Der gebildete Deutsche will aber nicht nur wissen, was jetzt ist, sondern auch was früher war. Ich setze zu deiner Ehre voraus, daß du, lieber Leser, mindestens bis Quinta, vielleicht sogar noch weiter gekommen bist, und daß du also weißt, auch ohne daß ich dirs sage, daß hier in Marsberg einstens die alten Sachsen hausten und daß ihre berühmte Eresburg von Karl d. Gr. erobert wurde. Auch weißt du, daß dieser große Kaiser den Winter 784-85 mit seiner Familie hier zugebracht, sich auch eine Villa Horhusen gebaut hat, daß ferner die Stadt später in Stadtberge umgetauft wurde und nun, seit etwa 30 Jahren, nach dem Grundsatz variatio delectat, Marsberg heißt. Solltest du alles dieses aber nicht gewußt haben, nun so tröste dich mit mir: auch ich habe es erst aus dem Kneebusch erfahren, wo es auf Seite 185-86 steht und noch viel mehr dazu. Was aber nicht im Kneebusch steht, ist, daß hier ein Mann wohnt, den Kaiser Karl V. beneidet haben würde, wenn er ihn gekannt hätte. Wie männiglich aus der Geschichte weiß, war dieser mächtige Fürst, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, auf seine alten Tage Uhrmacher geworden, jedoch außer Stande, zwei Uhren in völlig gleichem Gange zu erhalten. In Marsberg wohnt ein Uhrmacher — es wäre ein Unrecht, den Namen dieses Wackeren zu verschweigen: Paul Müller heißt er und wohnt Wilhelmstraße Nr. 15, in demselben Hause, wo mein Freund Buddenkotte, der Buchhändler, wohnt — in dessen Schaufenster hängen also nebeneinander 6 (sechs) Uhren, die sich ähneln wie ein Ei dem andern. Alle 6 Pendel bewegen sich mit absoluter Gleichmäßigkeit, wie ich während meines mehrwöchentlichen Aufenthalts beobachten konnte, wenn ich vorbei ging. So hat der große Kaiser in dem kleinen „Uhrkenmaker“ seinen Meister gefunden.[7]

Die Umgegend von Niedermarsberg ist reich an Wald mit schönen Spaziergängen. Da lockt die Paulinenquelle im Waldesschatten mit schönen Anlagen und Ruheplätzen, wo es sich so angenehm lesen und träumen läßt. Da winkt das Eichwäldchen an der Diemel, auch mit lauschigen Plätzchen, vor allen aber der Bilstein mit seiner prächtigen Aussicht auf beide Marsberg und in die weite Ferne. Ein Stationsweg mit 14 Steinbildern von der Passion Christi führt hinauf.

Aber auch das Materielle kam nicht zu kurz in Marsberg, und wir bedauerten schon gar nicht mehr, von den 12 geplanten Sommerfrischen keine erwischt zu haben. Gab es in Niedermarsberg wenig Sommerfrischler und Touristen, so gab es um so mehr Forellen. Unser Wirt zum „Westfälischen Hof“ hatte den Vorzug, Pächter der Fischerei zu sein, und da haben wir manchen guten Braten gehabt.

Der historische Zug in mir trieb mich gleich in den ersten Tagen nach Obermarsberg hinauf. Ein gelinder Schreken faßte mich allerdings, als ich im Kneebusch von der dort befindlichen Schwedenschanze las. Es ist mit den Schwedenschanzen beinahe so schlimm wie mit den Schweizen. Man kann nirgends in deutschen Landen reisen, ohne auf eine Schwedenschanze zu stoßen oder über eine Schweiz zu stolpern; manche dieser Schweizen sind nämlich so hoch, daß man wirklich darüber fallen kann. Trotz aller Vorsicht hatte ich schon ein halbes Dutzend Schweizen über mich ergehen lassen, und ebenso viele Schwedenschanzen. Nun, wie so manche Schwedenschanze, bestieg ich mutig auch die Obermarsberger, und die Aussicht kann auch den verbissensten Antischweden mit den Namen aussöhnen. Prächtig baut sich vor den entzückten Blicken die sauerländische Gebirgskette auf: ein Neben- und Durcheinander von dunkel- und hellblauen Kuppen, von denen das Auge sich nur schwer trennt, um dann über das unmittelbar zu Füßen liegende grüne Diemelthal mit seinen Wäldern, Wiesen und weidenden Kühen zu schweifen.

