Willst du immer weiter schweifen?
Sieh, das Gute liegt so nah!
Nur zuerst liebäugelte ich nach der Rheingegend hinüber; da lockte ein Gasthaus mit dem lieblichen Namen „Waldesfrieden“, und da las ich Gerolstein und erinnerte mich angenehm gleich an eine Operette von Offenbach: „Die Großherzogin von Gerolstein.“ Dies Großherzogtum hätte ich gern einmal gesehen, und auch der Waldfrieden hatte mich immer mächtig angezogen, obgleich oder vielleicht gerade weil ich mein Lebtag noch nicht im Walde gewohnt hatte.
Ich sandte also einige Briefe nach dem Rhein, die überwiegende Mehrzahl der 12 aber wanderte ins Sauerland, jeder sorgfältig konvertiert und mit einer funkelnagelneuen Briefmarke versehen. Ich rieb mir vergnügt die Hände; der erste, der schwerste Schritt war geschehen; und begierig harrten wir nun der Dinge, die da kommen sollten, nämlich der Antworten. Herzlich leid thaten mir schon die 11 armen Wirte, denen ich abschreiben mußte; denn ich konnte unsere Gegenwart doch nur einem schenken, wie es auch in der Lotterie zu gehen pflegt, wo nur einer das große Los zieht. Wer von den 12 Wirten das sein würde, ruhte noch im Schoße der Götter. Jeden Morgen eilten wir zitternd vor Aufregung dem Briefträger entgegen — bei uns im Röhrchen kommt die erste Briefbestellung schon um neun Uhr vormittags — und waren jedesmal schmerzlich enttäuscht, wenn er nichts hatte. Auch wenn ich mittags nach Hause kam, war meine erste Frage: Nichts vom Briefträger? Endlich am dritten Morgen brachte er eine Karte. Sie kam vom Waldesfrieden und sagte mit dürren Worten, es sei für die nächsten Wochen alles besetzt, der Wirt müsse auf unsern Besuch verzichten. Ich war entrüstet. Auf uns verzichten wollte er, und nicht einmal schwer schien ihm das zu werden, wenigstens war kein Wort des Bedauerns ausgesprochen. Aber es sollte noch anders kommen; auch die übrigen Rheinländer und sämtliche Sauerländer bis auf 3 schrieben im Laufe der nächsten 14 Tage ab, mit Ausnahme derer, die — mir bebt die Feder vor edlem Zorn — überhaupt nicht antworteten!
Es waren also 3 übrig geblieben, die uns wollten. Triumphierend erzählten wir es unseren Freunden. Aber da kamen wir schön an. Als ich Freund X sagte, wir wollten nach A., der Ort sei gut empfohlen im Kneebusch, rief X unwillig aus: Ach, gehen Sie nicht nach A., da ist kein Wald in der Nähe, gehen Sie lieber nach B. Ich ließ mich natürlich gerne belehren und teilte meinem Freunde Y mit, wir seien entschlossen, unsere Sommerfrische in B. abzuhalten. Wie, nach B. wollen Sie? Nach diesem schmutzigen Dorfe? Gehen Sie nach C.! Ich stutzte, fügte mich aber der überlegenen Weisheit; wohnte ich doch erst 3 Jahre in Westfalen und jene anderen schon lange; die mußten es natürlich besser wissen; überhaupt giebt ja der Klügste nach. Es war also eine ausgemachte Sache, wir gingen nach C. Aber o weh! kaum hatte meine Frau in der nächsten Kaffee-Visite davon gesprochen, als ein Sturm der Entrüstung losbrach. Nach C. würden die Damen auf keinen Fall gehen, sie rieten aber dringend, nach D. zu gehen. Die Lage, Verpflegung, kurz, alles sei unvergleichlich viel besser als in C. Nun stand aber D. gar nicht mit auf meiner Liste. Doch was sollte ich thun? A., B. und C. hatte ich auf den Rat von X, Y und Z schon abgeschrieben. Die engere Wahl war also ergebnislos verlaufen. Inzwischen war auch bei dem ewigen Warten eine Woche der Ferien unwiederbringlich verloren, und wenn wir noch etwas von der Sommerfrische haben wollten, dann hieß es sich eilen. Kurz entschlossen telegraphierte ich nach D., bezahlte die Antwort und hatte nach 3 Stunden einen zusagenden Bescheid. Hurra, wir hatten eine Sommerfrische! Was 12 Briefe nicht vermocht hatten, eine Depesche hatte es erreicht. Wir stehen eben im Zeichen der Telegraphie; Briefe sind ein überwundener Standpunkt. Nun kann ich auch den Schleier der Anonymität lüften und verraten, daß D. Niedermarsberg war, an der Diemel im östlichen Sauerlande gelegen. Schon am nächsten Tage sollte die Reise angetreten werden.
