Endlich kommt der Vater nach Hause. Die Köchin ist ihm weinend entgegengelaufen und hat ihm kurz berichtet. Er hat sie unwillig angehört und mit dem Fuß gestampft. Heulende Weiber sind ihm verhaßt. — Dann hat er in seinem Zimmer ohne Eile den Kugelstutzen im Gewehrschrank versorgt, das Jagdmesser abgeschnallt, die Hausjoppe angezogen und geht nun mit starken Schritten dem Bubenzimmer zu. Bei seinem Nahen wimmert Felix lauter, er weiß, daß er harte Vorwürfe zu hören bekommt. Der Vater tritt ein, läßt sich von der Mutter kurz Bescheid geben und knurrt böse: „Schafskopf!“ Dann sagt er, schroff und hart: „Ich bitte mir aus, daß das Gejammer aufhört! Sofort! Damit wird die Dummheit nicht besser!“ Felix verstummt. Der Vater nimmt den Verband vom Auge, untersucht sorgfältig die winzige Wunde, richtet sich dann auf und starrt den Jungen finster an. Die Mutter will in höchster Angst in seinem Gesicht lesen. Sie hofft noch. Der Junge bebt in stummer, qualvoller Erwartung.

Da kommt es halblaut, knurrend aus des Vaters Mund: „Ich kann es ohne Spiegel nicht genau feststellen — aber das Auge ist wahrscheinlich verloren! Eine schöne Geschichte!“ — Als Felix aufheulen will, bringt er ihn mit einem Donnerwort zum Schweigen, wendet sich dann kurz und geht hinaus. Die Mutter weiß, daß es ihm nahe geht, daß er keine Weichheit zeigen will und sie in Wut umsetzt. Sie fühlt aber auch, wie furchtbar diese Härte auf Felix wirken muß. So beugt sie sich zu ihm, der nun fassungslos weint, umschlingt ihn und mischt ihre Tränen mit den seinen.

Nachmittags fährt der Vater mit Felix in die Stadt und kommt am nächsten Tag allein zurück. Er sieht finster und gereizt aus, und die Kinder gehen ihm aus dem Weg. Die Mutter ist sehr bedrückt und kämpft oft mit den Tränen. Von Felix wird nicht gesprochen. — Der Vater macht die großen Hirschjagden mit und schießt einen starken Kronenzwölfer. —

Nach etwa zehn Tagen kommt plötzlich der Herr Rat angereist, diesmal von der Bahnstation. Als die Kinder ihn jubelnd begrüßen wollen, wehrt er sie ab und fragt seltsam aufgeregt nach dem Vater. Der Vater ist im Wald. Und die Mutter im Dorf. Der Herr Rat sitzt vor dem Haus, die Kinder leisten ihm auf ihre Art Gesellschaft. Plötzlich fragt er sie in einem Ton, wie sie ihn noch nie von ihm gehört haben, seltsam scharf und bitter, ob sie denn gar kein Mitleid mit ihrem armen Bruder hätten? Der liege in der Stadt, allein, im dunklen Zimmer, habe Schmerzen und Heimweh — — — dem Herrn Rat zittert die Stimme. — Max spuckt leise aus und geht langsam fort. Fritz macht runde Augen und denkt krampfhaft nach: Felix — Felix. — Gretl aber sieht dem Herrn Rat starr ins Gesicht und weint plötzlich laut auf.

Da kommt die Mutter zurück und scheint sehr erschrocken, als sie den Herrn Rat erblickt. Sie geht mit ihm ins Haus, nachdem sie Gretl dem Kindermädchen übergeben, und Fritz in den Garten geschickt hat. —

Fritz schleicht ums Haus, bis unter die Fenster des großen Speisezimmers. Dort, unter eine dichte Jasminhecke gekauert, findet er Max, der ihm wütende Zeichen macht. Der Kleine kriecht zu ihm hin, Max drückt ihn hart zu Boden und zischt: „Da hock dich her und trau dich nicht zu mucksen! Die sind oben im Zimmer — da hören wir gleich, was los ist!“ Und schon klingt aus dem offenen Fenster die Stimme des Herrn Rats, laut und heftig. Dazwischen ein paar Worte der Mutter — sie weint.

