In Korsör vertauschte ich wieder das Dampfschiff mit dem Zuge, der mich in reichlich einer Stunde nach Kopenhagen brachte. Seeland bietet landschaftlich weit mehr als Fünen. Bald braust der Zug durch prächtige Buchenwälder; bald sieht man rechts und links reichen Wechsel von Hügeln und Thälern, Wiesen mit weidendem Vieh, Kornfelder, hie und da auch einen See. Hier und bei Roskilde werden dem litteraturkundigen Deutschen Erinnerungen wach. In Sorö lehrte einst Basedow; Roskilde ist durch Klopstocks Ode „Rothschilds Gräber“ berühmt geworden.
In Kopenhagen hatte ich nur eben Zeit umzusteigen, und durch die Dämmerung ging's gen Norden, nach Helsingör, wo ich gegen 11 Uhr eintraf und im Jernbanehotel (Eisenbahnhotel) abstieg.
2. Von Helsingör nach Gent.
Die Fahrt über das Kattegat giebt schon einen kleinen Vorgeschmack der
Nordseefahrt, wie das Kattegat der Nordsee auch mehr ähnelt als der
sanfteren Ostsee. Diesmal freilich merkte man nichts von der Rauheit,
die hier herrschen kann, bei solchem Sonnenschein und solcher leichten
Brise kann auch die zarteste Landratte zur See fahren. Es war, als ob
sich einige Dutzend Dampfer mit einigen hundert weißbesegelten Schonern,
Briggs und Barks Rendezvous gegeben hätten auf dem blauen Parkett des
Kattegats, so wimmelte es von Schiffen. Zur Rechten (verpöntes Wort auf
See; wenn ich es brauchte, hielt sich mein sonst so liebenswürdiger
Kapitän entsetzt die Ohren zu und rief: Steuerbord, Doktor, Steuerbord!
Rechts heißt Steuerbord, links Backbord! Und das ist nun Deine dritte
Reise mit mir!), also auf der Steuerbordseite stieg das schwedische
Vorgebirge Kullen aus der Flut, dessen graziöse Konturen an die des
Taunus, von Frankfurt aus gesehen, erinnern.
Da ich sehr ermüdet war, suchte ich, nachdem ich mich von meiner
Entbehrlichkeit auf der Brücke überzeugt hatte, frühzeitig meine Koje
auf, um den mir geraubten Schlaf nach Kräften nachzuholen. Doch das
Unglück schreitet bisweilen schnell!
Als ich im besten Schlafe war, wurde ich durch die dumpfen Töne des Nebelhorns geweckt. Ich wußte, was das zu bedeuten hatte, zog mich, obgleich es etwa 3 Uhr Morgens war, schleunigst an und kletterte auf die Kommandobrücke, wo der Kapitän und der 1. Steuermann standen und in den dichten Nebel hinausblickten. Wir befanden uns nicht weit von Skagen; unserm Nebelhorn antworteten ab und zu diejenigen anderer in der Nähe befindlichen Dampfer. Nach einer Viertelstunde etwa senkte sich die Hülle, und wir wurden durch einen herrlichen, klaren Sonnenaufgang entschädigt. Wie der obere Rand der goldenen Scheibe über der schwarzblauen Flut aufblitzte, dann breiter und höher wurde und sich als rotgoldener Ball allmählich halb und endlich ganz emporhob — das zu beschreiben ist unmöglich. Ich habe nie einen solchen Sonnenaufgang gesehen. Allein die Freude währte nicht lange; der Nebel kehrte wieder, und wieder zog ich unverdrossen alle 2 Minuten die Leine, sodaß das Nebelhorn (die Dampfpfeife) dumpf und langgezogen erklang. Wieder senkte sich der Nebel, aber doch nur so weit, daß der obere Teil des mächtigen Leuchtturms von Skagens Horn daraus hervorragte, der untere Teil blieb verhüllt. Vom Lande her tönte in gemessenen Zwischenräumen eine Sirene, ähnlich dem Geheul jämmerlich geprügelter Hunde, höchst unästhetisch, aber weithin hörbar. Als der Nebel sich