Schiller konnte nicht anders als annehmen. Aus Dankbarkeit richtete er später die „Briefe über die ästhetische Erziehung des Menschen“ an den Herzog, die beim Brande der Christiansburg ein Raub der Flammen wurden. Schiller hatte aber eine Abschrift zurückbehalten, die er einer Umarbeitung unterzog und die in etwas verändertem Gewande in den Horen erschien und später Ausnahme in die „Sämtlichen Werke“ fand. Der Briefwechsel zwischen dem Dichter und Fürsten ist von Max Müller-Oxford herausgegeben und für alle Gebildeten lesenswert; jede Seite enthält die vornehme, wahrhaft adelige Gesinnung der beiden Freunde: desjenigen, der materiell gab, und des andern, der es mit Geistigem vergalt. Aber man denke ja nicht, daß die Briefe des Herzogs nur deshalb Interesse böten, weil sie an einen der größten im Reiche der Geister gerichtet sind! Auch an sich bieten sie viel Schönes über Literatur, Philosophie und Politik.

Die deutsche Literatur und das ganze deutsche Volk wird das Andenken des
Mannes in höchsten Ehren halten, der mit dazu beigetragen hat, unserem
Schiller fünf Lebensjahre wesentlich zu erleichtern und ihm Kraft zu
seinen erhabenen Aufgaben und Pflichten zu verleihen. Welch glückliches
Zusammentreffen, daß dieser Mann der Ahnherr unserer Kaiserin ist!

Im Jahre 1794 war inzwischen der alte Herzog gestorben und der junge, 29 jährige Prinz trat in die Würden seines Vaters ein. Von jetzt ab verbrachte er jährlich regelmäßig einige Monate auf seinen ländlichen Besitzungen Augustenburg und Gravenstein. Als sein Verhältnis zum Kronprinzen-Regenten sich allmälig trübte, dehnte sich seine Abwesenheit von Kopenhagen immer länger aus. Diese Trübung entstand durch die allmälig mehr hervortretenden dänischen Tendenzen des Regenten, die der Herzog als deutscher Fürst nicht billigen konnte. Nach der Auslösung des deutschen Reiches 1806 wollte man das schutzlose Holstein in Dänemark einverleiben; dem energischen Einspruch des Herzogs gelang es, dies vorläufig noch zu verhindern. Der Groll des Königs — der 1808 den dänischen Thron bestiegen hatte, nachdem er schon seit vielen Jahren seinen geistesschwachen Vater vertreten — gegen den Herzog nahm zu, als die schwedische Thronfolgefrage auftauchte. Da König Karl XIII. keine Kinder hatte, so wählte man zum Kronprinzen den jüngeren Bruder Friedrich Christians. Als dieser plötzlich — ob an Gift, weiß man nicht — 1810 mit Tode abging, richteten sich die Blicke auf den Herzog, dessen Einwilligung aber nicht so leicht zu erlangen war. Er wollte den dänischen König nicht verletzen, der, wie er wußte, sich gleichfalls Hoffnung auf den Thron von Schweden machte, freilich ganz unberechtigte. Karl XIII. bot dem Augustenburger die Krone wiederholt an, der Reichstag bot sie an, Napoleon war nicht dagegen; allein aus allzu großer Rücksicht für den König lehnte er ab und fragte erst bei diesem wegen der Angelegenheit an. Der König ließ lange mit der Antwort warten; endlich schrieb er, daß er allerdings die schwedische Krone erstrebe. Nun lehnte Friedrich Christian endgültig ab. Die Schweden wählten nun aber keineswegs den König von Dänemark, sondern den französischen Marschall Bernadotte, der einige Jahre später auch Norwegen von Dänemark losriß, das nun in Personalunion mit Schweden verbunden wurde. Dänemark aber, das in früheren Jahrhunderten alle drei nordischen Reiche beherrscht hatte, blieb auf Jütland und die Inseln beschränkt.

