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Fritz hat den Widerstand gegen die Tanzstunde aufgegeben. Denn die kleine Komteß Christl hat es ihm angetan. Sie ist der einzige reinadelige Gast der Tanzstunde und kommt wohl nur, weil ihre Eltern es so wünschen. Sie ist kalt und stolz und unnahbar. Beim Tanzen wendet sie immer den Kopf leicht zur Seite, um ihren Partner nicht ansehen zu müssen, legt die schmale kleine Hand so leicht auf den führenden Arm, daß man sie gar nicht fühlt, und tanzt wie eine Feder. Fritz liebt sie namenlos und ist doch so scheu, daß er sie kaum aufzufordern wagt. Er muß erst lange Mut fassen. Hat er sich dann so weit bezwungen, daß er mit kurzer Verbeugung vor sie tritt, so steht sie langsam auf, nickt hochmütig und tanzt mit abgewandtem Kopf. Nie spricht sie zu ihm, doch Fritz trägt ihr Bild in der Seele. Er kommt sich elend und verworfen vor, ringt glühend nach Besserung. Mit inbrünstigem Entschluß hat er seinen Unglauben niedergezwungen, betet lang und heiß zur Nacht, geht jeden Morgen vor der Schule kurz in die Kirche, um den Schutz der Jungfrau zu erstehen. Er ist aufmerksam und fleißig, daß es den Lehrern auffällt. Der Klassenlehrer knurrt ihn böse an: „Du hast sicher eine bedeutende Lumperei begangen und bebst nun vor der Entdeckung! Daher wohl das so plötzliche musterhafte Betragen! Aber verlaß dich drauf — ich komme dir schon hinter deine Schliche!“ Trotz dieser groben und böswilligen Verkennung seines Seelenzustandes brachte Fritz keinen Haß gegen den Lehrer mehr auf. Er nahm alles als Strafe früherer Sünden reuig hin.

Betty aber, die sich ihm immer wieder in einsamen Winkeln in den Weg stellte, mit gewährenden Blicken, mit Gebärden voll Sehnsucht, Betty behandelte er mit kalter Verachtung. Wohl peinigte ihn mitunter sein Blut, das eben erst zum Bewußtsein erwacht war. Doch rang er stets die Versuchung mit wollüstiger Qual nieder, biß sich die Lippen blutig und schlug sich mit Fäusten dunkle schmerzende Male. „Christl, Christl!“ Der Anruf half ihm zum Sieg. Daß Betty oft mit den Tränen kämpfte, während sie ihn gedemütigt umkreiste, weckte kein Mitleid in ihm. Er haßte sie, weil sie ihn hinderte, seine unreine Vergangenheit zu vergessen. Maria, hilf! Christl!

Christl, die so glühend Verehrte, fuhr fort, ihn nicht zu beachten, ließ aber dem jungen Jonathan gegenüber in ihrer eisigen Zurückhaltung etwas nach. Sie tanzte öfters mit ihm, hielt den Kopf nicht mehr so starr abgewandt, sprach wohl auch einige Worte während des Tanzes. Fritz beobachtete es mit wilder Eifersucht und fühlte den gierigen Wunsch, das strahlende Jockeigesicht seines Nebenbuhlers grauenhaft zu verunstalten. Dem Sonntag, an dem er zum erstenmal eine beginnende Beziehung zwischen Christl und Jonathan festgestellt hatte, folgte eine lange Woche voll wüster Anfechtungen. Bald erschien ihm die neue Pein als weitere gerechte Strafe, seine Auflehnung dagegen als verwerfliche Verstocktheit. Denn wie durfte er es wagen, auch nur daran zu denken, daß Christl, der reine Engel, sich je so weit erniedrigen konnte, ihn, ihn zu lieben? Und er weinte vor Reue und Scham. — Bald wieder fuhr sein tief verwundeter Stolz machtvoll auf: wozu die Selbsterniedrigung? War er nicht besser als viele? Waren nicht ungezählte andere weit schlechter als er? Und vor allem, war er nicht tausendmal den dummen Jonathan wert, diesen protzigen Pferdeknecht in feinen Kleidern? Hatte er nicht Betty erobert, die ihm nun wie ein Hund nachlief? Er brauchte nur die Hand auszustrecken ...

