Der Vater blieb allen Vorstellungen taub: „Daran ist nicht zu denken! Den Buben etwa zum Weltreisenden erziehen? Er kann’s gar nirgends besser haben als zu Hause — gute Kost und Pflege — und ich habe ihn immer unter den Augen! Und kurz und gut — der Junge kommt nach Hause!“

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Da sind sie wieder, die engen Gassen und Plätze, mit schlüpfrigem Schlamm auf Fahrdamm und Bürgersteig, die häßlichen Häuser, die sich verwittert, schmutzig ducken, die weiten Felder ringsum, die im Grau des sprühenden Nebels verschwimmen. Alle Dinge haben Blicke, Gesichter und ihre stumme Sprache: „Zogst du nicht aus, das Leben zu erstreiten? Wo ist die Siegerkrone, wo die Freude, die du an deinen Wagen ketten wolltest? Woher die bitteren Falten um deinen Mund, du stürmender Bezwinger?“ — Und Fritz schleicht scheu und verbissen an den hämischen Häusern entlang. Das Mitleid der Menschen aber folgt ihm auf Schritt und Tritt. Ihm entrinnt er nicht — es hat scharfe Augen, schnelle Beine und eine geläufige Zunge. Es blickt hinter geschlossenen Fenstern hervor, es züngelt aus Menschengruppen auf, an denen er vorbeihastet, oder es stellt sich ihm breit, selbstbewußt, drohend fast, in den Weg: „Ich bin das Mitleid, ich will deinen Dank zehnten, wag es nicht, mich abzuweisen!“ — Und es hat einen weiten Mantel, in dessen Falten Haß, Neid, Eifersucht und Selbstgerechtigkeit sich kichernd verbergen. Verfluchtes Mitleid!

„Was seh’ ich, der Jüngste vom Herrn Sanitätsrat? Sie tun mir ja so furchtbar leid, so jung, kaum ins Leben getreten — und nun diese böse, böse Krankheit! Ein Blutsturz, wie? Und was sagt denn der Papa? Glaubt er denn, daß es noch besser werden kann?“ — „Mein Gott, lassen Sie sich doch ansehen — Sie scheinen doch sehr angegriffen! Ein Blutsturz! — Mein Mann sagt immer: nur nichts mit der Lunge! Das ist das Ärgste!“

Verfluchtes Mitleid!

Zu Hause: Die Mutter, vergrämt, ewig auf Schonung bedacht, den Tageslauf mit Ermahnungen begleitend. Der Vater ernst und leicht gereizt. Sein eigener Sohn — lungenkrank! Schande! Nun — wenn stete Aufsicht und strenggeregelte Lebensweise helfen können — daran soll’s nicht fehlen!

Gretl bleibt still. Sie fühlt, daß Mitleid den Bruder quälen müsse. So zeigt sie ein aufmunterndes Lächeln, wenn ihr auch Tränen in der Kehle sitzen.

Fritz selbst empfindet alle Befürchtungen und düsteren Voraussagungen, als könnte ihm die Krankheit ans Leben gehen, immer noch als übertrieben lächerlich. Er fühlt sich nun, da die Blutung überwunden ist, so wenig wie je in seiner Bewegungsfreiheit gehemmt. So weit es auf ihn, auf seinen Körper ankommt. Kein Fieber, kaum ein wenig Husten — keines der ekelhaften Symptome, von denen Zeitungen und Konversationslexikon zu erzählen wissen. Er hat die Krankheit fast vergessen, wäre innerlich bereit, das Studentenleben unverzüglich aufzunehmen. Die andern aber und vor allem der Vater: die haben nicht vergessen, vergessen keinen Augenblick, daß er krank, schonungsbedürftig, unfrei ist, und daß man ihn also, natürlich zu seinem eigenen Besten, mit Verboten umzirken muß. Rauchen, Trinken, abends ausgehen, Theater, Jagd — kurz alles, was den „Erwachsenen“ ausmacht, die Freiheit also — alles wird schroff verboten. Dazu auch noch das bescheidene Maß von Sport, das ihm während der Schulzeit bewilligt war — Radfahren, Fußball. Sie brechen ihm die Flügel — und er läßt es ratlos verbittert geschehen. Von Jugend auf hat er gegen die wuchtige Persönlichkeit des Vaters, gegen seinen starren, oft ungerechten Willen, wohl blinde Verneinung, auch Haß aufgebracht, doch nie offenen Trotz, Widerstand. Wie oft hatte er, mit glühender Verachtung gegen sich selbst, seinen Sklavensinn verflucht, das Ducken, Lügen und heimliche Toben, hatte wilde Vorsätze gefaßt, — um sie dann vor einem Blick des Vaters in Nichts zerflattern zu sehen. Und jetzt: zu unbändig stürmisch war sein Lebensdrang, zu sprühend jung, zu ungeleitet er selbst noch, als daß ruhige Überlegung ihm den Weg zu innerer Freiheit hätte weisen können. Wenn er nun alle unerfüllbaren Wünsche abtat, den freien Verzicht auf alles aufbrachte, was nach des Vaters Meinung mit seinem Zustand unvereinbar war, sich zu einem zahmen Stubenleben, mit Büchern und physikalischen Experimenten entschloß? Gab es nicht unter den Erwachsenen Nichtraucher, Nichttrinker, Nichtjäger in Menge? Machten wirklich nur diese Genüsse so unbedingt das Leben aus, daß man sich sie nötigenfalls heimlich verschaffen mußte, um vor sich selbst Geltung zu behalten? — Und in jäher Sehnsucht nach friedlicher Ausgeglichenheit mit seiner Umgebung warf er sich auf Bücher, fraß die väterliche Bibliothek gierig in sich hinein, bis ihm der Vater eines Tages einen Cooperband wegnahm: „Das ist noch lange nichts für dich; such’ dir was Vernünftiges, Weltgeschichte oder Brehm! Und überhaupt hast du von jetzt ab zu fragen, was du lesen darfst! Meine Bücher sind durchaus nicht für dich da!“ Noch hielt sich der Junge, ließ zwar die Bücher sein, warf sich aber auf Physik, baute elektrische Anlagen, Läutewerke, Lampen, Motor, alles von einer Batterie gespeist. Eine Spielerei nur, doch er nahm sie ernst, träumte sich über Jahre hinweg, zum mächtigen Fabriksherrn, bis der Vater auch hier eingriff: „Die Bastelei ist vollständig wertlos — Techniker wirst du ja doch nicht! Fang’ etwas Nützliches an!“