„Ich muß Ihnen gestehen, gnädige Frau, daß ich ein solches Vorgehen nie für möglich gehalten hätte! Den Buben in einem glühheißen, verdunkelten Stadtzimmer einsperren — allein, ohne Trost, als Pflegerin nur die alte Köchin! Seit Tagen hat er kaum noch geschlafen, als ich gestern von der Reise zurückkam und von dem Unglück hörte, lief ich gleich zu ihm und war geradezu entsetzt! Er war halb wahnsinnig, hatte einen förmlichen Weinkrampf! Gnädige Frau — wenn Ihr Herr Gemahl das verantworten zu können glaubt — wie durften Sie das zulassen?“ Hier hört man die Mutter stammeln: „Mein Gott, was kann ich denn tun?“ und dann hilflos aufweinen. Fritz bebt am ganzen Körper in maßloser Aufregung. Max hält ihn hart am Genick gefaßt und schüttelt ihn leise. In seinen Augen ist ein böser Glanz. — Nun geht oben eine Tür, fällt scharf ins Schloß — ein paar starke Schritte — dann des Vaters Stimme: „Was ist denn los?“ — Und wieder des Rates Stimme — Klagen, Vorwürfe. Man hört die Mutter weinen. Der Vater will heftig werden, der Rat gibt nicht nach. — Fritz hat sich ein wenig aufgerichtet und starrt dem Bruder atemlos ins Gesicht: dort steht wilder Triumph. — „Jetzt kriegt er’s einmal ordentlich! Mein Lieber!“ zischt Max. Dann lauschen sie weiter — der Rat sagt aufgeregt, laut: „Es muß sofort etwas geschehen — hoffentlich ist es noch nicht zu spät. Das Gesetz verlangt die Einwilligung des Vaters — nur deshalb bin ich noch herausgekommen. Ich fahre mit dem Buben morgen früh nach Wien, zu Hofrat Bergmann. Wollen Sie mir eine schriftliche Erklärung mitgeben, daß Sie nötigenfalls mit einer Operation einverstanden sind!“ Das klang wie ein Befehl — die Buben harren entsetzt — jetzt muß etwas Furchtbares folgen. Doch nein — ein kurzer, heftiger Ausruf nur, ein Aufweinen der Mutter, dann tritt der Vater ans Fenster, schließt es umständlich — die Buben drücken die Köpfe tief ins Gras, liegen atemlos still — dann werden die Stimmen leiser gedämpfter, gehen in ruhigen Gesprächston über. Worte versteht man nicht mehr.

Abends müssen die Buben in ihrem Zimmer essen. Der Herr Rat, heißt es, ist wieder weggefahren und lasse sie grüßen. Schwüler Druck über dem ganzen Haus. Max wartet, bis das Mädchen mit dem Essen aus dem Zimmer ist und beginnt dann flüsternd seine Ansicht zu entwickeln: „Die Patrone wird ihm ins Gehirn gegangen sein und jetzt müssen sie ihm den ganzen Kopf aufmachen! Ich weiß, bei uns hat sich voriges Jahr beim Turnen einer den Kopf aufgehaut, dem haben sie auch alles rausgenommen! Mein Lieber!“ — Und Fritz hört bebend zu.

22

Wieder in der Stadt. — Max ist fort. — Felix ist mit dem Herrn Rat aus Wien zurückgekommen. Blaß und elend. Er trägt rechts ein Glasauge, das kann er ganz schnell herausnehmen und wieder einsetzen. Nimmt er’s heraus, dann sieht die leere Augenhöhle zum Fürchten aus. Gretl kann es nicht ertragen und weint jedesmal. Auch Fritz graut davor, aber er verlangt es doch immer wieder zu sehen.