Der Herr Rat beantwortet diesen knabenhaften Entwirrungsversuch feingesponnener diplomatischer Fäden zunächst mit einem mißbilligenden Funkeln aus runden Brillengläsern und mit verstärktem Hüsteln. Dann entschließt er sich, in wesentlich trocknerem Ton, zu der sachlichen Mitteilung, er habe einen befreundeten Bankdirektor in Mailand, der bereit wäre, Fritz als Volontär einzustellen. Und er will sich über die Vorzüge und Nachteile des Bankfaches weiter auslassen. Fritz aber unterbricht ihn atemlos: „In Mailand? Wann könnte das sein?“ „Morgen, wenn du willst!“ gibt der Herr Rat gemessen zurück. „Oh ja, oh, bitte, ja, das will ich! Ich gehe nach Mailand!“ Fritz jubelt fast. Umsonst versucht der Herr Rat ihn zum Nachdenken zu bringen ... der endgültige Verzicht auf den akademischen Grad dürfe nicht der Entschluß eines Augenblickes sein, später, im Leben, hänge die gesellschaftliche Stellung nicht unwesentlich davon ab ... dann sei es aber zu spät zur Umkehr ...
Fritz aber hält ihm froh entgegen: „Sie sind ja auch nicht Doktor, und verkehren doch überall!“ Darauf hat der Herr Rat, leise verletzt, nichts mehr zu erwidern. Er fragt nur, etwas förmlich: „Es ist also dein freier und fester Wille?“ Und Fritz schmettert ein begeistertes Ja! Er hat nur Mailand erfaßt, die Weite, die Fremde, die Freiheit! Dorthin reichte die Zuchtrute nicht — dort mochte das Leben beginnen. Bankvolontär? Mein Gott, man konnte auch Kuhhirte sein — in Mailand! Er springt auf, will nach Hause laufen, einpacken ... da hält ihn der Herr Rat zurück: „Ich werde also meinem Freunde schreiben, daß du die Stellung, sagen wir, Mitte September antreten wirst!“ — „Mitte September, noch drei Wochen, warum so lang?“ fragt Fritz enttäuscht. „Bei der großen Entfernung ist an ein Nachhausekommen vor einem Jahre nicht zu denken, wahrscheinlich werden sogar zwei, vielleicht auch drei Jahre vergehen.“ Der Herr Rat spricht mit eindringlicher Würde, mit etwas Schärfe sogar. „Da ist nicht nur Verschiedenes vorzubereiten, an Wäsche, Kleidern und so fort, sondern,“ und die runden Brillengläser blitzen Ermahnungen, „deine Eltern werden dich vor der langen Trennung noch einige Zeit bei sich haben wollen!“ — „Wirklich!“ murmelt Fritz, und verzieht höhnisch den Mund. „Ich dächte, ich bin nun lange genug erzogen worden!“ — Aber der Herr Rat belächelt die Frechheit nicht. Er bleibt ernst und gemessen: „Du begehst ein großes Unrecht! Deine Eltern haben sicher immer nur dein Bestes gewollt! Du hast dir nur nicht die Mühe genommen, sie zu verstehen! Du bist vielleicht auch noch zu jung ...“ — „Sagen Sie lieber, mein Vater ist zu alt, fünfzig Jahre älter als ich, und die Mama dreißig, da ist es schwer mit dem Verstehen! Und mein Vater hat nie daran gedacht, etwa mich verstehen zu wollen ...“ — „Er ist dein Vater,“ sagt der Herr Rat mit Strenge. Und in Fritz erwacht der wilde Trotz seiner Jungenjahre: „Ich habe ihn nicht darum gebeten — und keinesfalls ist das so, daß der Vater nur Rechte hat und der Sohn nur Pflichten — und schließlich ist immer der Knüppel der einzige Dolmetsch! Mein Vater hat mich in die Welt gesetzt — aber darum bin ich noch nicht seine Sache!“
Der Herr Rat winkt peinlich berührt ab: „Lassen wir das ... Du wirst älter werden und über all das ruhiger denken lernen! Da du aber gerade hier bist, hätte ich gerne noch etwas mit dir besprochen ... um so mehr, da du ja jetzt weit fort in die Fremde gehen sollst ... Ja! Hm!“ Und das Räuspern und Hüsteln setzt verstärkt wieder ein ... „Dein Vater findet es sehr schwer, sich mit dir zu verständigen — du tust ja auch tatsächlich nichts, um es ihm irgendwie leichter zu machen — ja! Hm! ... Und so hat er mich gebeten ... Es gibt gewisse Fragen, über die du schwerlich bisher nachgedacht hast, du bist wohl auch zu jung dazu ...; nun handelt es sich darum, dich vor Torheiten zu bewahren! Die Beziehungen des Mannes zum Weibe ... Hm! Hrr! Hrrr!“ Der Herr Rat versteckt sich zeitweilig hinter einem Hustenanfall. In Fritz aber knallt die vorherige Spannung zu der jähen Erkenntnis auseinander: „Er soll mich aufklären!“ Grell wie im Blitzlicht liegt die unerhörte, weltfremde Ahnungslosigkeit der alten Leute vor ihm: die meinen etwa, er glaube noch an den Storch, weil man es ihm vor Jahren einmal so eingeprügelt und seither nicht widerrufen hat! Und der Vater findet es unter seiner Würde, eine frühere Erziehungslüge zuzugeben, darum muß der Herr Rat an die Front! Und der gibt sich dazu her, ahnt nicht, oder will es nicht wahrhaben, daß ein junger Mensch mit neunzehn Jahren sich selbständig Gedanken gemacht, Erkenntnisse verschafft haben könnte! Oh, altes Eisen, altes Eisen! — Und eine entsetzliche, giftige Lachsucht, auf deren Grunde Tränen lauern mögen, erstickt den Jungen fast. Doch er bezwingt sich; Wissen zu zeigen, könnte gefährlich sein. Und dann: dem alten Herrn fällt es ersichtlich schwer, die heiklen Dinge zu erörtern. Mag er sich plagen — die beste Rache!
