Eine kurze Untersuchung, — dunkle Finger stöbern aufreizend in weißer Wäsche, — dann wird das Gepäck schwunghaft auf einem gebrechlichen Wagen verstaut, der Nubier schwingt sich auf den Bock und auf seinen stimmgewaltigen Zuruf knallt der Kutscher mit beißender Bogenpeitsche auf die schlanken Pferdchen ein, daß sie vom Fleck in hemmungslosem Wüstengalopp losrasen. Der Nubier fühlt sich verpflichtet, Konversation zu machen und überbellt heiser das Toben der Hufe: „Schiff sehr verspätet, Sorr, wenig Zeit für Expreß, noch ten Minüts, ten!“ — Und die rechte Hand, fächerig gespreizt, senkt sich zweimal mit furchtbarem Nachdruck. — Noch ein kreischender Zuruf an den Kutscher, der entrüstet erwidert wird. Die Bogenpeitsche klatscht fieberhaft. Endlich der Bahnhof. Vor dem Säulenportal werden die Pferdchen jäh zusammengerissen, daß sie sich, die Mäuler weit gesperrt, fast auf die Hosen setzen. Fahrkarte, Gepäckaufgabe, alles in fieberiger Hast, von des keuchenden Nubiers Raserei mitgerissen. Endlich der Bahnsteig — fremdartige Riesenwagen, in die man ebenen Fußes, ohne Stufen, einsteigt. Die Handtaschen fliegen schnaubend ins Gepäcknetz, und der Nubier streckt mit einem Grinsen übermenschlicher Genugtuung die dürre Hand bis zum Ellenbogen aus dem weiten Ärmel: „Schweres Gepäck, Sorr, grroße Eile, sehrr gearbeitet, Sorr, kleines Bakschisch, please!“ Fritz hält ihm eine Handvoll der fremden Silbermünzen entgegen, die ihm der Steward zu Wucherkurs eingewechselt hat. Der Nubier wählt mit spitzen Fingern etwa das Zwanzigfache seiner Taxe, deutet dann stolz auf seine Brust: „Ich Ali, Sorr, Ali! Nächstes Mal wieder!“ verbeugt sich mit süßem Lächeln und geht. Fritz weiß genau, daß er übervorteilt wurde, aber er ist verwirrt und wehrlos.

Der Zug rollt ab, unmerklich fast, steigert sich rasch in wütende Schnelligkeit hinein. Durch die großen, festgeschlossenen Spiegelfenster beginnt feiner Staub zu sickern, der sich wolkig über die glatten Lederkissen legt, Nase und Augen brennend füllt und zwischen den Zähnen leise knirscht. Draußen fliegt flaches Land vorbei, strotzend in blauem Grün; Palmenhaine und Lehmhütten, Sandflächen dazwischen. Die Hitze in dem geräumigen Abteil wird drückend. Und Fritz sinkt in bleiernen Schlaf.

60

Auf dem Bahnhof in Kairo wieder ein Haufe tobender Eingeborener, die brüllend auf die breiten Armschilder aus Messing schlagen, das Abzeichen der amtlich zugelassenen Träger, und untereinander wilde Kämpfe um das Handgepäck ausfechten. Fritz schwankt noch, welchem der Feinde er sich ausliefern soll, da tritt ein Montenegriner in pomphafter Volkstracht, klobige Revolver im Gürtel, höflich grüßend auf ihn zu, nennt ihn fragend bei Namen ... Es ist der Kawaß der Bank, der ihn ins Hotel bringen soll, wie er in hartem Italienisch erklärt. Alle europäischen Beamten der Bank würden so empfangen, setzt er mit Nachdruck hinzu, und trennt gleichzeitig mit einem nebensächlichen Fauststoß zwei kämpfende Träger, die eine Handtasche zwischen sich hin und her zerren, wie Hunde einen Knochen.

Fritz fühlt staunendes Hochgefühl: so kann die weiße Haut allein auszeichnende Bedeutung haben, ohne Rücksicht auf den Kerl, der drin steckt! — Und das reiche Jahr in Mailand verblaßt zu gleichgültiger Vorstufe: „Hier bin ich Europäer!“

Vor dem Riesenbau des Continental-Hotels hält der Wagen. Fritz erschrickt bis ins Innerste: allein würden ihn keine zehn Pferde in den Prunkpalast hineinbringen. Aber er strafft sich wütend — Europäer! — unterdrückt mannhaft jedes Entzücken über den prachtvoll schlanken Berberiner im langen weißen Gewand, mit bunter Leibbinde und hohem Tarbousch, der mit Verbeugungen herbeieilt, und folgt mit ungemessener Würde dem Voranschreitenden. „Wenn der Herr sich umgezogen hat, wird ihn ein Boy zur Bank führen — ich sage dem Portier Bescheid,“ spricht hinter seinem Rücken ehrerbietig der Kawaß. Fritz nickt kurz zurück. Sprechen kann er nicht. —

