Sie gehen ein Stück auf der breiten Straße nach Chiasso, biegen dann in einen engen Waldweg ein. „Das ist ein Schmugglerweg, der die großen Serpentinen abschneidet,“ erklärt Guido. Und Fritz fühlt kribbelnden Stolz. — Da kriecht man nun auf Schleichwegen durch eine fremde, mitternächtige Landschaft, so ganz selbstverständlich — Donnerwetter, ja: das war nun doch wohl schon Leben!
Spät nachts pochen sie an die Tür einer kleinen Schenke in Chiasso, durch deren morsche Fensterläden noch trübes Licht schimmert. Aufgeregtes Hin und Her drinnen, dann eine rauhe Stimme: „Wer ist draußen?“ — „Keine Angst, ich bin’s, Colonna!“ sagt Guido und flüstert dem Freunde zu: „Sie haben uns für Gendarmen gehalten — sie haben öfter Schmugglerbesuch!“ Fritz stampft vor Entzücken lautlos mit den Füßen.
In der rußigen Wohnküche, von einer eisernen, altmodischen Öllampe dürftig erhellt, sitzen ein paar dunkelhäutige Gesellen beieinander, verwitterte Filzhüte auf den struppigen Köpfen, die weiten Samthosen von roten und blauen Leibbinden gegürtet. — Es mögen harmlose Dörfler sein, die eben erst jenseits der Grenze ihren Wochenbedarf an Reis und Öl gegen Tabak und Zündhölzer eingetauscht haben und nun bescheiden den Sonnabend feiern. Aber Fritzens aufgestachelte Phantasie denkt sie zu wüsten Grenzräubern um, deren jeder ungezählte Zöllner auf dem Gewissen hat. Und prüfend sucht er den Don José unter ihnen herauszufinden.
Die eine Schmalwand nimmt fast ganz ein riesiger offener Kamin ein, der mit einem Vorbau wie ein kleines Haus ins Zimmer ragt. In der rußigen Höhlung steht ein klobiger Dreifuß mit schwarzgebranntem Kessel. Auf den schmalen Steinbänken, hart neben der sterbenden Glut, sitzen die Freunde einander gegenüber, und Fritz vergeht fast in stolzem Wohlgefühl. Was war man doch für ein Kerl, der solche Nächte in Räuberschenken einfach so mit machte!
Ungern nur und auf Drängen des Freundes entschließt er sich zu kurzer Ruhe in der dürftigen Schlafkammer. Das bleiche Morgenlicht findet sie wieder in der rußigen Küche, vor riesigen, henkellosen Schalen mit heißer Milch und Traubenschnaps. Lustiges Frühstück! Wenn das der Vater wüßte!
Dann die mattgelben Wiesenhänge des Monte Generoso, gegen den Gipfel zu brüchige Schneefelder. Die Luft ist rein und mild. Überall springt die Fremde in den Sehkreis, mit weißen, seltsam nackten Häusern, flachen Ziegeldächern, mit Zypressen und Pinien, mahnend: welche Auszeichnung, das sehen zu dürfen! Unerhörtes Übergewicht über die Eltern — die waren nicht weiter als Bozen. — Die Eitelkeit wächst.
Oben, bei der verwehten Zahnradbahnstation, beginnt Guido prunkende Namen aufzuzählen: links der Como-See, mit den spitzen Buchten von Como und Lecco, rechts der Lugano-See, dort hinten taucht ein Stück vom Lago Maggiore auf, dort liegt die Isola Bella; weit im Norden flammen Schneeberge, die gehören schon zum Engadin ... und da ... und dort ...
Fritz hört selbstgefällig zu. Das ist wohl was anderes als das flache Rübenland mit halbslawischen Nestern ...! Pallanza Menaggio ... Bellaggio ...
Doch plötzlich fühlt er, wie das strahlende Antlitz der Landschaft sich verzerrt zum kalten, höhnischen Grinsen, voll Verachtung: „Du Überwinder, der den Vater morden wollte — sieh, wie du auf Schritt und Tritt den Gedanken an ihn mit dir schleppst, wie ein entlaufener Sklave die gesprengte Fessel! Du siehst nicht, wie die Pinie da unten, fächerig, zart, in dunklem Grün gegen See und Himmel steht, siehst nicht die weißen Wolken über Wiesenhügel treiben, siehst das Farbenspiel der Seewellen nicht, und die Freude an der seligen Weite, an lichtem Leben ist dir fremd. — Namen brauchst du und Zahlen, die dir ins Ohr klingeln, und deine zertretene Eitelkeit aufrichten und stärken sollen: ‚Das hab’ ich gesehen!’ — Blind könntest du sein, und sähest darum nicht weniger! Armseliger Wicht!“
Wahr, tausendmal wahr! Der Gedanke an den Vater verläßt ihn nicht. Wird der Haß nie sterben? Oder — ist es kein Haß? Ist es ...