Fritz hört ihm gerne zu. Das, ja das war Leben, diese Maßlosigkeit im Genuß! Was, ein Apfel dann und wann, ein Gläschen, ein Weib? Nein! Einen Baum leer fressen, daß man wochenlang das Bauchweh nicht los wurde, den Schnaps in Flaschen, den Wein in Krügen, das Bier in Kübeln saufen, daß Sinn, Verstand und alle Bedenken zum Teufel gingen, und die Weiber kurzerhand zusammenpacken, in einem Graben, in einem Kornfeld, auf dem Heuboden, im Stall — wo sich’s gerade traf. Das tat ein ganzer Kerl! — Er dachte an Betty. Die hatte er bei seiner Rückkehr nicht mehr vorgefunden. Sie war in ihrem Heimatsdorf verheiratet. Aber ihre Nachfolgerin? Ein strammes Bauernmädel, der das heiße Blut aus den Augen blitzte — warum nicht die? Auch dem Schuster gefiel sie. „Dos is a tüchtige Trulle,“ sagte er. „Ober solche junge Mädel sein noch dumm — die fürchten sich vorm Kinderkriegen! Do is nix zu machen!“ Aber Fritz bekam sie doch, fast mühelos, und sein inneres Übergewicht über den weitgereisten Schuster war wiederhergestellt, wenn er ihm auch seinen Triumph verschwieg. —
Und dann war es Winter, ein reicher Winter, mit viel Schnee, Sonne und klarem Frost. Weiß und blauer Schneerauch adelte die Einförmigkeit der engen Gassen, der flachen, toten Felder. — Da ist der Hund Huck, ein gelbweißer Kolli, mit schmalem Kopf und prächtiger Halskrause, nicht sonderlich klug, aber feurig und Fritz blind ergeben. Die beiden ergänzen sich wunderbar: der junge Mensch, der überall die Verbitterung über sein hartes Geschick mit sich trägt, der eigenwillig Schranken setzt zwischen sich und dem weißen Meer draußen, und der gereifte, verständige Hund, der die Freiheit liebt und die weiten Schneeflächen in rasendem Laufe durchpflügt. „Was rennst du so und freust dich, Huck, dummer Huck? Bald müssen wir wieder zurück in die Stadt, dort wartet der Maulkorb auf dich und die Leine!“ Aber Huck läßt sich nicht die Laune verderben, er rennt und springt, wälzt sich im Schnee, überschlägt sich und mit einem Gebell, das fast jubelndes Lachen ist, will er seinen Herrn dazu bringen, sich gleich hemmungslos der Freude hinzugeben. Umsonst — der vergißt Maulkorb und Leine nicht, ist ständig ihrer Schrecken eingedenk. „Glücklicher Hund!“ denkt er. Und die Schneefelder blauen weit: „Komm, du Mensch! Wir leben!“ Er aber sieht nur den Tod, sehnt sich nach ihm und folgt doch, anstatt sich willenlos zum Sterben hinzubetten, haßerfüllt der dunklen Stimme, die ihn zum Dasein zurückruft. —
Nach einförmigen Wochen eine Unterbrechung: Eine neue Blutung. Ohne vorherige Anzeichen, gänzlich unerwartet. Nur unbedeutend auch — doch immerhin Anlaß zur Unterdrückung der letzten Reste bescheidener Freiheit. Die Besuche beim Hausmeister fallen fort, desgleichen die Spaziergänge mit Huck. Tagelanges Bettliegen erst, dann Zimmerhocken. Fritz rast in seiner Kammer, rennt den Kopf gegen die Wände, beißt sich die Knöchel blutig: „Hund Gott, warum mir das, warum?“ Und er hofft auf den rächenden Blitz, der ihn zur Strafe für seine Lästerung zerschmettern soll. Doch der Himmel schweigt. „Bin ich so nichtig, daß ich dich nicht einmal beleidigen kann, Hund, meld’ dich, wenn du bist!“ Und toter Unglaube löst den Aufruhr ab. Fritz beginnt wahre Sträflingsliebe auf sein Zimmer zu verwenden, räumt selbst auf, macht sein Bett alleine, hält besonders den kleinen Schreibtisch in peinlichster Ordnung. Auf dem runden Blechuntersatz des Tintenzeugs liegen links drei Bleistifte, rechts drei Federhalter, sorgfältig ausgerichtet. Tintenlöscher, Mappe, Lineal haben ihre genau bestimmten Plätze. Das ist sein Reich, das er regiert. Bis der Vater einmal den sorgfältigen Aufbau bemerkt und alles durcheinanderwirft: „Was soll denn der Firlefanz! Wie eine alte Jungfer! Schämst du dich nicht?!“ Fritz baut heimlich wieder auf, der Vater aber macht sich von da ab den Spaß, täglich zwei, dreimal ins Zimmer zu kommen und Unordnung zu machen. Fritz läßt es geschehen. Der Schritt des Vaters, seine Art, die Türen zu öffnen und zu schließen, seine Bewegungen in dem kleinen Zimmer, alles schnell, laut, energisch, selbstsicher: ich bin der Herr! — Fritz läßt es geschehen. Und wenn der Vater draußen ist, legt er langsam die Bleistifte wieder zurecht, die Federhalter und das andere. Aber er zittert in glühendem Haß. Oh, wie er den Vater haßt! Einmal hört er ihn im Vorflur stolpern. Und bei dem Gedanken, er könnte hingefallen sein und sich weh getan haben, faßt den Jungen wilde Freude, er reibt sich die Hände, schwenkt die Arme, strampelt mit den Beinen, in lautlosem, wildem Jubel.
