Abends kommt der Vater vom Pirschgang mit einem starken Bock heim. Bei Tisch erzählt er mit Jägerfreude alle Einzelheiten der Erlegung. Die Familie lauscht andächtig, nur Fritz wetzt unruhig hin und her und platzt in den allgemeinen Beifall hinein: „Bitt’ schön, der Max hat aber gesagt, das ist eine Grausamkeit, so ein armes Reh erschießen, was einem nix getan hat! Was das schon für eine Kunst ist, hat er gesagt!“ Mutter und Kinder sitzen starr vor Schreck. Felix wird totenblaß, er weiß ja, daß Max tatsächlich einmal im Schlafzimmer die furchtbare Lästerung ausgestoßen hat, weiß aber auch, daß sie gewiß nicht für des Vaters Ohren bestimmt war. Wenn der Kleine ihn nun als Zeugen anruft — was soll er sagen? — Max hat einen roten Kopf bekommen und wartet bockig ab. Aus dem Augenwinkel schießt er dem Bruder einen Blick zu, der nichts Gutes verspricht. — Die Mutter möchte vermitteln, blickt ängstlich auf den Gatten, vorwurfsvoll auf Fritz, mahnend auf die anderen. — Gretl hat nichts verstanden, doch spürt sie den allgemeinen Druck und macht ängstliche Augen. Der Vater hat das unnahbarste Hoheitsgesicht aufgesetzt, blickt wie aus Wolkenhöhen auf Max herab und fragt mit starker Stimme: „Ist das wahr?“ — Keine Antwort. Max schweigt bockig. Und das übliche Donnerwetter hebt an: „Du bist der größte Schafskopf, der mir je untergekommen ist.“ Die Stimme wird heftiger, jetzt und jetzt muß es Hiebe setzen. Da rettet Gretl den Bedrohten, indem sie in angstvollem Mitleid aufweint und den Kopf in der Mutter Kleid verbirgt. Dem kann der Vater nicht widerstehen, er nimmt das Mädel auf den Schoß, streichelt sie, spricht ihr zu. „Nicht schlagen, Max! Nicht schlagen!“ schluchzt Gretl. „Aber nein, wer denkt denn dran! Wein’ nur nicht!“ knurrt der Vater zärtlich. „Verdient hättest du’s ja, Lausbub!“ Dies mit einem letzten Wutblick zu Max. Doch das Gewitter ist gebrochen. Die Mutter greift rasch ein, schickt Fritz zu Bett, winkt Felix, daß er dem Vater die lange türkische Pfeife mit allem Zubehör zureiche, legt selbst die Abendzeitung zurecht und nimmt dann Gretl auf den Arm, um sie ins Schlafzimmer zu tragen. Felix und Max sitzen lautlos und atmen die starkduftenden Tabakwolken ein, die hinter der Zeitung hervorwirbeln. Sie wagen weder zu lesen, noch irgendein Brettspiel zu beginnen, noch gar miteinander zu flüstern. Max zeigt nur unter dem Tisch eine furchtbar geballte Faust und winkt vielsagend nach dem Bubenzimmer. — Dort liegt Fritz mit weitoffenen Augen im Dunklen. Die Mutter kommt nochmals nach ihm sehen, nachdem sie Gretl zur Ruhe gebracht hat, setzt sich an den Bettrand und fragt vorwurfsvoll, fast weinerlich: „Wie konntest du nur, Fritz, wie konntest du nur?“ — „Weil er mir kein Pferd mitgebracht hat! — Und weil er mich noch ausgelacht hat!“ gibt Fritz trotzig und ungerührt zurück. Die Mutter erhebt sich kopfschüttelnd und läßt ihn allein.

Er liegt noch wach, als die Brüder eine Stunde später schlafen gehen. Max möchte ihn leidenschaftlich gern prügeln, aber der Kleine zischt giftig: „Trau dich nicht! — Ich weiß noch ganz was anderes auf dich!“ Da strafen sie ihn mit Verachtung. Max erzählt im Dunkeln, ausdrücklich nur an Felix gewendet, wie es im Kadettenkorps den Angebern ginge: „Der kriegt eine Decke über’n Kopf und wird so gehaut, so gehaut, sag’ ich dir, daß er sich gar nimmer auskennt! Voriges Jahr haben sie einen totgeschlagen, und niemand hat gewußt, wer’s war! Mein Lieber!“ Das letzte ist eine faustdicke Lüge. Aber Fritz schaudert vor Angst und die anderen fühlen es erfreut.

