Ich habe dich gestern gebissen und hoffe sehr, es wird eine kleine, weiße Narbe geben. Fremde Lippen werden sie küssen — aber sie sollen nie jemandem gehören, der dich weniger lieb hat als ich. Das versprich du mir.
Fritz steht gelähmt. — Der Brief in seiner Hand zittert, flattert — er muß ihn gegen die Mauer halten, um den und jenen Satz nochmals überfliegen zu können. Gitta fort! — Und die Welt, die gestern noch strahlend in Sonne lag, ist mit einem Schlage grau und leer. — „Schlechte Nachrichten, mein Herr, wie es scheint?“ feixt der Buchhalter im Vorübergehen. Und Fritz zuckt die Hand — er möchte die geile Fratze zertrümmern. — „Bist du der, den ich liebe ...“ klingt es auf und er wird stolz und kalt. Da im Stiegenhaus stehenbleiben und den Affen ringsum ein Schauspiel geben, daß sie ihm den Jammer schadenfroh an der Nase ablesen können? Nein und nein! — Nicht nachdenken, die Fronstunden absitzen — Abend dann, zu Hause, blieb Zeit, zu heulen, mit dem Kopf gegen die vier Wände des engen Zimmers zu rennen ...
Und er stürzt sich verbissen in die eintönige Arbeit, tobt auf der Maschine, schreibt sich den Krampf in die Finger ... und der Abend findet ihn, zu seiner eigenen Überraschung, gefaßt und ruhig, zu ruhig beinahe, und unfähig zu jedem Ausbruch.
Wohl rauscht sein Blut auf: Gitta! Gitta! — Und die wunde Lippe brennt: Gitta! — Doch neuer Stolz stemmt sich dagegen: Ich kenne dich, Satan! Der Vater konnte mich nicht klein kriegen, die Krankheit nicht, und nicht die Bankarbeit — nun sollte ich mich an die Sinne verlieren, mich verliegen? Was Gitta heute getan hat, das habe ich längst geahnt, gefühlt, hätte es morgen vielleicht selbst erkannt — nun ist es getan. Herrliches Mädchen! Der Schwur war unnütz — nie wieder wird mich der Glaube an Sonne und Glück verlassen, den du mir geschenkt hast! —
Was mag das Mädel gelitten haben und gekämpft — und wie hat sie es getragen! Kaum daß in letzter Stunde das Herz ihr aus den Händen geglitten ist — herrliches Mädchen! „Bist du der, den ich liebe ...“ Ja, ich bin stark, ich lasse mich nicht zwingen, und unter den vielen sollst du mich nie zu suchen haben — Gitta, Gitta! —
Noch kommen Rückfälle in Kleinmut und Rührseligkeit. An manchen Abenden durchrennt Fritz die Straßen, die Gitta neben ihm gesehen haben. Die dunkle Sykomorenallee hinter der großen Brücke ist sein liebstes Ziel. Dort steht er oft im Dunkel, wenige Schritte vor dem Lichtkegel des Hotelportals, klammert die Arme um den mannsdicken Stamm eines Alleebaumes und läßt seine Tränen haltlos die kühle Rinde feuchten, während er wütend an der wunden Lippe saugt. Er will sie lange nicht heilen lassen, denn in dem leisen Schmerz und dem Blutgeschmack brennt jedesmal die Flamme jenes letzten Kusses auf ...
Doch die Lippe heilt. Über Nacht einmal hat sich der kleine Riß geschlossen und bald ist die kleine weiße Narbe da, ganz wie Gitta sie gewünscht hat. Ein wenig wulstig noch, und er streicht gerne mit der Zunge darüber hin.
Die Lippe ist geheilt, und der Entschluß, den Gitta vorausgesehen hat, ist gefaßt, steht unerschütterlich fest: Weg von der Bank, an die Universität erst, und dann ... wenn es zum „Dichter“ nicht reichte, konnte man Kritiker werden oder Schriftsteller. — Jedenfalls: nur ein freier Beruf, der Kunst gewidmet, konnte ihn ausfüllen.
Der Entschluß läßt ihn den Bankdienst mühelos ertragen, daß die kleinlichen Zwischenfälle spurlos an ihm herunterrinnen, wie Wasser am Fell des Seehunds. Wie lange denn noch ...
Schwer aber beginnt von neuem der Gedanke an den Vater zu drücken. Wie wird der den Plan aufnehmen, wie wird die Auseinandersetzung ausfallen? Keinen Augenblick zweifelt Fritz daran, daß sein junger Wille diesmal obsiegen muß. Doch möchte er dem Alten die Niederlage nicht im Bösen beibringen. Innerlich, das weiß er von Mailand her, innerlich wird der Vater wohl dasselbe wünschen — Universitätsstudium. Aber er kennt auch den jähen Starrsinn des Kraftmenschen, der sich dem, was er für Auflehnung hält, eisern verschließt, auch wenn es sich mit seinen Wünschen deckt. Vorsicht also und jede unnütze Schärfe vermeiden — aber wie soll das in Briefen möglich sein? Die Nachrichten von Hause kommen spärlich und wenig gehaltvoll. Auf dem starken Elfenbeinpapier stehen feingestochen die weichen Schriftzüge der Mutter, doch ein P. d. im oberen oder unteren Eck des Bogens zeigt an, daß „Papa diktiert“ hat. Ermahnungen, Vorschriften, Verbote ... Arbeiten, Sparen ... „Wir dulden natürlich nicht ...“ wie freudlos alles! Kein Wort von dem Leben da drüben, in dem alten Haus unter vielen häßlichen Häusern, mit den weiten Feldern im Hintergrund ... Selten einmal ein Brief von Gretl, gütig, zärtlich, doch sie auch seltsam gehemmt in allem, was das Leben zu Hause anging. Leidet sie unter der steten Nähe der lebensfremden alten Leute, oder hat sie die Kraft gefunden, der greisenhaften Trübsal den jungen Willen zur Freude entgegenzusetzen, wie Gitta? Gretl und Gitta! Der Schwester fehlte wohl Gittas harte Kraft. Die ließ sich ihr Schicksal aufbürden und trug es stumm und ohne Klage, mit dem gütigen, treuen Lächeln um die Lippen, das er so gut kannte. Gretl! — Und Fritz merkt beschämt, daß er in den Auslandsjahren die Schwester innerlich vernachlässigt hat, in den letzten Monaten besonders. Wortreiche Schilderungen der Ritte und Jagden, der fremden Weiten — mußte er sie damit nicht eher gequält haben, sie, die in trübster Kleinstadt einen leeren Alltag lebte? Und nie ein Wort der Klage, kein Schatten von Neid, immer nur freundliches Miterleben. — Treue Schwester!