Kurze Zeit darauf kommt eine kleine Wandermenagerie in die Stadt. Ein runzliger Elefant, ein alter Löwe, ein Tiger, eine Boa — alle halbtot vor Hunger und durch das ständige Reisen zum Stückgut entwürdigt. Nur einer zeigt Leben, unheimlich gespenstisch: ein Wolf. Der rast hinter den dicken, rostigen Eisenstäben auf und ab. Der Käfig ist so eng, daß die Bewegung des Tieres zum ewigen Wenden wird, links, rechts, links, rechts. Die Augen, der triefende Fang glühen Blutdurst, Sehnsucht nach Weite, nach Gewalttat, nach Fleisch. „Hier, der russische Steppenwolf, der Schrecken des Landmanns, der größte Feind der Schafherden,“ erklärt der Besitzer. „Wenn man dieses Tier gefangen hält, dann rennt es hinter den Gitterstäben immer auf und ab, bis es von ihrem Flimmern erblindet. Auch dieser Wolf ist blind — aber er ist noch sehr böse!“ Und der buntgekleidete Mann fährt mit einer Eisenstange klirrend über das Gitter. Da heult der Wolf schaurig auf, springt an den Wänden hoch, beißt wütend in das Eisenwerk, das ihn von der Freiheit trennt. Doch das hält gut.
Fritz steht dabei, und Haß und Tränen würgen ihn zum Ersticken. „Das bist du,“ kocht es in ihm. „Ein gefangener Wolf, geblendet, der ins Gitter beißt!“ Gretl, neben ihm, legt unvermittelt die Hand auf seinen Arm: „Ich möchte fort,“ sagt sie. „Das ist so traurig hier!“
Und sie gehen. Draußen liegt die Vorstadtwiese in grellem Abendschein. Die Luft ist weich, in dem zertrampelten Rasen regt sich da und dort ein elender grüner Halm; es riecht stark aus allen Pfützen: das ist Frühling! Fritz wirft in jäher Bitterkeit beide Arme hoch und spuckt wütend aus. Und die Schwester geht stumm und blaß neben ihm.
Nach einer Weile fängt der Bruder an: „Wenn ich wenigstens eine Liebe hätte, so eine richtige Studentenliebe, der man Blumen schenkt, und Gedichte macht, und überhaupt ... Alle meine Schulkameraden haben so wen gehabt, nur ich nicht! — ich hab’ mir schon gedacht: sie dürfte nicht zu weit von uns wohnen, weil ich doch oft schlecht weg kann, und von zu Hause müßte sie ziemliche Freiheit haben, damit sie mit mir spazieren gehen kann, weißt du?“ — „Ja,“ sagt Gretl verlegen, „da wäre die Else Kalisch, die geht doch immer mit Studenten.“ — „Kennst du sie?“ fragt der Bruder. Doch sie wehrt hastig ab: „Nein, nein, nur vom Sehen. Aber sie wird doch immer beim Lyzeum erwartet!“ „Ach so, sie hat schon einen,“ meint Fritz enttäuscht. — „Es ist doch beinah jedesmal ein anderer,“ belehrt ihn die Schwester, „sie hat viele Bekanntschaften, allerdings!“ — „Ach Gott, so eine!“ murrt Fritz. — „Aber sie wohnt keine hundert Schritt von uns, in der Seilergasse,“ gibt Gretl zu bedenken. — „Ist das am Ende die jüngste Tochter von dem Finanzrat, die blonde?“ fragt Fritz. Gretl nickt. „Aber wie soll ich die kennen lernen? Kann ich sie denn einfach so ansprechen?“ — „Ich glaube schon,“ sagt Gretl. — „Aber wenn sie mir einen Korb gibt?“ — „Das tut sie nicht!“ sagt Gretl. Und ein Unterton in ihrer Stimme läßt den Bruder auffahren. „Mein Gott, alle können nicht so fein erzogen sein wie wir!“ sagt er bissig. „So ein guter Vater, wie unser Vater! Alle Hochachtung!“ — Da wird Gretl rot vor Eifer: „Sprich nicht so!“ bittet sie. „Er meint es gut, glaub’ mir! Aber ihr versteht euch nicht, das ist der Jammer! Das quält mich so ...“ Und sie schluchzt kurz auf. Der Bruder lacht höhnisch, aber er sagt nichts. Und im Weitergehen drückt ihm Gretl scheu und flüchtig die Hand.