20

Der älteste und weitaus beste Freund der Familie ist der Kommerzienrat Arnold, ein reicher Großkaufmann, alter Junggeselle und großer Feinschmecker, der rundlich, vergnügt und behäbig von seinen Renten lebt. Er liebt die Kinder sehr, doch Felix, den verschüchterten, geduckten Jungen hat er ins Herz geschlossen. Ihm zuliebe kann er sich sogar zu einem Widerspruch gegen den Vater aufraffen, in dem er sonst den Gewaltmenschen ein wenig fürchtet und zugleich den Arzt seines Vertrauens verehrt. — Alljährlich bringt er ein paar Sommerwochen in Weißwasser zu, dem Landhaus der Familie. Altväterisch kommt er im eigenen Wagen angefahren, mit großen, alten Lederkoffern, deren unergründliche Tiefen für jedes der Kinder, doch auch für die alten Dienstleute gediegene Geschenke bergen. Ein Herzleiden verbietet ihm weite Bergwanderungen, doch zwingt ihn Rücksicht auf sein Wohlbefinden mehrmals täglich zu kleinen Verdauungsspaziergängen, auf denen er sich gerne von einem oder zwei der Kinder begleiten läßt. Das entmenschte, lallende Kauderwelsch, das viele Erwachsene für die richtige Verkehrssprache mit Kindern halten, liegt ihm nicht. Er nimmt die Kinder richtig ernst, hört ihren Erzählungen aufmerksam zu und gibt gewichtigen Rat, wie ein böses Steckenpferd zu bändigen, oder eine schlechtschießende Holzpistole zu verbessern sein könnte. Gelegentlich läßt er sich auch in Spiele mit hineinziehen, doch immer nur in passiven Rollen, die keinerlei Bewegung erfordern. So läßt er sich gern als wilder Elefant mit größter Vorsicht beschleichen und lebendig fangen, während er in Wahrheit auf einem schattigen Aussichtsplätzchen seine Morgenzigarre raucht. Am liebsten aber schmiedet er Knittelverse, in denen die Ereignisse des Alltags festgehalten werden. Dabei tut Fritz mit größter Begeisterung mit. Er behält alles nach einmaligem Zuhören und trägt oft abends, nach Tisch, lange Dichtungen vor. Dann lachen alle, der Vater schmunzelt geschmeichelt, lobt ihn, schenkt ihm einen Groschen oder läßt ihn auch, was mehr gilt, einen Schluck Wein trinken. Abends ärgern ihn dann die Brüder im Schlafzimmer. Felix aus Eifersucht, weil er den Kommerzienrat als seinen persönlichen Schutzpatron betrachtet, und Max, weil ihm Verse ein Greuel sind. Und beide aus Neid, weil ihn der Vater vorübergehend wieder bevorzugt. Für kurze Tage ist er wieder das „Stutzerle“.

21

Felix hat als Firmgeschenk vom Herrn Rat — so heißt der Kommerzienrat in der Familie — ein Tesching bekommen. Es hat einen kleinen Kampf gekostet, bis der Vater Annahme und Gebrauch erlaubte. Aber es ist geglückt, und Felix darf mitunter den Vater in den Wald begleiten und gelegentlich auf ein Eichkatzel oder einen Würger schießen. Er trifft nichts und kränkt sich darüber bis zu Tränen. Der Vater spart nicht mit Spott, und die Brüder tun mit Freuden das ihrige, besonders Max, der als „Soldat“ natürlich Schießsachverständiger ist. „Wenn er“ — das ist der Vater — „mich nur lassen möcht’ — ich möcht dir schon zeigen, wie ich treff! Immer Zentrum! Mein Lieber!“ — Aber der Vater duldet kein Scheibenschießen. Das Tesching hat er in Verwahrung, schießt wohl selbst damit auf Spatzen, trifft auch meist. Doch Felix muß jedesmal bitten, ob er „sein“ Gewehr mitnehmen dürfe. In der Woche drei, vier Schuß — damit kann er’s zu keiner Fertigkeit bringen. So ist es dem Vater wohl recht — denn er selbst ist der Jäger und Kugelschütze. Wozu Rivalen großziehen? — Felix klagt dem Herrn Rat sein Leid — es ist doch sein Gewehr, und der Vater hält es eingesperrt, schießt selbst damit, ohne ihn zu fragen — und so ein Geschenk hat doch wirklich keinen Wert. — Und der Herr Rat wagt eine schüchterne Vorstellung beim Vater, wird aber rasch zum Schweigen gebracht durch eins, zwei, drei vollwichtige erzieherische Gründe und ein abschließendes „Und überhaupt!“ Der gute alte Rat denkt innerlich, er hätte den heißen Wunsch seines Lieblings Felix doch lieber nicht erfüllen sollen. — Um den Jungen zu entschädigen und zu trösten, möchte er ihn gerne in die Alpen mitnehmen, wohin er geschäftlich reisen muß. Der Vater aber verweigert die Erlaubnis, weil der Junge lernen und sich nicht unnütz zerstreuen soll. So reist der Herr Rat alleine ab, recht bekümmert. —