So senkt der Junge die Augen, um ihr Glitzern zu verbergen, klemmt schmerzhaft das Wangenfleisch zwischen die Backenzähne, damit nicht das Gesicht in breitem Grinsen zergehe, und knetet fieberhaft die Finger ineinander. Der Herr Rat nimmt es für schamhafte Verlegenheit, wird dadurch selbst noch befangener und räuspert, hustet, stottert linkische Erklärungen, Andeutungen, Warnungen ... — Alimente ... Erpressung ... Krankheit ... Zwangsehe ... Das Geheimnis der Menschwerdung wird in dem Greisenmund zur gefahrdrohenden Klippe, zum häßlichen Schattenfleck. Fritz fühlt seine Erinnerungen, seine Triebe sich regen, unrein und doch unwiderstehlich lockend; lastend, wie ein süßer Fluch. — Die niedergepreßten Augenlider erzeugen rotglühende Bilder, in deren Schauern es sich verliert — Weiber mit geil prunkenden Geschlechtsmerkmalen, Busen, Hüften, Schenkel, dunkles Kraushaar auf weißem Fleisch, Weiber, lüstig hingestreckt, kniend, kauernd, breitbeinig stehend — Weiber — doch keine hat ein Gesicht. Nur ihr Geschlecht lockt aus dem roten Nebel ... Weiber ...
Da klingt die Stimme des Herrn Rats, väterlich, mit ernster Rührung geladen: „Versprich mir das, mein lieber Junge!“ „Ja, ich verspreche es,“ sagt Fritz mechanisch und gibt eine bebende Hand. Er weiß nicht, was er versprochen hat. Die Erregung sitzt ihm an der Kehle wie eine würgende Hand. So tappt er heim.
44
Ein Frühzug gleitet aus dem Kleinstadtbahnhof. Der Morgennebel läßt den Kohlenrauch nicht verfliegen. Es riecht nach Reise und Abschied. Die müde Herbstsonne malt Perlmutterglanz auf Dächer und Türme. Sie grüßen von weither, wie seliges Land. Ist das die Heimat?
Fritz beugt sich ein letztesmal zum Fenster hinaus. Da sieht er weit weg, verschwimmend schon, ein weißes Tüchlein wehen. Das ist die Schwester — und wütende Sehnsucht überfällt ihn, nach den guten, dunklen Augen, die nur Treue kennen. Was könnte ihm die Fremde bieten, das besser wäre? — Angst schleicht sich an. — Und der Vater — wie müde und weich war der Abschied! „Wir sehen uns wohl nicht mehr, mein lieber Junge,“ hat er gesagt. „Halt dich brav — vielleicht geht’s jetzt!“ Das klang wie Eingeständnis eigener Ohnmacht — und quälend hatte der Junge die Härte vermißt, die er am Vater, bei allem Trotz und Haß, doch immer geliebt hat. Immer geliebt hat. —
Die Kleinbahn bleibt zurück — der Schnellzug auf der Hauptstrecke klirrt durch weites Land. Die große Stadt wird im Wagen von Bahnhof zu Bahnhof durchquert. Die Universität dort. — Student? — Halber Pennäler!
Und wieder ein Schnellzug mit riesenhafter, kegelspitzer Maschine, stiernackig, und langgestreckten Wagen, die lautlos aus der weiten Halle schwimmen. Und was sich nun zu beiden Seiten im Abenddämmern dehnt, Felder, Büsche und ferne Waldberge, das ist Neuland, ist die Fremde. Die Nacht bringt zerrissenen Schlaf.