Nachher besahen wir dann noch die beiden Kirchen, von denen die eine von dem braven Karl dem Großen gebaut sein soll und die andere von jemand anders, bewunderten den „Roland“, der aber nicht so riesenhaft wie der in Bremen ausschaut, staunten den abscheulichen Pranger an und kehrten schließlich im Wirtshaus zur Eresburg, vom Volk auch „Freßburg“ genannt, ein, wo wir Heidelbeerwein tranken, der genau so schmeckte, wie mittlerer Bordeaux, den Vorzug hatte, billiger zu sein und dabei aus denselben Bestandteilen hergestellt ist.

Essentho, dessen Name dem Ohre des Lesers vermutlich ebenso fremd ist wie seinem Herzen, ist ein abgeschiedenes, weltverlorenes Dörfchen jenseits der Berge. Man geht am Niedermarsberger Schlachthause vorbei, welches eine so idyllische Lage am Waldesrande hat, daß man gleich Schlachthausinspektor sein möchte. Uebrigens verdient schon die Existenz eines solchen Instituts in einem Orte von 4000 E. alle Anerkennung; es giebt eine große Anzahl Städte in Deutschland mit mehr Einwohnern, die noch gar nicht daran denken, sich in den Besitz eines solchen nützlichen Hauses zu setzen. Hinter dem Schlachthause führen mehrere Wege durch den Wald nach Essentho, eine langsam aufsteigende, mit Eschen besetzte Landstraße, eine wohlerhaltene römische Heerstraße (via regia) und ein Fußweg. Wir wählten diesen, indem wir uns die Römerstraße für den Rückweg vorbehielten. An dem Fußwege, gegen den Wald gelehnt, liegt der jüdische Friedhof mit einigen hübschen Denkmälern. Das 9jährige Söhnchen unseres Wirtes, wohlbestallter Sextaner der Rektoratsschule, der unser Führer war und uns auf alle Sehenswürdigkeiten, oder was er dafür hielt, aufmerksam machte, wies mit eigentümlicher Miene auf einen Grabstein, der aus einer abgebrochenen schwarzen Granitsäule bestand, und sagte: Da liegt ein Freimaurer! Ich fragte ihn, was denn ein Freimaurer sei. Hierauf wußte er nichts zu antworten, ich mußte aber an den Tag vorher denken, wo wir über den christlichen Kirchhof gingen. Mit derselben eigentümlichen Geberde hatte er auf ein Grab in der Ecke gezeigt und gesagt: Da liegt einer, der hat sich vorigen Winter erhängt!

Saftige Wiesen begleiten uns, auf denen sich ganze Scharen von Schmetterlingen tummelten; so viele Tag-Pfauenaugen hab' ich mein Lebtag nicht gesehen. Essentho selbst bietet nichts, außer einer Antoniuskapelle unter zwei riesigen Linden, in deren Geäst die Glocke hängt. Auf diesen Antonius trifft man hier überall; wenn ich nur wüßte, was es für eine Bewandtnis mit ihm hat. Unsere Josepha, die liebliche Wirtstochter, wußte auch nicht viel von ihm zu melden. Eine weite Aussicht hat man von dieser Kapelle über das Diemelthal hinaus zu den Weserbergen und sogar dem Habichtswalde bei Kassel. Von Marsberg ist nichts zu sehen, da es durch Berge verdeckt ist.

