Der Steuermann machte mich auf ein paar Segler aufmerksam, die in weiter Ferne vor uns auftauchten. Ich nahm das Glas und zählte drei. Bald aber wurden es mehr, sodaß ich nahe bei einander neun Segler und einen Dampfer zu zählen glaubte. Als wir aber näher kamen, meinte der Steuermann, es wären wohl nur einige Schiffe; die übrigen Erhöhungen dagegen seien Land, das er in jener Richtung erwartete. Je näher wir kamen, um so deutlicher zeigte sich, daß kein einziges Schiff da war; was wir gesehen hatten, war vielmehr die Insel Malören, die südlichste der nach Hunderten zählenden Scheeren, die vor Haparanda liegen. Allmälig erkannte man deutlich die kleine, flache, graugelbe Insel mit mehreren Gebäuden, unter denen eine plumpe Fischerkapelle und ein kegelförmiger Leuchtturm hervorragten; drei Bäume machten den schwachen Versuch, ihr Dasein zu fristen. Nachdem wir die Flagge gehißt hatten, zum Zeichen, daß wir einen Lotsen wünschten, löste sich ein Ruderboot vom Ufer und steuerte auf uns los. Bald darauf stand der Lotse auf der Kommandobrücke und führte unser Schiff durch die vielen, meist dichtbewaldeten Scheeren um die größere Insel Seskarö herum. In einer der nördlichen Buchten dieser Insel lag unser Holz bereits im Wasser; dort also rasselten unsere Anker nieder, und wir befinden uns nun zwischen den mit Birken und Fichten bewachsenen Inseln in einer ganz einsamen, idyllischen Gegend. In der Ferne sieht man einen blauen Streifen; das ist das Festland, wo Haparanda liegt und wohin wir morgen mit einem kleinen Dampfer fahren wollen. Die Reise von Korsör nach hier (gegen 1900 Kilometer) haben wir in etwa 100 Stunden beendigt.

Um sofort mit dem Laden beginnen zu können, mußte der Kapitän so schnell als möglich nach Haparanda zum Zollamt. Da ein Passagierdampfer aber erst Abends um 7 fuhr, wurde ein Dampfer, der sonst zum Schleppen von Flößen dient, gemietet. Morgens um 1/2 7 Uhr fuhren wir mit diesem nach Haparanda, wo wir um 1/2 9 ankamen. Ein Fremder hätte den Weg durch die vielen Scheeren wohl kaum gefunden, besonders da seichte Stellen die Passage noch schwieriger machen. Die Landschaft erinnert an die des mittleren Mississippi; derselbe breite Wasserspiegel mit unzähligen, schwimmenden Wäldern; diesen Eindruck machen die meist flachen, ganz mit Wald bedeckten Inseln. — Schon von ferne fielen uns zwei Türme auf, zu denen sich bald ein dritter gesellte; es waren die Kirchen von Haparanda und dem gegenüber liegenden finnischen Städtchen Tornea; die Torneelf trennt beide. Haparanda besteht durchweg aus sauberen, einstöckigen, mit verschiedenen Farben gestrichenen Holzhäusern; ein zweistöckiges Gebäude sieht man selten. Die ziemlich breiten Straßen kreuzen sich rechtwinklig; sie sind ungepflastert, aber sauber und sandig; hier und da, namentlich zur Seite, wächst Gras. Hervorragende Gebäude sind nicht vorhanden; den Läden, die wegen des Sonntages geschlossen waren, sah man ihre Dürftigkeit doch an. Die Einwohnerzahl Haparandas beträgt etwa 1500. Im Telegraphenamt befindet sich zugleich die meteorologische Station, durch die das Städtchen einigermaßen in der Welt bekannt ist. Während der Kapitän seine Zollgeschäfte besorgte, schrieb ich in dem Zimmer der Post eine Anzahl Karten, und unser dänische Student kaufte sich Benzin in der Apotheke, um Fettflecke zu vertreiben. Er hatte aber Pech damit; denn als die Hose wieder sauber aussah, schüttete ihm nach einigen Stunden eine Kellnerin einen Topf voll Rahm darauf.

Schon nach 1-1/2 Stunden beschlossen wir, da gerade ein Passagierdampfer fuhr, nach unserm Ankerplatz zurückzufahren und Haparanda später noch einmal zu besuchen. Der Passagierdampfer, der an Wochentagen den Verkehr zwischen Haparanda und Lulea besorgt und an Sonntagen Extrafahrten zu machen scheint, war erst vor einem Monat aus einer Stockholmer Werft hervorgegangen und zeichnete sich durch eine etwas fadenscheinige Eleganz aus.

