Das Wetter war sehr warm, fast zu warm; die Fahrt auf dem spiegelblanken
Wasser unter dem Segeldach der Kommandobrücke war sehr angenehm. Die
Vögel zwitscherten, der Kuckuck rief — es war eine idyllisch-schöne
Fahrt.

Der Kanal ist 30-40 km lang, also knapp halb so lang wie der Kaiser Wilhelm-Kanal, zwölf Drehbrücken waren zu passieren, die meist einen so engen Durchgang hatten, daß es ganz ängstlich anzusehen war, wenn das Schiff auf den Pfeiler loszufahren schien, schließlich aber doch richtig mitten zwischen beiden Pfeilern hindurchglitt, ohne anzustoßen.

Bei St. Anton an der belgischen Grenze fand eine leichte Zollrevision statt; von meinen Zigarren und dem Kakao, den ich in Terneuzen gekauft hatte, wurde gar keine Notiz genommen.

Um 9 Uhr langten wir in Gent an und gingen vor Anker; sofort begann das
Löschen der Planken; der Makler (ein Aachener) kam an Bord, ebenso ein
Metzger, der seine Waren anbot und auch mit allerlei Aufträgen bedacht
wurde.

3. Gent.

Am Nachmittag besichtigten wir die Stadt (180000 Einwohner). Sie ist von vielen Kanälen durchschnitten und hat 3 verschiedene Teile. Unser Schiff liegt in der Fabrikgegend, mit vielen Estaminets (niedrigen Wirtschaften), die volkstümliche Bezeichnungen haben, z.B. In de Swaan, In der kleinen Camelia, In den groenen Appel, In de groote Maas, In de goode Drank, In Nazareth (Name eines Dorfes bei Gent) u.s.w. Der zweite Stadtteil, der alte Kern der Stadt, enthält viele öffentliche Gebäude, die entweder durch geschichtliche Erinnerungen oder durch Schönheit der Architektur hervorragen, z.B. Chateau des Comtes (de Flandre), der Dom St. Bavo, der Bergfried, ein stattlicher hoher Turm, das gothische Rathaus, sowie eine Anzahl Kirchen. Der neue Stadtteil endlich hat moderne breite Straßen mit hübschen Häusern ohne besondere Eigentümlichkeiten. Hier fanden wir im Gambrinus gutes Münchener Bier, das uns bei der Hitze und dem vielen Herumlaufen sehr wohl that. Was Gent fehlt, sind größere, öffentliche Gartenanlagen, wie sie in deutschen Großstädten existieren. Man sehnt sich recht danach, aus dem Häusergewirr, der Hitze und dem Staube in kühle, wohlgepflegte Anlagen zu flüchten; die vorhandenen sind bis jetzt nur schwache Anfänge.

Der ganze Freitag gehörte Ostende, das man mit Expreßzug in 1-1/4 Stunde erreicht. Die einzige Station ist Brügge, das mit seinen großen Kirchen einen imposanten Eindruck macht, das wir aber leider zu besuchen versäumten. Ostende loben ist überflüssig, es beschreiben ist schwer. Es vereinigt großartige Natur und menschliche Kunst in so hohem Grade, daß es unter allen Seebädern als Perle bezeichnet werden muß. Unter den Landbädern nimmt Baden-Baden einen ähnlichen Rang ein. Den Glanzpunkt des Badelebens bildet der Zeedyk, la Digue (der Damm oder Deich), geschmückt mit seiner langen Reihe der behaglichsten Villen und der herrlichsten Hotels, eins immer noch schöner als das andere. In der Mitte dieser Reihe liegt das mächtige Kurhaus, am Westende bildet den würdigen Abschluß das Palais des Königs, der einen Teil des Sommers hier verbringt. Der Strand, an dem alle diese Häuser liegen, wimmelt von Badekarren, die mit Pferden ins Meer gezogen werden. Wir nahmen sofort ein Bad und fanden uns schnell in die Sitte, mitten unter Damen zu baden. Die Eleganz der Toiletten beim Nachmittag- und Abendkonzert im Kursaal war auffallend, alle Damen mit Chic gekleidet, viele Schönheiten darunter. Nach dem Abendkonzert war Soirée dansante, der wir eine Weile zusahen, und Hazardspiel, an dem sich auch Damen beteiligten. Das Mindeste, was man setzen durfte, waren 2 Franks. In die eigentlichen Spielsäle a la Monaco gelangten wir natürlich nicht. Als wir um 10 Uhr aus all diesem Gewirr hinaustraten, empfanden wir die Großartigkeit des Meeres wieder doppelt. Dumpf brausend wälzten sich die schwarzen Wogen an den Strand, hell leuchteten die breiten, weißen Kämme. Wir gingen stracks nach dem Bahnhof, fuhren nach Gent und schliefen an Bord, da es kühl geworden war, die ganze Nacht durch. —

