Du hast Deine Kindheit halbwegs überwunden, Deine Selbsterziehung begonnen und wirst heute oder morgen zu einem Entschluß über Dein Leben kommen, den Du eigentlich schon früher hättest fassen müssen. Du bleibst nicht bei der Bank, bleibst auch nicht im Ausland. Die Heimat steckt Dir tiefer im Blut als Du weißt. Und Du wirst lernen müssen, viel lernen; nicht wegen des dummen Doktortitels, aber weil Dein ganzes Wesen die feste Unterlage braucht.

Nun sieh doch, Liebling: dabei würde ich Dich hindern! Sag nicht, Du würdest durch mich und mit mir ... sag nichts von Hilfe! Kannst Du als Student eine Frau brauchen? Oder nachher, als junger Künstler? Und wie sollten wir leben? Als reiche Leute im großen Stil? Das ertrügest Du keinen Tag. — Oder sollte ich, Deinem Stolz zuliebe, mich von Dir ernähren lassen, durch Stundengeben oder so? — Und meinst Du wirklich ... aber ich will Dir nicht weh tun. —

Sieh doch, Liebling: wie hat uns das Schicksal zusammengebracht, wie hat es uns emporgerissen, steil aufwärts! Können wir weiter steigen, weiter noch so steil steigen? Müßte nicht ein Stillstand kommen, und ein Bergab?

Was haben wir erlebt in diesem halben Jahr, Liebster, Liebster! Wir haben nicht gerechnet, nicht gespart. Und es war gut so. Aber ich könnte es nicht ertragen, Deine Küsse kälter werden zu fühlen. Und das müßte, muß kommen. Wir sind ja so jung, und das Leben ist lang.

Frag nicht, was aus mir wird. Du hast mir unendliches Glück geschenkt, und es wird kein Opfer sein, wenn ich noch lange Jahre mit meiner armen Mutter durch die Welt ziehe. — Es wird kein Opfer sein, solange ich fest glauben kann, daß es so für Dich, Liebster das Beste ist. Nun tue ich Dir wohl weh — aber vielleicht hilft Dir der Schmerz, den Künstler in Dir zu finden, den Du suchst. Und dann wird der Schmerz Frucht tragen und auch das Glück, das wir genossen haben.

Suche mich nicht. Du würdest mich namenlos quälen, aber doch keinen Augenblick irre machen in dem, was ich als richtig erkannt habe. Ich will keine Briefe, ich will aus Deinem Leben verschwinden. Dabei will ich Dich im Auge behalten — aber ich werde Dich niemals unter den Vielen suchen. Vielleicht finden wir uns einmal, wenn Du allein stehst, über den Andern ...

Nun kann ich nicht weiter, denn die Sehnsucht packt mich und es könnte sein, daß der Brief ins Feuer fliegt und ich —

Lieber, Liebster, nun fühlst Du wohl, wie heilig ernst es mir war, als ich Dich gestern auf die Freude schwören ließ. Gestern war das? —

Mama ruft mich. Sie ist aufgeregter als sonst bei einer Abreise, denn sie fühlt wohl, daß wir fliehen. Ich fliehe nur vor meiner Schwäche. Denn Du — bist Du der, den ich liebe, dann wirst Du stark sein.

Leb’ wohl, Liebster!
Gitta.