endlich ganz gesenkt hatte — es mochte mittlerweile 4 Uhr geworden sein — krochen der Kapitän und ich wieder in unsere Kojen, um, wie er sagte, noch 4 Stunden zu schlafen. Doch bald wurden wir aus der Täuschung gerissen. Kaum eingeschlummert, verkündete das laute Blasen des Hornes, daß der unheimliche Gast wieder da war. Also wieder anziehen und wieder hinauf, denn so phlegmatisch bin ich nicht veranlagt, es bei solchem Nebel unten auszuhalten. Glücklicherweise dauerte es auch diesmal nicht lange, dann aber hatten wir keine Lust, uns noch einmal betrügen zu lassen, wir blieben auf, tranken eine Tasse Kaffee, nahmen ein Bad, wozu das Wasser direkt aus dem Meere in die Wanne geleitet wird, und stärkten uns dann an einem kräftigen Frühstück. Ausgenommen die Mahlzeiten lag ich natürlich, wie immer auf See, in meinem Triumphklappstuhl neben dem Kapitän auf der Kommandobrücke, um die reine Luft aus erster Hand zu trinken. Die vielen Schiffe, die uns im Sunde und noch im Kattegat umgeben hatten, verschwanden allmählich und verteilten sich nach verschiedenen Richtungen. Nur dann und wann begegnete uns eins, einige gingen auch mit uns. Einen Dampfer trafen wir stillliegend an, er hatte vor dem Vordermaste drei schwarze Bälle aufgezogen, was bedeutete, daß er manövrierunfähig war. Einen zweiten großen Dampfer sahen wir dreimal stillliegen und immer wieder fahren, bis er uns endlich überholte und unseren Blicken entschwand. Am Nachmittag stampfte das gegen den Südwest angehende Schiff doch so, daß ich es für gut hielt, in horizontaler Stellung zu verweilen, um nicht, wie vor drei Jahren an dieser Stelle, unfreiwillige Opfer des Magens bringen zu müssen. Ich legte mich also um 3 Uhr in mein gutes Bett und verzichtete auch auf das Abendessen. Glücklicherweise ging die See nicht so hoch, daß mein Kabinenfenster geschlossen werden mußte, sonst wäre ich gewiß durch die schlechte Luft seekrank geworden. Nur einige Male spritzte das Wasser herein, einmal so, daß meine Stiefel tüchtig etwas abbekamen und der Schiffsjunge ihren Inhalt ausgießen mußte. Als ich in angenehmem Schlafe lag, weckte mich wieder die Dampfpfeife. Hinauf an Deck, hieß es also. Das war gestern nur ein Vorschmack vom Nebel gewesen; diesmal war er viel dichter und hielt etwa 4 Stunden an, von halb 3-7; eine unheimliche Zeit, die mir zu einer Ewigkeit wurde. Und doch fühlte ich, daß man sich auch an solche Situation gewöhnt; froh waren wir nur, daß wir trotz allen Horchens kein anderes Nebelhorn hörten. Plötzlich erklang eins ziemlich nahe vor uns. Auf das Gespannteste blickten Kapitän und Steuermann hinaus in die dichte Undurchdringlichkeit, in ganz kurzen Zwischenräumen ertönten nach einander unser und des fremden Dampfers Pfeife; die Maschine, die bei Nebel natürlich immer auf „Langsam“ arbeitet, wurde auf „Halt“ gestellt, und gleich mußte sich entscheiden, ob wir gegen einander fuhren oder nicht. Denn nur ein Zufall, keine Berechnung kann einen Zusammenstoß verhindern. Plötzlich tauchten dicht an Steuerbordseite (rechts) die Umrisse eines Dampfers auf, der gleich wieder im Nebel verschwand. Der Kapitän meinte, er habe „vollen Dampf“ gehabt, sonst wäre er nicht so schnell herangekommen. Die Engländer stehen bekanntlich in dem Rufe, auch im Nebel auf gut Glück mit vollem Dampf zu fahren, um keine Zeit zu verlieren.
