Fritz bleibt ungerührt von der versteckten Drohung, die in diesem Empfange liegt. Der kniffige Franzose macht ihm keinen sonderlichen Eindruck, und dem feixenden Gesindel in den Ecken wird man den Herrn zeigen! Der Direktor ist unbedingt ein feiner Mann, zahlt die Reise, das Hotel; draußen liegt ein Märchenland ... da wird dies hier wohl zu ertragen sein! —
Ein Abend noch in Freiheit, als rechter Herr! Das Essen im Hotel wird etwas beeinträchtigt durch die Anstrengung, die das unentwegte Hochstemmen der neuentdeckten Europäerwürde mit sich bringt. Dann ein einsamer Weg durch die Stadt, der jedoch über die nächstgelegenen Plätze und Hauptstraßen nicht hinausführt. Von einer Ecke aus wirft er einen Blick in das abendliche Gewimmel eines weiten Platzes, der wohl schon zum Eingeborenenviertel gehört: Straßenlampen und Kaufläden fremdartig bunt und klein; Menschen in nie gesehenen Trachten hasten durcheinander, die gedehnten Rufe der Straßenverkäufer werden zerrissen durch fremde Schreie, durch das scharfe Knallen der Kutscherpeitschen. Scharfe Gerüche treiben herüber; schwarzverhüllte Frauen, die wie dunkle Rätsel vorbeihuschen, wecken beizende Lust zu Gefahr und Abenteuer, von Moschus, Rosenöl, Sandelholz umweht. — Jetzt schon dort hineintauchen? — Doch die Scheu siegt. Später — später! —
Große Cafés schicken ihre Tische wie Aufklärer weit über den breiten Bürgersteig hinaus. Ein kalter Trunk könnte gut tun! Aber die vielen französisch geschniegelten Burschen, die da mit grellbemalten Frauenzimmern herumsitzen, den hohen Fez auf graugelben, verlebten Köpfen ... ob man da als Europäer ...?
Ach ja, in Mailand gab’s das nicht — da konnte man in jeder kleinsten Winkelkneipe seinen Durst löschen, ohne sich was zu vergeben. — Die weiße Rasse hat der Teufel erfunden! — Aber er schluckt die Lästerung schnell hinunter, und geht in verdoppeltem Stolz weiter, ins Hotel, und zu Bett.
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Die Verhältnisse in der Bank sind doch schwieriger, als es anfangs schien. Der Tag vergeht mit dem Einreihen der alten Briefe und Kopien, mit dem Ausfüllen einiger Drucksachen und dem Adressenschreiben auf ungezählten Umschlägen. Nachmittags zwischen vier und sieben, während die Post in der Direktion unterschrieben wird, ist in der Korrespondenz tote Zeit, die mit unzähligen Täßchen dicken schwarzen Kaffees, wie ihn die Diener im Keller kochen, mit Zigaretten und Zeitungen mühsam hingebracht wird. Gegen sieben Uhr aber, wenn alle anderen Kontore längst geschlossen sind, setzt für die Korrespondenz nochmals großer Betrieb ein. Die schwarzen Diener drehen die Briefe durch die Kopiermaschinen; dann sind die dazugehörigen Einlagen genau zu kontrollieren, ob jeder Scheck und Wechsel richtig ausgestellt und unterschrieben ist. Schließlich kommen Briefe und Einlagen in die bereitliegenden Umschläge, deren Gummirand die schwarzen Diener mit breiten Zungen gierig ablecken. Für die Burschen scheint das ein Abendessen? — Endlich werden die Briefe gesiegelt und mit Marken versehen. Auch die Marken werden von den Dienern abgeleckt und aufgepickt. Dann nimmt ein Diener den schweren Postsack und wandert damit zum Amt, von dem malerisch bewaffneten Kawassen begleitet. Das ist das Tagewerk. Es kann neun Uhr abends werden, bis es getan ist, vor den Abgangstagen der großen Dampfer auch später. Die eintönige Arbeit hinterläßt fade, unfrohe Abspannung. Dazu den Tag lang Monsieur de Bergasses spitze Sticheleien, und die stumpfe Heimtücke der beiden anderen, die sich in falschen Auskünften, hämischem Festnageln kleinster Fehler, Angeberei und Verleumdung äußert.
Popovich stammt aus einem Elendsviertel in Triest, ist als Kohlentrimmer nach Ägypten gekommen, um sein Glück zu suchen. Der Direktor hat ihn eines Nachts halb verhungert auf einer Bank im Ezbekiehgarten aufgelesen, hat ihn aus Mitleid aufgenommen und ihm im Keller der Bank ein kleines Zimmer eingeräumt. Dort säuft er nachts mit dem Kawassen und den Schwarzen. Auch das ein Europäer? — Aber er arbeitet wie ein Pferd, weiß sich und seine Leistungen gut ins Licht zu setzen und wacht eifersüchtig darüber, daß kein Brief von irgendwelcher Bedeutung etwa „dem Neuen“ zur Beantwortung überlassen wird. Der mag sich mit Drucksachen und der Expedition unterhalten; Dienerarbeit. Monsieur de Bergasse tut nichts dagegen. Der Triestiner nimmt ihm alle Arbeit ab, so daß ihm kaum mehr zu tun bleibt, als die Abteilung der Direktion gegenüber mit Würde zu vertreten. Auch kränkt es seine Eitelkeit empfindlich, daß der junge Deutsche den gleichen Gehalt bezieht, wie er selbst, der Sproß aus altem, königstreuem Adel.
Karamanian, der Armenier, ist ein Findelkind, von den Jesuiten erzogen. Er klebt vor Schmutz, hat ewig Schweißperlen auf der Stirn, und riecht frühmorgens schon nach Knoblauch. Ein Insekt.
In den anderen Abteilungen sieht es ähnlich aus. Wenige gutbezahlte Europäer, Deutsche, Österreicher, Franzosen, die öffentlich treues Zusammenhalten heucheln und sich insgeheim nach Kräften zu schädigen trachten, sich gegenseitig belauern und verleumden. Die Unterbeamten Levantiner, Griechen, Armenier. Dann noch ein Eingeborenen-Dienst, durchwegs mit Fellachen besetzt.
In den ersten Tagen denkt Fritz stündlich mit Wehmut an Mailand zurück. Ein begeisterter Brief der Schwester erfüllt ihn mit Bitterkeit: Was wissen die ...! Das Leben ist teuer, mit dem angeblich so großen Gehalt läßt sich hier weniger anfangen, als mit dem Drittel davon in Mailand. Und das Land ist so unerbittlich fremd. Nicht nur die Mohammedanerinnen tragen Schleier vor dem Gesicht; vor dem ganzen Leben des Eingeborenenviertels steht das gleiche dunkle Fragezeichen. Und was sich im Europäerviertel, in Bars und Hotels breitmacht, das sind oft fragwürdige Gesichter, die wohl wissen mögen, warum sie der heimischen Ordnung den Rücken gekehrt haben. So unerbittlich fremd alles und gefahrdrohend. Und die langen, öden Tage in dem stinkenden Affenkäfig ...