10
Die kleine Schwester tapste in gestrickten Pantöffelchen durch das große Zimmer, hielt lange Reden „Arra alla ulu Mamma“ und schien selbstsicher und lebensfroh. Das Band des einen Pantoffels war aufgegangen und schleifte nach. Fritz sah es aus seiner Spielecke, trat hinterrücks darauf und brachte die Kleine klatschend zu Fall. Schon war er zur Tür draußen und alarmierte die Küche: „Die Gretl ist hingefallen!“ Aus dem Kinderzimmer gellte Wehgeschrei. Im Nu war die Kleine aufgehoben, wurde gestreichelt, gehätschelt und mit Fragen bestürmt: „Hast du dir weh getan, mein Goldhaserle, mein einziges? Wo tut’s wehweh, wo, sag, Engele, süßes! Mach dem Teppich Dudu, mach ihm Dudu! Du! Du! Mein Schatzerle, mein goldenes!“ —
Abends im Bubenzimmer vertraute Fritz dem Max an: „Ich hab’ heut früh den Poporutscher umgeschmissen!“ und dachte sich damit die Hochachtung des anderen zurückzugewinnen. Doch kein Grinsen kam, kein beifälliges Knarren. Max zog sich wie vor einem scheußlichen Verbrecher zurück und bestimmte auch Felix zur gleichen Haltung. Die beiden berieten tuschelnd und mit entsetzten Seitenblicken. Fritz war übel zumut. Schließlich wurde ihm verkündet: „Morgen mittag wird’s gesagt!“
Nicht gleich, nicht morgen früh — morgen mittag! Fritz schlief nicht. Am nächsten Morgen flehte er um Schweigen und Nachsicht. Vergebens. Max sang ihm ins Gesicht: „Heute mittag wird’s gesagt, juja, wird’s gesagt, und der Stutzerle kriegt Dresch, ja kriegt Dresch!“ Felix nickte düster.
Bis zum Mittagessen lebte der Junge kaum. In allen Winkeln wurde ihm zugezischelt: „Jetzt sag’ ich’s — jetzt sag’ ich’s.“ Doch wurde nichts gesagt. Bei Tische hörte und sah er unzähligemal die drohende Geste des Anklägers. Schließlich holte Max hörbar Atem, warf ihm einen furchtbaren Blick zu, öffnete den Mund — und tat eine gleichgültige Frage. Fritz war halbtot.
Sie sagten es nicht, drohten nur tage- und wochenlang damit. So mußte Fritzl büßen.
11
Fritzl fieberte leicht: Erkältung, verdorbener Magen, jede stärker blutende Schramme — alles ging bei ihm mit jähem Fieber einher. Der Vater, wie so viele Ärzte, schätzte Kranksein im eigenen Hause nicht, schalt zunächst immer über Verweichlichung und Schlappheit, wurde wohl auch heftig oder schlug zu, wenn Beschwerden weinerlich oder irgendwie übertrieben geäußert wurden. Nur in ernsteren Fällen ließ er sich zu genauer Untersuchung herbei und begleitete die Diagnose stets mit einem bärbeißig-spaßhaften Scheltwort: „Masern hat der Schafskopf!“ — Weit herum gesucht und gepriesen wegen seiner ruhigen Freundlichkeit am Krankenbett, schien er der Familie gegenüber von der Anschauung auszugehen, daß Krankheit, wenn nicht eine Schande, so doch Verschulden des Betroffenen, Dummheit, Unvorsichtigkeit, keinesfalls aber ein Anlaß zu Mitleid oder Bedauern sei. Ein rechter Bub zumal sollte Kleinigkeiten allein abmachen. So konnte es geschehen, daß er leichte Fälle mit einem Donnerwetter abwies: „Geh’ weg, Lehmpatzen, du bist nicht mein Sohn!“ —
Die Mutter war leichter zu überzeugen. Bei aller Unterwürfigkeit brachte sie es doch über sich, ohne ausdrückliche Ermächtigung, manchmal sogar gegen das Donnerwort: „Gar nichts fehlt dem Jammerlappen!“ einen heulenden, bebenden, heißen Buben ins Bett zu bringen und mit Umschlägen, Tee und Zärtlichkeiten zu behandeln. Mit Zärtlichkeiten. — Weit mehr Frau als Mutter, ahnte sie nur dumpf, daß die jungen Wesen oft und oft mit Husten und Fieber nichts weiter verlangten, als ihr Recht auf Zärtlichkeit, das ihnen in dem kaltgeordneten Hause ständig verkümmert wurde.
Felix hätte sich leidenschaftlich gerne pflegen lassen, doch war er scheu und fürchtete den Vater viel zu sehr. Max, als der herzhafteste der Brüder, liebte das Bettliegen und Gepäppeltwerden nicht. Fritzl aber gab gern und willig nach. So konnte er sich gelegentlich in die Zeit zurückversetzt fühlen, da er der verhätschelte Liebling war. Wenn es auch nur die Mama war, die ihm schön tat. —