Einmal gibt es darüber eine kleine Auseinandersetzung. Fritz hat den Hinweis auf eine zartrosa Wolkengruppe mit mürrischem Schweigen beantwortet. Da sagt Elsa spitz: „Sie sind sicher kein guter Mensch — Sie haben gar nichts für die Natur übrig!“ —
Und Fritz gibt bockig zurück: „Erstens habe ich gar keinen Ehrgeiz, ein guter Mensch zu sein; so glänzend geht mir’s schon nicht. Und dann: wird die Wolke vielleicht schöner, wenn ich mich davor stelle und ‚Ach’ und ‚Oh’ rufe? Über so was kann man doch nicht reden!“ — „Sie sind aber doch sonst nicht auf den Mund gefallen!“ spöttelt Elsa. Und er haßt sie plötzlich. Sie scheiden verstimmt. Zu Hause fällt er trotzig über Minna her und übermannt sie. Doch nachher plagen ihn Ekel und Selbstverachtung. Ist er so grenzenlos verdorben, daß keine reine Liebe mehr in ihm wurzeln, ihn vor schmutziger Fleischlust bewahren kann? Warum ist Elsa ihm so fremd, so fern? Nun kennt er sie schon fast ein Vierteljahr, sieht sie täglich — und immer noch dies kalte „Sie“ und „Fräulein Elsa“ — und ein Handkuß dann und wann, als einzig gestattete Liebkosung! Wenn sie sich küssen ließe, das müßte ihm helfen! Aber ein Kuß? — Und er denkt an Gretl. Doch Gretl würde sich ja auch nicht auf der Straße ansprechen oder begleiten lassen ... Und als er fühlt, daß Elsa bei dem Vergleich schlecht wegkommt, beschließt er heftig, an Gretl dabei gar nicht weiter zu denken. Es konnte ganz gut sehr anständige Mädel geben, die sich auch einmal küssen ließen, wenn sie einen sehr lieb hatten. Und Gretl hatte gar nichts dabei zu tun.
Für den nächsten Spaziergang wählt er einen Weg, der einsam und in vielen heimlichen Windungen zwischen hohen Hecken hinführt. Elsa ist von gestern her noch leicht verletzt und gibt sich hoheitsvoll unnahbar. Er braucht lange, um zu seiner Bitte Mut zu fassen. Dann beginnt er leise: „Ich habe eine große Bitte, Fräulein Elsa!“ und bricht ab. Sie blitzt ihn aus den Augenwinkeln an, es sieht fast wie Spott aus. Seine Augen bitten beredt weiter, er faßt schüchtern nach ihrer Hand. Doch das Mädchen wehrt ihm ab: „Ich kann mir schon denken, was Sie wollen! — Ihr Männer seid alle gleich, — Liebe, Zutrauen, genügen euch nicht — ihr müßt mehr haben — das! Schämen Sie sich!“ Fritz ist sprachlos verwirrt: Ist es möglich, daß die Bitte um einen Kuß solcher Empörung begegnet? Und er fühlt, wie ihm das Weinen schmerzhaft in die Kehle steigt. Wütend strafft er das Gesicht, um das Zucken der Mundwinkel zu verbergen und stolpert trostlos neben dem Mädchen her. Da trifft ihn wieder, kurz und spöttisch, ein blitzender Seitenblick, und sein Mißtrauen will jäh aufspringen. Doch er zwingt es nieder, und sagt, nach langer Pause, sehr demütig: „Ist das etwas so Schmähliches — ein Kuß?“ Elsa dreht den Kopf weg, aber er sieht sie lächeln. Lebensfreude kehrt ihm zurück, er beugt sich, küßt den kindlichen Mund. Da beißt sie ihm scharf in die Lippe, daß er erschreckt zurückfährt — was war das? — Elsa sieht ihm gerade in die Augen und sagt: „Held!“ Nichts weiter. Er begleitet sie stumm nach Hause. Kaum ist er allein, meldet sich Siegergefühl. Doch Mißtrauen streitet heftig dagegen an, er muß sich mit Gewalt zwingen, den Vergleich mit Gretl auszuschalten: „Ihr Männer ...“ Könnte Gretl jemals so sprechen? — Doch endlich behauptet sich frohlockende Siegerfreude.
Am nächsten Tage bringt er Krachmandeln mit, schlägt vor, Vielliebchen zu essen, auf Dusagen. Und sein Stolz auf die kühne Erfindung fühlt sich leicht verletzt durch den allzu geringen Widerstand. Immerhin: „Du, Elsa, gib mir noch einen Kuß!“ Wie das klingt! Und er bekommt den Kuß, noch einen, kann sich ohne Bitten noch viele nehmen — das ist Liebe!
