43
Immer häufiger beginnt der Vater von seinem nahen Ende zu sprechen. Zwar ist er unverändert rüstig, und dem straffen, aufrechten Körper merkt niemand die vollen siebzig Jahre an. Noch waidwerkt er ungehemmt auf den Brunfthirsch in steilen Waldbergen, keine Frühpirsch, kein Nachtansitz, keine winterliche Treibjagd wird ihm zu sauer. Vielleicht ist es nur eine Redensart, um von den Zuhörern immer wieder die Versicherung zu erhalten, wie so gar kein Anlaß zu solcher Befürchtung gegeben sei. Eine späte Koketterie also, wie sie manchen rüstigen Greis befällt? Oder fühlt er innerlich, daß die Welt schneller zu laufen beginnt, zu schnell, als daß er lange noch mit ihr Schritt halten könnte? —
Nun hat die Stadt endlich ein Kraftwerk gebaut, und es gehört zum guten Ton, elektrisches Licht zu brennen. Die Einrichtung ist nicht länger mehr zu umgehen. Beim Abendessen kommt einmal das Gespräch darauf. Da sagt der Vater, leise und seltsam müde: „Mein Vater, mein Groß- und Urgroßvater haben Öllampen und Kienspan gebrannt, und an Festtagen Wachskerzen. Und mein Vater hatte noch mit neunzig Jahren Augen wie ein Luchs. Aber jetzt? In den letzten zehn Jahren haben wir viermal die Beleuchtung gewechselt — erst die neuen Petroleumlampen mit Rundbrenner, dann das offene Gaslicht, dann Auerlicht, jetzt soll Elektrisches kommen, und morgen vielleicht schon wieder was Neues! Man kommt gar nicht mehr zur Ruhe — die Welt ist verrückt!“ Fritz hat ein unbestimmtes Siegergefühl und beginnt unvermittelt seine Kenntnisse über die neue Erfindung auszukramen: „Die Glühbirne muß luftleer sein, sonst würde der Kohlenfaden verbrennen. Und gegen den Kurzschluß gibt es Sicherungen, das sind ganz dünne Silberdrähte, die in den Stromkreis eingeschaltet werden ...“ Da weist ihn der Vater heftig zur Ruhe: „Halt den Mund und warte, bis du gefragt wirst!“ Und Fritz verstummt, aber er schießt der Schwester einen Triumphblick zu. Und in ihm jubelt es: „Er kann nicht mehr mit — er kann nicht mehr mit!“
Schließlich werden die elektrischen Leitungen gezogen, aber der Vater weigert sich hartnäckig, in den Schlafzimmern Bettlampen anbringen zu lassen. Der Schalter kommt an die Eingangstür, in die Mitte des Zimmers eine Deckenlampe. Auf den Nachttischen werden nach wie vor Kerzen gebrannt. „Das Gas konnte man ja auch nicht vom Bett aus anzünden oder löschen,“ sagt der Vater. Fritz aber meint spöttisch zur Schwester: „Der glaubt, er hält die Zeit auf, wenn er sich’s ja recht unbequem macht! — Ist ja lächerlich!“ —
Und da ist das Telephon, das endlich auch seinen Einzug erzwungen hat. Mein Gott, da hängt nun so ein dunkelpolierter Holzkasten an der Wand, der mit Drahtwerk, Hartgummi- und Nickelteilen geradezu medizinisch anmutet. Das schrille Läutwerk bringt jedesmal das Haus in Aufruhr. Der Vater geht an den Apparat, hebt den Hörer ab, ruft „Halloh“ in die Sprechmuschel, alles mit gemessener, wenn auch etwas krampfhafter Würde. Dabei läßt er kein Auge von der breitgedruckten Gebrauchsanweisung, die daneben an der Wand hängt. Und nachher versäumt er es nie, den Inhalt des Gesprächs der aufhorchenden Gattin kurz zu wiederholen. „Der Direktor Keil bittet, ich soll gegen fünf Uhr nachmittags hinkommen, und ich habe ihm geantwortet ...“ — „Wie Moses nach der Rückkehr vom Berge Sinai, als er mit Gott geplaudert hatte,“ sagt Fritz zur Schwester. Ihm ist übrigens die Benützung des Telephons verboten. „Das ist ein sehr kostspieliger und komplizierter Apparat, den ich beruflich brauche, aber kein Spielzeug für die Kinder!“ So sagt der Vater. Und Fritz trägt, wie gewöhnlich, seinen Ärger zu Gretl: „Wenn er telephoniert, dann spricht er selbst und hört den anderen sprechen — aber deswegen glaubt er doch nicht, daß es so was überhaupt gibt! Ich bin überzeugt, er hat im Grunde Angst! Und wenn er telephonisch wohin gerufen wird, dann geht er zwar, aber bis zum letzten Augenblick ist er nicht sicher, ob es nicht nur ein dummer Witz war! Und deswegen darf ich nicht telephonieren, weil ich mich eben auskenne! Eifersucht, nichts weiter!“ Gretl lächelt gequält und sagt: „Laß ihn, du änderst ihn nicht mehr! Er ist alt!“