Wieder einmal war der Vater in den Wald gegangen, ohne Felix mitzunehmen. — „Ich kann dich nicht brauchen, du machst das ganze Revier närrisch mit deiner Knallerei,“ so hatte er barsch erklärt. — Das Tesching knallte natürlich fast gar nicht, und Felix durfte ja nicht schießen, wann er wollte, sondern wann es ihm erlaubt wurde. Aber um die Wahrscheinlichkeit der Gründe, die er für ein Verbot anzugeben für gut fand, kümmerte sich der Vater nie. Und Widerspruch wagten die Kinder so wenig wie die Mutter. Lautete doch das oberste Hausgesetz: „Ich kann mein Heu Stroh nennen!“

So saß der große Junge, Wuttränen in den Augen, auf den Steinstufen vor dem Hauseingang und sah dem Vater nach, der durch den Garten dem Walde zuschritt. Hinter ihm, in der gedeckten Veranda, summte Max leise Hohngesänge, hinter einer Hausecke, gut gedeckt, spähte Fritz hervor und wetzte schadenfroh die Zeigefinger aneinander. Nur Gretl tappte gutmütig herbei und suchte ihn zu trösten; doch er entzog sich ihr mit einem Schimpfwort, das halb Schluchzen war. —

Einer der letzten Schüsse aus dem Tesching war ein Versager gewesen und Felix hatte die Zündkapsel aufgehoben. Die holte er nun aus der Tasche und untersuchte sie eingehend, einmal, um den Brüdern seine Tränen zu verbergen und dann in der Hoffnung, durch das selbständige Umgehen mit Schießbedarf den vorherigen üblen Eindruck verwischen zu können. Schließlich legt er die Kapsel vor sich auf die Steinstufen, nimmt einen Kiesel in die Hand und schlägt zu. Ein kurzer, scharfer Knall — der Junge schreit auf, schlägt die Hand vors Gesicht und rennt davon. — Max und Fritz springen hinzu; sie haben beide gesehen, daß Blut von einer Wange tropfte. Und da, auf den Stufen: Blut! Max pfeift durch die Zähne und verzieht sich unauffällig in den Garten. Gretl, aus Erstarrung erwachend, stößt ein lautes Geheul aus und läuft ins Haus. — Fritz, mehr von Neugier als von Angst getrieben, geht Felix nach. Beim Mühlgraben findet er ihn, kniend, den Kopf zum Wasser geneigt, fieberhaft waschend. Blut — Blut — aus dem rechten Auge! Da faßt auch Fritz die Angst und er rennt brüllend davon, begegnet der Mutter, die erschreckt aus dem Hause eilt, weist sie zum Mühlgraben — dort, dort! Im dunklen Flur trifft er Max, der in einer Ecke lauert und das Gebrüll des Bruders mit ein paar Püffen verstummen macht. „Was ist los? Heul’ nicht so und red’! Verdammtes Geplärr!“ Fritz stottert eine Antwort: „Blut aus dem Aug’ ... wäscht sich ... Huhu!“ — Max läßt ihn stehen, wetzt unbehaglich mit den Schultern und schleicht davon. Er ist entschlossen, fest zu behaupten, daß er gar nichts gemacht hat und nichts weiß, und überhaupt nicht dabei war. Denn „mitgefangen — mitgehangen“ gehört auch zu Vaters Lieblingssprüchen. — Sie werden auch ohne ihn fertig werden. Und es wird überhaupt schon nichts sein. —

Es ist aber ein großes Unglück: Felix ist ein Metallsplitter ins Auge gedrungen, knapp unter dem Stirnbein. Die Blutung hat zwar aufgehört, doch das Auge ist geblendet. Die Mutter hat ihn zu Bett gebracht, legt ihm kalte Tücher auf. Der Junge wimmert halb irr: „Ich bin blind — ich bin blind!“ Die Mutter weiß kaum Trost, kämpft mit dem Weinen. Fritz und Gretl sind dem Kindermädchen übergeben, das sich mit ihnen im entlegensten Zimmer eingeschlossen hat und die Kinder durch Erzählung höchst grausiger Unfälle in sprachlosem Entsetzen erhält. —