Ein Tag auf dem Nil. Vom frühen Morgen an hat das scharfgeschnittene Segelboot sich gegen strammen Südwind rauschend stromaufwärts gekämpft. Gitta und Fritz haben sich redlich abgeplagt bei dem ewigen Kreuzen, sie am Steuer, er an den Segeln. Kurz nach Mittag fällt tote Flaute ein; das Boot liegt abgetakelt vor Anker und schwait leise im Strom.
Gitta ist stiller als sonst, und seltsam ernst. Fritz wehrt sich gegen einen inneren Druck, der ihm die Sonnenstunden verleiden will. — Da wendet sich Gitta, die ausgestreckt neben ihm im Bootskasten liegt, auf dem Ellenbogen ihm zu, und ihre freie rechte Hand greift weich und zärtlich in sein Haar. „Sag mir, du — bist du geheilt?“ — Er fährt aus seinem Grübeln auf, wie auf einem Verbrechen ertappt, wiederholt verwirrt: „Geheilt — Gitta?“ — „Ja, geheilt, von deiner Bitterkeit, von Haß, von all dem Häßlichen, sag?“ — „Ja, oh ja!“ stammelt er glühend, will sie küssen. Doch sie wehrt ihm leise: „Wird nichts, nichts, was immer auch geschieht, dich nochmals verbittern können?“ Der Ton der Frage schreckt ihn, er sieht sie starr an. Sie hält den Blick ruhig und ernst aus, drängt ihn: „Sag mir, du, wirst du nie wieder, nie wieder bitter sein, wie damals, als wir uns trafen? Sag?“ — „Nie wieder, Gitta, gewiß nie wieder — aber warum ...“ — „Schwöre mir das, ich bitte dich, schwöre mir das, bei allem was uns heilig ist, bei der Wüste, bei der Sonne ... sag: ich schwöre!“ — Er will sich wehren, doch sie beharrt ernsthaft auf ihrem Willen, läßt ihn einen Schwur nachsprechen, daß er den Glauben an die Sonnenstunden ewig bewahren will. Kaum hat er, von ihrer andächtigen Inbrunst bezwungen, das letzte Wort nachgesprochen, da wirft sie sich über ihn, umschlingt ihn rasend und flüstert zwischen saugenden Küssen: „Sei froh, du, sei froh!“
Gegen Abend springt der Wind wieder auf. Das Boot zieht vor der stetigen Brise den Strom hinab, die Segel weit ausgelegt, lautlos ruhig. Gitta sitzt am Steuer, Fritz vor ihr auf dem Bootsboden, die Wange an ihre nackten Kniee gelehnt. „So werde ich dich immer sehen,“ flüstert er weich, „du am Steuer meines Schiffs, und ich dir zu Füßen!“ — Da flammt eine Röte, dunkler als der Abendschein, in ihrem Gesicht auf und sie sagt hart wie nie zuvor, heftig: „Das sollst du nicht — das sollst du nicht!“ — „Gitta, was ist dir?“ — Da ist die weiche Stimme wieder, und der zärtliche Blick: „Verzeih, ich bin wohl etwas müde — nimm du das Ruder, bitte!“ —
Das Boot ist im Segelhafen festgemacht, und Fritz will einen Wagen herbeipfeifen. Gitta faßt seinen Arm: „Bitte, gehen wir zu Fuß!“ — Er gibt gerne nach.
