend etwas anstaunt, zu fragen: „Na, was sagen Sie dazu, elender Europäer, bartbewachsenes Blaßgesicht, kolossal, was? Habt Ihr drüben nicht!“
Die reizende Reporterin.
In Philadelphia wurde ich von einer reizenden jungen Reporterin interviewt. Selbstverständlich: „How do you like America“ usw., und dann kam die verfängliche Frage: „Und was denken Sie von unserer Kultur?“ Da kratzte ich mir den Kopf und sagte: „Mein liebes Fräulein, in diese Mausefalle spaziere ich Ihnen nicht.“ Und nun schlug das süße Ding seine wunderschönen Augen mit einem so traurig enttäuschten, kindlich erschrockenen Blick zu mir empor – ich werde diesen rührenden Blick nie vergessen! Und um Ihrer schönen traurigen Augen willen, reizendes Fräulein von Philadelphia, gedenke ich nunmehr alle meine Eindrücke von meiner Amerikafahrt unter dem Gesichtspunkt zu revidieren, daß bei diesem großen Volke eben alles noch Jugend, holde, wilde, ungezogene, starke, unanständig gesunde Jugend ist.
Die Yankeerasse.
Angelsachsen und Kelten. Rassestolz. Töchter im Tauschhandel.