Um 10 Uhr wurde das Frühstück aufgetragen, das nach schwedischer Sitte mit den auf einem Seitentisch servirten „Smörgods“ begann. Ich zählte 16 verschiedene Sächelchen, darunter Renntierschinken. Eine merkwürdige Einrichtung traf ich hier, die mir noch nirgends begegnet war; der Appetit des männlichen Geschlechts wurde ohne Weiteres über den des weiblichen geschätzt und demgemäß höher besteuert. Also:

Frukost för Herre 1,25
" " Dam 1,—

So ging es auf der Speisekarte weiter mit Mittag- und Abendessen; immer mit Preisunterschied für Herren und Damen.

Um Mittag kamen wir wieder auf der Insel Seskarö, unserm Landungsplatz, an. Seskarö dient den Haparandaern als Ausflugsort, wie die stattliche Anzahl von Passagieren bewies, die, sonntäglich gekleidet, das Schiff füllten. Es sollen sich sogar 80 „Sommerfrischler“ auf der großen Insel aufhalten, die in ungestörtester Einsamkeit den kurzen Sommer genießen. Einwohner zählt Seskarö 50, wenn wir recht berichtet sind, darunter mehr Finnen als Schweden. Diese Insel etwas kennen zu lernen, war unser nächstes Ziel, und wir begannen sie alsbald zu durchstreifen. Die Kreuz und Quer führen Wege durch den Wald, dessen hügeliger Boden durch zahlreiche große Steine und Felsblöcke noch unebener wir. Die Bäume — Nadelhölzer und Birken — sind meist niedrig; größere Exemplare trafen wir nicht. Darunter wuchern besonders Heidelbeeren, die gerade reif waren. Vögel sahen wir wenig. Das Läuten von Kuhglocken tönte bisweilen durch die Stille und erinnerte an schönere Gegenden, wie Thüringen und die Schweiz. Auch eine Anzahl zahmer Renntiere soll auf Seskarö leben, doch bekamen wir keine zu Gesicht. Dagegen gelang es uns, von einem Bauern eine Anzahl Geweihe zu kaufen, wovon die größeren 1 Krone das Stück kosteten, die ganz kleinen 1/2 Kr. Bei einem anderen Bauern sahen wir prächtige Renntier- und Bärenfelle, doch verlangte der Mann einen zu hohen Preis (25-50 Kr.) Mit den Frauen konnten wir uns nicht immer verständigen, weil sie kein Schwedisch sprechen, sondern nur Finnisch.

Die Bauernhäuser der Insel sind natürlich alle von Holz; dabei befinden sich Ställe für das Vieh und Gerüste zum Trocknen des Getreides und Heues; auch viele Schlitten sahen wir. Die Ziehbrunnen hatten mächtig lange Querbalken; bei dem einen ging er über eine Scheune hinweg. Zwischen den Wäldern waren hie und da Strecken für den Feldbau gewonnen; die Gerste und der Hafer standen zwar niedrig, aber doch ganz gut. Die Gerste war meist reif, die Kartoffeln blühten.

Wundervoll sind die Nächte hier im Norden. Der Nordhimmel strahlte in Gold, während im Osten die fast volle Mondscheibe aufstieg. Als wir einst, auf der Kommandobrücke skatspielend, nach der Uhr sahen, war es gegen 12, und dabei so hell wie um 8. Die Mannschaft lag in Ruhe, die deutschen Lieder waren verklungen; der Haparandaer Dampfer hatte längst die Ausflügler zurückgebracht. Völlige Stille lag über der eigenartigen Landschaft; nur das Meer plätscherte leise gegen die Schiffsseite; die dunklen Wogen waren ganz wie in Gold getaucht.

Schiffe kommen nur in geringer Zahl in diese Gegend. Wir bemerkten einige Briggs und eine Bark, zwischen den Scheeren mit Holzladen beschäftigt; ein italienischer Schoner war, wie uns der Lotse erzählte, gezwungen, nach Umea in Quarantäne zu gehen, weil er aus einem cholera-infizierten Hafen (Petersburg) gekommen war. In der Seskaröer Bucht hatte noch nie ein Schiff geladen; die „Mira“ war das erste, das überhaupt diese Stelle befuhr; deshalb kannte der Lotse auch das Fahrwasser nicht genau und fuhr sehr vorsichtig. Eigentliche Wirtshäuser giebt's nicht auf Seskarö, nur zwei Speisehäuser, in denen auch Bier verschänkt wird. In eins derselben kehrten wir ein. Wir fanden ein mächtig großes Zimmer, in dessen vier Ecken Fichtenbäume gestellt waren, die bis an die Decke reichten. Ein riesiger Ofen prangte außerdem in der einen Ecke, auch ein Bett fehlte nicht in dem merkwürdigen „Salon“. Das Bier, das hier wie überall verschänkt wird, nennt sich Pilsener, ist aber in Schweden gebraut.