Als der Vater eines Mittags mitteilte, daß die Kinder von nächster Woche an die Tanzstunde besuchen sollten, — er kleidete jede Erlaubnis in die Form eines Befehls — da erwartete er wohl einen Freudenausbruch. Fritz aber schien die Aussicht auf den Zwang zu ungeheuer seinem Benehmen wenig verlockend; er blieb stumm. Und Gretl wurde durch seine abweisende Miene mißtrauisch gemacht. Sie traute seinem erfahrenen Scharfblick immer noch blind. Da polterte der Vater unwillig los: „Da hast du’s ja, Mama! — Da möchte man dem Kerl einmal eine Freude machen, und er sitzt da und verzieht keine Miene! Der richtige Lehmpatzen — gar keinen Funken Temperament!“ Die Mutter stieß Fritz unter dem Tisch an und zischelte heftig: „So bedanke dich doch!“ Fritz war glückselig, daß es ihm gelungen war, den Vater auf ungefährliche Weise zu ärgern. Er erhob sich langsam und murmelte eine gleichgültige Dankesformel: „Ich küss’ die Hand, ich danke schön!“ — Der Vater ging böse aus dem Zimmer, die Mutter folgte ihm, nach einem Strafblick auf den undankbaren Sohn. Kaum waren die Geschwister allein, da erkundigte sich Gretl eifrig: „Was hast du? Freust du dich nicht?“ — „Ah, hör mir auf,“ meinte der Bruder wegwerfend, „mit den adeligen Affen herumhopsen, das wird schön fad sein! Und der dumme Esel, der Jonathan ist auch dabei! Paß nur auf, wie der stolz ist! Aber ich erwisch ihn schon einmal, im Dunkeln wo, wenn er gar nicht wissen wird, wer’s ist! Den box ich so in’ Magen, daß er gleich umfallt!“ — Hier wurde Gretl ängstlich und glaubte abmahnen zu müssen. Doch Fritz unterbrach sie: „Und hast du gesehn, wie sich der Alte gefuchst hat, weil ich so wurstig war? Und die Alte hat mit den Augen geschmissen, so!“ Und er schnitt greuliche Fratzen. —
In den nächsten Tagen wurde für Gretl eifrig eingekauft und geschneidert. Sie bekam ein neues weißes Kleid, mit breiter Seidenschärpe. Und feine Strümpfe und richtige Lackschuhe. Und Galoschen, denn die Kinder mußten zu Fuß in die Tanzstunde gehen.
Für Fritz wurden keinerlei Vorbereitungen getroffen. „Du hast deinen blauen Sonntagsanzug, der ist noch ganz tadellos, und dazu die neuen Schnürschuhe. Die sind auch so fest, daß wenigstens kein Wasser durchdringt, wenn ihr zu Fuß hingeht!“ So hatte der Vater verfügt. Fritz hatte bestimmt mindestens auf Lackschuhe und Galoschen gehofft. Denn die Schnürschuhe waren zwar neu, aber reichlich groß und schwer. Eine schüchterne Andeutung in dieser Richtung wurde aber kurz abgewiesen: „Du bist wohl verrückt? — Ich werde doch einem solchen dummen Jungen keine Lackschuhe kaufen — oder gar Gummischuhe! Hat man so was schon gehört! Eitler Fratz!“
Also stapfte Fritz unglücklich und verbissen mit der Schwester durch nassen Tauschnee zur ersten Tanzstunde. Die andern Jungen waren natürlich alle in Ballkleidung, trugen tief ausgeschnittene Spenzer aus feinem schwarzen Tuch, kleine Maschenbinder, und, vor allem, Lackschuhe. Fritzens Schuhe hatten von der Nässe allen Glanz verloren. Er schämte sich innerlich fast zu Tod, kochte vor Haß und Neid gegen die andern und hätte sie alle gern sterben sehen. Mit größter Mühe nur zwang er die Tränen zurück, die ihm in der Kehle saßen. Seine Verbeugungen und Tanzschritte gewannen durch die Gemütserregung nicht an Anmut. Er fühlte die hochmütig verächtlichen Blicke der andern, sah sie untereinander spöttisch zischeln.
Die Eltern kamen die Kinder abholen. Der Herr Musikmeister, ein kleiner Buckliger, stadtbekannt wegen seiner giftigen Bosheit, musterte Fritz von Kopf zu Fuß mit einem langen Blick voll unverhüllten Hohns. Das machte den Jungen vollends rasend. Auf dem Heimweg mußte er mit Gretl vor den Eltern hergehen. Er weinte wütend in sich hinein und wies die Schwester, die vor Mitleid selbst mit den Tränen kämpfte, gehässig und neidvoll ab. Zu Hause erklärte er der Mutter, fast schreiend vor maßloser Erregung, er gehe nie mehr dahin, und er lasse sich nicht auslachen, und er sei wie eine Vogelscheuche unter den anderen gestanden.
Die Mutter war, bei allem Schrecken über die unerhörte Auflehnung, fast geneigt, dem Jungen recht zu geben. Ihre eigene Eitelkeit hatte darunter gelitten, daß der Junge tatsächlich weitaus am unvorteilhaftesten ausgesehen hatte. Und sie wagte Fürsprache beim Vater. Das ging übel aus: Der Vater fuhr wie der Blitz ins Kinderzimmer, wo Fritz, immer noch wütig heulend, in einem Winkel hockte, und riß den Jungen am Ohr hoch: „Was unterstehst du dich? Du willst nicht mehr hingehn — du — willst — nicht?“ Und drei Ohrfeigen knallen. „Jetzt bekommst du grade keine neuen Kleider, zur Strafe nicht! — Und machst die Tanzstunde bis zu Ende durch. Pünktlich! — Dir werd’ ich’s zeigen, Lausbub, elender!“ Noch ein scharfes Kopfstück, und die Kinder sind allein. Fritz bekommt einen förmlichen Tobsuchtsanfall, wälzt sich auf dem Boden, beißt sich die Fäuste blutig, um nicht durch lautes Schreien strengere Strafe auf sich zu lenken. Gretl, die still weinend in einem Winkel gekauert hatte, kommt schüchtern zu ihm, will ihn streicheln, trösten. Da hört sie den Bruder furchtbare Schmähungen stöhnen: „Der Hund, der verfluchte ... immer dreschen ... wenn er nur krepieren möcht ...!“ Und sie erstarrt in lähmendem Entsetzen.
