Allein mit der braunen Yvonne in einem kleinen Gemach, das fast gesprengt wird von einem übergroßen Bett. Fremdartiges Waschgerät in einem Winkel. „Stätte der Unzucht ... Lasterpfuhl,“ klingt es schreckhaft in Fritz auf. Er steht linkisch stumm. Yvonne öffnet mit raschen, geübten Griffen das Kleid — sie trägt keine Wäsche darunter — wirft es sehr selbstverständlich ab, steht nackt vor ihm. Vor dem matten Glanz ihres jungen Körpers senkt er verwirrt den Blick. „Du hast noch keine Frau geküßt, sag’, mein Kleiner?“ Da springt sein Stolz auf, tief verletzt: „Ich? — Oh, Dutzende!“ Und er faßt herrisch zu, will sie unterjochen. Sie wehrt ihn mit trockenem Nachdruck ab: „Pfui, wie schlecht erzogen! So behandelt man eine Frau nicht! Hast du keinen Respekt?“
Respekt? Ist die Dirne toll? — Ein Weib, das nackt vor einem liegt, das man überdies noch bezahlt, teuer genug bezahlt, verlangt — — Respekt? — Nochmals will er sich auf sie stürzen — doch die braunen Augen glitzern ihm hochmütig entgegen, lähmen seinen Ansturm. Und wieder die spitze Stimme: „Man benimmt sich doch nicht wie ein Tiermännchen!“ Dann leise gurrendes Lachen über seine wütende Verwirrung: „Nun, nun, mein kleiner Wolf, nicht böse sein! Ich meine es gut, man muß dich ein wenig erziehen! Einen Cognac fine Champagne trinkt man doch auch nicht aus Bierhumpen! Man riecht daran, hält ihn gegen das Licht, nippt langsam ... und eine Frau sollte soviel Verfeinerung nicht wert sein?“ Ein kleiner Fuß wird hochgestreckt, und rosige Zehen, zart wie Finger, spielen in seinem Nacken. — So gibt es Wesen, die frei sind von der brennenden Scham, von dem Fluch sündiger Heimlichkeit, der doch auf dem Geschlecht lastet? Ein letztes Mal taucht das verbissene Zelotengesicht des Katecheten auf, seine schleimige Kehlstimme klingt an ... Dann des Vaters eisengrauer Kopf, arbeitsmüde, freudearm — und die sollten recht haben? Recht gegen den jungen Leib da, goldgebräunt unter freierer Sonne und ganz dem Leben zugewandt? Er hascht den spielenden Fuß, küßt ihn scheu, zögernd noch. Herrenwürde? Dann erkämpft er sich mit heißen Lippen ein Reich, an dessen Grenzen er bisher blind umhergetappt ist. —
Daheim in der Dachkammer — ferne Lauten zirpen, kämpfen spöttelnd mit des fetten Kochs Geschnarch, das durch die dünne Zwischenwand schüttert, — ziehen Frauen durch seine Träume — zum erstenmal Frauen, deren glatte Nacktheit unbefangen beherrscht wird von einem frohen Gesicht mit braunen Augen. Yvonnes Augen!
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In der Bank ödes Einerlei. Noch versteht er den weltumfassenden Machtwillen nicht, der sich hinter gleichgültigen, abgebrauchten Formeln verbirgt. Wenn in den Bureaus aufgeregt von neuen Riesengeschäften gesprochen wird, bleibt er teilnahmslos, schreibt teilnahmslos die hergebrachten Briefe, wenn große Pläne gereift sind: „Wir beehren uns ... belasten ... erkennen ...“ Geschäft? — Mehr fordern als man selbst gegeben hat — Betrug also! Lieber stehlen oder rauben, als so schmutzig verdienen!
Diese Teilnahmslosigkeit bleibt nicht unbemerkt. Bald steht er wieder vor dem Direktor: „Wie notieren heute Rima-Muranyer?“ Und Fritz schweigt. — „Lesen Sie keine Börsenberichte?“ — „Nein!“ — „Welche Zeitungen lesen Sie überhaupt?“ — „Gar keine!“ — „Ja, was denken Sie sich denn? — Glauben Sie etwa, mit dem bißchen Schreibarbeit wird man schon Bankmann? So einfach geht das nicht! — Von morgen an kommen Sie übrigens in die Börsenabteilung. Und ich muß sehr bitten, daß Sie Ihrem Beruf mehr Interesse entgegenbringen!“
Beruf — Interesse — wie maßlos lächerlich! Das kehrt auch in den Briefen der Eltern ewig wieder: „Dein selbstgewählter Beruf ... vorwärts bringen“ und endlose Ermahnungen. Als ob er sich fürs Leben gebunden hätte! Und Beruf? Dies Stubenhocken und Tintenschmieren konnte bestenfalls ein Erwerb sein, dem man, traurig genug, nachgehen mußte, weil das Geld nicht reichte! Aber Beruf?
Aus Gretls Briefen klingt es anders: „... Ich hoffe von Herzen, daß es Dir gut geht und daß Du nicht mehr so verbittert bist. — Du hast ja nun alle Freiheit. Schade nur, daß die Bank Dir so wenig Zeit läßt. — Aber das muß ja leider sein! ...“
Tapfere Schwester! Wie mag es ihr jetzt zu Hause gehen, alleine mit den beiden alten Leuten? Der Vater wird sie wohl, auf seine Art, mit bärbeißiger Zärtlichkeit umgeben, doch sicher auch, wenn schon unbewußt, mit der lebensfremden Eifersüchtelei des Greises. Nie aber ein Wort der Klage in ihren Briefen, nur Sorge um des Bruders Wohlergehen, und wünschender Glaube! Diesen reinen starken Glauben der Schwester empfindet Fritz manchmal fast drückend, nie aber verläßt ihn das Bewußtsein, daß er ihn zu hüten hat wie ein kostbares anvertrautes Gut, und daß er ihn einst zu rechtfertigen haben wird. —