Dann zieht Elsa den linken Handschuh aus, zeigt ihm, in den Handballen blutig eingeschnitten F. „Das heißt Fritz“ sagt sie und sieht ihn fest an. „Das hab’ ich mir selber eingeschnitten, mit dem Taschenmesser!“ Er ist überwältigt. So wird er geliebt! „Schneidest du dir ein E?“ fragt sie lockend. — „Nein!“ sagt er überrascht. Doch als er sieht, daß die kurze Ablehnung sie verstimmt, fügt er schnell hinzu: „Schneid’ du mich, daß ich eine Narbe behalte! Zum Andenken!“ Sie drückt ihm wortlos die kleine Klinge in den Handrücken und zieht sie langsam durch, daß aus einem tiefen Schnitt reichlich Blut quillt. „Laß mich kosten,“ flüstert sie, beugt sich über seine Hand und er fühlt ihre scharfen Zähne. Er beginnt zu zittern vor Verlegenheit, reißt seine Hand zurück und umwickelt sie dick mit dem Taschentuch. Sie gehen stumm weiter, bis zu einer abgelegenen Feldscheuer. Da sagt Elsa: „Ich bin müde.“ Er, noch halb in Gedanken verloren, wirft seinen Mantel auf den Wegrand und ladet sie zum Niedersitzen ein. „Nein, nicht hier!“ sagt sie. „Gehn wir in die Scheune!“ Und während er sie verblüfft anstarrt, kommt unverhüllt der Ausdruck in ihr Gesicht, den er bisher in kurzen Augenblicken erspäht hat und nie wahr haben wollte: ein Blitzen in den Augen, die Lippen, dunkelrot, öffnen sich halb — das ist Betty, Minna, das ist der Schmutz! Seine Liebe ist verflogen. Was, Jungfrau, unberührbare! Wütende Enttäuschung und, stärker noch, Angst befallen ihn, Angst davor, mit diesem begehrlichen Weib allein zu sein in geschlossenem Raum. Blitzschnell jagt seine Erinnerung vergangene Eindrücke vorbei. Sein Mißtrauen, überwach nun und ungezügelt, zieht grausam die Summe: die leichte Bekanntschaft, die Bereitwilligkeit zu einsamen Gängen; die Empörung damals, als er um den Kuß bitten wollte — wie falsch und hohl, wohl nur gespielt, um ihn herauszufordern! Anbeten — die? — Bleich vor Verachtung macht er seine gezierteste Tanzstundenverbeugung und fragt: „Darf ich Sie nach Hause begleiten?“ — Da läuft sie wütend davon. Er fühlt sich in seinem Heiligsten verraten, weidet sich wollüstig an bitterem Weltschmerz. Auch Stolz meldet sich, daß er der Versuchung nicht erlegen ist. Die Angst ist vergessen. Keine leiseste Regung mahnt ihn, es könnte ein schönes und heiliges Feuer sein, das zwei junge Körper ineinander schmilzt. Ihm selber unbewußt sind seiner Seele wohl eingebrannt die Striemen jener Züchtigung, die ihn zum Glauben an den Storch zwingen wollte, und geifernde Pfaffenworte springen ihm durchs Hirn, von fleischlicher Vermischung und Unkeuschheit.
Wo bist du, sonniges Hellas!
42
Kurz darauf reist die Mutter mit Fritz und Gretl nach Weißwasser. Klarer Bergsommer, der Wäldern und Bächen nichts von ihrer Frische nimmt, sie nur segnend durchwärmt. Jede Stunde hat ihr Gesicht, ihren Geruch. Fritz kennt sie alle. Frühmorgens herrschen die Fichten, stehen taubeperlt nach kalter Nacht und füllen die sonnendunstige Luft mit ihrem herben Atem. Am hohen Mittag duften die Walderdbeeren und das Harz am stärksten; die Kreuzotter sonnt sich träge; Kuckucksruf und Taubengurren. Sinkt aber früh am Nachmittag die Sonne hinter den hohen Berg, — tief unten das Tal liegt noch in ihrem Schein — da rieseln die Quellen lauter, die Moospolster senden leise Nebel aus, die sich ziehend mit dem Holzrauch und dem süßlichen Stallgeruch aus den Dorfhäusern mengen.
Fritz geht mit der Schwester durch den Wald, und aus tausend Erinnerungen weht Kindheit und Heimatsgefühl: hier stand die Zwergenhütte, und das hier war Falkos Stall — weißt du noch? In beiden erwacht die Lust, alles Wissen abzutun, wieder gläubig zu spielen. Doch scheue Verlegenheit hält sie ab. Sie sind erwachsen! —
Wieder empfindet Fritz quälend den Abschnitt in seinem Leben. Vorbei die Kindheit — und war so kurz, kaum gelebt. Vorbei das unbefangene Hinnehmen; nun steht das Leben da und fordert ein Tun, ein Wollen zumindest. „Was bin ich und was soll ich?“ Die alte Frage hat plötzlich schreckhaft neuen Sinn. Die Bäume rauschen Antwort. Doch der Junge versteht ihre Sprache nicht.