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Was ist die Sprache, was das geschriebene Wort? Das Wesen der Dinge berühren sie nicht! Tanzende Irrlichter über verschwiegenem Moor!
Da ist das Meer! Wie kläglich sinkt in seiner Gegenwart in Nichts zusammen, was man je davon gehört, gelesen! Die trübe Pfütze, mit Unrat durchsetzt, die sich im Hafenbecken staute: das Meer! Das gelbe Brackwasser über seichtem Strand, an der Hafenausfahrt: das Meer! Der weite, blaue Seidenteppich, der willig die Last des weißen Schiffes trägt: das Meer! und die tosende Naturkraft, die mit jedem Hauch das stolze Menschenwerk zu läppischem Tand erniedrigt: das Meer!
Wie füllt dein Anblick die toten Buchstaben der Geschichte mit heißem Leben, wie klingt nun die Seele mit in dem jubelnden Ruf, mit dem die Zehntausend um Xenophon dich grüßten: Thalatta!
Was birgt dein weiter Schoß? Bietest du in dunklen Tiefen immer noch Wesen längst verklungener Art Zuflucht, Wesen, denen das neidige Menschenvolk hier oben längst Luft und Erde verleidet und die es ins Fabelreich verbannt hat, in dein Reich, Urmutter? —
Das weiße Schiff pflügt sich mit messerscharfem Bug seine Bahn, selige Sonnentage, klare Sternennächte lang. Daß diese Fahrt doch nie ein Ende nähme! Hier endlich ist Ruhe und Freiheit, keine Frage, kein Hohn, kein quälendes Erinnern. Nun fällt der Druck der engen Kindheit ab, mit Heimlichkeit und Lüge. Kein Haß mehr, keine Bitterkeit, nur brennende Sehnsucht nach Wahrheit und Güte. Dank dir, du blaue Weite!
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Weit im Süden, Meer und Himmel trennend, ein dünner, gelber Strich: Afrika. Rasch wechselt die Farbe des Meeres von tiefem Blau zu immer lichterem Grün. Der dünne Strich wächst, sandfarbene, würfelige Häuser tauchen auf, Palmen wachsen langsam aus dem Meer. Der Dampfer verlangsamt seine Fahrt, nimmt aus jäh aufkreuzendem Boot den Lotsen an Bord. Ein letzter Blick noch auf die untadelige Reinheit der offenen See — dann schließen sich die Molen wie weitgestreckte Arme, ziehen das Schiff an die Brust der fremden Stadt.
Noch sind die weißgekleideten Beamten der Quarantäne-Kommission mit kühler Oberflächlichkeit am Werk, da wird das Deck heulend überschwemmt von einer Unzahl dunkelhäutiger Burschen in langwallenden blauen oder schwarzen Hemden, riesige, gelblederne Pantoffel an den nackten Füßen, lächerliche Häkelhäubchen auf den kahlen Köpfen. Sehnige, nackte Hälse blähen sich in maßlosem Geschrei, furchtbare Gebisse blitzen zwischen breiten Lippen auf, dunkle Hände mit schweren Silberringen eifern, werden beschwörend gespreizt, flehend gefaltet, drohend gegen den Nebenbuhler geschwungen: ein lächerlicher Willkommsgruß des schwarzen Erdteils.
Fritz ergibt sich einem ebenholzfarbigen Nubier, der sich das Gepäck seines Opfers auf die Schultern türmt, an Riemen vor die Brust hängt, unter die Arme klemmt und, unaufhörlich schnatternd, mit Riesengewalt durch das Gedränge bricht: „Yes, Sorr, ollrreit, Sorr, Cairo-Expreß, Station, zuerst Dogana, Sorr, Zoll, hier!“