Weit draußen, am Ufer des dick gefrorenen Flüßchens, finden sie ein halbes Dutzend Parkindianer dabei, auf dem Eis eine lange Rutschbahn herzustellen. Es sind lauter kleine Burschen, die trotz ihrer Überzahl keinen Angriff wagen. Die drei Stadtbuben wollen aber auch nicht anfangen, denn sie wissen, daß ein kleiner Anfangserfolg sich unweigerlich in eine schließliche Niederlage verkehren müßte. Die herbeigepfiffene Verstärkung würde ihnen den Rückweg durch den Park verlegen. — So kommt es zu einem friedlichen Einvernehmen, die Parteien bemühen sich einträchtig um die Rutschbahn. Die ist unheimlich glatt und lang und endet wenige Meter vor einer offenen Stelle, wo das schwarze wirbelnde Wasser durch das Eis dringt. Es handelt sich darum, richtig Anlauf zu nehmen, die Bahn stehend zu durchfahren und möglichst knapp vor dem Loch im Eis mit kurzem Schwung anzuhalten. Das Spiel ist fesselnd. Fritz treibt es toller als die andern. Mit wahrer Wollust läßt er sich bis hart an die Kuhle gleiten. „Weil der Vater immer sagt, ich bin ein Feigling!“ denkt er mit zusammengebissenen Zähnen. „Der weiß viel!“
Da dröhnen durch die dunstige Winterluft die Schläge der Stadtuhr herüber: Dreiviertel vier! Und um vier ist Gesangsstunde, diesmal aber wirkliche Gesangsstunde. Im Laufschritt könnte man noch annähernd zurechtkommen, die kleine Verspätung wäre leicht zu entschuldigen. — Während Fritz noch überlegt, treten die beiden Freunde auf ihn zu: „Du denkst wegen der Gesangsstunde? Sei doch nicht blöd — jetzt wird’s grad schön, da werden wir doch nicht schon weggehen! Schwänzen wir halt! Es kommt ja nicht raus! Und singen können wir hier überhaupt auch!“ Und Kolarczik stimmt ein kerniges Lied an. Fritz ist schnell verführt. Und sie tollen weiter auf dem Eise. Knapp nach fünf brechen sie auf, durchjagen den nächtigen Park — hinter jedem der bereiften Büsche können Feinde lauern — und zu angemessener Zeit landet Fritz im Elternhaus. Falko ist prachtvoll galoppiert, allerdings nicht ohne Peitsche.
Am nächsten Morgen wird Fritz in der Klasse mit den entsetzten Gesichtern, den Gebärden des Abscheus empfangen, wie sie die Mitschüler den überführten Verbrechern aus ihren Reihen zu zeigen pflegen. Er verlangt Aufklärung, doch alle ziehen sich scheu vor ihm zurück, besonders heftig Kolarczik und Schneider. Die erste Stunde, Mathematik, hat der Klassenlehrer. Er ruft sofort Kolarczik, Schneider und Fritz zu sich aufs Katheder und beginnt das Verhör: „Warum habt ihr gestern die Gesangsstunde geschwänzt?“ Und bevor Fritz noch den Mund auftun kann, um die verabredete Entschuldigung vorzubringen, legt Kolarczik schon heulend los. —
Es ist schmählicher Verrat. — Aus Rache! Fritz ist in eine plumpe Falle geraten. Er steht starr vor Entsetzen über soviel Niedertracht: Früh morgens schon waren Kolarczik und Schneider zum Direktor gerannt und hatten weinend gebeichtet, sie hätten sich von Fritz verleiten lassen, die Gesangsstunde zu schwänzen und sie wollten es auch nie, nie, nie wieder tun. Und man möchte sie doch um Gottes willen nicht bestrafen, ihre Kostfrau sei so streng, und ihre Eltern noch mehr. Und Fritz sei doch allein an allem schuld. — Ihr Fernbleiben war tatsächlich gar nicht bemerkt worden. Und da sie trotzdem — dies unterstrich der Klassenlehrer salbungsvoll — freiwillig ein reumütiges Geständnis abgelegt hätten, so sei gnadenweise von einer Bestrafung abgesehen worden. Nicht so bei Fritz, dem böswilligen Anstifter. „Du wirst vielleicht“ — die Stimme des Lehrers knarrte vor Verachtung — „durch gehäufte Lügen deine Schuld zu mindern, dich der wohlverdienten Strafe zu entziehen trachten! Versuche es nicht, zur Schuld noch die Schande zu fügen! Du bist überführt durch das gleichlautende Zeugnis deiner armen Mitschüler! Schweige also!“ — Doch Fritz dachte gar nicht an Verteidigung. Er war wie gelähmt und nahm wortlos das harte Urteil hin: Zwei Stunden Karzer und Bestätigung vom Vater. — Als er stumm auf seinen Platz zurückging, knarrte ihm die böse Stimme nach: „Ein verstockter Sünder! Nun, ich hoffe, daß dir dein Vater das Verständnis für die Tragweite deiner Handlungsweise erschließen wird! Haha!“ Die Klasse gröhlte pflichtschuldig Beifall. Kolarczik aber warf ihm hinter vorgehaltenem Buch einen Blick voll teuflischer Schadenfreude zu.