Es geht dem Herbst zu, und noch ist über Fritzens nächste Zukunft nicht entschieden. Gegen die Rückkehr an die Universität, in die Großstadt, sprechen gewichtige gesundheitliche Gründe: „Jetzt hat man den Buben ein Jahr lang mühsam herausgefüttert,“ sagt der Vater, „und in der staubigen Großstadt geht der Tanz nach ein paar Wochen wieder los! Dazu habe ich wenig Lust! — Und überhaupt die Universität! Bei deiner notorischen Faulheit brauchst du sicher fünf, sechs Jahre bis zum Doktor, und selbst dann kannst du dich noch lange nicht selbst erhalten. Und wenn ich heute oder morgen einmal nicht mehr da bin, dann möchte ich nicht, daß du etwa Jahrzehnte lang der armen Mama auf der Tasche liegst! — Es gibt ja auch praktische Berufe, in denen man viel schneller zum Verdienen kommt! Was sagst du dazu?“ — Und Fritz schweigt, hauptsächlich, weil er weiß, daß er den Vater damit ärgern kann. Teils aber auch aus wirklicher Ratlosigkeit. Das freie Studentenleben schreckt ihn nach den ersten Erfahrungen mehr, als es ihn reizt. Und wirklich studieren, die elende Schulpaukerei gleich wieder fortsetzen? — Aber ein praktischer Beruf? Schlosser vielleicht? — Der Vater hat wohl schon einen festen Plan, und will jetzt nur sein Einverständnis erlisten, um später einmal sagen zu können: „Du hast’s ja selbst gewollt — man hat dir ja die Wahl gelassen!“ — Wie kläglich war das! Früher einmal, da hieß es: Biegen oder brechen! Der Vater befahl, und die „Kinder“ hatten zu gehorchen. Kein schöner Zustand, bei Gott, aber einfach und klar. Jetzt aber, die Jesuitenkünste! Dem alten Löwen wackelten die Zähne!
Und Fritz schweigt, der Vater aber wird pünktlich böse: „Da hat man’s ja, da steht der ellenlange Kerl wie ein Stück Holz, und sagt nicht A noch B! — Aber ich werde mich nicht mit dir herumärgern und mir die Lunge aus dem Leib reden! — Du gehst heute nachmittag zum Herrn Rat, der wird dich vielleicht eher zum Sprechen bringen!“
Der Herr Rat empfängt den Jungen in seinem prunkvollen Wohnzimmer, weist ihm einen der üppigen, weichen Lehnstühle an, hüstelt ein wenig, saugt passend an seiner dicken Zigarre und beginnt endlich sichtbar verlegen eine vorbedachte Rede. Fritz fühlt sich geschmeichelt von dem großen Apparat, der seinetwegen in Bewegung gesetzt wird, ist aber auch gespannt auf die kommenden Enthüllungen. Das Bewußtsein augenblicklicher Wichtigkeit und der eifrige Wunsch, die dadurch bedingte Überlegenheit zu wahren und nötigenfalls auszunützen, beschäftigen ihn so stark, daß er der gutmütigen, leicht kurzatmigen Stimme des Herrn Rats zunächst nur wohlig lauscht, ohne auf den Sinn der Worte zu achten. Erst ein stark geräuspertes „Verstehst du mich auch?“ reißt ihn aus seinen Träumen.
Ja, also: Der Papa ist alt ... zwar außergewöhnlich rüstig ... aber immerhin — siebzig Jahre ... hat den begreiflichen Wunsch, die Kinder versorgt zu sehen. Bei Felix und Max sei das wohl erreicht, und Gretl, na ja, für die würde sich wohl ein braver Mann finden, ein so prächtiges Mädel, keine Frage ... Ja, aber (hm, hrrr, pschitt), Fritz! Ja! Da sei wohl reiflichste Überlegung am Platze! — Der Geldpunkt allein dürfe keinesfalls ausschlaggebend sein ... Obwohl natürlich ... das lange Studium und die Anfangsjahre in jedem akademischen Beruf, ohne oder fast ohne Gehalt ... immerhin recht weitgehende materielle Opfer ... aber diese Opfer würden ohne weiteres gebracht werden — im Vertrauen: des Vaters Vermögenslage sei durchaus nicht ungünstig, wenn er selbst sich auch als armen Mann hinzustellen liebe; durchaus nicht ungünstig, im Gegenteil, hm, hrr! Aber der Kernpunkt: Ob ausgesprochene Neigung zum Universitätsstudium vorhanden sei, ausgesprochene Neigung und der feste Wille, es darin rasch vorwärts zu bringen ... Darauf komme es wesentlich an ... denn sonst allerdings ... Obwohl von Zwang keine Rede sein solle ... aber immerhin — wie? Hm? —
Fritz beginnt Mitleid zu empfinden für den verlegen hüstelnden alten Freund und bricht mit einer Frage ein: „Um welchen praktischen Beruf handelt es sich?“