32
Nach dem Winterhalbjahr ist ein neuer Mitschüler eingetreten, Robert Henschel, der bisher in einem Jesuitenkonvikt erzogen worden war. Er ist sehr freundlich und gefällig, hat für jeden eine Schmeichelei zur Hand. Aber die Klasse mißtraut ihm. Dinge, die man ihm sagt, kommen auf geheimnisvolle Weise zur Kenntnis der Lehrer. Noch nie ist es gelungen, „den Neuen“ als Spion zu überführen. Aber der Verdacht ist da und will nicht verstummen: Wenn einer seiner Nebenmänner bei der Schularbeit einen Schmöker benutzt oder während einer Stunde für die nächste lernt — immer werden sie erwischt. Nachher kommt Henschel und bemitleidet sie.
Fritz kann sich seiner Freundschaftsanerbietungen kaum erwehren. Henschel sitzt in seiner nächsten Nähe, macht sich während der Unterrichtsstunden an ihn heran, begleitet ihn nach Hause und trifft ihn wie zufällig auch auf dem Weg zur Schule. Immer wieder bringt er das Gespräch darauf, daß Fritz wohl sehr ungerecht behandelt würde, daß besonders der Katechet augenscheinlich ein Vorurteil gegen ihn habe. Niemand hätte ein Recht, einem Vierzehnjährigen vorzuschreiben, daß er unbedingt den ganzen Katechismus blind glauben müsse. Fritz sei eben offenbar sehr gescheit und habe wohl seine eigenen Gedanken — und ihm könne er sie ruhig anvertrauen. Das klang ehrlich und bieder. Und Fritz begriff oft selbst nicht, was ihn immer abhielt, dem Neuen sein Herz auszuschütten. Es war so viel in ihm, was nach Aussprache drängte. Denn seit dem Bruch mit Kolarczik und Schneider war er ohne Freund. Doch blieb er, fast wider Willen, verschlossen und ablehnend und ging nie auf eines der Gespräche über die Lehrer oder gar die Religion ein, die ihm der andere immer wieder nahe rückte.
Henschel blieb unverändert nett, war nicht loszuwerden. Dabei hatte er stets das Bestreben nach körperlicher Nähe, hängte sich unversehens eng an Fritzens Arm, preßte ihn an sich, streichelte ihn. Fritz fühlte sich unerklärlich abgestoßen dadurch und wurde noch abweisender. Henschel sagte ihm Schmeicheleien über sein schönes blondes Haar, über die herrlichen Augen und die geraden, schlanken Beine, und bekam dabei heiß glänzende Augen und feuchte Mundwinkel. Bald auch brachte er ihm Gedichte, „An Fritz, meinen liebsten Freund“; darin war, in schülerhaften Versen, von der Freundesliebe die Rede und von der Wonne des Kusses. Fritz fühlte Ekel vor diesen Gefühlsergüssen, wagte ihn aber nicht zu zeigen, denn noch war ihm der Grund unverständlich. Bis ihn Henschel eines Abends, nachdem er ihn auf dem Rückweg von der Turnstunde mit seltsamen Fragen und Andeutungen bestürmt hatte, in der Toreinfahrt des Elternhauses plötzlich in einen dunklen Winkel drängte, mit wütender Umschlingung überfiel und keuchend einen Kuß verlangte. Da schlug ihm Fritz mit aller Kraft ins Gesicht und floh die Stiegen hinauf. In der Wohnung fand er Betty alleine vor. Die Eltern waren mit Gretl spazieren gegangen und kamen wohl nicht so bald zurück. Die Köchin hatte Ausgang. In Fritz flog stürmische Erregung auf, sein Blut sang. Betty war eben dabei gewesen, das schwarze Kleid mit weißer Schürze anzulegen, das sie während der Mahlzeiten immer trug. Sie hielt die offene Bluse mit der Hand zusammen. Fritz stürzte sich auf sie, rang mit ihr, biß in die wehrende Hand, bis die Bluse aufsprang und die quellende Brust freigab. Fritz fühlte Angst, verbarg den Kopf in dem wogenden Fleisch, fühlte die flaumige Haut an Wangen und Ohren, biß und küßte sie. Das Mädchen wehrte ihm nicht, — krallte die Hände in sein Haar und preßte ihn enger an sich. Sie verkämpften sich wie junge Tiere, sanken keuchend zu Boden. Fritz rang haßerfüllt, mit drängendem Knie, den letzten leisen Widerstand nieder und nahm sich, was ihm plötzlich sein Recht schien. — Dann sprang er auf und stierte die Liegende böse an. Der Geruch warmen Mädchenfleisches, der ihn eben noch zu rasender Anspannung aller Kräfte aufgepeitscht hatte, schuf ihm nun würgenden Ekel. Das Mädchen richtete sich langsam auf, streckte mit scheuer Zärtlichkeit die Hand nach ihm aus. — Er stieß sie roh zurück und rannte aus dem Zimmer.