Oft geht es auch in eines der vielen Nachtlokale, wo selbsttätige Spielmaschinen zu leichtem Gewinst locken. Vor flirrenden Farbscheiben entfaltet sich wütender Spieleifer. Auch die Maschine ist nicht sicher vor dem Vorwurf schmutzigen Betruges. Kaum hat einer mehr als drei Einsätze verloren, da werden heulend Wirt und Kellner zusammengerufen, verbrecherischer Handhabungen beschuldigt, mit Verwüstung oder doch Meidung des Lokals, auch polizeilicher Anzeige bedroht. Dann gibt wohl der Wirt eine Runde schillernden Likörs zum besten, man läßt ihn freudig bewegt hochleben und beglückwünscht sich insgeheim zu dem schönen Erfolg energischer Beredsamkeit über einen verstockten Bösewicht.

Der Nobile Marinetti plätschert eifrig in dem vertrauten Element, grinst gierig im Gewinnen, schreit angemessen beim Verlieren und verschmäht gelegentliche kleine Selbsthilfen nicht. Warum sollte man auch nicht einen verlorenen Einsatz zu retten versuchen, wenn es rasch und unauffällig geschieht, ohne daß der Bankhalter es merkt? Und merkt er’s doch, dann werden ihm, nach dröhnenden Unschuldsbeteuerungen, die paar Kupfermünzen großartig zugeschoben — als Geschenk, da! So handelt ein Edelmann!

Fritz hat das Manöver mehrmals mit angesehen, und seine ohnedies geringe Wertschätzung für den neuen Bekannten ist rasch geschwunden. Wenn ihn aber Marinetti, wie es immer öfter geschieht, mit fabelhafter Nebensächlichkeit um ein Darlehen angeht, so mag er nicht nein sagen. Der Mann hat eben doch die Manieren der großen Welt — da darf er nicht zurückstehen! —

Eines Abends, als das gewohnte Hasard mit giftigem Zank und schließlicher Versöhnung zu Ende gegangen ist, schlägt Marinetti einen „Giro artistico“ vor, eine Kunstreise, und die Runde grölt Beifall. Fritz hat den Sinn des Vorschlags nicht begriffen, aber er schließt sich neugierig an, als der lärmende Aufbruch erfolgt. Über breite Straßen und Plätze hinweg geht der Weg, in enge, verzwickte Seitengäßchen, an Winkeln und Sackgassen vorbei. Schlüpfriger Unrat auf höckerigem Pflaster. Süßliche Fäulnis in der Luft. Die Schritte hallen schwer, öde Hauswände bellen die lauten Stimmen nach. Marinetti, an der Spitze, taucht in eine schmale Tür, die andern hinter ihm. Ein dunkler Gang, an seinem Ende glitzert Licht aus Türritzen. Dann ein Salon von fadenscheinigem Prunk, zerrissene Plüschbänke an den Wänden entlang, unter blinden Spiegeln. Eine fette Alte in speckiger Seide erhebt sich träge, mustert mißbilligend die große Schar der neuen Gäste. Marinetti flüstert eine galante Begrüßung, da klatscht sie in die Polsterhände, krächzt in das schwammige Dämmer des Stiegenhauses hinaus: „Mädchen, in den Salon!“ Oben schlagen Türen, Stöckelschuhe klappern die Steinstufen herunter, dann drängen sich weibliche Gestalten herein, zwei, drei, fünf: hohe Seidenstrümpfe, oft geflickt, durchsichtig dünne, kurze Seidenhemdchen, nach Kinderart mit Maschen bebändert, und wüste, zerstörte Gesichter unter getürmten Haaren, mit Schminke und Puder überkleistert, stumpfes Laster in nächtlich geweiteten Augensternen. Wie sie dem Schwarm der Männer nahen, überlegt unzüchtig in Wort und Haltung, scheinen sie unbeseelte, von einem Teufelshirn erdachte Werkzeuge niedrigster Lust. Und doch liegt mehr als Lockung in dem starren Lächeln, das sie alle zeigen. Angst ist darin, Angst ums tägliche Brot, Angst vor Roheit, Heimweh vielleicht; doch auch Haß und dunkle Drohung: „Hier bin ich, Mann, wie du mich gewollt hast! Kehr’ ein in den verfluchten Schoß — er soll dir Siechtum gebären, und Tod!“