Darauf bedacht, daß wir allein im Coupé blieben, verfiel ich auf folgende List, die ich allen Familienvätern empfehlen kann. Sobald eine Station in Sicht kam, kommandierte ich: Alle Mann an Deck! Alle 5 stürzten wir uns dann zwar nicht an Deck, sondern an die Coupéthür, die wir dicht gedrängt verbarrikadierten: meine Frau, ich, der Knabe Karl von 10 Jahren und der einjährige Hans auf dem Arme des Mädchens. Besonders letzterer sollte nach meiner Berechnung als Abschreckungsmittel dienen, und ich hatte mich nicht getäuscht. In Wickede z.B. steuerte ein umfangreicher Gutsbesitzer (dicker Bauer) auf unser Coupé zu, schwenkte aber kurz vorher ab, als er die kinderreiche Familie mit dem Hans an der Spitze sah, den er womöglich für einen Schreihals hielt, was er keineswegs ist. Meine Frau fand es zwar empörend, daß unser süßes Hänschen abschreckend auf einen Menschen wirken könne, aber der Erfolg gab mir Recht. Ungefährdet durch Mitreisende kamen wir Mittag an dem Ziel unserer Wünsche, in Niedermarsberg, an, von unserem Wirt, der außer seinem Hotel auch die Bahnhofsrestauration inne hatte, in Empfang genommen.
Auf dem Wege zum „Westfälischen Hof“ kamen wir an einem Trümmerhaufen vorbei, wo vor 14 Tagen mehrere Häuser, darunter auch ein Hotel, abgebrannt waren. Das war kein gutes Omen für uns, und doch, ich dachte: Sobald brennts gewiß hier nicht wieder! Ich trat an die Brandstätte und bemerkte zwischen Schutt und Trümmern einen Balken mit der leicht zu entziffernden Inschrift:
DAS FEVR KAN MICH VERZEHRREN GOTT WOLTE SOLCHES GENEDIG ABWEHRREN.
Eine Jahreszahl war nicht mehr zu erkennen, doch deutete die
Orthographie auf die Wende des 17. und 18. Jahrhunderts.
Niedermarsberg hat eine ganz herrliche Lage. Nach allen Seiten zwischen hohe, bewaldete Berge eingebettet, schaut es mit seinen hübschen Kirchen den Wanderer gar freundlich an. Besonders stolz und stattlich streben zwei steile Berge in die Höhe: auf dem einen steht der Bilstein, ein Aussichtsturm, auf dem andern liegt Obermarsberg, dessen beide Kirchen man sieht. Während dieser Ort mit 1000 Einwohnern eine Stadt ist, hat Niedermarsberg trotz seiner 4000 Einwohner die Landgemeindeordnung.
Es hat eine evangelische und mehrere katholischen Kirchen sowie eine Synagoge; an ersterer wirkt der Pastor Nettelbeck, ein Nachkomme des wackeren Verteidigers von Colberg. Es besitzt ferner eine Zeitung, genannt der „Diemelbote“, der aber nicht einmal täglich erscheint, wie gewöhnliche Zeitungen, sondern dreimal (wöchentlich). Außerdem hat Niedermarsberg alle Arten Läden, in denen man seine materiellen Bedürfnisse befriedigen kann, sofern sie nicht allzu hoch sind; für die geistigen sorgt die Buchhandlung meines Freundes Buddenkotte.