Von unserm Ankerplatze aus sahen wir einige Häuser und eine Sägemühle. Ein Teil der Bucht war mit Balken bedeckt, die allmählich zu uns heran geschoben und dann mit Dampfwinden in den Raum gehoben wurden. Leute mit langen Stangen, die mit eiserner Spitze beschlagen sind, stehen auf den schwimmenden Balken und stoßen sie ans Schiff heran. Es sind im Ganzen etwa 4000 Balken, eigentlich Stämme, die nur der Rinde beraubt sind und zwischen 15 und 30' Länge haben; ein Stamm kostet durchschnittlich 6 Mk., im Ganzen also 24000 Mk. Die Fracht dafür beträgt etwa 12000 Mk. An Kohlen faßt das Schiff ungefähr für 12000 Mk., deren Beförderung etwa 6000 Mk. kostet. Bei diesen Waren beträgt die Fracht also etwa 50 Prozent des Wertes.

Die Balken waren diesmal außerordentlich schwer, so daß das Schiff besonders tief ging, ohne daß die Deckslast über das Mittelmaß hinausgegangen wäre. Es wird nämlich nicht nur der eigentliche Schiffsraum verwendet, sondern auch das Vorder- und Hinterdeck, und zwar erhalten diese etwa 1/3 der Gesamtladung. Da die Schiffe nach dem Kubikinhalt ihres Laderaumes Abgaben zahlen müssen, das Deck aber nicht als zum „Raum“ gehörig angesehen wird, so wird, auf diese Weise Geld gespart.

Unser zweiter Ausflug nach Haparanda geschah hauptsächlich, um das Schiff auszuklariren, d.h. die Papiere beim Zollamt zu erlangen, die zum Verlassen von Seskarö nötig waren. Zugleich wurde telephonisch ein Lotse für Mittwoch Mittag bestellt; die Abreise verzögerte sich jedoch bis zum Abend. Ferner wurden Brot und Eier gekauft und die Sehenswürdigkeiten von Haparanda noch einmal in Augenschein genommen. Auf den Straßen zeigte sich nicht mehr Leben, als am Sonntag.

Auf einer sehr langen, primitiven Holzbrücke wanderten wir nun über die Torneelf hinüber nach der finnischer Grenzstadt. Sie liegt auf einer Insel, beginnt jedoch nach der schwedischen Seite landfest zu werden, so daß die Brücke mehr über Sumpf und Wiese als über Wasser führt. Die Ueberschreitung kostete uns je 5 Oere beim Hin- und Zurückgehen. Im Aussehen ähnelt Tornea ganz Haparanda: Holzhäuser und mit Sand bedeckte Straßen. Eigentlich hat Tornea nur eine lange Straße, in der sich einige Läden befinden. Die Inschriften sind hier meist dreisprachig: russisch, finnisch, schwedisch. In einer Buchhandlung, die wir zu unserm Erstaunen sahen und in der schwedische, finnische und deutsche Litteratur vorrätig war, fanden wir als Verkäuferin ein junges Mädchen, eine Finnin, die fließend deutsch sprach. Auf Befragen erklärte sie uns, daß sie ein Jahr in Deutschland in Pension gewesen (in Wolfenbüttel), daß sie aber nicht ohne Vorkenntnisse des Deutschen dort hingegangen sei, da in den finnischen Schulen Deutsch gelehrt werde.

Etwas nördlich von Tornea liegt ein Hügel, Aavasaksa genannt, von dessen
Spitze man 14 Tage lang (8 Tage vor und 8 Tage nach dem 24. Juni) die
Mitternachtssonne sehen kann. Ein Pavillon krönt den Gipfel des Hügels.

Außer einer russischen Kirche mit den bekannten Zwiebelkuppeln giebt es noch eine evangelische, deren Kirchhof wir besuchten. Er trägt Denkmäler mit schwedischen und finnischen Inschriften und ist mit Birken und Eschen bepflanzt. Die Kirche hat einen sehr spitzen Thurm; in der Nähe steht ein plumper Thurm, der die Glocke enthält.

Der Boden um Tornea schien fruchtbar, die Wege waren mit Sand bestreut, um bei nassem Wetter passierbar zu bleiben. Daß die Kultur auch diesen hohen Norden beleckt, davon zeugte ein Radfahrer, der uns in der Hauptstraße begegnete.

Am Mittwoch, den 25. Juli, Abends 9 Uhr, lichteten wir den Anker und befanden uns nach einigen Stunden außerhalb der Scheeren, wo uns der Lotse verließ. Die Reise ging bei schönstem Wetter schnell von Statten. Bei Sundsvall wurden die Schweden ausgeschifft. Später bekamen wir etwas Seegang, doch nicht so arg, daß jemand seekrank geworden wäre. Auf meinen Wunsch steuerte der Kapitän ziemlich nahe an der Insel Gotland vorbei, so daß ich die altberühmte Hansastadt Wisby mit ihren vielen Türmen und halbverfallenen Befestigungen sehen konnte.

Sonntag Abend liefen wir in den Sund ein, passierten um 2 Uhr nachts
Kopenhagen und lagen Montag früh 4 Uhr vor Helsingör. Hier ließ ich
mich, da meine Zeit abgelaufen war, an Land setzen und fuhr über
Kopenhagen nach Flensburg, wo ich Montag Abend eintraf.

Die vom schönsten Wetter begünstigte Reise hatte 14 Tage gedauert und umfaßte im Ganzen etwa 4000 Kilometer.