Fritz drückt sich scheu in eine Ecke, zwischen Wunsch und Abwehr schmerzhaft schwankend. Die andern greifen herzhaft zu. Bald knallen liebkosende Schläge auf nacktem Fleisch, Dirnenlachen schrillt auf, und breite Zoten. Marinetti, ein derbes Bauernmädel auf den Knien, der die Stadt wohl die Frische, nicht die breithüftige Wucht nehmen konnte, Marinetti wendet sich halb über die Schulter zurück zu Fritz: „Warum so tugendhaft, Freund? Sehen Sie nur, welch schönes Stück Fleisch!“ Und leiser: „Im Vertrauen, das arme Kind ist verrückt nach mir, und ich kann nicht gut anders ... Unglücklicherweise habe ich kein Kleingeld zu mir gesteckt ... zwei Franks vielleicht ... Aber wenn Sie den Vortritt wollen ... gerne ...“

Fritz würgt der Ekel. Bevor er aber noch eine Antwort geben oder die verlangte Münze hervorziehen kann, nach der er mechanisch gegriffen hat, springen zwei handfeste Kerle herein, stellen sich zu beiden Seiten der Tür auf, ein dritter macht zwei lange Schritte bis in die Mitte des Zimmers, schreit befehlend: „Mädel hinaus — die Herren bleiben hier!“ — Polizei! Schon rennen die Mädchen kreischend davon, der Geheimpolizist läßt die Gäste längs der Wände in eine Reihe treten und tastet jeden einzelnen nach Waffen ab, mit kundigen, harten Griffen. „Was tragen Sie in der Westentasche?“ — „Ein Federmesser!“ — „Vorzeigen und öffnen!“ Die Klinge wird an der Breite des Handtellers gemessen; ragt sie darüber hinaus, dann ist es eine verbotene Waffe, auf deren Tragen Gefängnis steht. Fritz wartet trotzig, bis die Reihe an ihn kommt. Die rohe Polizeigewalt empört ihn. Plötzlich fühlt er ein Ziehen an der Rocktasche, greift hin und merkt, daß ihm Marinetti, sein Nachbar, ein grobes Jagdmesser zustecken will. Auf seine hastige Abwehr antwortet Marinetti mit einem zischenden Fluch und stopft die Waffe blitzschnell hinter sich in einen Riß des Sofas. Die Polizisten haben nichts gemerkt, sie haben wohl die Stammtischbrüder schon als harmlose Leute erkannt und führen die Untersuchung nur der Form halber flüchtig durch. Fritz und sein Nachbar bleiben verschont. Sobald die Polizisten die Türe freigeben, bricht die Runde, leicht verstört, auf. Marinetti sagt mit bleichem Grinsen: „Es war natürlich nur ein Scherz, ich wußte ja vom ersten Augenblick an, daß wir gar nicht mehr drankommen würden!“ — Fritz denkt angestrengt nach, dann sagt er mit größtem Nachdruck ein Wort, das er eben erst beim Koch gelernt hat, in die grinsende Larve: „Cimice — Wanze!“ Ein besseres Schimpfwort ist ihm nicht zur Hand. Der andere will auffahren, besinnt sich aber rasch, wohl wegen der schwebenden Schuld, und meckert tückisch. Fritz lacht herzhaft mit. Enttäuschung fühlt er nicht; doch heiße Freude am Abenteuer.

