Eines Nachmittags hatte sich, zahlreicher als sonst, die Schar der Dorfbuben eingefunden. Max bestimmte „Löwenjagd“ — Felix sollte der Löwe sein, Max die Schar der todesmutigen Jäger führen. Fritz bettelte leidenschaftlich um Beteiligung, als Jäger etwa, oder doch als Spürhund. Doch Max fand, es seien Jäger genug, und Hunde auf Löwen sei lächerlich. Aber — und der Kleine verbiß das Weinen schleunigst, das ihm schon in den Mundwinkeln saß — Fritz könnte dem Löwen brüllen helfen! Felix, der sich in der Rolle des Löwen ohnedies unbehaglich fühlte, weil er die Schrecken der Jagd, des Kampfes und der endlichen Erlegung bitter vorausahnte, stimmte begeistert zu. Und während die Jäger sich beim Holzschuppen mit Latten, Scheiten und Tannenzapfen waffneten, zog Felix mit Fritz der Steinwüste zu. Dort verbarg er sich in schwer zugänglichem Felsgewirr und wies Fritz einen vorgeschobenen Posten an, mit dem strengen Auftrag, beim Nahen der Jäger furchtbar zu brüllen und damit nicht nachzulassen. Sonst dürfe er nie wieder mitspielen. Dann gab er das verabredete Zeichen, daß die Jagd beginnen könne. Mit blutdürstigem Geheul stürmten Max und sein Troß herbei. Fritz brüllte, daß ihn fast Angst vor seiner eigenen Stimmgewalt überkam. Die Jäger, wohlerfahren im Weidwerk, hielten kurzen Rat und schlichen dann, geduckt und kampfbereit, der Löwenstimme nach. Fritz bebte vor Aufregung, wie nur je ein gehetztes Wild, und brüllte immer verzweifelter. Aus seinem Felsversteck spähte Felix lauernd herüber. Nun war das Anschleichen beendet, das wehrhafte Wild umstellt, und mit gräßlichem Aufschrei stürzten die Jäger vor, Tannenzapfen prasselten, Holzscheite schwirrten, einzelne Angreifer wälzten sich in ihrem Blute und zeigten vorsichtshalber ihre Erlebnisse schreiend an, um die anderen nicht im unklaren zu lassen: „Der Löwe — er beißt mich — oh, mein Bein, mein Bein — ha, ich blute!“ Das stachelte die Kampflust der übrigen zur Raserei auf, und Max, jede Wirklichkeit vergessend, hob den treuen Speer — eine rauhe Latte — zielte genau und schoß nach dem Untier. — Ein Kerntreffer hätte Fritzls Lebenslicht wohl ausgeblasen. So streifte ihn das Holz nur an der linken Schläfe, doch blutete die Schramme stark. Im Augenblick änderte sich die Stimme des Wüstenkönigs von gemachter Wut zu echter Wehklage. Und im Augenblick erkannten die Gäste das Unheil, warfen alle Waffen von sich und suchten heulend das Weite, Todesschreck im Nacken. Felix legte sich hinter seinem Felsen platt auf den Bauch, barg den Kopf in den Armen, um nicht sehen, nicht hören zu müssen und wimmerte in sinnloser Angst. Max stand allein vor seinem zuckenden, heulenden Opfer, und angesichts des Blutgerinnsels wich, trotz wütender Selbstbeherrschung, die Jägerfreude zusehends bleicher Angst. Rauhe Reden, von männlicher Schmerzüberwindung, von weibischer Wehleidigkeit, weckten kein Echo, steigerten nur das Wehgeheul. Auch Versprechungen verfingen zunächst nicht. Erst die feierliche Schenkung eines Wasserrades mit Klapperwerk, das Max sich eben selbst gebaut hatte, fand Aufmerksamkeit. Das Geheul verstummte, und aus tränendicken Augen kam ein prüfender Blick, ob das Angebot wohl ernst zu nehmen wäre. Im Augenblick war Max beruhigt über die Verletzung. Zu oft hatte er selbst den Schreck des Gegners über blutende Schrammen ausgenützt. Nun hieß es, einen glaubwürdigen Unfall erfinden. Sie einigten sich auf einen Sturz beim Laufen und legten die Baumwurzel, über die Fritz gestolpert sein sollte, genau fest. Dann wurde Felix geholt, durch die wütende Behauptung, er sei an allem schuld, maßlos eingeschüchtert und durch die höhnende Feststellung, er sei ein schöner Löwe, der sich abseits verstecke und den kleinen Kerl für sich brüllen lasse, zum Nichts erniedrigt. An den Spottreden beteiligte sich Fritz mit Begeisterung und kam dadurch bald zu einem Lächeln unter Tränen. So zogen sie ins Haus, Fritz ließ sich waschen und verbinden und war glücklich als doppelter Held. Denn sogar der Vater hatte ein anerkennendes Wort dafür, daß er die Wunde stumm trug.

Abends aber, im Schlafzimmer, als jede Gefahr vorbei war, meinte Max wichtig zu den Brüdern: „Aber fein geschmissen war es doch! Min—de—stens fünfzehn Schritte — und wenn er den Kopf nicht gedreht hätt’, wär’ ihm die Lanze durch und durch gegangen! Mein Lieber!“

17

Max ist fort. Den Geschwistern schreibt er nicht, nur den Eltern, pflichtgemäß alle vierzehn Tage. Felix hat viel zu lernen und sitzt tagsüber in einem kleinen Kämmerchen, ganz am Ende der weitläufigen Stadtwohnung. Fritz verbringt die langen Winternachmittage allein mit Gretl in dem großen Kinderzimmer. Allzu laut dürfen die beiden nicht sein, denn nebenan, nur durch eine große Glastür getrennt, ist Vaters Arbeitszimmer. Gegen Abend ist er meist zu Hause und schreibt. Er liebt keine Störung, und ein scharfes „Pßt“ macht die Kinder auf Stunden verstummen. Sie spielen Küche, oder Festung, oder Krieg mit Bleisoldaten. Auch Puppentheater. Fritz entwickelt großartige Entwürfe, die Gretl bedingungslos gutheißt. Stunden vergehen über langwierigen Vorbereitungen. Und meist ist es so, daß das Spiel abbricht, wenn es richtig beginnen sollte. Denn abends, vor dem Essen, muß alles Spielzeug sauber aufgeräumt sein, das ist strenges Gebot. Gretl ist oft recht unglücklich, wenn sie die herrlichen Kunstbauten — Festung, Meierhof mit vielen Ställen — niederreißen soll, ohne damit gespielt zu haben. Fritz aber lacht sie aus. Ihm ist es gerade recht so.

Das Abendessen wird den beiden im Kinderzimmer aufgetragen. Die Eltern essen später. Dann sitzen die Kinder unter der Hängelampe am Mitteltisch, die einen scharfen Lichtkegel herunterwirft und die Ecken im Halbdunkel läßt. Der Weg zur Küche führt durch ein fensterloses Durchgangszimmer, dessen Tür zum Kinderzimmer stets offen steht und das abends samtig schwarz und böse hereinglotzt. Immer sitzen sie so, daß Gretl die dunkle Türöffnung im Rücken hat, und Fritz ihr gegenüber. Dann braucht er nur, während des Essens, das Besteck sinken zu lassen und mit weitaufgerissenen Augen in die Finsternis zu starren, stöhnend: „Was seh’ ich — was seh’ ich!“ — und Gretl weint auf, birgt entsetzt das Gesicht in den Händen und rast wohl auch halb wahnsinnig vor Angst hinaus, um bei der alten Köchin Trost zu suchen. Fritz gellt ihr ein Hohngelächter nach und freut sich lasterhaft. Er weiß genau, daß die Kleine, was sie sonst haßt, lieber lügen, als ihn je angeben würde. Sie kann es nicht sehen, wenn er Prügel bekommt. Und prügeln würde ihn der Vater furchtbar, käme es je zu Tage, daß er den kleinen Liebling ängstigt. Aber Gretl petzt nicht, auch nicht in sinnlosester Angst. — Um sie zu versöhnen, muß er vom „Krieg“ erzählen. Einmal nämlich hat er ihr, als kein anderes Beruhigungsmittel verfangen wollte, mit Verschwörergeste anvertraut, er sei der Führer einer großen Buben-Armee, die Nacht um Nacht den Jungen aus den tschechischen Dörfern große Schlachten liefere. Sie mußte einen gräßlichen Eid darauf schwören, daß sie das Geheimnis unverbrüchlich wahren wolle — auch auf der Folter, und bis zum Tode. Diese erste Lüge wagte er nicht zu widerrufen, sie aber verlangte, vom Reiz des Geheimnisvollen gestachelt, immer mehr, immer Neues zu wissen. Und er erzählte. Alle Lesefrüchte aus finsteren Indianer-, Ritter- und Mordgeschichten, die er sich von Schulfreunden geliehen, alle grausigen Mären, die er den Dienstleuten abgelauscht hatte; aber auch alles, was ihm bei Tag und Nacht, in Traum und Sehnsucht vorschwebte — alles verwob er in seine Erzählung vom „Krieg“. Waren die Kinder allein und ungestört, vor dem Schlafengehen, oder bei den leidigen Familienspaziergängen, wo sie vor den Eltern hergehen mußten — immer drängte die Schwester, und er begann flüsternd und geheimnisvoll zu erzählen, stets bereit, mit gemachter Unbefangenheit das Thema zu wechseln, wenn Unberufene in die Nähe kamen. Die Schwester hörte ihm gläubig und atemlos gespannt zu. Der Junge genoß die Heldenrolle vollauf, doch verrannte er sich beim Erzählen oft so heftig in seine Fabelwelt, daß ihm die Rückkehr zur trüben Wirklichkeit — Schulgang, Hausaufgaben und strengste Aufsicht — bitter schwer schien und er sich plötzlich einmal in jähem Ausbruch den Tod wünschen konnte. Die kleine Schwester, ohne jede Ahnung der Zusammenhänge, nahm ihn auch in seinen Selbstmordgedanken furchtbar ernst, redete ihm weinend zu, bettelte und flehte, und war glückselig, wenn er schließlich groß erklärte, er werde eben doch leben bleiben. Sie liebte ihn sehr.

