75
Nun regieren neue Sterne — nun ist das Leben da, das Leben, gebefreudig kaum erträumten Genuß spendend. Immer noch liegen drei Viertel des Tages in totem Schatten — die Brotarbeit in der Bank, die Pension mit den Freunden von gestern, heute Halbfremden — ertragen nur in glühender Erwartung der wenigen Stunden mit Gitta.
Fritz ertappt sich dabei, wie er die lichtlose Kindheit segnet. Hat sie ihn nicht unverbraucht erhalten, ihm die Fähigkeit bewahrt, freier nun und bewußter, mit ganzer Seele sich Freuden hinzugeben, die tausend andern seines Alters, von Jugend auf vertraut, nun kaum noch sonderlichen Gefühlsaufwandes wert erschienen? Selbst die Krankheit noch segnet er. Der Gedanke an den Knochenmann, den er, ewig lauernd, auf dem Rücken trägt, fügt süß und schmerzhaft die letzte Steigerung zum Genuß sinnenfroher, junger Körperlichkeit.
Vergessen, versunken die eingeprügelte Scheu, die finstere Lüsternheit der Jugendjahre; frei ringt sich göttliche Schamlosigkeit auf: Gott schuf den Menschen nach Seinem Bilde! — Wie durstig trinkt die Haut die ungewohnten Sonnenstrahlen, den reinen Hauch der Weite, wie unirdisch leuchten die jungen Leiber im blaugoldenen Schein der Wüste!
In der Stadt: Eine junge Dame, die sich sehr förmlich von ihrem Ritter geleiten läßt. — Kaum aber ist der Dunstkreis der Menschenherde überwunden, da fallen die hemmenden Kleider, zwei nackte Menschen taumeln durch die Unendlichkeit, wie liebesselige Falter.
Kein Gestern, kein Morgen. — Weite Ritte, Nachtlager in freier Wüste, auf lauem Sand. Sonne, Mond und Sterne, und wieder Sonne. Ihr Auf und Nieder bescheint unwandelbares Glück. „Deine Mutter ..., mein Vater ...? Laß — laß! Wir sind der Urbeginn, das erste Paar, die Menscheneltern!“ — Kein Gestern, kein Morgen.
Lag je eine Frage quälend auf dem Grund der Dinge, auf die es die Antwort zu finden galt? Vorbei die Qual — hier die Antwort: Selige Nacktheit unter freien Gestirnen. — Kein Gestern, kein Morgen.
Kein Morgen? — Die eine Frage pocht und brennt, ist nicht zum Schweigen zu bringen. In einsamen Nächten — die sonnendürre Haut wehrt sich schmerzhaft gegen leichteste Hülle, der ganze Leib glüht wie mit flüssigem Blei ausgegossen, rasender, unstillbarer Durst scheucht jeden Schlaf — in einsamen Nächten springt ihm folternd die Zwiespältigkeit seines Daseins ins Hirn. Kein Morgen? Soll dieses Heute unverändert währen? Heute, das ist: Gitta, Sonne, Freiheit. Heute aber, das ist auch: Bank, armselige Schreibarbeit, widerwillig oder doch gleichgültig getan, acht, zehn, zwölf Stunden im Tag. — Heute: Das ist der kleine Handelsangestellte, dem ein namenloses Glück in den Schoß gefallen ist, das er nun heimlich, heimlich genießt.
Trotz bellt auf: „Heimlichkeit? — In offener Wüste?“ — Doch das Gewissen läßt sich nicht belügen: „Seid ihr so kettenlos frei, Urbeginn, erstes Paar, Menscheneltern — was ist es dann, das euch immer wieder in die Stadt zurückzwingt, hinein in die Herde, in Kleider und Gesetze? Dort selige Nacktheit unter freien Gestirnen — hier öder Werktag, enge Formen —: Wollt ihr ein Leben lang dazwischen pendeln?“
Was soll werden? Die Zweifel überwuchern seine Einsamkeit nicht nur, sie greifen fressend über auch auf die Stunden mit Gitta, daß langsam neue Befangenheit aufwächst. — Heiraten — Weib und Kind ernähren von dem lächerlichen Gehalt, der knapp für einen reichte? Das war dein Traum, armer Heinze, und seine Erfüllung hat dir ein gnädiger Tod erspart! — Aber Gitta ist reich, nach europäischen Begriffen unerhört reich, und man könnte ... man könnte — was? Sich mit dem Geld einer geliebten Frau zur Ruhe setzen, ohne je ehrlich müde gewesen zu sein? Der Vater ... ach was — keine Beispiele! Der eigene Stolz reckt sich auf. — Was soll werden?