Um so angenehmer wurde ich in Westheim enttäuscht; schon daß es östlich von Marsberg liegt, imponierte mir, da ich eben ganz und gar kein Buchstabenmensch bin. Was mich nach Westheim zog, war vor allem der Umstand (Kneebusch Seite 187 unten), daß dort der Reichsgraf von Stolberg ein Schloß mit Park und Brauerei besitzt. Vor Grafen, insonderheit vor Reichsgrafen, habe ich von jeher eine unbegrenzte Hochachtung gehabt, was vermutlich daher kommt, daß in meinem engeren Bekanntenkreise sehr wenig, ja ich möchte fast sagen, gar keine Grafen verkehren. Für die Grafen von Stolberg hegte ich eine ganz besondere Verehrung, sowohl für die Linie Stolberg-Wernigerode als auch Stolberg-Stolberg. Hatte ich doch schon als Magdeburger Sekundaner das herrliche Schloß zu Wernigerode geschaut und als Student die Schloßbibliothek zu Stolberg mit der einzig dastehenden Sammlung von Leichenpredigten aus dem 16. und 17. Jahrhundert angestaunt! Hier in Westheim kam nun noch etwas hinzu, was dem sonst von mir befolgten Horazischen nil admirari einen argen Stoß gab. Unterbrechen Sie mich aber bitte nicht, sondern lassen Sie mich ruhig erzählen! Ich pilgerte also frohgemut gen Osten, durch schattigen Wald an der leise plätschernden Diemel entlang. Was mir unterwegs begegnete, ist nicht von Belang, und ich kann es füglich übergehen; denn, wie der Leser schon gemerkt hat, ist es mein Grundsatz, nur wirklich Wichtiges zu berichten; ein Prinzip, dem ich auch künftig treu bleiben werde. In Westheim angelangt, wandte ich mich sogleich nach dem Schlosse, und da ein sehr heißer Tag war und ich großen Durst verspürte, so fragte ich ein paar Brauknechte, die in dem Hofe der Reichsgräflichen Brauerei hantierten, ob man da wohl ein Glas Bier kriegen könnte. Sie wiesen lächelnd auf eine Thür, an der „Komptoir“ stand. Etwas zaghaft trat ich ein und trug meinen Wunsch einem der an Schreibpulten stehenden Herren vor. Dieser lächelte gerade so wie die Brauknechte und zeigte auf einen gefüllten Krug voll eiskalten Bieres, der im Augenblick gebracht war. Ich langte zu und setzte mich auch, während sich niemand weiter um mich kümmerte. Der Buchhalter schrieb, ab und zu gingen Leute, die da zu thun hatten. Da eiskaltes Bier nicht gesund sein soll, hätte ich gern mein in der Tasche steckendes Butterbrot gegessen; allein der Anstand überwog zunächst noch den Hunger, und nur verstohlen, wenn es niemand sah, biß ich kleine Stücke ab. Erst als ich sah, daß einer der Schreibenden auch ein Butterbrot ganz öffentlich vor sich hatte und aß und trank, holte ich meinen Imbiß heraus und nun schmeckte das Hubertusbier noch einmal so gut. Mutiger geworden, knüpfte ich eine Unterhaltung an, erkundigte mich nach den Familienverhältnissen des Grafen von Stolberg und erweiterte meine genealogischen Kenntnisse beträchtlich. Schließlich fragte ich nach der Schuldigkeit, da schüttelte er (der Herr Buchhalter) den schon ziemlich entlaubten Wipfel. Ich bedankte mich schön, flehte den Segen des Himmels auf den Grafen und seine Kinder und Kindeskinder herab und verließ rückwärts hinausgehend mit vielen Verbeugungen das gastliche Komptoir. Hoffentlich wird diese Episode nicht in weiteren Kreisen bekannt! Ich würde sonst dem Herrn Grafen einen Sklaven schicken (wenn ich einen hätte), der ihm jeden Mittag und jeden Abend, wie jener Sklave dem Perserkönig, zurufen müßte: Landgraf, werde hart, hart, hart! Ich werde den Herrn Setzer übrigens bitten, diese ganze Stelle zu streichen.