Nach dieser Aufregung ging es in das Bad und dann an's Frühstück. Der
Tag wurde prächtig, die See glatt, die Sonne schien warm; das reine
Ostseewetter, wie ich es nannte, da ich in der Ostsee niemals Unwetter,
Nebel und dergleichen erlebt hatte. Wir waren jetzt etwa in der Mitte
der Nordsee, es war ganz einsam, viele Stunden kein Schiff.
In dem Maschinenraum war inzwischen schon seit einigen Tagen eine kleine Revolution ausgebrochen. Der eine Trimmer (Kohlenzieher) stellte sich krank und versteckte sich irgendwo im Laderaum zwischen das Holz. Als er nach mehrstündigem Suchen gefunden wurde, erklärte er, falls man ihn zum Arbeiten zwänge, würde er sich in Wasser stürzen, Es blieb also nichts übrig, als ihn sich zu überlassen; er ging zu Bett, nahm aber lebhaft an allen Mahlzeiten teil. Tags darauf wurde einer der Heizer wirklich krank; da überhaupt nur zwei Trimmer und zwei Heizer auf Schiffen von der Größe Miras vorhanden sind, so war die Stellvertretung sehr schwierig.
Die Nacht vom Dienstag zum Mittwoch wurde durch keinen Nebel gestört. Wir passierten die holländische Insel Terschelling und einige Stunden später Terel, und als ich aufstand (8 Uhr), befanden wir uns nahe der Küste. Die Dünen von Scheveningen wurden sichtbar; wir waren nur 3-4 Kil. vom Lande entfernt und sahen ganz deutlich das mächtige, kuppelgeschmückte Kurhaus, davor am Strande viele Strandkörbe, auf den Dünen Villen, und dahinter rechts Türme, die zur Stadt Haag gehörten. Ab und zu tönten Kanonenschüsse zu uns herüber; die Holländer übten sich wohl, die Atchinesen zu besiegen. Das Wasser war so glatt, fast wie ein Spiegel, kein Lüftchen rührte sich. Nach mehreren Stunden wurde das Feuerschiff „Hoek van Holland“, wieder nach einigen Stunden das von „Schouwensbank“ passiert; sie liegen etwa 10 M. (20 Kil.) von der Küste entfernt. Da die Zeit der Flut war und wir gerade gegen den vom Atlantischen Ozean hereindringenden Strom fuhren, so lief das Schiff stündlich etwa 2 Meilen weniger als unter normalen Verhältnissen. Wir hielten nun Umschau nach einem Lotsen; endlich sahen wir einen Kutter, der sich durch die Flagge am Mast von den Fischerjachten unterscheidet. Wir setzten die Lotsenflagge auf und fuhren auf ihn los, er näherte sich uns gleichfalls; als wir ganz nahe waren, erkannten wir das Wort „Maas“, das in großen Buchstaben auf dem Segel stand. Wir lenkten also ab von ihm, denn wir konnten nur einen Schelde-Lotsen brauchen. Etwa um 5 Uhr trafen wir einen Lotsen, der uns nach Vlissingen brachte. Um von der See nach Gent zu gelangen, brauchten wir 4 verschiedene Lotsen und im ganzen etwa 16 Stunden. Der Seelotse, den wir auf dem Meere aufgabelten, war ein noch sehr junger Mann, 32 Jahre und schon 5 Jahre Lotse, 7 Jahre verheiratet, hat 5 Kinder, seine Brüder sind auch Lotsen oder bei der Marine. Man sieht, das Gewerbe bleibt bei der Familie. Mit den Holländern verständigt man sich, indem jeder seine eigne Sprache spricht, sie holländisch, wir plattdeutsch. Wenn man auch nicht jedes Wort versteht, so merkt man doch, was der andere will. Sobald ein Lotse an Bord ist, wird das Steuerruder mit Dampf gelenkt, damit es