Hinter der großen Brücke, im nächtigen Dunkel der Sykomorenallee, nimmt Gitta seinen Arm. „Hier sind wir seit dem ersten Abend bei Hesselbach nie mehr gegangen — immer nur gefahren oder geritten. Denkst du noch dran?“ — „Oh ja, oh ja!“ sagt Fritz und zieht die kleine Hand zärtlich an die Lippen. „Damals hattest du Stöckelschuhe, die klimperten eine Frage auf der harten Straße!“ — „Eine Frage?“ — „So klang es mir. — Bist du froh, bist du froh?“ — Da wirft Gitta die Arme um ihn, stammelt an seinem Ohr, und er hört Tränen in ihrer Stimme: „Bist du froh? — Wirst du froh bleiben, immer, immer, sag?“ Der jähe Überschwang macht ihn bestürzt — er faßt ihren Kopf, will ihr Gesicht sehen — doch sie preßt sich enger noch an ihn: „Immer, immer, sag?“ Und eine heiße Träne rinnt ihm über Wange und Hals. „Ja, Liebling, tausendmal ja — ich wäre ja ein Schuft ...“ Da schnellt sie ihren Kopf dem seinen entgegen, daß zwischen vollen Lippen die Zähne aufeinander knirschen, und in einem langen Kuß keucht sie ihm in den Mund: „Denk dran — du hast geschworen!“ Dann ein scharfer Biß, daß ihm augenblicklich ein Blutfaden von der Unterlippe übers Kinn läuft — sie reißt sich los und ist mit zwei Sprüngen im Lichtkegel des nahen Hotelportals. Alter Verabredung nach begleitet er sie nie mehr bis zum Eingang. So bleibt er ratlos im Dunkel, saugt an der zerbissenen, schmerzenden Lippe. Als er sie zögern sieht, fragt er: „Morgen?“ Da ruft sie über die Schulter zurück: „Not to morrow — you’ll hear from me — God bye!“ winkt mit abgewandtem Kopf und läuft ins Haus.
Der aufgeregte Abschied — wie fremd und ungewohnt! — Und daß sie englisch geantwortet hat? — Natürlich — um in Hörweite des Hotels nicht „du“ sagen zu müssen! — Doch eine ziellose Unruhe läßt sich nicht unterdrücken. Dazu noch die Lippe, die dick aufschwillt — es wird am Ende dreckige Bemerkungen in der Pension geben, und morgen in der Bank ... „Morgen nicht — du hörst noch von mir — Gott befohlen!“ —
76
Morgen nicht. — Der Montag bricht öde an. Härter als sonst drückt das Einerlei des Bankdienstes; an den Sonnentag auf dem Strome mahnt quälender Durst und die dicke Lippe. Fritz saugt immer wieder an der kleinen Wunde. Der leise Schmerz und der Blutgeschmack rufen ihm inbrünstig immer wieder den Kuß wach. Gitta! — Dienstag morgens liegt ein Brief in der Bank. Von Gitta. Fritz reißt den Umschlag hastig auf — lange Seiten, engbeschrieben ... Im ersten Schreck laufen die klaren, steilen Buchstaben durcheinander — dann liest er:
Liebster — Dieser Brief erreicht Dich, wenn ich schon auf hoher See bin. Ja, Liebling, ich gehe fort von Dir. Und daß ich es Dir nicht zu sagen, keinen Abschied zu nehmen wagte — das allein mag Dir beweisen, wie furchtbar schwer es mir fällt. Könnte ich doch bei Dir sein und Dich trösten; — aber dann hätte ich nicht mehr die Kraft fortzugehen. Und es muß doch sein. Ich bin nicht sehr gewandt mit der Feder und verzweifle fast daran, Dir hier aufzuschreiben, was ich doch so klar und notwendig fühle. Du mußt mir glauben, Liebling. Und wenn Du in der ersten Heftigkeit mir nicht glauben willst, dann glaube der Sonne, die über uns geleuchtet hat. Wer müßte ich sein, um zu vergessen, was wir erlebt haben? Und denk auch Du an Deinen Schwur!
Ich habe nie zuvor geliebt, das weißt Du. Dich aber hatte ich lieb vom ersten Augenblick, und mit jedem Tage mehr, bis mir nichts Lieberes mehr blieb als Du. Darum muß ich fort. Versteh das doch, ich bitte Dich! — Du hast mir nie davon gesprochen, und doch weiß ich bestimmt, daß Dich in den letzten Wochen die Frage zu quälen begonnen hat: Was weiter? — Mich hat sie nicht weniger gequält, glaub mir. Denn wenn ich auch nie geheuchelt habe, so oft ich mit Dir ganz in den Augenblick versank, so hat sich meine amerikanische Erziehung doch nicht verleugnet, sobald ich alleine war. Ich sehe die Welt nüchterner als Du.