Aber er tut die Schwäche mit wütendem Kopfruck ab: Haß ist es, gerechter Haß! Und wer ihm den antasten will, der ist sein Feind! — Stumm und trotzig steigt er neben dem Freunde die steilen Hänge hinab, an die sonnigen Ufer. Und fragt verbissen immer aufs neue nach Namen, hört kaum die Antwort, fragt weiter — und fühlt brennend, am ganzen Körper, den lachenden Hohn der Berge und Täler um ihn: „Komm wieder, wenn du frei bist!“
Unten am See trillern die Lerchen in den weiten Gärten. Da sagt Guido: „Wart’, gleich hier wohnt ein Bekannter — vielleicht borgt er mir sein Gewehr, dann könnten wir ein wenig auf die Jagd gehen!“ — „Jagd, gibt es das hier?“ fragt Fritz begeistert. — „Natürlich, wart’ nur!“ ruft Guido zurück und eilt einem reichen Landhause zu, das aus alten Bäumen hervorleuchtet. Fritz hat sein ungetrübtes Selbstbewußtsein wieder. Das ist die rechte Antwort auf das Hohnlachen: „Komm wieder, wenn du frei bist!“ Ein Gewehr in die Hand, und Löcher in die grinsende Fratze gedonnert! Die Kreatur beschleichen, überwinden, töten ...
Da kommt Guido zurück, mit einer schweren Entenflinte von schöner englischer Arbeit, und mit einem seltsamen Messinggehäuse. Fritz erhebt sachverständige Bedenken: „Hast du keinen Hund mitgebracht?“ — „Hund — wozu denn?“ lacht der andere. „Wo fangen wir an?“ fragt Fritz. — „Gleich hier, auf dem Stück Sturzacker,“ sagt Guido, gibt Fritz das Gewehr, der es mit Kennermiene prüft, öffnet und schließt, und kniet mit dem Messinggehäuse auf den Ackerboden. Auf einen Stift, der aus dem Deckel ragt, werden rechtwinklig zueinander zwei kleine Querbalken aufgesetzt, in die viele kleine Spiegelstückchen eingelassen sind. Dann das Knirschen einer aufgezogenen Uhrfeder, und die beiden Querbalken beginnen sich wirbelnd zu drehen, einer rechts, einer links herum. Die Spiegelstückchen schießen bunte Blitze im Sonnenschein, Guido kommt eilig zurück, nimmt das Gewehr, ladet und drückt den Freund hastig in die Knie: „Jetzt still, sie werden gleich da sein!“ — „Was soll denn kommen — Raubvögel?“ flüstert Fritz verständnislos. Aber Guido hält die Augen fest auf das wirbelnde Spiegelwerk geheftet und schüttelt ablehnend den Kopf. Er ist aufgeregt, und aus seinem starren Blick spricht richtiges Jagdfieber. Fritz beginnt ebenfalls die Umgebung des Uhrwerks scharf zu belauern — vielleicht soll ein Fuchs kommen, oder ein seltener Nager, Hamster vielleicht? Da wirft ihn ein donnernder Schuß fast auf den Rücken vor Schreck. „Was war’s? Hast du getroffen?“ fragt er bebend. Aber Guido, weiß bis in die Lippen, springt wortlos die fünf Schritte bis zum Uhrwerk, bückt sich einmal, noch einmal und hebt zwei Körperchen auf. Fritz, auf Wild von mindestens Hühnergröße gefaßt, sieht erst gar nichts, dann, als Guido sieghaft die Beute schwenkt, erkennt er Lerchen. Lerchen, mein Gott! Sie sind so lächerlich klein und wehrlos — man könnte sie fast in die Mündung der schweren Entenflinte stopfen ... das heißt Jagd? — Aber Guido ist sehr stolz: „Zwei auf einen Schuß! Wart’ nur, wir müssen ein volles Dutzend zusammenbringen. Das gibt ein feines Nachtmahl! — Willst du jetzt versuchen?“ Doch Fritz verneint stumm. Er sieht die weiten Nadelwälder von Weißwasser vor sich, denkt an den Vater, der wochenlang unverdrossen einem heimlichen Berghirsch nachspürt ... Wieder der Vater! — Aber er ist doch ein Weidmann! — Dies hier, auf Singvögel donnern aus halben Kanonen ...
Und zum erstenmal stemmt er der prunkenden Fremde den Stolz auf die arme Heimat entgegen.
56
Ein kurzer, warmer Frühling ist unversehens zu strahlendem Frühsommer geworden. Wie das wuchert und blüht! Nun werden die Werktage in der Stadt zur lastenden Bürde, die Sehnsucht nach Wald und Wasser singt im Blut. An jedem Wochenende geht es hinaus an die Seen; einmal auf die Berge bei Lecco, den Monte Pertüs und die kleine Grignetta. Da führen schmale Pfade durch wahre Dickichte von Alpenrosen, und eisige Bäche schäumen. Der kleine Lugano-See ist weicher, von hügeligem Laubwald umgeben und beherrscht von dem kahlen Almenkegel des Generoso. Am schwersten ist dem Lago Maggiore beizukommen, der kann recht hochmütig sein, mit der verwaschenen Pracht seiner Schlößchen und den altmodischen Terrassengärten. Doch wird die eitle Lust an Namen langsam überwunden, und langsam schwindet auch die kalte Distanz zu der fremden Landschaft. Keine drohende Frage mehr klingt aus der großartigen Weite, auch kein Hohn. Es gibt Raststunden voll seliger Entrückung, wo jeder Nebengedanke stumm zerrinnt in dem Meer von friedlicher Stille.
„Sag, Guido, glaubst du, daß jedes Volk sich das Land ausgesucht hat, das ihm am besten zusagte — oder hat der Boden die Menschen geformt, die auf ihm gelandet sind?“ —
„Ich glaube sicher nicht, daß der Boden uns Menschen formen kann — wir sind die Herren der Erde!“
„Ach Gott, arme Herren, Guido! Im Winter sterben wir vor Kälte, im Sommer vor Hitze — und wenn der Boden nichts tragen wollte, müßten wir verhungern!“
„Er muß tragen, wir zwingen ihn!“