Vergessen Ehrgeiz und Eitelkeiten. Nur die wilde Sehnsucht, qualvoll wachsend, Schmutz und Wirrsal des Alltags abstreifen, befreit eingehen zu können in das Reich dieses Wohlklangs. Der Vorhang rauscht auf. Die engelhafte Stimme der Storchio entzündet glühende Liebe. Wer der letzte, geringste ihrer Gäste sein dürfte! ...
Die Handlung geht ihren Gang; die Zwischenakte, von heißen Träumen erfüllt, fallen kaum ins Bewußtsein. Das Vorspiel des Schlußaktes schwingt zitternd ins Ohr, treibt Wasser in die starren Augen. Und als die Traviata, von törichtem Unverstand in den Tod getrieben, sterbend noch Liebe, Liebe kündet und Vergebung, da bricht Weinen haltlos aus ... „Brava, brava!“ dröhnt Beifall; und die schöne Tote steht da, verbeugt sich geschmeichelt. Es war nur Spiel — da draußen wartet die neblige Stadt, morgen die Bank ... Leb’ wohl, klingende Insel!
55
Der Abendzug der Gotthardtbahn stampft durch nächtige Felder. Guido und Fritz, der Bank mit Mühe entronnen, kauen atemlos an Weißbrot, Käse und kaltem Fleisch. „Verdammt,“ sagt Fritz, „ich hab’ schon geglaubt, wir kommen nicht mehr mit! Im letzten Augenblicke wollte mich der Chef noch einen ellenlangen Brief umschreiben lassen, wegen eines lächerlichen Fehlers. ‚Radiert wird nicht!’ sagt der Schöps. Aber ich hab’ natürlich doch radiert. So eine Schufterei, daß man auch am Sonnabend bis in die Nacht hinein felbern muß!“ — „In der Buchhaltung ist’s noch ärger, da sitzen sie jetzt jede Nacht bis ein, zwei Uhr über der Bilanz!“ meint Guido gleichmütig.
Fritz würgt schweigend an einem übergroßen, trockenen Bissen, verschluckt sich, hustet krampfhaft und lauscht gespannt in sich hinein, von eiskaltem Schreck durchzuckt: „Ist das nicht wieder ...“
Aber es ist nichts. Die Knochenhand läßt sein Herz los, das wild lostobt und langsam wieder in Gleichtakt fällt. „Verfluchtes Gerippe, nun hättest du mir wohl gerne die Freude verdorben! Grad nicht! Hier fahre ich mitten durch die Weltgeschichte, lauter große Namen um mich her — Mailand, Gotthardtbahn, Como — und die Scala, und mein Klub ... das ist so meine tägliche Umgebung! Und es kommt noch besser, wart’ nur! In die verfluchten Rübenfelder kriegst du mich nicht mehr!“ Und beseligt sprudelt er Lästerungen vor sich hin, ersinnt fabelhafte Schimpfworte, singt endlich nach der Sterbearie der Traviata laut hinaus:
Verfluchter Knochenmann, du dummes Luder,
Nein, nein, du kriegst mich nicht, ich bin zu jung für dich!
„Was hast du?“ fragt Guido erstaunt. „Mir ist was eingefallen,“ grinst er zurück.
„Como!“ brüllt es draußen. Sie verlassen den Zug, der eilig weitersaust, wandern durch den kleinen Bahnhof in den stillen Ort hinaus. Die Nacht ist klar geworden. Zackige Hügelkuppen zerreißen den mondlosen Sternenhimmel. Weithin dehnt sich, leicht gewölbt, die bleifarbene Wasserfläche, spiegelt glitzernd die Lichter der Strandhäuser wider. Leise und langsam pocht der See an die Kaimauern. Es klingt wie ruhiger Pulsschlag. Unendlicher Friede. —