Es wehte eine ziemlich starke Brise aus Südwest, und die Wogen schlugen, hoch aufspritzend, an das Bollwerk. Das Schiff stampfte jedoch nur mäßig, bis sich am Abend der Wind ganz legte und wir ruhig dahinglitten. Hinter uns verschwanden bald die roten Dächer von Korsör; rechts führen wir an der langen, hügeligen Insel Langeland hin, während links, etwas weiter, Laaland liegen blieb. Gegen Abend änderten wir den Kurs und fuhren nach Osten, in den nächsten Tagen dagegen im allgemeinen nach Nordosten. Das Leuchtfeuer von Gjedser erschien links vor uns; in weiter Ferne rechts konnten wir ein Feuer bei Wismar erblicken. Während wir auf dieser Strecke wenig Schiffen begegneten, waren wir am nächsten Tage ganz von Schonern, Briggs, Barks und auch einzelnen Dampfern umgeben. Rechts tauchten die hohen Felsufer von Bornholm auf, links dämmerte die schwedische Küste. Es war ein prächtiger Morgen; die leichten Schaumkronen leuchteten rosig in der Sonne, und im Südwesten spannte sich ein Regenbogen, allmälig immer stärker werdend und mit beiden Enden das Wasser berührend, aus. Besonders schön nahm sich eine Bark mit schwanweißen Segeln aus, die eine Zeit lang so unter dem Bogen schwamm, daß er sie wie ein Rahmen umschloß.

Wir fuhren an der langgestreckten Insel Oeland und während der Nacht an Gotland vorüber, das rechts liegen blieb. Am 19. Juli war dasselbe prächtige warme Wetter. Einige Stunden westlich lag Stockholm.

Bei der langgestreckten, sanft ansteigenden, bewaldeten Insel Bremö verminderten wir die Fahrgeschwindigkeit, um dreißig schwedische Arbeiter zu erwarten, die uns von Sundsvall aus zugeschickt werden und mit nach Haparanda zum Holzladen gehen sollten. Allein kein Dampfer ließ sich sehen. So beschloß denn der Kapitän nach Sundsvall hineinzufahren, in der Hoffnung den Leuten zu begegnen und sie dann aufzunehmen. Langsam ging es vorwärts, zwischen größeren und kleineren, meist ziemlich hohen Inseln hindurch, die sich koulissenartig neben- und hintereinander schoben. Wo einmal der Wald fehlte, trat grauer Granit zu Tage; an einer Stelle eine große Fläche, deren Vegetation durch einen Waldbrand zerstört worden war. Mehrere hübsche Ortschaften und Holzplätze blieben links und rechts liegen. Als wir wieder um eine Ecke bogen, lag Sundsvall vor uns, an und auf Hügeln halbkreisförmig hingelagert, rings von höheren Bergen umgeben — ein höchst anmutiger Anblick. Die Bucht erscheint hier von allen Seiten geschlossen, im Osten durch die große Insel Alnö. Zahlreiche einzeln liegende Häuser und Villen lugen aus dem Waldgrün hervor und bilden gewissermaßen langhingestreckte Vororte der eigentlichen Stadt. Mitten in dem Meerbusen ragt eine bewaldete Insel mit Aussichtsturm hervor; zahlreiche kleine Passagierdampfer beleben das reizende Bild. In weiterem Abstand von der Stadt überall massenhafte Holzlager, vor denen eine Anzahl Segelschiffe halten, mit Laden beschäftigt. Sundsvall ist der größte Holzausfuhrplatz Schwedens; das Holz wird die Indalself, die von Norden in die Bucht mündet, hinabgeflößt; unmittelbar bei Sundsvall mündet der Lungen.

Kann man die Stadt als eine der schönst gelegenen Ostseestädte bezeichnen, so muß sie zugleich auch eine der schönst gebauten genannt werden; ja man kann sagen, es giebt keine von ähnlicher Kleinheit, die annähernd so großartige Gebäude, Straßen und Plätze aufwiese. Im Jahre 1888 wurde das alte, ganz aus Holz gebaute Sundsvall ein Raub der Flammen; aus der Asche erhob sich das neue, in dem man sich nach Berlin oder Paris versetzt fühlen würde, wenn nicht von allen Seiten das prächtige Grün der Berge, Wälder und Wiesen hereinschaute.

Da wir durch die Zollrevision und die Ausnahme unserer dreißig Schweden einen mehrstündigen, unfreiwilligen Aufenthalt bekamen, so benutzten wir diesen, um uns an Land rudern zu lassen und einen, wenn auch nur flüchtigen Einblick in Sundsvalls Herrlichkeiten zu nehmen. Das Rathaus, das Gymnasium, die höhere Mädchenschule, mehrere Banken und eine Anzahl Privathäuser würden jeder Großstadt Ehre machen.

Wir besuchten mehrere Restaurants, die hübsch ausgestattet und mit
Sprüchen versehen waren. Einer in altschwedischer Sprache lautete:

Den som sviker i dryckjom, sviker ock i androm styckjom.
(Wer im Trinken betrügt, betrügt auch in anderen Dingen).

Als wir an einem Barbierladen vorbeikamen, machte der Kapitän unserem dänischen Studenten den Vorschlag, sich rasieren zu lassen. Obgleich dessen Flaum des Messers kaum benötigte, willigte er sofort ein, als er hörte, daß dies Geschäft von zarter Damenhand besorgt würde, und wir begleiteten ihn, um das Schauspiel mit anzusehen. Zwei Grazien waren beschäftigt, den Männern ihren Mannesschmuck zu rauben, eine dicke, die Besitzerin, und eine dünne, die Beisitzerin. Letztere bemächtigte sich unseres Freundes; als er fertig war und bezahlt hatte, sagten wir ihm, er müsse der Dame zum Schluß einen Kuß geben. Dies geschah zu beiderseitiger Zufriedenheit; die Hausherrin gestattete aber nur einen Handkuß. Uebrigens wird die Rasierkunst in Schweden keineswegs allgemein von Damen betrieben.

Mit angenehmen Eindrücken schieden wir von dem prächtigen, sonnbeschienenen Sundsvall und seiner wundervollen Bucht, die beide in der Welt viel zu wenig bekannt sind.

Die Fahrt ging an der schwedischen Küste weiter, deren niedrige, blaue Berge schöne Formen zeigen. Die finnische Küste bleibt gänzlich versteckt; sie ist zu weit entfernt. Dem Nordpol so nahe, wird es während der Nacht gar nicht dunkel. Die Magnetnadel zeigt eine ziemlich starke Abweichung, was vielleicht den großen Eisenmassen in Schweden zuzuschreiben ist. Das Wasser ist in diesem Teile der Ostsee süß, was durch die vielen Flüsse bewirkt wird, die hier münden. Schiffen begegnet man fast gar nicht; einsam und verlassen liegt der mächtige Bottnische Meerbusen da, dessen nördlicher Teil vom Oktober bis Juni zugefroren ist. Einmal glaubten wir zwar andere Fahrzeuge zu bemerken, aber das war, wie sich später herausstellte, eine Täuschung. Da es charakteristisch dafür ist, wie leicht man sich auf See täuschen kann, will ich etwas näher darauf eingehen.