Trotz dieses äußerst loyalen Verhaltens seines Schwagers war der König wütend auf ihn; er ließ ihn verspotten, ja, ihn auf der Insel Alsen förmlich blokieren, unter dem Vorwande, ihn vor den Schweden zu „schützen“. Der Herzog, tief empört über solche Behandlung, nahm seinen Abschied aus allen Staatsämtern und wohnte von nun an abwechselnd auf Augustenburg und Gravenstein, mit der Erziehung seiner Kinder beschäftigt. Er hinterließ zwei Söhne, von denen der ältere, Christian August, der Großvater unserer Kaiserin wurde, und der jüngere unter dem Namen Prinz von Noer in der Geschichte Schleswig-Holsteins bekannt geworden ist. Die einzige Tochter des Herzogs wurde später die Gemahlin des Königs Christian VIII. von Dänemark.

In den letzten Jahren seines Lebens verfaßte der Herzog noch eine staatsrechtliche Schrift, das Erbrecht seines Hauses auf die Elbherzogtümer darlegend. Zu den Männern, die den philosophischen Fürsten auf Gravenstein aufsuchten, gehört auch Andersen, der dänisch-deutsche Märchenerzähler, der in begeisterten Worten die Gastlichkeit des herzoglichen Hauses und die landschaftlichen Reize der Umgebung von Gravenstein preist. Im Jahre 1814, am 14. Juni, starb Friedrich Christian. In seinem letzten Willen ermahnte er seine Söhne „die Rechte und Ansprüche, welche ihre Abkunft ihnen gebe, mit männlicher Festigkeit, aber ohne Verletzung der Gerechtigkeit, der Ehre und Pflicht zu beobachten“. Die Söhne und der Enkel rechtfertigten das in sie gesetzte Vertrauen; sie haben sich stets als Ehrenmänner bewiesen, in guter und in böser Zeit. An geistiger Bedeutung und umfassender Bildung aber hat keiner den großen Ahnen erreicht.

IX.

Marsberg.

Auch eine Sommerfrische.

Wir wollten in die Sommerfrische — so viel stand fest. Hierin waren meine Frau und ich uns einig. Aber wir wollten nicht nur, wir mußten! Alle unsere Bekannten gingen in die Sommerfrische — eine Familie nach Schwalbach, eine andere nach Hamm, die dritte sogar nach Eschwege. Wenn wir daheim geblieben wären, so hätte es aussehen können, als „hätten wirs nicht dazu!“ Lächerlicher Gedanke! Kein Geld, um in die Sommerfrische zu gehen! Solchen Menschen möchte ich einmal sehen, namentlich in unseren Kreisen. Wir sind nämlich von ziemlich hohem Stande, alle unsere Bekannten sind es. Also es war abgemacht, wir wollten in die Sommerfrische.

Ich ging hin und kaufte mir „Tinten und Feder und Papier“. Eine Feder, aber zwölf Bogen Papier. Denn ich wollte Auswahl haben, eine engere Wahl treffen. Was engere Wahl war, wußte ich aus Erfahrung; hatte ich doch selbst manchmal darauf gestanden. Bisweilen war ich gewählt worden, bisweilen auch nicht. Nun hatte ich das stolze Gefühl, diese engere Wahl selbst auszuüben. Dann nahm ich den kleinen Kneebusch — den ich selbst besaß — und Bädekers Rheinlande — den mir ein befreundeter, edeldenkender Buchhändler auf einen Tag lieh — freilich unter der Bedingung, ihn sofort zurückzugeben, falls sich ein Käufer finden sollte, denn es war nur dieses eine Exemplar auf Lager — also ich nahm den kleinen, grünen Kneebusch und den dicken, roten Bädeker und studierte und studierte. Ich habe schon viel studiert in meinem Leben, z.B. auf der Universität, aber so hat nur weder im metaphysischen Kolleg beim alten Strümpell in Leipzig noch im psychologischen Kolleg bei Eucken in Jena der Kopf gebrummt, als heim Studium dieser anscheinend so harmlosen Bücher. Denn da gab es Sommerfrischen wie Sand am Meer, eine immer einladender als die andere. Preisend mit viel schönen Reden registrierten die Verfasser alles, was nur irgend Anspruch auf diese ehrenvolle Bezeichnung erheben konnte, von Godesberg am Rhein und Manderscheid in der Eifel bis Oberkirchen und Laasphe im Sauerland. Rheinland und Westfalen sollte und mußte es sein, lieber noch letzteres, denn mein Grundsatz ist derselbe wie der des alten Geheimrat Goethe: