Durch ausgedehnte Gärten schreiten wir nun, die alles, was die Brüder zum Leben brauchen, reichlich hervorbringen, und wohl noch mehr. Alles scheint rationell und fachmännisch betrieben zu werden, alles legt Zeugnis ab von vorzüglicher Pflege. Da gedeiht Wein an den Wänden, der voller Trauben hängt, da steht eine Tomatenpflanze neben der andern, einige Früchte schon rot; die Apfel- und Birnbäume beugen sich unter der Last; in einem Glashause hängen durch ein Drahtgitter lange, dicke Gurken; auch Blumen fehlen nicht. Mächtige Bienenhäuser liefern köstlichen Honig; schon 1000 Pfund dieses Jahr hat der Bruder Bienenvater verkauft.
Vor einem Gebäude liegen Fässer; da wird der berühmte Liqueur (Chartreuse) auf Flaschen gefüllt. Man bezieht ihn aus dem Mutterhause (der Chartreuse in den französischen Alpen) lieber in Fässern als in Flaschen, da sich der Zoll etwas niedriger stellt. Das Kilogramm der dazu verwendeten Kräuter soll 200 Franken kosten.
Seltsam mutet der Friedhof an; er weist kein einziges Grab auf. Freilich ist die Karthause erst seit 1890 wieder bewohnt; 1869 gegründet, hat sie während der Jahre 1875-90 geruht.
Wir traten nun in die Werkstätten der Laienbrüder. Ueberall herrschte reges Leben, jeder war bei seinem besonderen Gewerbe thätig. Es sind meist gelernte Handwerker, die sich später zum Klosterleben entschlossen haben. Da war eine Stellmacherei und Schmiede, eine Schuhmacherwerkstatt, eine Weberei. Der Bruder Weber ließ munter sein Schiffchen hin- und herfliegen; in großen Schränken waren die Produkte seiner Thätigkeit aufbewahrt: Tuch, Hemdenzeug, Taschentücher, Läufer für die Kirche u.a.m.; alles derb, dauerhaft, einfach. Ich wollte ein Taschentuch kaufen, doch wurde es schließlich vergessen, da erst höhere Erlaubnis eingeholt werden mußte; ohne solche darf kein Stück aus dem Kloster. In einer größeren Waschküche sahen wir mehrere Brüder ebenso fleißig wie Waschfrauen arbeiten, aber ohne deren Schwatzhaftigkeit. Beim Arbeiten ist es übrigens gestattet, Notwendiges zu besprechen.
Schließlich wurden wir in ein Speisezimmer geführt, das mit den Bildnissen der 12 Apostel geschmückt war. In der Mitte stand ein gedeckter Tisch. Unser Führer forderte uns auf zum Sitzen und verließ uns mit einem kurzen Gruß so schnell, daß wir gar keine Zeit hatten, uns zu bedanken. Wir haben ihn nicht wieder gesehen.
An seiner Statt trat gleich darauf ein anderer Bruder ein, der
Gastbruder, und brachte zwei Flaschen Wein, Weißbrot, Butter und Käse,
alles reichlich und gut, und wollte verschwinden. Wir baten ihn jedoch,
uns statt des Weines Bier zu bringen, was denn auch geschah. Mit großem
Appetit machten wir uns über die Vorräte her und besprachen dabei die
Eindrücke, die wir empfangen hatten. Ich blätterte nebenbei in dem
Fremdenbuche, das zum Einschreiben bereit gelegt war, und las meinen
Gefährten daraus vor.
Da schreibt einer:
Wo sind Fried und Ruh
Und Herzensglück zu Hause?
Ich weiß es genau:
Hier in der Karthause.
Ein dankbarer Freund des stillen, lieben Klosters.
Ein anderer:
Wie schön und erbauend ist es, wo Brüder beisammen wohnen!
Herzlichen Dank allen Patres und Fratres für liebevolle Gastfreundschaft.