Wenige Tage später macht Fritz die Bekanntschaft der blonden Else, indem er ihr, nach alter Sitte, erst eine halbe Stunde „nachsteigt“, wobei das erkorene Opfer mehrfach überholt, umkreist und angelächelt wird, und sich endlich in einem stillen Winkel der Anlagen „anschmeißt“. Es enttäuschte ihn, zu seiner eigenen Verwunderung, daß alles so glatt ging. Was waren das für Mädel, die sich so einfach ansprechen und begleiten ließen? Er dachte an Gretl, und Verachtung für diese Fremde wollte sich regen. Aber der einmal gefaßte Entschluß erlaubte kein Zurück: Hier war die Gelegenheit zu einer Studentenliebe, und sie mußte ausgenützt werden. Seine Eitelkeit wehrte sich zwar: Was war das schon für ein „Erfolg“, den er mit fünf, zehn oder noch mehr andern teilte? Und wie trostlos alltäglich war das alles, seine hergebrachten Komplimente, ihre Geziertheit, die leeren Reden hin und her. Doch er zwang diese inneren Einwände hartnäckig zum Schweigen. Er wollte lieben; und es gelang ihm bald. Sein Verhältnis zu Minna, der Nachfolgerin Bettys, hatte sich sehr rasch hemmungsloser gestaltet, als ihm lieb war. Das Mädel tat ja, als hätte sie körperliche Ansprüche an ihn zu stellen! Nun, da er die Liebe zu der blonden Else, der Unberührbaren, in sich groß zog und hütete, bot sich ihm ein willkommener Vorwand, Minna fernzuhalten. Der Gedanke an Untreue kam ihm nicht. Was hatten die auch miteinander zu tun, ein Mädel an dem man gedankenlos seine Herrenlust kühlte, und eine Jungfrau, die man anbetete? —
Nun liegen die Felder in jungem Grün, das Wetter ist mild und Fritz kann sich ohne große Schwierigkeit zu täglichen Spaziergängen von Hause entfernen. Meist trifft er sich mit seiner Erwählten auf einsamen Feldwegen an der Stadtgrenze; dann gehen sie langsam nebeneinander hin und er versichert in gewählten Worten, wie sehr und ausschließlich der Gedanke an ihren blonden Liebreiz seine einsamen Stunden fülle. Sie hört ihn sittig an, weiß im rechten Augenblick schämig zu erröten, hat aber manchmal auch eine Art, ihn hastig von unten her anzublitzen, die ihm unbehaglich ist. Verdammt, das ist ja genau so wie Betty oder Minna ... Doch entsetzt weist er den lästerlichen Gedanken alsbald von sich. —
Elsa schwärmt für die Natur und wird nicht müde, mancherlei Schönheiten mit frohen Ausrufen zu begrüßen. Ein bunter Sonnenuntergang, ungewöhnliche Wolkenbildungen, doch auch ein blühender Obstbaum oder ein schillernder Käfer veranlassen sie oft, unvermittelt stehen zu bleiben: „Sehen Sie nur, wie schön!“ sagt sie dann wohl. Und fügt andächtig hinzu: „Ja, die Natur!“ Fritz vermag ihr dabei nicht zu folgen. Der Begriff „Naturgenuß“ fehlt ihm völlig. Wohl kennt er das tierische Behagen, sich oben in Weißwasser im reifen Sommer in einem Waldwinkel zu dehnen und sich mit den grüngoldenen Fichten, dem weichen Moos eins zu fühlen. Doch auch da verläßt ihn nur in seltenen Augenblicken das Gefühl, er sei in fremdem Hause zu Gast. Von der Feldebene hier unten trennen ihn quälende Schranken; und Elsas selbstherrliche Art, die Vorgänge in der Natur wie ein bezahltes Schauspiel mit gelegentlichem gnädigem Beifall zu begleiten, weckt unbestimmten Ärger in ihm.