Felix weinte nicht mehr. Doch hielt er den Kopf in die Arme gepreßt und blieb taub allem Bitten um Verzeihung. So rächte er sich.
8
Fritz saß bei Tisch nicht mehr in dem hohen Kinderstuhl, sondern auf einem Sessel wie alle anderen. Nur hatte er ein dickes Sitzkissen. Er mußte auch schon mit Messer und Gabel essen. Der Vater schonte ihn nicht. Der Junge fürchtete die Mahlzeiten und ging oft, wie die Brüder auch, nachher in die Küche, um sich bei der alten Nanni ein Stück Fleisch zu holen, oder Mehlspeise. Das aß er dann unter den Trostworten der Alten und fühlte sich stolz als Märtyrer.
Bei einer Mahlzeit, die dem Jungen ein paar scharfe Verweise eingebracht hatte, kam schließlich ein Gericht auf den Tisch, das keiner kannte. Auf des Vaters Frage erklärte die Mutter, es seien „Arme Ritter mit Spinat“. Der Name fuhr dem Jungen in den Magen, daß er vor Mitleid und Ekel fast erstickte. In den gerösteten Semmelscheiben sah er deutlich die Gesichter der armen, armen Ritter, die tot auf grünem Grunde lagen, und wollte lieber sterben als davon essen. Doch das litt der Vater nicht. „Was auf den Tisch kommt, wird gegessen!“ donnerte er. Aus heller Angst vor Prügeln schob Fritz schließlich einen Bissen in den Mund, gab ihn aber alsbald heulend auf den Teller zurück. Die Mutter wollte sanft vermitteln, doch wies sie der Vater zur Ruhe und bestand auf seinem Willen, der Junge müsse essen, und die verdammten Faxen dürften nicht geduldet werden. Stand auch auf, als wollte er zuschlagen. Fritz glitt vom Stuhl, gab alles Essen von sich, auf den Teppich, und brüllte sich von Besinnung. Sie mußten ihn ins Bett tragen und zwei Tage lag er mit Fieber. Die Mutter pflegte ihn. Auch der Vater kam nachsehen. „Ich brauche sie nicht essen, nicht wahr?“ jammerte er. „Nein, nein, du brauchst nicht!“ tröstete die Mutter.
Am zweiten Abend, mit den Brüdern allein, flüsterte er stolz und trotzig: „Ich hab sie doch nicht gegessen!“
Max nickte und knurrte nach seiner Art. Felix sah ihn bewundernd an. Und Fritz war glücklich.
9
Es kam eine Zeit, in der die kleine Schwester den Reiz der Neuheit in etwas verlor und sich vom interessanten Neutrum zum normalen kleinen Kind entwickelte. In diesen Wochen wandte sich Fritz die liebevolle Aufmerksamkeit des Vaters mehr zu und einige Male schien es fast, als sei die frühere Vorzugsstellung wieder fest begründet. Fritz verlor darum Maxens eben erst gewonnene Freundschaft. Doch litt er kaum darunter und verschaffte dem Älteren gelegentlich eine Tracht Prügel. Sofort tat sich Max mit Felix zusammen und beide behandelten ihn als gefährlichen Angeber, warnten einander mit Blicken und Gesten und hatten ewig verschwörerhaft zu tuscheln.
Auch die Mutter zog sich von ihm zurück, nachdem er sie mit dem wieder aufgetauchten Mehlspeislied neu gekränkt hatte. Fritzl merkte das alles und wandte sich mit verdoppelter Zärtlichkeit dem Vater zu, und in seine Bemühungen, den Beifall des Gestrengen zu erringen, kam etwas krampfhaftes. Die Onkel und Tanten, und nicht zuletzt der glückliche Erzeuger trugen die unerhörten Äußerungen seines Kindermundes in der ganzen Stadt herum, und nicht selten wurde der Junge, wenn er mit dem Dienstmädchen spazieren ging, von Fremden angehalten und tätschelnd um Wiedergabe irgend eines Ausspruches gebeten.
Das Neue schien verdrängt und abgetan, bis es eines Tages zu laufen und fast gleichzeitig zu sprechen anfing. Da hörte Fritz mit einem Schlag zu existieren auf. Jeden freien Augenblick verbrachte der Vater im Kinderzimmer und entzückte sich an jeder Regung der Kleinen. Fritz konnte nicht begreifen, was an dem unverständlichen Gelall und dem plumpen Tappen Schönes oder Bemerkenswertes sein sollte und suchte sich immer wieder Beachtung zu erzwingen. Vergebens. Das Neue hatte gesiegt.