Und zufällig war am selben Vormittag die Mutter in der Schule und hörte vom Direktor brühwarm die empörende Nachricht. Sie empfing den Knaben zu Hause, bleich und bebend vor Entrüstung, sprach nur wenige schneidende Worte und schickte ihn in die kalte Küche, um die Heimkehr des Vaters abzuwarten. „Ich schlage dich nicht — o nein! Das kann der Papa besser! Warte nur, bis er kommt!“
Der Vater kam gerade diesmal mit arger Verspätung, müde und hungrig, und war doppelt wütend, daß er noch mit Erziehungsfragen aufgehalten wurde. Er fand den Buben halb ohnmächtig von dem stundenlangen Warten auf die Exekution. Irgendeine Verteidigung ließ der Vater so wenig zu, wie es die Mutter getan hatte. Der Fall lag ja sonnenklar. Und die Züchtigung fiel darnach aus. Mehr noch als die gewiß vollwichtigen Prügel schmerzte den Jungen aber die furchtbare Beschimpfung: „Ehrloser Schuft!“ — Und doch erfüllte ihn das Bewußtsein, daß er alle die Qualen zu Unrecht erduldete, mit grausamer Freude. Er zog nicht einmal Gretl nachher ins Vertrauen, auch Nanni und Betty nicht. Dieses stumme Leiden tröstete ihn.
31
Weitaus der feinste Mann der kleinen Stadt war der Graf Orlofsky. Zwar hatte sein Vater eine geborene Krakauer geehelicht und er selbst eine Tochter der weitbekannten Bankiersfirma Pollack & Cie. heimgeführt. Doch war aus dem Goldbad dieser beiden Verbindungen der alte Adel im Glanze neuer Reichtümer hervorgegangen. Der Graf besaß in der Umgegend riesige Güter und hatte sich in der Stadt ein prunkvolles Haus gebaut. „Das Palleeh“ hieß es bei den Einwohnern und galt allgemein als Richtungspunkt. Fragte einer der seltenen Fremden einmal nach dem Wege, so erhielt er unweigerlich die Auskunft: „Da gehen Sie bis zum Palleeh — Sie wissen doch, vom Herrn Graf Orlofsky — und dann rechts — oder links hinunter — oder grad gegenüber, die schmale Gasse ...“
Der Graf veranstaltete für seine sechs Kinder eine Tanzstunde. Und da er stark demokratische Neigungen hatte — die wohl begreiflich waren, denn weder er noch seine Kinder wurden von der Vollblutaristokratie als gleichwertig betrachtet — so wurden auch „Bürgerliche“ hinzugezogen. Zunächst einmal der jüngere Sohn des Herrn Geheimen Kommerzienrats Jonathan. Das war eine unerhört reiche und dementsprechend vornehme Familie, die seit Jahren ständig die Verleihung des Adels erwartete und nur in den allerfeinsten Kreisen verkehrte. Die Söhne waren unweigerlich Klassenerste und ließen sich nach der Schule gerne vom livrierten Groom mit gesattelten Pferden erwarten, um die fünfhundert Meter bis zum elterlichen Hause in kurzem Galopp zurückzulegen. Nachmittags sah man sie oft die Stadt durchtraben. Den Mitschülern gegenüber zeigten sie sich äußerst zurückhaltend und waren angesehen, viel beneidet, aber kaum geliebt. Denn selbst durch noch so hündische Unterwürfigkeit war ihnen nicht richtig beizukommen. Fritz hatte nie eine Annäherung versucht und war ihnen stets verachtungsvoll ausgewichen.
Auch Fritz und Gretl wurden zur Tanzstunde geladen. Denn der Sanitätsrat war Hausarzt in der gräflichen Familie. Und als weitere Bürgerliche endlich noch Karl und Lina, die Kinder des Musikmeisters.