Um auch einmal ins „Ausland“ zu kommen, beschloß ich einen Ausflug nach dem Städchen Rhoden in Waldeck zu machen. Auf der Fahrt nach Wrexen, wohin ich die Bahn benutzte, hatte ich eine helle Freude an einer Chaussee, die in bunter Abwechselung mit reichbeladenen Aepfelbäumen, Ebereschen voller leuchtendroter Beeren, Ahornen, Kastanien, Birken und Akazien besetzt war — wahrlich, keine Spur jener Eintönigkeit, an der sonst Landstraßen zu leiden pflegen! Von Wrexen, das schon waldeckisch ist (der Name klingt auch so ausländisch, nicht wahr?), führt ein einstündiger Marsch nach Rhoden. Schon von ferne sieht man das Städtchen (von dem bekanntlich der Spruch: hic Rhodus, hic salta! kommt) auf steilem Bergkegel, ganz oben ein schloßartiges Gebäude und eine Kirche. Kneebusch bemerkt lakonisch: Das Schloß ist bewohnt, aber nicht gut erhalten. Ich stand vor dem wappengeschmückten Portal, das verschiedene Risse aufwies. Still war alles, kein Mensch, kein Hund, keine Katze. Mein Schritt hallte auf dem Steinpflaster, aber kein Fenster öffnete, kein neugieriger Kopf zeigte sich. Dies Schloß mußt du schon irgendwo gesehen haben, dachte ich bei mir und suchte in meinem Gedächtnisse: aber wo, wo? Da rief es plötzlich laut in mir, so daß es beinahe gesprochene Worte waren: Das ist ja das Dornröschenschloß, von dem dir deine Mutter vor vielen Jahren erzählt hat und in dem du dich so heimisch fühltest, wie in deiner Eltern Wohnung! — Ich wandere weiter und gelange in den Park. Da stehen sie, die Baumriesen, ganz ruhig; kein Lüftchen bewegt Baum und Strauch, die einen grünen, undurchdringlichen Schleier bilden. Zwei Vögelchen huschen durch das Gras und zwitschern leise; ich merke, sie reden von mir und wundern sich, was ich da will. Im Park fast noch stiller als im Schloß; Totenstille, Grabesstille. Die Wege mit Buschwerk überhängt, sodaß man sich bücken muß — — Nun laß sich die Dämmerung herabsenken und den Mond aussteigen hinter den düsteren Tannen und Eichen — und du bist in das romantische Land versetzt, von dem die Dichter melden. Steinerne Stufen, moosbewachsen, geborsten, führen hinauf und hinab. Was leuchtet da in der Ferne Weißes durch das Grün? Ein Grabstein. Ich trete hinzu und lese unter dem marmornen Wappen des Mausoleums die Worte: „In diesen Hafen sammeln wir uns aus den Stürmen des Lebens.“ Ein sinniger Spruch, den der Fürst von Waldeck vor etwa hundert Jahren sich und seinen Nachkommen geschrieben hat. Die Gitter und Grabkreuze vor dem Mausoleum sind dicht mit Epheu umsponnen; an den beiden gewaltigen Fichten ist er hinaufgekrochen bis in die äußersten Verzweigungen. Ich gehe weiter und setze mich auf eine Bank und träume. Für wen sind diese Anlagen? Wer genießt sie? Wie mag es hier im fröhlichen 18. Jahrhundert ausgesehen haben? Da war Rhoden sicher eine Art Versailles, wenn auch nur ganz im Kleinen: alle Zeichen deuten darauf hin. Da sind die Laubgänge bevölkert von Kavalieren und Hofdamen, die sich verneigen und plaudern und hinter den dichten Hecken kosend verschwinden. Und abends, da ist das Schloß hell erleuchtet, und die breiten, jetzt so ausgetretenen Steintreppen wallt es hinauf in prächtig geschmückten Gewändern zum Ballsaal — — Da höre ich in der Ferne das Knarren eines schweren Fuhrwerks und das Knallen einer Peitsche und den Zuruf eines Ackerknechtes — das ist die Prosa des modernen Lebens, die nur gedämpft hier hineindringt. Ich nehme Abschied von diesem Idyll; wieder hallen meine Schritte über den Schloßhof; ich blicke noch in den tiefen, halb verschütteten Brunnen. Alles so still wie zuvor, kein Mensch, kein Tier. Ich grüße das Wappen am Portal und schreite hinaus, voll von einer schönen, nicht so bald verlöschenden Erinnerung — —

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