18

Wieder ist Sommer, und die Familie ist hinauf in das Landhaus gezogen. Gretl hat eben schreiben gelernt und trägt in ein kleines Notizbuch in kurzen Schlagworten alles Unrecht ein, das Fritz oder Felix ihr tun. Diese Buchführung soll eine furchtbare Drohung sein, bleibt es aber nicht lange, denn es zeigt sich, daß die Kleine ihr Büchlein vor Vater und Mutter ängstlich geheimhält. Einmal nennt Fritz sie im Streit „Krüppel“. Die Kleine hört eine furchtbare Beschimpfung aus dem ungewohnten Wort heraus, holt zitternd ihr Büchlein und beginnt zu schreiben. Über der Anstrengung, die großen, ungelenken Buchstaben in den engen Raum zu pressen, versiegen ihre Tränen und schließlich überschaut sie mit listigem Lächeln ihr Werk. Da reißt ihr Fritz das Buch aus der Hand, klettert damit auf einen hohen Schrank und liest, während sie unten in höchster Wut tanzt, die Eintragung: „Fiz mir eimal Griebel sagt.“ Brüllendes Hohngelächter, in das auch Felix gnädig einstimmt, der eben hinzukommt. Gretl ist außer sich vor Zorn, spuckt nach Felix, beißt Fritz ins Bein und rennt schließlich, als sie ihr liebes Büchlein wieder hat, davon und versteckt sich im Garten.

19

Max ist, seit Jahresfrist zum ersten Mal, auf Ferien gekommen. Er ist noch immer der stämmige, gelenkige Knirps, und der vorschriftsmäßig glattgeschorene Rundkopf und die aufs Wachsen berechnete Kommiß-Uniform lassen ihn etwas dürftig erscheinen. Aber er fühlt sich gewaltig und zeigt mit namenlosem Stolz den Mittelfinger der rechten Hand, an dem er sich bei irgendeiner höchst überflüssigen Verrichtung den Nagel abgequetscht hat. Die Fingerkappe ist kugelig verdickt, der neue Nagel bleistiftstark und hart wie Stahl. „Probiert’s einmal,“ sagt er zu den Brüdern, „schneidets ihn ab, mit der Schere oder mit dem Messer, da!“ Und sie können es nicht. „Den muß ich mir immer mit der Laubsäge absägen! Mein Lieber!“ So trumpft Max auf, und die Brüder horchen stumm.

Fritz trägt an einer furchtbaren Enttäuschung —, er hat fest daran geglaubt, daß Max Pferde mitbringen würde. Oft und oft hatte er es sich sogar ausgemalt, daß der Bruder überhaupt vierspännig anfahren würde. Als er ihn dann, klein und unscheinbar unter den vielen großen Menschen, aus dem Zuge klettern sah, verbiß er das Weinen und klammerte sich krampfhaft an die Hoffnung, die Pferde, oder doch das Pferd würden nachkommen. Zu fragen wagt er die ersten Tage nicht, der Bruder ist ihm entfremdet und entrückt, er steht im Mittelpunkt des Interesses, die Mutter hätschelt ihn, der Vater hört ihn gnädig an und stellt sogar gelegentlich gönnerhafte Fragen. Felix zeigt ihm höflichste Hochachtung, und Gretl staunt ihn mit runden Augen an. Das ist nicht mehr der Max von einst. — Nach geraumer Zeit erst beginnt Fritz die Scheu zu überwinden, rafft sich zu Anspielungen auf, die unbeachtet bleiben, und endlich zu einer unverhüllten Mahnung. Die Antwort ist niederschmetternd: „Pferde, natürlich hab’ ich Pferde, drei sogar, ich reit’ jeden Tag ein paar Stunden,“ lügt Max großartig. „Aber ich werd doch dir keins mitbringen, du kannst doch nichts damit anfangen! So ein Tschuller!“ — „Aber du hast doch versprochen ...“ wehklagt der Kleine. Doch Max bleibt unnahbar. „Ja, versprochen!“ höhnt er. „Mit der linken Hand hab’ ich dabei eine Faust gemacht, das hast du nicht gesehn. Da gilt das Versprechen nix! So ein Tschuller, laßt sich anschmieren!“ Er brüllt vor Lachen, und Felix meckert höflich beflissen mit. An Fritz nagt verbissene Wut.