So lange wie wir diesmal in einem Hafen blieben, hat es noch nie gedauert; es kommt von der Kirmes, die in großartiger Weise tagelang gefeiert wird. Während dieser Zeit zu arbeiten, dazu ist kein Arbeiter für vieles Geld zu bewegen. Alt und jung, arm und reich beteiligt sich an diesem Volksfest. Auf den öffentlichen Plätzen finden Konzerte statt, abends Illumination und zweimal von 10 an bis in den Morgen hinein bal populaire; an 4 Tagen Pferderennen! — Gestern, Sonntag, fing die Geschichte an. Wir sahen nur einiges, aber dieses Wenige genügte, uns zu zeigen, daß das ganze Volk sich beteiligt. Wir fuhren gleich nach Tisch per Droschke nach dem weit außerhalb der Stadt gelegenen Rennplatz (Plaine St. Denis), wohin mit uns zahllose Fußgänger und viele Wagen strömten. In Staubwolken gehüllt trat nach Beendigung der Rennen die 1000köpfige Menge den Rückweg an. Wir nahmen wieder Droschke, in der Nähe der Stadt begegneten uns viele Wagen, die sich an der Seite des Weges aufstellten, um das Schauspiel der vorüberziehenden Menge und der unzähligen Wagen, worunter viele elegante Equipagen, zu genießen. Wir fuhren durch den hübschen, noch etwas jungen Stadtpark und kehrten durstig im Gambrinus ein. Von dort bahnten wir uns durch die die Straßen erfüllende Menschenmenge langsam unsern Weg nach dem Kornmarkt, dem Mittelpunkt der Stadt. Auf den Plätzen, die wir passierten, hatten sich die größten Ansammlungen von Menschen gebildet, die der Musik lauschten. Der Kornmarkt war mit Tischen und Bänken, an denen trinkende Menschen saßen, so bedeckt, daß eben nur eine Gasse für Pferdebahn und andere Wagen blieb. Wir waren froh, als wir zum Abend wieder zu Hause d.h. an Bord waren und ordentlich ausschlafen konnten.

Die Geschichte mit dem schon erwähnten Trimmer hatte folgende Fortsetzung. Der Kapitän hatte ihm gesagt, er werde ihn in Gent ärztlich untersuchen lassen und ihn, falls er als gesund befunden würde, bei Gericht anzeigen, was ihm jedenfalls Gefängnisstrafe eintragen würde. Als wir gleich am ersten Tage zum Arzt gehen wollten, kam die Meldung, daß der Trimmer vom Schiff verschwunden sei. Er war vor Angst entflohen, obgleich er keinen Heller Geld hatte und weder vlämisch noch französisch, eigentlich auch kaum deutsch konnte. In den nächsten Tagen sah man ihn bei den großen Holzhaufen in der Nähe des Schiffes herumstreichen, sich immer in angemessener Entfernung haltend. Endlich berichtete der Koch, er habe jämmerlich geweint, wolle gerne tüchtig arbeiten, auch den Kapitän um Verzeihung bitten, wenn ihn dieser nur wieder an Bord nehmen wollte. Es war ihm nicht geglückt, irgend eine Stellung zu finden, auch nicht als Meierist, was er von Hause aus ist, und er hatte 3 Tage und Nächte gehungert und kein Obdach gehabt. Ich redete dem Kapitän zu, ihn wieder an Bord zu nehmen, da sonst sicher ein Verbrecher aus ihm würde. Als er dann erschien, nahm ihn der Kapitän nach längeren Verhandlungen wieder auf, sagte ihm, daß sein fälliger Lohn (25 Mark) an seine Kameraden, die für ihn gearbeitet, verteilt würde und daß er bis Flensburg für die Kost arbeiten könne, ohne Lohn zu erhalten. Falls er sich nicht gut führe, werde der Kapitän ihn in Flensburg noch vor Gericht stellen. Er versprach natürlich unter Thränen alles, gab zu, ein großer Esel gewesen zu sein und wurde, nachdem er auch die Maschinisten um Verzeihung gebeten hatte, wieder aufgenommen. Wie sehr ihn seine Kameraden gehänselt und ausgelacht haben mögen, sahen wir nicht, da wir das Schiff gleich darauf verließen.

Seit ich an Bord bin, haben wir noch keinen Tropfen Regen erhalten. Das Wetter ist fortgesetzt warm und schön, sodaß man lieber die Seefahrt fortsetzte, als in der heißen und staubigen Stadt sich aufzuhalten. Leider giebt es gar keine Biergärten, dafür ist entweder kein Platz oder die Leute haben keinen Sinn dafür.