Und da war es vorbei mit allem guten Willen: die Krankheit war nur ein Vorwand, um das Überwachen, Hineinreden, Schurigeln, Drillen ungestört andauern lassen zu können! Darauf allein kam es an, ihn weiter unterm Absatz zu behalten. Um seine Jugend wollte man ihn betrügen!

Böse Zeit! Die Tage schleichen grau und leer. Draußen Regen, Nebel, Stürme. Selten ein Sonnenblick. Beim Frühstück sagt der Vater ein Mal ums andere: „Bei diesem Wetter ist es natürlich ausgeschlossen, daß du ausgehst!“ Und die Wohnung wird zum Kerker. Doch: unten im Keller wohnt der Hausmeister, ein Schuhmacher. Wenn man den besuchte? Das heißt doch nicht ausgehn? Ein Besuch innerhalb des Hauses! — Da unten hockt der Schuster an seinem Werktisch. Die Luft ist schwer und fade — es riecht nach Pech, Leder, altem Schuhwerk und Armeleute-Küche. Durch das kleine Fenster hoch an der Decke dringt fahles Licht, bricht sich in der runden Schusterkugel, die an einer Schnur hängt. Man sieht die Beine der Leute, die auf der Straße vorübergehen. Der Schuster fühlt sich geehrt durch den Besuch, gibt gewichtig Aufklärung über sein Handwerk, läßt es grinsend geschehen, daß Fritz sich im Einschlagen der widerspenstigen Holznägel versucht. Allmählich wird er wärmer, erzählt Stücklein aus seiner Gesellenzeit; er hat ganz Deutschland auf der Walz durchquert, war auch tief im Böhmischen drin und in Tirol. Eine freie, eine wechselvolle, eine bedeutende Zeit! Die schönen, fremden Gegenden, die lustigen Spracheigentümlichkeiten, merkwürdige Bekanntschaften in den Herbergen unterwegs, wohl auch Zwischenfälle mit hohen Ortsobrigkeiten, wegen unerlaubter Erleichterung übervoller Obstbäume oder Weinstöcke — und die Mädel, die Mädel! Durch Wochen jede Nacht eine andere, dann wieder, wenn sich’s grade traf, eine Meistersfrau, die dem jungen Gesellen auch nach Feierabend zu tun gab ... vorbei! Jetzt hat der Schuster ein todböses Weib, das gottlob tagsüber außer Haus ist, auf Bedienung. Aber sie belauert seine Arbeit, seine Ausgänge, knausert mit dem Essen, es gibt Zank und Streit, wohl auch Prügel. „Ich hob sie heiraten missen,“ sagte der Schuster in seinem groben Deutsch, „weil ich ihr a Kind gemacht hob. Ober das hat sie nur geschwindelt, die Bestie. Dos Kind wor von ganz wen andern! — So a Drach, so a böser, ich sog Ihnen, Herr Fritz, monches Mol könnt mich gleich der Teifel holn! So a Kanalje, so a verfluchte!“ Dann bricht er plötzlich ab und lauscht, ob die Frau nicht eben die Treppe herunterschleicht oder gar schon an der Türe steht und horcht, wie es ihre Gewohnheit ist.