Die Bank nimmt in einer breiten Gartenstraße des Europäerviertels eines der neugebauten Einzelhäuser europäisch-arabischen Stils ein. Am Gartentor ein grauhaariger Sudanese, der grüßend die Hand an Brust, Mund und Stirne führt; im Vorraum drei, vier wartende Diener, die ihn mit gleichem Gruße weitergeleiten. Dann das Zimmer des Direktors: schwere englische Ledermöbel, reiche Teppiche, ein großer Marmorkamin. Starker Duft von Mokka und feinem Tabak. — In dem breitlehnigen Kippstuhl hinter dem Doppelschreibtisch ein Mann mit großen, festgeschnittenen Zügen, klaren Augen unter hoher Stirn. Fritz fühlt unvermittelt Vertrauen und Zuneigung. Eine klingende Stimme sagt ein paar gutmütig aufmunternde Worte auf seine schüchterne Vorstellung: „Sie sind gut empfohlen ... hoffentlich gewöhnen Sie sich bald ein!“ Ein kurzes Klingelzeichen, dem hereintretenden Diener knapp hingeworfen: „Monsieur de Bergasse!“ und wieder zu Fritz: „Sie bleiben im Hotel, bis Sie eine Wohnung gefunden haben ... es eilt nicht ... Dann geben Sie mir Ihre Reiserechnung, die wird von der Bank bezahlt ... Und, bitte: Sie dürfen hierzulande nie vergessen, daß Sie Europäer sind, Angehöriger der weißen Rasse!“

Da schiebt sich, verbindlich lächelnd, ein kleiner, rundlicher Mann herein, mit grimmem Schnauzbart in dem listigen Gesicht ... Fritz denkt krampfhaft nach, er kennt den Menschen, — mein Gott, das Titelbild zu Tartarin von Tarascon, im Klub, in Mailand ...

Der Direktor stellt vor: „Monsieur de Bergasse — Ihr neuer Beamter ... Wollen Sie ihn, bitte, oben einführen, er tritt morgen ein!“

Ein mittelgroßer Raum, unverhältnismäßig hoch, mit Nutzmöbeln aus weichem Holz, Regalen und riesigen Tischen, vollgepfropft. Die geschlossenen Fensterläden geben grünliches Dämmerlicht. In gegenüberliegenden Ecken, durch die ganze Breite des Zimmers getrennt, wie feindliche Tiere, kauern zwei übertrieben schmierige Bürschchen. — So hätte in Mailand kein Diener aussehen dürfen! — Der Chef stellt sie säuselnd vor: „Herr Popovich, Herr Karamanian, Ihre neuen Kollegen!“ Fritz entgeht die boshafte Gleichstellung nicht — er lächelt Ablehnung. Ein tückisches Grinsen antwortet ihm. Dann holt Monsieur de Bergasse zu längerer Rede in peinlich gesetztem Schriftfranzösisch aus: „Falls Sie sich darüber im unklaren sein sollten — dies hier ist die ganze Korrespondenz-Abteilung, deren Chef ich bin. Sie sind ja allerdings wohl großartigere Verhältnisse gewöhnt und werden Mühe haben, sich hier hineinzufinden — aber ich bitte überzeugt zu sein, daß auch hier gearbeitet wird, recht ausgiebig gearbeitet!“ Das Grinsen in den Zimmerecken wird hörbar, Monsieur de Bergasse selbst läßt sich herab, seine Feinheit zu belächeln und fährt fort: „Wir sind in einem barbarischen Land, mein Herr, und Arbeiten, die man drüben selbstverständlich den Dienern überläßt, müssen hier von Beamten besorgt werden. Die hiesigen Diener sind Schwarze, können weder schreiben noch lesen, und überhaupt ... Sie verstehen! Zu diesen Arbeiten gehört die Postabfertigung, das Kuvertieren der Briefe und der meist recht kostbaren Einlagen, Wechsel, Schecks, und so fort. Diese Arbeit ist in höchstem Maße verantwortungsvoll — und ich habe sie Ihnen zugedacht. Von morgen an übernehmen Sie also die Expedition und werden gleichzeitig Herrn Karamanian bei Kopierpresse und Registratur zur Seite stehen, während Herr Popovich die Portokasse und Schreibmaschine zu versehen hat!“ Das Grinsen verstärkt sich, und auch Monsieur de Bergasse zeigt über die glückliche Diensteinteilung eine Genugtuung, die kaum noch höflich ist.