Draußen kurze Beratung; die „Kunstreise“ soll ja durch alle Frauenhäuser der Stadt führen, von den billigsten aufwärts, und darf wegen des kleinen Zwischenfalls nicht abgebrochen werden. Im Gegenteil — nun ist erst die rechte Stimmung da. Sie haben ihr grölendes Lachen wiedergefunden, und der und jener beteuert schmetternd, wie er den dreckigen Spitzel angeschnauzt, niedergebrüllt, nötigenfalls auch erwürgt hätte, wenn nicht eben ...

Und die Kunstreise geht weiter. Die roten Plüschmöbel werden besser, die goldgerahmten Spiegel heller, die Mädchen jünger — aber die Stimmung bleibt die gleiche: Angst, Haß und Drohung hinter starrem, lockendem Lächeln. Die Schar der Zechbrüder lichtet sich — manche bleiben zurück, von billigen Reizen bezwungen. Die andern toben weiter, wie Helden. Marinetti prahlt verächtlich, zu seiner Zeit sei es bei solchen Kunstreisen Ehrensache gewesen, in jedem Hause ein Mädchen zu lieben, mindestens eins ... „Langsam, langsam!“ brüllt der Chor. „Der Mensch ist kein Hahn!“

Den Endpunkt bildet ein prächtiges Haus, fast schon ein Palast, mit dem herrlich gottlosen Namen St. Peter im Obstgarten. An dessen Tor erhebt ein bärbeißiger Pförtner Eintrittsgeld, und ein großer Trupp springt ab. Nur zwei Agenten, deren einer, nach gezischeltem Hin und Her, für Marinetti mit bezahlt, und Fritz treten ein. Auch hier die hergebrachte Einrichtung, roter Plüsch und goldgerahmte Spiegel, doch von höherem Geschmack beherrscht. Keine „Mädchen“ mehr, junge Damen, die in Abendkleidern Konversation machen. Kein schrilles Gelächter, keine Handgreiflichkeiten. Fritz fühlt die kaum errungene Überlegenheit ins Wanken geraten: Dies hier wäre wohl wert, erlebt zu werden. Das ist nicht unzüchtiges Laster schlechthin, das sich mit Nasenrümpfen abtun ließe — hier braucht es weltmännischen Schliff, um unbelächelt bestehen zu können. Brennende Demütigungen: kleiner Bankvolontär, knappes Taschengeld, schlecht angezogen — — — Und doch: wo nimmt nur Marinetti, die häßliche Wanze, die Sicherheit her! Keinen Pfennig in der Tasche und scharmutziert wie ein Pascha, gönnerhaft fast. Die kleine Französin dort, mit weichen braunen Augen ... die sollte zu kaufen sein? Geld sollte die runden Arme, die zarten Beine, den ganzen, feinen Knabenkörper bewegen können? Nein, sicher: Geld gehörte wohl dazu, aber es gab nicht den Ausschlag. Dies schöne Kind war kein Lustautomat — sie wollte in Liebe erobert sein! Und Fritz fühlt heiße Zärtlichkeit für das zerbrechliche Wesen, das ihn schmachtend anblickt. Der Lebemann in ihm flüstert Einwände: „Gott ... ein Weib ... einfach zusammenpacken ... denk’ an Betty!“ Doch das strahlende Seidenkleid siegt. — Dann enge Geldsorge: „Wer weiß, wieviel sie verlangt ... sie wird dich überhalten ...“ Da bäumt sich hochgemut der Lebemann: „Geld spielt keine Rolle!“

So sitzt er stumm und läßt kein Auge von dem jungen Weib, das längst die Sachlage erfaßt hat und, als sicherste Lockung, scheue Zurückhaltung zeigt. Die andern wollen gehen. Wütende Scham: sie sollen nicht Zeugen sein ... sehen, daß er zurückbleibt! So geht er mit. Vorher aber blitzt er dem Mädchen zu: „Ich komme wieder!“ Und die braunen Augen antworten ein flammendes Ja.