Doch hielt der Stolz nie lange an, machte jäh doppelt quälender Reue Platz. Christl! Und gegen Ende der Woche schien blinde Liebe gesiegt zu haben. Da sah er Sonnabendnachmittag, als er auf einem der verhaßten Spaziergänge mit Gretl vor den Eltern herschritt, eine Reiterschar der Stadt zutraben: Christl, sehr erwachsen im langen schwarzen Reitkostüm, neben ihr der junge Jonathan, zwei Lakaien hinterdrein. In Sehweite der Familie beugte sich Jonathan zu seiner Begleiterin und machte grinsend eine Bemerkung. Christl sah den Kommenden kurz entgegen, nickte ihrem Ritter gnädig Beifall und sah dann eisig hochmütig geradeaus. Fritz beobachtete sie genau und wollte vergehen vor Qual und Schande. Kaum zwang er sich noch zu einem verlegenen Gruß, und als der kühl und wegwerfend erwidert wurde, stolperte er weiter, totenbleich, von zügellosem Haß erfüllt. Gretl ging eine Zeitlang stumm neben ihm her, dann sagte sie unvermittelt: „Den Jonathan mag ich gar nicht — ich bin immer ganz bös, wenn ich mit ihm tanzen muß. — So ein grauslicher Kerl.“ Sie wollte ihn trösten. Doch er blieb stumm. Er dachte an Betty, sehnte sich nach dem Sündenfall.

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Und wieder ist Sommer. Die Familie ist vollzählig. Felix hat seinen Referendar gemacht. Er sieht matt aus, überarbeitet, beinahe dürftig. Doch aus manchen Einzelheiten, aus dem merkwürdigen Knoten seines Selbstbinders, aus dem langen Nagel des kleinen Fingers, aus raschen, wissenden Blicken spricht die Großstadt, das freie Leben. Der Vater behandelt ihn durchaus nicht als erwachsen. Es fehlt nicht an Verweisen und Verboten. „Das Rauchen erlaube ich keinesfalls,“ sagt der Vater. „In meinem Hause gilt eben mein Wille. Und überhaupt du mit deinem Aug’ hast es schon gar nicht nötig, dich noch künstlich nervös zu machen!“ Das sagt der Vater und läßt die lange Pfeife qualmen. Felix sitzt stumm, mit rotem Kopf. Die Mutter schickt ihm beschwörende Blicke zu. Max aber faßt ihn leicht am Arm und deutet mit wegwerfender Gebärde nach dem Bubenzimmer.

Abends, im Dunkeln, flüstern die Brüder einander von Bett zu Bett wüste Erinnerungen zu. Fritz, den sie schlafend glauben, lauscht atemlos. Er glaubt die schwüle Luft der Nachtlokale förmlich zu riechen, Zigarettenrauch, Weindunst, aufreizende Parfüms. Vor seinen festgeschlossenen Augen tauchen unerhört üppige Frauengestalten auf, halb nackt, in märchenhaften Prunkgewändern. Eine wütende Sehnsucht nach Freiheit, nach Erwachsensein, nach Mitmachendürfen überfällt ihn quälend. Die Brüder erzählen kichernd weiter: von schweren, sinnlosen Räuschen, von Nikotinvergiftungen, von verliebten Kokotten, die aus Gefallen an der schneidigen Jugend Preisnachlässe gewährten; von nächtelangem Karten- oder Billardspiel. — Das war Leben! —

Einen Trost nur stellte er sich verbissen immer wieder vor: Betty hatte ihm erzählt, daß die Brüder beide sie mit Anträgen und Versprechungen bedrängt, und daß sie beide abgewiesen hatte: „Du bist mir lieber, du bist mir überhaupt der Liebste“, hatte sie hinzugefügt und ihn mit brünstiger Hingabe überwältigt. Fritz hatte sie gnädig gewähren lassen. Doch zog er heimlich unendliches Selbstbewußtsein aus seiner Rolle als wonnespendender Pascha und aus dem geheimen Sieg über die Brüder.

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