schneller jedem Befehl gehorcht. In hellem Sonnenschein lag die Dünenküste der Insel Walcheren vor uns, und man erkannte das Kurhaus und einige Villen des Seebades Domburg, wo ich vor 3 Jahren badete. Am Eingang der Schelde erschien der mächtige Kirchturm des Dorfes Westkapelle, der noch aus der spanischen Zeit stammt, aber nicht mehr benutzt wird; daneben ein kleinerer Leuchtturm. Hohe, wildzerrissene Dünen, wie ein Alpengebirge im kleinen, türmen sich links; das andere Ufer der Schelde verliert sich in weiter Ferne. So breit der Fluß ist, so eng ist das Fahrwasser für tiefergehende Schiffe. Die ausgehenden Dampfer darunter hauptsächlich Deutsche, Dänen, Engländer, auch ein Grieche, die meist von Antwerpen kamen, mußten ganz nahe an uns vorbei. Auf den Sandbänken im Flusse sonnen sich drei Seehunde, die neugierig die Köpfe nach uns erheben, und Hunderte von Möven. Zur Linken erscheint bald das prächtige Kurhotel Vlissingen; am Strande herrscht reges Leben, man kann die Menschen, hauptsächlich Damen und Kinder, ziemlich genau durch das Glas sehen. Nach Umfahrung einer Ecke taucht Vlissingen mit seinen grauen Festungswällen auf, von denen das Standbild des holländischen Seehelden de Ruyter herabblickt. Auf der Vlissinger Reede verließ uns der erste Lotse und ein zweiter kam an Bord; er brachte uns, während wir Abendbrot aßen, nach der Reede von Terneuzen. Etwas abseits vom Fahrwasser lag ein großes gestrandetes Segelschiff, dessen Masten am Vorderteil aus dem Wasser ragten. Der zweite Lotse wurde durch einen dritten abgelöst, einen dicken, sehr gemütlichen Mann in buntgestickten Hausschuhen, der uns die kurze, aber schwierige Strecke von der Reede in den kleinen Hafen von Terneuzen brachte; da das Wasser noch nicht die gehörige Tiefe hatte, so fuhren wir mit voller Kraft durch die enge Einfahrt und saßen gleich darauf auf dem Schlamm fest, vor uns eine norwegische Brigg, die ebenfalls in den Genter Kanal wollte.
Terneuzen ist eine kleine Stadt von 7000 Einwohnern und liegt ganz niedlich mitten in ihren grünen Festungswällen und dem Glacis. Auf den Wällen promenierte die Terneuzer Damen- und Herrenwelt, und auch wir ließen uns an Land rudern, um einen Rundgang durch die Stadt zu machen und in einigen Wirtschaften Dortmunder Bier zu trinken. Nachts um 11, als das Wasser höher gestiegen war, gingen wir mit einem 4. Lotsen in die Schleuse und blieben der Dunkelheit wegen bis 3 Uhr dort liegen. Dann begann die Kanalfahrt. Um 5 stand ich auf und ließ die grünen Ufer an mir vorbeigleiten. Ueppige Felder und waldige Baumanpflanzungen mit Dörfern und einzelnen Häusern, auch einige Villen mit schönen Parks begleiten den Kanal; zu beiden Seiten läuft die Landstraße, auf der allerlei Fuhrwerke entlang zogen, auch Radfahrer und Hundefuhrwerke. Ein von 3 Hunden gezogener, zweirädiger Wagen trug 2 stramme Bauernmädchen, einer mit 4 Hunden bespannt 3 Burschen. Die Benutzung des Hundes als Zugtier soll hier viel weiter gehen als bei uns; der 1. Maschinist erzählte, er habe einst vor einer Kirche in Terneuzen 10 Hundefuhrwerke stehen sehen, deren Insassen inzwischen im Gotteshause ihre Andacht verrichteten.