Die Kleine lispelt ein wenig. Max stößt selbst leicht mit der Zunge an, aber wohl eben darum hat er ein feines Ohr für Sprachfehler. So singt er der Kleinen alle Augenblicke vor: „Zisch, zisch, zisch, Tischler hoble den Tisch!“ Das trifft alle beide; die Kleine wird wütend über das Zisch, zisch und Felix über den eintönigen Singsang. Max und Fritz sind außer sich vor Freude. Sie nennen die Schwester nur noch „Kohlhobel“.

15

Große Dinge sind geschehen: Max hat ein etwas gehässiges Bild des Klassenlehrers auf die Schultafel gezeichnet. Niemand wollte den Täter verraten. Der Lehrer hat es aber schlau angestellt und willkürlich Maxens besten Freund als Täter herausgegriffen und trotz heftigem Leugnen als überführt erklärt. Die Rechnung auf Maxens Großmut war richtig: Der Junge hatte sich daraufhin selbst angegeben. Der Lehrer hatte ihn erst beißend verhöhnt, daß er in die Falle gegangen sei, dann war eine niederschmetternde Predigt gefolgt und schließlich die Behauptung, er werde noch am Galgen enden. Max, wütend wegen der gemeinen Überlistung, hatte geantwortet, daß man „wegen so was“ nicht gehängt würde; und eher werde noch der Lehrer an den Galgen kommen. Das war zuviel: Lehrerkonferenz, Zeugeneinvernahme und, trotz aller Rücksicht auf den Herrn Sanitätsrat, die Relegation. Schließlich wurde eine Einigung erzielt, indem der Vater sich verpflichtete, den Jungen sofort nach dem knapp bevorstehenden Semesterschluß von der Schule zu nehmen, und die Schulleitung daraufhin von dem Ausspruch der Relegation Abstand nahm.

Max war glückselig. Zwar hatte er furchtbare Prügel bekommen, der Vater sah ihn schon seit Wochen nicht mehr an, die Mutter hatte nur tränenvolle Strafblicke — doch aus der Zwangslage hatte sich die Erfüllung seines langgehegten, sehnlichsten Wunsches als einziger Ausweg ergeben: er kam ins Kadettenkorps.

Fritz vergoß hin und wieder schon ein Tränchen in Vorahnung des bitteren Abschieds. Max wußte ihn immer rasch zu trösten durch glühende Schilderungen des künftigen Herrenlebens. Die Anstalt, für die man ihn bestimmt hatte, lag weit weg an der polnischen Grenze. „Dort gibt’s massenhaft Pferde“, erzählte Max. „Und so billig! Zwanzig Mark eins! Sie sind ja nur klein, aber laufen können die! Mein Lieber! Wart’, wenn ich dann auf großen Urlaub komm, dann bring’ ich dir eins mit, eins bestimmt, vielleicht mehr!“ — „Bestimmt, Max, wirklich?“ keuchte der Kleine. — „Wenn ich dir’s sage!“ schloß Max würdig.

16

Der Vater hatte in einem Bergdorf, mitten in endlosen Wäldern, ein Stück Land gekauft, drei Morgen, und darauf ein Blockhaus gebaut. Bis an den Gartenzaun reichte starrer alter Hochwald, mit lichten Flecken von Moos und Beerengesträuch zwischen den Stämmen. Ein Mühlbach tanzte gischtend über Kiesel. Das wurde dem Knaben untrennbar von der Vorstellung „Sommer“: weißschäumendes, lärmendes Wasser zwischen dunklen Tannenwänden und Sonnenkringel auf Mooskissen. — Zahm und zögernd erst, bald reich und zügellos bevölkerte die ungelenkte Phantasie den alten Forst mit Zauberwesen, wohl- und übelgesinnten. Die Feindschaft mit der kleinen Schwester konnte davor nicht standhalten. Aus Rinde und Fallholz bauten sie einträchtig Hütten für die Zwerge, mit Moos gedeckt — kleine Teiche davor, mit bunten Kieseln eingefaßt, lose Blüten dazwischen. Gretl liebte den Bruder sehr, fügte sich blind und trug ihm keinen Augenblick die alten Quälereien nach. Dies Übermaß von Güte in dem kleinen Wesen bedrückte ihn, und so knuffte er sie oft unversehens, riß sie an dem kurzen Zopf oder gab ihr böse Worte. Weinte sie dann, so trieb er’s nur ärger. Wehrte sie sich aber, mit Kratzen und Fauchen, so war er irgendwie erleichtert und rasch versöhnt.

Max sollte gleich nach den Ferien abreisen. Er bekam eine vorschriftsmäßige Wäscheausstattung und kam sich, bei fortwährendem Maßnehmen und Probieren, wichtig und erwachsen vor. Die Dorfbuben verehrten ihn, weil er schon zu den Soldaten sollte. Auch Felix nahte sich bewundernd und mit leisem Neid. Max nahm alle Huldigung gönnerhaft an. Die enge Freundschaft mit Fritz litt ein wenig — der Junge war ihm mit einmal zu kindisch, unbrauchbar für wilde Spiele, wie er sie mit Vorliebe veranstaltete. Fritz kämpfte verzweifelt um seinen Platz. Die Märchenspiele mit der kleinen Schwester waren ihm schnell verleidet.

Ein Teil des Gartens, höckeriger Felsboden, war durch Sprengungen geebnet worden. Die Felsbrocken lagen noch umher, wild durcheinander. Ein leiser Geruch von Pulverdampf haftete ihnen an. Das war Maxens Reich, die Steinwildnis, in der es sich Räuber und Gendarm spielen ließ, Zieten aus dem Busch und Löwenjagd.

Solange der Vater im Hause war, ging es still und gesittet zu. Aber er nützte die kurze Ferienzeit die er sich gönnte, nach Kräften zu leidenschaftlicher Pirsche auf Bock und Hirsch, hielt knapp die Mahlzeiten ein und verbrachte Vor- und Nachmittage auf weiten Waldgängen. So blieben die Kinder tagsüber fast ungestört und nützten es weidlich.